Soziales Drama
Drohgebärden und Umarmungen
Von Gottfried Fischborn
Die Geschichte der DDR muss zwar nicht umgeschrieben
werden. Doch das mysteriöse Zusammentreffen von führenden
regimekritischen Künstlern und hochrangigen Parteifunktionären
am 20.November 1976 im Wohnzimmer des Schauspielers Manfred Krug lässt
doch einiges im Innenleben des ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates
im neuen Licht erscheinen. Anlass der mittlerweile legendären
Geheimkonferenz: Wenige Wochen zuvor war Wolf Biermann ausgebürgert
worden, wogegen die Dissidenten-Elite um Krug, Stefan Heym, Heiner
Müller, Christa Wolf und Jurek Becker öffentlich protestiert
hatte. So unversöhnlich, wie man annehmen könnte, prallten
die Gegensätze nun in der Sitzung aber gar nicht aufeinander:
Es kam zu einer denkwürdigen Annäherung.
Es ist Samstag, der 20. November 1976, zwischen elf und zwölf
Uhr vormittags, in der Wilhelm-Wolff-Straße 15 in 111 Berlin-Pankow,
im Haus des Schauspielers und Sängers Manfred Krug, in der Hauptstadt
der DDR mithin.
Knapp zwanzig Jahre später erinnert sich Krug: Die Türflügel
zum getäfelten Zimmer sind abgeschlossen. Das Mikrofon kann man
nicht sehen. Es liegt unten, hinter dem Spalt zwischen Schiebetür
und Fußboden und soll in das Nachbarzimmer hineinhorchen ...
Ich werde was ganz Verbotenes machen. Ich werde ein Gespräch
zwischen einem Dutzend Künstlern auf der einen Seite und drei
hochgestellten Persönlichkeiten auf der anderen Seite auf Tonband
aufzeichnen.
Auch der Schriftsteller Stefan Heym erinnert sich, etwa zur gleichen
Zeit, an diesen Tag und dieses Haus: Das Krugsche Haus, ein
einstöckiger, langgezogener, ockerfarbener Bau, preußische
Architektur des vorigen Jahrhunderts. Eingeglaste Terrasse zum Garten
hinaus. Auf der Terrasse schon die Domröse, Jutta Hoffmann, Thate;
Krug trägt noch Stühle zum langen Tisch im Wohnzimmer. Ich
frage: Wie ist denn das zustande gekommen?
Strategien I: Die Funktionäre Teilnehmer des Gesprächs sind
die Funktionäre Heinz Adameck, Eberhard Heinrich (Abteilungsleiter
im Verantwortungsbereich Lamberz, in Krugs Buch Abgehauen als Karl
Sensberg) und Werner Lamberz auf der anderen Seite die
Schriftstellerinnen und Schriftsteller Jurek Becker, Stefan Heym,
Heiner Müller, Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, Dieter Schubert,
Christa Wolf, Gerhard Wolf; die Schauspielerinnen und Schauspieler
Angelika Domröse, Jutta Hoffmann, Manfred Krug, Hilmar Thate;
der Filmregisseur Frank Beyer.
Gemeinsame Gesprächsbasis ist nicht nur formal
ein Konsens der Gleichgesinnten: Alle wollen sie den Sozialismus stärken
und die DDR konsolidieren. Dies mag, heute so ausgesprochen, in manchen
Ohren geradezu seltsam klingen, und es ist doch nur eine Trivialität
von der unbezweifelbaren Sorte. Wäre es anders gewesen, man hätte
gar nicht miteinander gesprochen. Konflikte zwischen Gleichgesinnten
galten ja auch einigen mit Dramaturgie befassten Theoretikern als
jenes handlungsbewegende Grundmodell, das auf dem Theater wie im Leben
der neuen Gesellschaft den antagonistischen Konflikt unversöhnbarer
Gegner bereits abgelöst hätte; während freilich der
Antagonismus dem Klassenfeind gegenüber in Kunst und Politik
die einzig angemessene, jede Versöhnlichkeit strikt ausschließende
Haltung sei. Nicht dass man sich abermals und immer noch
auf dieser Handlungsbasis meinte auseinander- und zusammensetzen zu
können, ist das Aufregende an dem Vorgang: sondern dass es, und
zwar für beide Seiten, auf eine tragikomische Weise misslingen
musste. Lag doch der Schatten eines neuen Antagonismus schon riesengroß
über dem Krugschen Wohnzimmertisch, ohne dass ihn die Antagonisten,
sich eben immer noch als Nicht-Antagonisten fühlend, so recht
wahrnehmen wollten. Aber der Reihe nach.
