Nummer 15, Herbst 2007                               



 

Heftkritik

Eine dichte, feste Knospe

Nach den heute gängigen Erfolgskriterien in deutschen Verlagen ist Fritz Glunks „GAZETTE" eigentlich vollkommen unverkäuflich – am Kiosk genauso wie für Anzeigen-Inserenten: Wer will denn so was Verkopftes kaufen? Keine Bilder, langweilige Texte, null Prominenz. Schließlich sind die Zeiten lange her, in denen seitenweise gedruckte Nachrichten und Kommentare kostbar waren und sich journalistische Publikationen mit einem Duktus von Fortschrittlichkeit noch „Gazetten" nannten. Heute werden publizistische Geschäftsmodelle von der Trivialisierung und der so genannten Entwortung dominiert.

Tatsächlich ist es unmöglich, mit der GAZETTE reich zu werden. Mit rund zehn bescheiden honorierten Anzeigenseiten (eine vierfarbige Seite kostet 2500, die Schwarzweiß-Seite gerade mal 1750 Euro) lassen sich der Druck und einige Auslagen finanzieren. Und die Vertriebseinnahmen werden die Vertriebauslagen wahrscheinlich auch nicht exorbitant übertreffen. Die GAZETTE ist also eine Art Hobby, eine Liebhaberei von Fritz Glunk, der ein kleines Vermögen eingesetzt hat, um in Zeiten allgemeiner Gleichgültigkeit einen gewissen politischen Diskurs anzustiften. Angesichts vieler reicher Menschen in unserem Land, die das nicht tun (Verlegererben eingeschlossen), hat Glunk bereits für dieses Engagement einen Orden verdient.

Der Verleger liebt intellektuelle Streifzüge durch die großen Fakultäten des geistigen Lebens: Geschichte, Politik, Philosophie. Wer sich einmal einlässt auf seine GAZETTE, kann unter den Bleiwüsten des Magazins eine Menge faszinierenderer Bilder (sprachliche wie opitsche Aphorismen und Metaphern – angefangen beim schönen Titel), spannender Texte und sogar Prominenz entdecken. Eindrucksvoll entfaltet die GAZETTE eine Qualität, die gelegentlich an das FAZ-Feuilleton heran- und die Zeit bisweilen überragt. (Längst ernährt sie sich auch aus deren Autorenkreis.)

Die GAZETTE bietet ein anregendes und bisweilen einmaliges Studium zeitgenössischer und historischer Quellen. Dass sie diese Quellen nicht nur aus staubigen Bibliotheksregalen zieht, sondern sie sehr oft im Internet aufstöbert, zeigt, dass sie für die Gegenwart gemacht wird. Sie ist also höchst brauchbar!

Leider mangelt es dem Verleger entweder an Mut Position zu beziehen oder schlicht an journalistischer Deutungssucht, die vielen Quellen einzuordnen, die er im ersten Teil des Heftes bezeichnend lakonisch „Fundsachen" nennt. So bot das Winter-Heft der GAZETTE einen ausführlichen und äußerst verräterischen Brief des iranischen Präsidenten an Angela Merkel (der niemals in Deutschland gedruckt wurde), neben einer Liste der größten Unternehmen und Staaten, neben einem Gespräch zwischen Hannah Arendt und Sebastian Haffner aus dem Jahr 1975, neben einer Übersicht über die Welthandelsflotte 1890, neben einer Preisliste des Maschinengewehrs AK47 in verschiedenen Ländern, neben einer Übersetzung eines Aufrufs zum Dschihad. Im Sommer-Heft dann ein ähnliches Potpourri: Ein lustiger Protokollschnipsel einer Bundestagssitzung („Wo ist Angela Merkel?") neben dem Abdruck eines Titelblatts der „Deutschen Illustrierten" von 1956, um zu zeigen, dass man sich schon damals mit dem Klimawandel beschäftigte, neben einer skurrilen Werbeanzeige für afrikanische Fleischspezialitäten („Antilopen- und Straußen-Schinken"). Kulturarchäologie trifft Realsatire. SZ Magazin trifft Taschen-Verlag trifft Hohl-Spiegel. Der rote Faden der GAZETTE ist offenbar mehr die Breite und der hohe Überraschungsgrad seiner Themen, weniger ein glasklares Anliegen. Dieser Wündertüte kann zu Recht eine „Anything goes"-Haltung attestiert werden. Doch die Lehre von Paul Feyerabend, dem Vordenker des real existierenden Relativismus, lebte immer auch von der Polemik, der Zuspitzung, bisweilen auch der Ironie. Von diesen wertvollen und für „Anything goes" zwingenden Eigenschaften lassen sich in der GAZETTE allerhöchstens Spurenelemente nachweisen. Die gestalterische Strenge verstärkt dieses Problem, denn sie entschärft (und verschenkt) die Pointen. Zu glauben, sie mache das Heft insgesamt ernsthafter, stringenter und glaubwürdiger, ist ein Irrtum. Sie ist kontraproduktiv für den unstrengen, vielleicht auch ein wenig undisziplinierten redaktionellen Filter, für den sich die GAZETTE - Glunk sei Dank! – entschieden hat. Es wäre also schön, wenn das Magazin die Gemüter stärker erregen und den Kern der Sache in Formaten, Sprache und Optik leichter und schneller vermitteln würde.

