Der zwischenmenschliche Klimawandel
Es ist viel schlimmer
Wenn jemand wie Eminem
in seinen wie soll man das nennen, was der Mann so erfolgreich
produziert: Songs? Rap-Lyrik? Rhythmisches Wutgeschrei? Egal, wenn
er also in diesen künstlerischen Hervorbringungen seine Mutter
eine besch... alte F... nennt (stellen Sie sich hier den
Piepston vor, den MTV über Schmuddelwörter legt), kommt
das bei Fans offensichtlich als Aufforderung an, die Frauen in ihrem
Leben ähnlich abfällig zu titulieren. Überraschenderweise
können Jugendliche, PISA-Ergebnisse hin oder her, doch genug
Englisch, um Original-Schimpfworte wie bitch kongenial
ins Deutsche zu übertragen. So hätte ich mich wahrscheinlich
nicht wundern sollen, als der etwa 18-jährige Typ vor dem Eiscafé
seine Freundin Ey, Schlampe! nannte. Eigenartig fand ich
aber schon, dass die kleine Dicke (nabelfrei steht nicht jeder, leider)
darauf reagierte, als hätte er ihren Namen gesagt.
Tja, so sind Unterschichtler eben, sagen Sie. Soso. Dann wollen wir
mal vor der eigenen Haustür kehren. Seit 50 Jahren gelten Frauen
hierzulande, juristisch, als gleichberechtigt. Nur: Darüber
sind auch Mittelstands-Männer nicht unbedingt informiert. Neulich
rief hier so ein Fensterfritze an, und weil wir tatsächlich neue
Fenster brauchen (wärmedämmend, energiesparend, Sie wissen
schon), ließ ich mich auf sein Verkaufsgeplauder ein und machte
einen Termin mit ihm aus. Beflissen fragte er mehrmals nach, ob denn
mein Mann dann zugegen sein würde. Lieber Junge, hätte ich
gern gesagt, mein Mann ist Schriftsteller, hat zwei linke Hände,
null praktischen Verstand und einen sehr seltsamen Humor so
einen willst du bestimmt nicht dabeihaben. Der hat schon Staubsaugervertreter
in die Flucht gejagt, indem er ihnen Cartoons über selbstmordgefährdete
Staubsaugervertreter zeigte. Aber der Außendienstmitarbeiter
lebt eben in einer Welt, in der die Entscheidung über den Kauf
neuer Fenster dem Hausherrn obliegt. Wahrscheinlich darf seine Frau
sehr wohl arbeiten gehen, um das Zweitauto zu finanzieren; Marke und
Typ bestimmt dann wieder er.
Wofür haben sich eigentlich die Emanzen seinerzeit
so ins Zeug gelegt? Auch der Blick in die Frauenzeitschriften zeigt,
dass wir uns gegenseitig immer noch auf Faltenfreiheit, flachen Bauch
und flippiges Schuhwerk hin überprüfen, und in den Gesprächen
unter meinen Single-Freundinnen genießt der Themenkreis Wie
finde ich einen Mann / Ist das Leben ohne Mann nicht schrecklich /
Ich habe einen Mann kennengelernt / Der neue Mann ist auch schon wieder
weg ungebrochene Priorität. Dennoch gibt es durchaus einen
Klimawandel, was die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen
angeht. Und nicht zum Besseren, behaupte ich. Ein Sachbuch wie Mobbing
in der Liebe (den Titel gibt es, ich schwörs: bei Gütersloh,
für 19,95 Euro) ist dafür ein hübsches Indiz: Es handelt
von den subtilen und nicht so subtilen Kränkungen, die wir einander
im Rahmen von Partnerschaft zufügen.
Der Ausdruck Mobbing kommt aus der Arbeitswelt, und was der im Privatleben
zu suchen hat, wollte mir zuerst nicht eingehen. Aber wenn ich Szenen
wie die im Eiscafé richtig interpretiere, fällt schon
auf: Der Ton, das Klima zwischen den Geschlechtern ist rauer geworden.
Kann ja sein, dass so ein Pickelbubi, der heute seine Alte
(in diesem Fall nicht die Mutter, sondern die gleichaltrige Sexualpartnerin)
in rüdem Ton anmacht, sich später zu einem braven Familienvater
mausert, der Windeln wechselt und den Müll runterbringt. Und
vielleicht ist der Fenstermann daheim ein ganz Lieber, der seinen
Platz unterm Pantoffel bloß verlässt, um Geld für
die Familie heranzuschaffen. Wieso nur glaube ich das nicht?
Man könnte jetzt natürlich einwenden, aus solchen Alltagsbeobachtungen
dürfe man noch keine Theorie ableiten. Aber wenn Sie zu Stoßzeiten
U-Bahn fahren, öfter mit dem Auto im Stau stehen oder sich in
Fußgängerzonen anrempeln lassen, wird entspannte
Höflichkeit nicht das Erste sein, das Ihnen in den Sinn
kommt. Ich gehe einen Schritt weiter und behaupte: Da draußen
herrscht Krieg. Da ist ein Gedrängel und Geschubse, ein Aufblenden
und Hupen, ein Anherrschen und Meckern, dass sich einem der Eindruck
aufdrängt: Die Leute haben permanent Sorgen, schlechte Laune
und schreckliche Angst, nicht rechtzeitig vorn zu sein. Wo immer in
ihrem speziellen Fall vorn ist. Wie finden in diesem lustfeindlichen
Alltagsklima Männchen und Weibchen zueinander? Und wenn sie sich
gefunden haben, was passiert dann mit ihnen?