Die Funktionäre, also die Mächtigen, empfanden eine ganze
Reihe von Ereignissen als existenziell bedrohlich. Alle hingen mit
dem Protest der zunächst 16 Künstler gegen die Ausweisung
Wolf Biermanns im November 1976 zusammen. So ein Protest war etwas
bislang Unerhörtes, Ungeschehenes, ja nicht einmal etwas Vorstellbares.
Außerdem war es eine Gruppe, die da protestierte, eine Fraktion:
das bolschewistische Trauma. Das löste die Furcht aus, der Protest
könne sich noch mehr ausweiten, als es ohnehin geschah. So pendelte
der Gestus der Rede zwischen Umarmung und Drohgebärde: Sieh
mal, das alles kann man debattieren, soll man debattieren. Aber ihr,
die ihr im Volk wirklich bekannt seid und einen Namen habt, und manche
von euch sind sehr populär, müsst natürlich auch wissen,
wie man einen solchen Schritt macht wie den der Resolution.
(Lamberz zu Christa Wolf) Was meinst du denn zu der ganzen
Entwicklung jetzt? Du bist doch einer derjenigen, die die meisten
Unterschriften sammeln. (Lamberz zu Plenzdorf) Weil
ich glaube Leidenschaften hin und her , wir werden sonst
in eine Diskussion kommen, die für Sie viel komplizierter wird.
Weil natürlich viele Leute ich meine jetzt nicht das Politbüro,
das Politbüro ist da ruhiger , aber doch viele Genossen
sehr erregt sind. Sehr erregt. Und, um das offen zu sagen, das Politbüro
hat bis jetzt gebremst ....
Und woher weiß man denn, ob die Unterzeichner nicht eine weiterreichende
Strategie verfolgen?
Die Petenten hatten ihren Text über AFP und Reuters lanciert.
Die Westmedien stürzten sich darauf. Das zunächst nur für
den Hörfunk aufgezeichnete Biermann-Konzert kam nach den ersten
Reaktionen zweimal ins Fernsehen, das zweite Mal zu günstiger
Sendezeit ins Erste Programm der ARD. Das geschah nicht allein aus
Sensationsgier. Es entsprach für die Bundesrepublik auch der
vom rechten bis weit ins linke Lager reichenden antikommunistischen
Staats- und Gesellschaftsdoktrin, die ihre Verbindlichkeit keineswegs
verloren hatte noch herrschte so ziemlich der Kalte Krieg.
Doch auch der geringste Ansatz einer diskursiven, kritischen Öffentlichkeit
musste aus Sicht der Funktionäre unterbunden werden, und genau
so verhielten sie sich. Die Homogenisierung hatte über alle Differenzierung
zu obsiegen. Nur eine restlos beherrschte Kommunikation konnte Herrschaftswissen
sichern und damit die Herrschaft selbst. Nur das Vertrauensverhältnis,
auf dem man so heftig bestand nur in solchen Runden
zu sprechen, bestenfalls , konnte als das nötige Verhältnis
zwischen Mündel und Vormund überdauern. Dafür wurden
die Potemkinschen Dörfer gleichsam übereinandergestülpt:
der krasse Auseinanderfall von offizieller und informeller Öffentlichkeit;
die Zweiteilung der informellen Öffentlichkeit selbst: eine für
den Apparat und eine in der Bevölkerung; die Verdoppelung der
Öffentlichkeit (der veröffentlichten Meinung) durch ARD
und ZDF an jedem Abend über jeden Bildschirm in jeder Wohnstube.