Der unerschöpfliche Steinbruch besonderer „Fundstücke" bietet mit jeder Ausgabe der GAZETTE einige ausführliche und zum Teil exklusive Essays, die dem Heft wirklich Bedeutung geben. Herfried Münklers Text über die Gefährdung der Gewaltenteilung durch die oft gepriesen Netzwerkgesellschaft war ein publizistischer Höhepunkt im lauen deutschen Winter 2006.

Es wäre schön, wenn eine breitere Öffentlichkeit von der GAZETTE Kenntnis nehmen und sie lesen würde. Der Verleger wird diesen Wunsch teilen. Voraussetzung dafür ist, dass die Redaktion eine möglicherweise stark innewohnende Weigerung aufgibt Texte zu kürzen – bitte wenigstens die Redundanzen! – und das Magazin blattmacherisch übersichtlicher (schöner?) zu strukturieren. Noch ist die GAZETTE eine dichte, feste Knospe. Doch sie hat das Potenzial groß und schön zu blühen. Fritz Glunk sollte die wunderbaren Ideen, Gedanken und Erkenntnisse, die sein Magazin bietet, nicht weiter den Menschen dadurch vorenthalten, dass es sie zu viel Überwindung kostet Freundschaft zu schließen.

Tatsächlich verdient die GAZETTE mindestens die Bekanntheit (vulgo: den Marktanteil) in unserer Gesellschaft, die sich das Monatsblatt „Cicero" des – geschätzten – Schweizer Verlegers Michael Ringier ergaunert hat: jenes andere „Magazin für politische Kultur", das sich anfangs als „deutscher New Yorker aus Berlin" ankündigte und doch nicht mehr wurde als ein Readers Digest aus Potsdam. Seit seiner Gründung baut dieses (inzwischen tatsächlich nach Berlin gezogene) Blatt konsequent auf die Simulation (und Imitation) von Intellektualität anstatt sinnvolle Debatten zu führen. Diese Strategie scheint eine Menge lesefauler Feuilleton-Verächter anzusprechen – Menschen, die sich mit sprichwörtlich einseitigen, unausgereiften und bisweilen unreifen Urteilen à la „Angela Merkel – die deutsche Thatcher" zufrieden geben. Oder die sich für Listen interessieren wie „Die 500 intellektuellsten Deutschen" – ein Affenzirkus, der nach Aufmerksamkeit schreit aber nicht mehr als den ersten Rang in der Liste der wahnsinnigsten deutschen Superlative besetzt.

Die GAZETTE muss nicht erst einen Geltungsdrang entwickeln und das Bedürfnis den Meinungsmarkt aufzumischen. Sie muss ihre Beiträge nicht „aufschlauen" oder „weiter drehen", wie es die Blattmacher gerne nennen. Sie muss auch keine Rankings einführen. Die GAZETTE muss – im Unterschied zu Cicero – bloß aufhören, Strenge zu simulieren! Sie hat eine wertvolle geistige Substanz und auch eine wahre Haltung, die durch eine (behutsame) Auflösung der Strenge nichts von ihrer Qualität einbüßen würde, sondern, im Gegenteil, eine größere Debattenfähigkeit entwickeln, damit ihren eigenen Anspruch voran bringen könnte – und so hoffentlich bald monatlich erscheinen könnte.


Peter Littger, geb. 1973, ist Assistent des journalistischen Vorstands im Verlag Gruner+Jahr (Hamburg). Er studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Medienwisssenschaften in Berlin und London. Er war u.a. Medienredakteur der Wochenzeitung Die Zeitund Gründungsredakteur von Cicero.