Dass Paare sich wegen Geld streiten, steht in jedem Beziehungsratgeber
bei den häufigsten Gründen für Zerwürfnisse. Für
viel tückischer halte ich jedoch dieses ganze Selbstverwirklichungs-Gequassel,
das uns seit den neunzehnhundertsiebziger Jahren ins Ohr gedrückt
wird. Jetzt erzählen mir nämlich junge Frauen aus dem benachbarten
Neubauviertel in weinerlichem Ton, dass sie vor lauter Getue mit Kindern
und Haushalt gar nicht mehr wissen, wie sie es in die Yoga-Klasse
schaffen sollen, und dass sie wegen ihres Nur-Hausfrau-und-Mutter-Daseins
von den anderen jungen Müttern gemobbt da ist dieses Wort
wieder werden. Ich wette, sobald ihre Alleinverdiener abends
nach Hause kommen, geht das Gejammer weiter.
Bei Rachel Cusk finde ich diese Mittelstands-Muttis und ihr Alltagselend
literarisch verarbeitet: In ihrem hervorragend beobachteten und ausgesprochen
deprimierenden Roman Arlington Park haben die Protagonistinnen alle
tatsächlich einen Mann gefunden. Nun sitzen sie in der Vorstadt
fest mit dem dumpfen Gefühl, dass sie den Anforderungen an die
moderne Frau nicht genügen, dass jedes weitere Kind ein
neuer Klotz am Bein ist auf dem Weg zur Achtung! Selbstverwirklichung
und dass ihre Männer ihre schlimmsten Feinde sind. Ich bin also
nicht die einzige, die glaubt, dass sich an dieser Front überhaupt
nichts zum Besseren verändert hat. Im Gegenteil: Die Familie
ist ein kalter Ort geworden; der Wind des Wettbewerbs zwischen Mann
und Frau weht durch die Ritzen der brüchigen Konstruktion, und
der Fernseher ist das Lagerfeuer, das ein wenig Wärme in Form
von Konsum verspricht.
Mein Lieblings-Kulturpessimist Erwin Chargaff sagt dazu: Dass
die Veränderungen zu unserer Zeit, inmitten einer völligen
Barbarisierung der Welt, rascher und radikaler vor sich gegangen sind,
ist nicht verwunderlich. Die enormen Stöße, die der Mensch
des 20. Jahrhunderts erlitten hat und jeden Tag erleidet, haben ihn
aus dem ihm eigenen Mittelpunkt, den die Natur in ihn gelegt hat,
gestoßen und ihn hilfloser und verwirrter gemacht als je zuvor.
So klammert er sich an die Naturwissenschaften und die Technik, nicht
mehr wissend, ob es sein Retter oder sein Vernichter ist, den er um
Hilfe bittet. Die betreffenden Wissenschaften sind geneigt, ihm gegen
ein Entgelt Hilfe zu versprechen, wissen aber selbst nicht wie.
Er hatte schon 1982 in seinem polemischen Essay Kritik der Zukunft
dargelegt, wie leicht man uns dummem Stimmvieh jeden Unsinn einreden
kann. Jetzt sind es eben Klimakatastrophe, Mülltrennwahn und
Energiesparfenster, die prima von der Frage ablenken, die ich für
viel naheliegender und wichtiger halte: Wie könnten
wir im Alltag freundlicher miteinander umgehen: Männer und Frauen,
Autofahrer und Fußgänger, Alte und Junge?
Die soziale Atmosphäre hat vermutlich nichts mit Sonnenflecken
zu tun. An ihr wirkt nachweisbar jeder Einzelne von uns mit. Also
kann auch jeder Einzelne etwas tun, um sie zu verbessern. Merkwürdigerweise
scheint schlechtes Benehmen ansteckend zu sein. Nehmen Sie mich zum
Beispiel ich will gleich einkaufen fahren. Logisch, mit dem
Auto, oder soll ich das ganze Zeug vielleicht allein schleppen? Und
obwohl ich bis grade eben gute Laune habe und mich überhaupt
nicht beeilen muss, werde ich das eine oder andere Mal hupen, zum
Beispiel, wenn die bescheuerte Oma da vorn nicht zusieht, dass sie
in die Gänge kommt, aber pronto grüner wird die Ampel
nicht! Kann gut sein, dass ich danach auch noch meinen Mann anschnauze,
weil er wieder den Müll nicht rausgebracht hat ...
In der Verhaltenstherapie gilt: Um ein unerwünschtes Verhalten
abzulegen, muss man es zunächst als solches erkennen. Hab ich.
Und jetzt? Jetzt soll man das neue Verhalten einüben. Also ein
paar tausend Mal lächeln, mit leiser Stimme sprechen, keine Leute
anhupen, nicht toben. Okay, kann ich versuchen. Es wäre allerdings
nett, wenn ganz viele andere Einzelne das auch versuchen würden.
Denn was nützt es, wenn wir eine schöne neue Welt mit viel
weniger CO2 schaffen, und ihre dominanten Bewohner sind und bleiben
missgelaunte, hektische, raffgierige und selbstzerstörerische
Zweibeiner, die noch nicht mal mit ihresgleichen auskommen? Ich weiß
schon, das ist wieder eine dieser typischen Frauen-Fragen, wie ich
sie immer stelle. Ein Scheiß-Job, aber eine muss ihn ja machen.
Eva Herold