Es sind diese Tage und Stunden des Jahres 1976, es ist dieser Nachmittag
im Hause Krug, da der Konflikt zwischen der politischen und der künstlerischen
Elite des Landes offen ausbricht. Die Ausgangssituation exponiert
wie in einem gut gebauten Theaterstück, einem well-made
play, die Interessenlage der Konfliktträger. Aus dieser
folgt glasklar ihre jeweilige Handlungsstrategie. Diese sieht für
den intelligenten, gläubigen, emotional keineswegs farblosen
und nicht unsympathischen Neostalinisten Werner Lamberz er
hätte sich gegen die Bezeichnung gesträubt folgendermaßen
aus: Maximalziel ist die Zurücknahme der Protesterklärung
durch die Erstunterzeichner; wenn nicht erreichbar, wenigstens Wiederherstellung
des Vertrauensverhältnisses zu den Künstlern;
sodann die Verhinderung einer Eskalation des Protestes und vor allem
des Gruppenbewusstseins; dies zu bewirken durch die Bitte und Forderung,
man möge sich auf der Basis des allgemeinen Grundkonsenses vom
tatsächlichen oder vorgeblichen Missbrauch der Petition durch
den Klassengegner (die Westmedien) individuell
keineswegs als Gruppe (Fraktion) distanzieren;
gleichzeitige Drohung mit der Inszenierung einer manipulierten Gegen-Öffentlichkeit
durch bestellte Zustimmungserklärungen zur Ausbürgerung
Biermanns (diese Kampagne war an jenem 20. November bereits in Gang
gekommen); zum Ausgleich die Zusage, es werde, so oder so, keine Repressalien
geben (die Zusage wurde nicht eingehalten).
Resümiert man nach Lektüre des Krugschen Tonbandprotokolls
das Ergebnis, so will es scheinen, als sei gegen Abend des 20. November
1976 die Strategie des Werner Lamberz in nahezu allen Punkten erfolgreich
gewesen, wenn wir vom Maximalziel absehen. Er mag tatsächlich
geglaubt haben, als Sieger die Walstatt zu verlassen. Selten traf
das Wort vom Pyrrhussieg so vollständig zu.
Strategien II: die Künstler Wie lassen sich nun die Ausgangssituation
und die Handlungsstrategie der anderen Konfliktseite in diesem politischen
und menschlichen Drama beschreiben?
Seitens der protestierenden Künstler wurde als existenziell bedrohlich,
folglich als dramatisch erfahren und auch offen
oder subtextlich bezeichnet, dass weitere Maßregelungen,
Diffamierungen, Repressalien gegen unbequeme Intellektuelle folgen
könnten, insbesondere neue Ausweisungen oder zumindest Einschränkungen
von Reisemöglichkeiten, und dass die ohnehin nur relative
Liberalisierung, die nach dem 8. Parteitag der SED 1971 zum
Teil als Hoffnung erlebt worden war, nunmehr vorüber sei und
der Ungeist des berüchtigten 11. (Kultur-)Plenums (1965) erneut
die politisch-kulturpolitische Szene beherrschen würde. Befürchtet
wurde auch, dass die Hoffnung auf eine kritische Öffentlichkeit
auf unabsehbare Zeit unerfüllt bleiben würde.
Außerdem war die Erwartung einer einigermaßen vertrauensvollen
Zusammenarbeit mit der Führung selbst im nicht-öffentlichen
Raum fast gegenstandslos geworden. In diesem Punkt waren die Positionen
unter den Gesprächsteilnehmern im Hause Krug differenziert. Drohungen
wurden zurückgewiesen, aber Brückenschläge wurden noch
versucht. Christa Wolf zu Lamberz: Und ich hab jetzt die Angst
gehabt, dass das wieder in die andere Richtung geht. Wenn das nicht
der Fall ist beabsichtigt unterstelle ich sowieso nicht ,
dann wäre das natürlich eine ganz große Sache. Und
ihr hättet uns alle wieder zu euren Verbündeten. Wir alle
zusammen wären an diesem selben Zug, und das wollen wir auch.
