Nummer 15, Herbst 2007                               


                                                                                                                                                            
 

Der zwischenmenschliche Klimawandel

Es ist viel schlimmer

Wenn jemand wie Eminem in seinen – wie soll man das nennen, was der Mann so erfolgreich produziert: Songs? Rap-Lyrik? Rhythmisches Wutgeschrei? Egal, wenn er also in diesen künstlerischen Hervorbringungen seine Mutter eine „besch... alte F...“ nennt (stellen Sie sich hier den Piepston vor, den MTV über Schmuddelwörter legt), kommt das bei Fans offensichtlich als Aufforderung an, die Frauen in ihrem Leben ähnlich abfällig zu titulieren. Überraschenderweise können Jugendliche, PISA-Ergebnisse hin oder her, doch genug Englisch, um Original-Schimpfworte wie „bitch“ kongenial ins Deutsche zu übertragen. So hätte ich mich wahrscheinlich nicht wundern sollen, als der etwa 18-jährige Typ vor dem Eiscafé seine Freundin „Ey, Schlampe!“ nannte. Eigenartig fand ich aber schon, dass die kleine Dicke (nabelfrei steht nicht jeder, leider) darauf reagierte, als hätte er ihren Namen gesagt.
Tja, so sind Unterschichtler eben, sagen Sie. Soso. Dann wollen wir mal vor der eigenen Haustür kehren. Seit 50 Jahren gelten Frauen hierzulande, juristisch, als „gleichberechtigt“. Nur: Darüber sind auch Mittelstands-Männer nicht unbedingt informiert. Neulich rief hier so ein Fensterfritze an, und weil wir tatsächlich neue Fenster brauchen (wärmedämmend, energiesparend, Sie wissen schon), ließ ich mich auf sein Verkaufsgeplauder ein und machte einen Termin mit ihm aus. Beflissen fragte er mehrmals nach, ob denn mein Mann dann zugegen sein würde. Lieber Junge, hätte ich gern gesagt, mein Mann ist Schriftsteller, hat zwei linke Hände, null praktischen Verstand und einen sehr seltsamen Humor – so einen willst du bestimmt nicht dabeihaben. Der hat schon Staubsaugervertreter in die Flucht gejagt, indem er ihnen Cartoons über selbstmordgefährdete Staubsaugervertreter zeigte. Aber der Außendienstmitarbeiter lebt eben in einer Welt, in der die Entscheidung über den Kauf neuer Fenster dem Hausherrn obliegt. Wahrscheinlich darf seine Frau sehr wohl arbeiten gehen, um das Zweitauto zu finanzieren; Marke und Typ bestimmt dann wieder er.
Wofür haben sich eigentlich die „Emanzen“ seinerzeit so ins Zeug gelegt? Auch der Blick in die Frauenzeitschriften zeigt, dass wir uns gegenseitig immer noch auf Faltenfreiheit, flachen Bauch und flippiges Schuhwerk hin überprüfen, und in den Gesprächen unter meinen Single-Freundinnen genießt der Themenkreis „Wie finde ich einen Mann / Ist das Leben ohne Mann nicht schrecklich / Ich habe einen Mann kennengelernt / Der neue Mann ist auch schon wieder weg“ ungebrochene Priorität. Dennoch gibt es durchaus einen Klimawandel, was die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen angeht. Und nicht zum Besseren, behaupte ich. Ein Sachbuch wie Mobbing in der Liebe (den Titel gibt es, ich schwör’s: bei Gütersloh, für 19,95 Euro) ist dafür ein hübsches Indiz: Es handelt von den subtilen und nicht so subtilen Kränkungen, die wir einander im Rahmen von „Partnerschaft“ zufügen.
Der Ausdruck Mobbing kommt aus der Arbeitswelt, und was der im Privatleben zu suchen hat, wollte mir zuerst nicht eingehen. Aber wenn ich Szenen wie die im Eiscafé richtig interpretiere, fällt schon auf: Der Ton, das Klima zwischen den Geschlechtern ist rauer geworden. Kann ja sein, dass so ein Pickelbubi, der heute seine „Alte“ (in diesem Fall nicht die Mutter, sondern die gleichaltrige Sexualpartnerin) in rüdem Ton anmacht, sich später zu einem braven Familienvater mausert, der Windeln wechselt und den Müll runterbringt. Und vielleicht ist der Fenstermann daheim ein ganz Lieber, der seinen Platz unterm Pantoffel bloß verlässt, um Geld für die Familie heranzuschaffen. Wieso nur glaube ich das nicht?
Man könnte jetzt natürlich einwenden, aus solchen Alltagsbeobachtungen dürfe man noch keine Theorie ableiten. Aber wenn Sie zu Stoßzeiten U-Bahn fahren, öfter mit dem Auto im Stau stehen oder sich in Fußgängerzonen anrempeln lassen, wird „entspannte Höflichkeit“ nicht das Erste sein, das Ihnen in den Sinn kommt. Ich gehe einen Schritt weiter und behaupte: Da draußen herrscht Krieg. Da ist ein Gedrängel und Geschubse, ein Aufblenden und Hupen, ein Anherrschen und Meckern, dass sich einem der Eindruck aufdrängt: Die Leute haben permanent Sorgen, schlechte Laune und schreckliche Angst, nicht rechtzeitig vorn zu sein. Wo immer in ihrem speziellen Fall vorn ist. Wie finden in diesem lustfeindlichen Alltagsklima Männchen und Weibchen zueinander? Und wenn sie sich gefunden haben, was passiert dann mit ihnen?