Aus allem ergibt sich die Handlungsstrategie, deren defensive Aspekte
übrigens im Verlauf des Gesprächs immer stärker hervortreten:
Maximalziel ist die Zurücknahme des Ausbürgerungsbeschlusses
gegen Biermann; weiterhin die Veröffentlichung der Protesterklärung
im Neuen Deutschland (hier vermeidet Lamberz jede verbindliche
Zusage) und damit verbunden die Möglichkeit, der Kampagne gegen
die Künstler entgegentreten zu können; das Erreichen der
Zusage, dass es keine Repressalien gegen beteiligte Personen geben
werde (das gelang an diesem Abend sogar, aber eingehalten wurde die
Zusage nicht: Schon am 19. November war die Verhaftung Jürgen
Fuchs erfolgt, am 21. folgte die von Gerulf Pannach und Christian
Kunert von der Renft-Combo, die Verurteilung des Lyrikers Frank Schöne
zu zweieinhalb Jahren Haft, der Hausarrest gegen Havemann, undsoweiter,
undsoweiter).
Schließlich finden sich die Künstler im Verlauf der Debatte
doch bereit, eine öffentliche Distanzierung vom Missbrauch ihres
Engagements durch die Westmedien, verbunden mit einem Treuebekenntnis
zur DDR, zuzusagen eine Verpflichtung, dies einzeln zu tun
und gerade nicht als Gruppe, wird aber verweigert; so dass Lamberz
nur resümieren kann: Gut. Verbleiben wir erst mal so, dass
wir uns nach dem Gespräch noch verständigen. Auch
wollen die Unterzeichner durchaus bei einer De-Eskalation der Protestbewegung
mitwirken. Sie sehen die potenziell gefährlichen Folgen für
Protestierer, die nicht durch einen berühmten Namen geschützt
sind. Vor allem jedoch erschrecken sie wohl zu diesem Zeitpunkt selbst
vor der Lawine, die sie losgetreten haben. Bezeichnend dafür
sind unter anderen zwei Äußerungen von Heiner
Müller und Jurek Becker, die gewiss nicht nur taktisch motiviert
gewesen sein dürften. Müller, für eine erweiterte Öffentlichkeit
eintretend, fügt hinzu: Ich überlege einfach, was
man jetzt daraus machen kann. Und ich sehe auch ein, dass die Situation
blöd ist. Natürlich sollte man alle Leute daran hindern,
da weiter zu unterschreiben, das ist ganz klar. Becker sagt,
auf Lamberz eingehend: Ich mache mir große Sorgen, wohin
das führen soll. Ich weiß es nicht. Ich bin völlig
ratlos. Und ich möchte das Ding, das gestehe ich Ihnen, vollkommen
anhalten . (..., nach Zustimmung Christa Wolfs) Es muss dieser Prozess
der Polarisierung irgendwann aufgehalten werden.
Trotzdem aber bestehen die am 20. November in Krugs Haus versammelten
Künstler, im Unterschied zu einigen anderen, auf der Gültigkeit
ihrer Unterschrift unter der Protesterklärung gegen Biermanns
Ausbürgerung aus der Deutschen Demokratischen Republik, so unnachgiebig
wie die Funktionäre auf der Ausweisung selbst.
Das sind die Eckpfeiler in dem Konflikt, der hier erstmals mit offenem
Visier ausgetragen wird. Beide Seiten können ihre Maximalziele
nicht erreichen. Strategien der Schadensbegrenzung für die eigene
Seite sind die Folge. Die Schadensbegrenzung für das Ganze,
die gemeinsam getragene neue Gesellschaft, tritt demgegenüber
in den Hintergrund. Diese Strategie des Ganzen ist verblasst zum Phantom
einer noch geliebten, noch erinnerten Utopie auf der einen Seite,
zur Illusion von vielleicht wiederherstellbaren Vertrauensverhältnissen
mit parteiergebenen Künstlern auf der anderen Seite. In Wahrheit
glaubt man daran schon nicht mehr. Es gilt nur noch das Gesicht zu
wahren.
Die große, genau genommen: quasireligiöse Hoffnung (von
der schon die Brechtschen Lehrstücke handelten) war gewesen,
dass der neue Mensch aus einer neuen, kollektiven Subjektivität
der aufsteigenden Klasse hervorgehen werde. Vom Ich zum Wir
hieß die Losung vom Ich zum Wir und von diesem zurück
zu einem anderen Ich, zu einem neuen, selbst-losen Begriff der Individualität.
Nun aber wurde auf zweierlei Weise Wir gesagt. Die beiden
Wir standen einander gegenüber. Das alte, große, gemeinsame
WIR wurde nurmehr gelegentlich erinnert. Manchmal als das weiterhin
Verpflichtende, manchmal rein taktisch und manchmal bloß noch
sentimental.
Kommen wir auf das konkrete soziale Drama zurück, hier im Sinne
Victor Turners verstanden. Das ist nicht die sogenannte Biermann-Affäre
schlechthin, sondern das, was sie in der DDR auslöste, gut, geradezu
modellhaft zu studieren an dem Gespräch im Hause Krug, das durch
den Tonbandmitschnitt zudem die Qualität einer potenziellen,
einer sozusagen unsichtbaren Performance gewinnt. Handelt
es sich dabei nicht auch um ein nahezu klassisch strukturiertes
Drama mit entsprechendem theatralen Potenzial? Ist es nicht wahrhaft
bühnenreif?
In der Tat: Da sind in einem zentralen, den Gesamtvorgang strukturierenden
Konflikt zwei gegeneinander agierende (in diesem Fall: kollektive)
Konfliktpartner. Ihre Interessenlage, ihre Handlungsstrategien sind,
so hat sich gezeigt, klar erkennbar und bestimmen den Gang der Handlung
in ihrem gegenseitigen Einwirken. Die dialogische Spannung ist in
diesem Falle dadurch gekennzeichnet (wie in guten traditionellen Theaterstücken),
dass vieles, ja das meiste nicht direkt, sondern indirekt (subtextlich)
gesagt wird.
Man formuliert folgendermaßen: Leute, wir wollen doch nur das
Vertrauensverhältnis mit euch wiederherstellen, und man sagt
damit: Hört auf mit eurem Verrat, der zu nichts Gutem führt.
So ist es auf beiden Seiten. Auf die Weise sind (Rede-)Text und (Rede-)Gestus
oft im Widerspruch zueinander. Manchmal auch wird überraschend
die verdeckte Redeweise nicht durchgehalten, sei es ungewollt oder
aber in absichtsvoller Auffälligkeit; es kommt dann zum Bruch,
und die verbale Form drückt das konflikthafte Gegeneinander plötzlich
ganz unmittelbar aus: Ja, wenn Sie uns hier den Fehdehandschuh
hinwerfen ..., sagt Werner Lamberz scheinbar unvermittelt zu
Stefan Heym.
Stellen wir uns Krugs Tonband-Text als wirkliches Theaterstück
vor: Es enthielte für Schauspieler nicht allein gute Rollen,
sondern auch im Detail reizvolle Aufgaben sowohl den ständigen
Widerspruch zwischen Text und Gestus als auch die Brüche, die
gelegentliche Unmöglichkeit, den Gestus durchzuhalten; dann aber
auch wieder die unmittelbar eindringliche, schon fast pathetische
Rhetorik, Philipp und Posa ... Was will man eigentlich mehr?