Dass Paare sich wegen Geld streiten, steht in jedem Beziehungsratgeber bei den häufigsten Gründen für Zerwürfnisse. Für viel tückischer halte ich jedoch dieses ganze Selbstverwirklichungs-Gequassel, das uns seit den neunzehnhundertsiebziger Jahren ins Ohr gedrückt wird. Jetzt erzählen mir nämlich junge Frauen aus dem benachbarten Neubauviertel in weinerlichem Ton, dass sie vor lauter Getue mit Kindern und Haushalt gar nicht mehr wissen, wie sie es in die Yoga-Klasse schaffen sollen, und dass sie wegen ihres Nur-Hausfrau-und-Mutter-Daseins von den anderen jungen Müttern gemobbt – da ist dieses Wort wieder – werden. Ich wette, sobald ihre Alleinverdiener abends nach Hause kommen, geht das Gejammer weiter.
Bei Rachel Cusk finde ich diese Mittelstands-Muttis und ihr Alltagselend literarisch verarbeitet: In ihrem hervorragend beobachteten und ausgesprochen deprimierenden Roman Arlington Park haben die Protagonistinnen alle tatsächlich einen Mann gefunden. Nun sitzen sie in der Vorstadt fest mit dem dumpfen Gefühl, dass sie den Anforderungen an „die moderne Frau“ nicht genügen, dass jedes weitere Kind ein neuer Klotz am Bein ist auf dem Weg zur – Achtung! – Selbstverwirklichung und dass ihre Männer ihre schlimmsten Feinde sind. Ich bin also nicht die einzige, die glaubt, dass sich an dieser Front überhaupt nichts zum Besseren verändert hat. Im Gegenteil: Die Familie ist ein kalter Ort geworden; der Wind des Wettbewerbs zwischen Mann und Frau weht durch die Ritzen der brüchigen Konstruktion, und der Fernseher ist das Lagerfeuer, das ein wenig Wärme in Form von Konsum verspricht.
Mein Lieblings-Kulturpessimist Erwin Chargaff sagt dazu: „Dass die Veränderungen zu unserer Zeit, inmitten einer völligen Barbarisierung der Welt, rascher und radikaler vor sich gegangen sind, ist nicht verwunderlich. Die enormen Stöße, die der Mensch des 20. Jahrhunderts erlitten hat und jeden Tag erleidet, haben ihn aus dem ihm eigenen Mittelpunkt, den die Natur in ihn gelegt hat, gestoßen und ihn hilfloser und verwirrter gemacht als je zuvor. So klammert er sich an die Naturwissenschaften und die Technik, nicht mehr wissend, ob es sein Retter oder sein Vernichter ist, den er um Hilfe bittet. Die betreffenden Wissenschaften sind geneigt, ihm gegen ein Entgelt Hilfe zu versprechen, wissen aber selbst nicht wie.“
Er hatte schon 1982 in seinem polemischen Essay Kritik der Zukunft dargelegt, wie leicht man uns dummem Stimmvieh jeden Unsinn einreden kann. Jetzt sind es eben Klimakatastrophe, Mülltrennwahn und Energiesparfenster, die prima von der Frage ablenken, die ich für viel naheliegender – und wichtiger – halte: Wie könnten wir im Alltag freundlicher miteinander umgehen: Männer und Frauen, Autofahrer und Fußgänger, Alte und Junge?
Die soziale Atmosphäre hat vermutlich nichts mit Sonnenflecken zu tun. An ihr wirkt nachweisbar jeder Einzelne von uns mit. Also kann auch jeder Einzelne etwas tun, um sie zu verbessern. Merkwürdigerweise scheint schlechtes Benehmen ansteckend zu sein. Nehmen Sie mich zum Beispiel – ich will gleich einkaufen fahren. Logisch, mit dem Auto, oder soll ich das ganze Zeug vielleicht allein schleppen? Und obwohl ich bis grade eben gute Laune habe und mich überhaupt nicht beeilen muss, werde ich das eine oder andere Mal hupen, zum Beispiel, wenn die bescheuerte Oma da vorn nicht zusieht, dass sie in die Gänge kommt, aber pronto – grüner wird die Ampel nicht! Kann gut sein, dass ich danach auch noch meinen Mann anschnauze, weil er wieder den Müll nicht rausgebracht hat ...
In der Verhaltenstherapie gilt: Um ein unerwünschtes Verhalten abzulegen, muss man es zunächst als solches erkennen. Hab ich. Und jetzt? Jetzt soll man das neue Verhalten einüben. Also ein paar tausend Mal lächeln, mit leiser Stimme sprechen, keine Leute anhupen, nicht toben. Okay, kann ich versuchen. Es wäre allerdings nett, wenn ganz viele andere Einzelne das auch versuchen würden. Denn was nützt es, wenn wir eine schöne neue Welt mit viel weniger CO2 schaffen, und ihre dominanten Bewohner sind und bleiben missgelaunte, hektische, raffgierige und selbstzerstörerische Zweibeiner, die noch nicht mal mit ihresgleichen auskommen? Ich weiß schon, das ist wieder eine dieser typischen Frauen-Fragen, wie ich sie immer stelle. Ein Scheiß-Job, aber eine muss ihn ja machen.

Eva Herold