Also: Neben der ersten von uns vorgeschlagenen Bedeutung des Begriffes
Dramatisierung (etwas existenziell Bedrohliches, auch
durch symbolische Darstellung, als solches erfahrbar machen) ist für
das Geschehen des 20. November 1976 in der Wilhelm-Wolff-Straße
15 auch eine zweite Bedeutung von Dramatisierung relevant:
einem Geschehen, Ereignis, einem prozessualen Vorgang eine Struktur
aufprägen. Die Teilnehmer jener Debatte an diesem Tag haben ihrer
Redeschlacht spontan die Struktur eines aristotelischen
Dramas aufgeprägt. Professionellem dramaturgischen Sachverstand,
der etwa darauf aus wäre, die Komposition eines well-made play
in diesem Textmaterial zu vollenden oder zu perfektionieren, bliebe
nicht viel zu tun übrig. Auf der strukturellen Ebene des Textes
kann demnach diesem Drama seine Bühnenreife kaum
abgesprochen werden.
Unser verkleinertes Modell des Gesamtvorgangs, die Auseinandersetzung
am 20. November im Hause Krug, zeigt besonders deutlich, dass eine
manifeste Aufführung des wirklichen sozialen Dramas
nicht stattfinden durfte. Alles musste in der Wohnstube bleiben. Ich
bedanke mich für die Aussprache. Wir sind uns einig, dass das
in diesem Hause bleibt? so geht Werner Lamberz aus dem
Hause. Das Drama, wie es wirklich war, sollte gerade nicht
auf die Bühne; es war nach Meinung der Mächtigen
in diesem ganz simplen Sinne nicht bühnenreif. So
verhinderten sie seine öffentliche Darstellung und delegierten
diese zugleich z. T. an den Klassengegner. Es kann nur
wenig darüber hinwegtrösten, dass wir das Stück heute,
nachträglich, aus der Perspektive neuer, umwälzender Erfahrungen
besichtigen und dabei auch seiner tragikomischen Brechungen gewahr
werden.
Zu diesen gehört, dass das Ideologem Vertrauensverhältnis,
soweit und solange es funktionierte, eine öffentliche, performative
Darstellung per se nicht erlaubte, ohne sich selbst infrage zu stellen
und dass es andererseits, vom Standpunkt der Mächtigen
gesehen, öffentlich dargestellt werden musste, um überhaupt
wahrgenommen zu werden und dadurch eine systemstabilisierende Wirkung
entfalten zu können. Die Lösung dieses paradoxen Widerspruchs
erfolgte auf der Ebene des zeremoniellen Scheins: Von Zeit zu Zeit
fanden auf höchster Ebene etwa im Staatsrat oder bei dessen
Vorsitzenden vertrauensvolle Beratungen mit Künstlergruppen
statt, bei denen im wesentlichen sorgsam vorbereitete (und bereits
im Vorfeld von Funktionären abgesegnete) Diskussionsbeiträge
vorgelesen wurden, während für spontane Debatten so gut
wie keine Zeit verblieb. Über diese Beratungen wurde in der Regel
nicht viel mehr öffentlich, als dass sie eben vertrauensvoll
gewesen seien, dass sie die gegenseitige Verbundenheit gefestigt hätten
undsoweiter. Aber diese Veröffentlichung geschah
in großer, theatralischer Form, z.B. als Topmeldung
am Beginn der Aktuellen Kamera des DDR-Fernsehens oder,
mit Repräsentationsfoto, auf der ersten Seite des Neuen Deutschland.
Wobei wir allerdings nicht vergessen wollen, dass (mit wichtigen graduellen
Unterschieden) die Verwischung, ja die Ununterscheidbarkeit von Schein
und Sein, die Überlagerung und Vernebelung realer Entscheidungspolitik
durch symbolische Schaupolitik längst für alle hochmodernen
Gesellschaften, also auch die westlichen Demokratien, prägend
geworden ist.
Statt des wirklichen wurde seitens der Macht damals, 1976/77, ein
Scheindrama vorgeführt.
Als offenes Drama sollte erscheinen: die Story vom Renegaten
Biermann, der im Lande des Klassengegners seine Republik verrät
und dafür die gerechte Strafe erhält; sowie, als zweiter
Handlungsstrang, die Geschichte einiger wie eh und je schwankender
Intellektueller, die aber durch Überzeugung und/oder Disziplinierung
daran gehindert werden, als eine Art neuer Petöfi-Club, d.h.
als subversive Gruppe, den Sozialismus zu unterminieren. Zum Happy-End
wird das Vertrauensverhältnis zwischen Künstlern und Partei
dennoch gefestigt, sei es durch ideologische Überzeugung, sei
es durch Abstoßung (Ausweisung oder Verhaftung) der schlechten
Elemente. Die manifeste Aufführung in diesem Scheindrama
verdoppelt sich und ihren Ort, ihre Bühne. Das ist
zum einen das Kölner Biermann-Konzert selbst, nur nicht als
solches, sondern wie es, gegen den Willen der Machthaber, auf
den Bildschirmen des Landes DDR erscheint; eine Inszenierung, die
man zwar weder gewollt noch gemacht hat, die aber nun in den Mechanismus
der eigenen Konfliktbewältigung eingebaut werden muss. Die andere,
selbstinszenierte und selbstgesteuerte manifeste Aufführung
besteht in der Flut der Zustimmungserklärungen, öffentlichen
Treuebekenntnisse, spontanen Versammlungen, kurzum: Die
szenische Form dieser Aufführung ist die einer manipulierten
Kampagne. Deren intendierter impliziter sozialer Prozess
kann in der offiziellen Sprache beschrieben werden als die Erneuerung
und Festigung der politisch-moralischen Einheit des werktätigen
Volkes unter Führung der Partei der Arbeiterklasse. Für
die implizite rhetorische Struktur des Dramas schließlich
gibt ein Herr Dr. Kertzscher bereits am 17. November im Neuen Deutschland
den Ton vor: Schon jahrelang hat [Biermann] unter dem Beifall
unserer Feinde sein Gift gegen die DDR verspritzt. Dabei wurde er
von den gehässigsten Gegnern der DDR noch angestachelt und hochgejubelt.
Unser sozialistischer Staat hat mit diesem Treiben viel Geduld gehabt,
eher zuviel als zuwenig. Die Szene, die sich in Köln abgespielt
hat, verlangte eine angemessene Antwort.
Das Komische, besser: Tragikomische dieses offiziösen (oder Potemkinschen)
sozialen Dramas besteht wohl darin, dass die Inszenatoren
und mancher aus dem Publikum tatsächlich daran glaubten. Bühnenreif
wäre dieses Drama allenfalls, käme es aus heutiger Sicht
noch einmal als Farce zur Aufführung. Es gab übrigens damals
schon Schwejks, die das Farcenhafte oder Groteske der Vorgänge
auf ihre Weise zutage brachten. Da findet sich im ND vom 20. November
1976 inmitten einer langen Reihe von Zustimmungserklärungen zur
Biermann-Ausweisung auch die Stellungnahme des Komponisten Gerhard
Rosenfeld: Mit Erstaunen las ich im ND vom Auftreten Wolf Biermanns
in der BRD. Der Bericht über sein Verhalten fordert meine Distanzierung.
Manfred Krugs Kommentar in der nachmittägigen Runde: Ein
Kunstwerk, dieser Satz. In der Tat: ein kleines parodistisches
Meisterwerk, es lässt die Sprachregelungen ins Bodenlose fallen.
Gehört in eine Pfiffigkeitenanthologie. (Krug)
Wolf Biermann hatte sein berühmtes und inkriminiertes Köln-Konzert
mit dem Lied So soll es sein so wird es sein eingeleitet,
das mit den Worten beginnt: So oder so, die Erde wird rot.
Er hatte mitten in den Song, zwischen zwei Strophen, ein langes Rosa-Luxemburg-Zitat
hineingestellt: Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und
Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder
öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in dem die Bürokratie
allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben
schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer
von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren
und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender
Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit
zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall
zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im
Grunde also eine Cliquenwirtschaft eine Diktatur allerdings,
aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer
Handvoll Politiker, d.h. Diktatur im bürgerlichen Sinne!
Ende 1974 war, worauf Biermann auch gegenüber dem Kölner
Publikum hinwies, war im vierten Band der Luxemburg-Gesamtausgabe
in der DDR die Schrift Die russische Revolution erschienen, aus der
diese inzwischen vielzitierten Sätze stammen. An ziemlich entlegener
Stelle gewiss, trotzdem war es ein Ereignis, auf das man sich gegenseitig
aufmerksam machte. Wolf Biermann drückte eine Hoffnung aus, die
sich, bis in die Reihen der Partei hinein, damals ausbreitete: dass
Rosa Luxemburgs politisches Testament (wie er es nannte)
für die DDR zwar spät, aber nicht zu spät
veröffentlicht worden sei. Solchem Kommentar und dem Zitat-Text
folgte dann im Konzert die sechste Strophe des Liedes:
Die DDR braucht endlich und wie!
Rosas rote Demokratie!
Stimmt ihr mir zu? dann stimmt mit ein:
so soll es sein
so soll es sein
so wird es sein.
Rosas rote Demokratie, das war damals Wolf Biermanns Vision. Sie war
seine subjunctive world. Da hätte aber dem Prager
Frühling 1968 ein Ostberliner Frühling 1977 folgen müssen
so, wie ihn die fünfzehnte Strophe des Liedes geradezu
heraufzubeschwören schien:
Sie selbst na endlich! , die Revolution
Sie re-vo-lu-tio-niert sich schon!
Sie wirft auf sich den ersten Stein
so soll es sein ...
Nichts lag der Führung der DDR ferner als eine so radikale revolutionäre
Selbstkritik, die freilich ein Marxsches Postulat ist. Die Zwänge,
in denen sie sich sah, etwa der Zwang des neostalinistischen Denkens,
machten eine solche Haltung (wie selbst noch der flexibelste Spitzenfunktionär,
Werner Lamberz, während der Biermann-Krise gezeigt hat) undenkbar;
wir haben das nachvollzogen. Der Aufbruch der DDR-Gesellschaft in
Rosas rote Demokratie, eine reine Utopie, wäre das
für die damalige geschichtliche Szenerie bühnenreife Drama
gewesen dieses überfällige Drama, wir wissen es inzwischen,
hätte nur als Tragödie enden können.
Der Konflikt aber zwischen der politischen und der intellektuellen
Elite des Landes schwelte und zündelte weiter und trug
an seiner öffentlichen Darstellung gehindert zur Implosion
eines sukzessive entartenden Sozialismus erheblich bei.
Der Beitrag ist ein Kapitel aus einem bisher Fragment
gebliebenen Buchprojekt mit dem Titel Stalinistische Dramaturgien.
Der hier erstveröffentlichte Text wurde mit meinem Einverständnis
von der Redaktion stark gekürzt. Nicht nur aus urheberrechtlichen
Gründen füge ich daher hinzu: Dieser Aufsatz versucht, Analysemethoden
des britischen Ethnologen und Kulturtheoretikers Victor Turner (1920-1983)
und des amerikanischen Theatermachers und -theoretikers Richard Schechner
(geb. 1934) in einer freien Art auf den Gegenstand Die DDR und
ihre Intellektuellen nach der Biermann-Ausweisung zu übertragen.
Das gilt insbesondere für die Begriffe Soziales Drama,
Bühnendrama, Offenes Drama, Manifeste Aufführung,
Implizierte rhetorische Struktur, Implizierter sozialer
Prozess, bühnenreif sowie subjunctive world.