Nummer 14, Sommer 2007                               


                                                                                                                                                            
 

Rezension

Die Sache mit der Identität

"Wir haben die Wahl"


Vierzig Jahre ist das jetzt her: meine Erfahrung mit Mord aus Rassismus.
Rangun, 1967. Am frühen Nachmittag kam die Nanny aufgeregt ins Haus gerannt: Das Holzgitter der Einfahrt zum Garten stehe offen, man höre Schreie, und der Gärtner traue sich nicht mehr raus. Ich ging die Auffahrt hinunter und machte das Gitter zu. Draußen, neben einem brennenden Auto, lagen drei Frauenkörper im Straßengraben. Ein Jeep raste vorbei, darauf ein Trupp brüllender Schläger mit Fahnen, Knüppeln und martialisch rot eingefärbten Stirnbändern. Eine der Frauen bewegte sich, offenbar nur leicht verletzt, dann auch die andern zwei. Ich holte den Wagen, legte mit Hilfe der Nanny zwei Frauen auf die Rückbank, setzte die dritte nach vorne, links neben den Fahrersitz. Zwei Männer stiegen hinten mit ein, dann vorn auch noch einer mit einem Rotkreuzhelm. Wir fuhren los. Der Kopf der Frau neben mir rollte mir ein paarmal in den Nacken. Als wir am Krankenhaus ankamen, war sie tot.
Das geschah während der dreitägigen antichinesischen Unruhen in Rangun Ende Juni 1967. Nach Demonstrationen vor der chinesischen Botschaft, aus der angeblich geschossen worden war, formierten sich birmanische Trupps, fielen in das Chinesenviertel ein, setzten die Häuser in Brand, trieben die Bewohner auf die Straße und erschlugen sie.
Die drei Frauen vor unserem Haus waren keine Chinesinnen, sondern Birmaninnen. Sie hatten nur das Pech, hellhäutiger auszusehen, als es den Mordbanden gefiel. Und nur deshalb wurden sie als Chinesinnen verprügelt, die eine zu Tode. Abstrakt formuliert: Ihnen wurde eine (und nur eine) Identität zugeschrieben, die ihnen in der Gewaltsituation keine Chance mehr ließ.
Dies, die Festlegung einer singulären Identität, ist das Thema des Buches von Amartya Sen, Die Identitätsfalle.
Er kennt solche Gewaltsituationen aus eigener Anschauung, aus der blutigen Zeit der Teilung Indiens in Indien und Pakistan 1947, als Muslime Hindus umbrachten und Hindus Muslime, zu Tausenden, nur weil die Opfer Hindus und Muslime waren. Ähnlich sind die Situation der Juden in Nazi-Deutschland, „ein Afro-Amerikaner angesichts eines zum Lynchmord entschlossenen Mobs im amerikanischen Süden oder ein aufrührerischer Landarbeiter im Norden Bihars, den ein von Grundbesitzern einer höheren Kaste angeworbener Schurke mit der Waffe bedroht“. In diesen Situationen ist es dem Opfer unmöglich, an der gewaltsam zugeschriebenen Identität irgendetwas zu ändern. In allen anderen Situationen jedoch unterliegt die Freiheit, unsere Identität zu wählen, nicht solchen Beschränkungen.

Damit ist die Kernthese des Buches formuliert: Identität ist kein Schicksal, kein Zwang; man wird nicht einfach unabänderlich in sie hineingeboren; die eigene Gruppe ist nicht der einzige Aspekt, unter dem wir uns sehen können. Die „Identität“ (ab hier muss man das Wort fast immer in Gänsefüßchen schreiben) ist also auch nicht einfach zu „entdecken“ (als läge sie, fix und fertig, irgendwie irgendwo versteckt). Womit sich im Vorbeigehen auch die modische Selbstverwirklichungsfrage „Wer bin ich eigentlich?“ erledigt, wenigstens in der Weise, dass darauf eine und nur eine Antwort möglich sein soll. Wir haben, sagt der Autor, nicht nur eine, sondern viele Identitäten (zur Wahl).
Der Nobelpreisträger Amartya Sen stellt sich selbst demnach so vor:

Was mich betrifft, so kann man mich zur gleichen Zeit bezeichnen als Asiaten, Bürger Indiens, Bengalen mit bangladeshischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, Ökonomen, Dilettanten auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anhänger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Brahmanen und Ungläubigen, was das Leben nach dem Tode (und, falls es jemanden interessiert, auch ein „Leben vor der Geburt“) angeht. Dies ist nur eine kleine Auswahl der unterschiedlichen Kategorien, denen ich gleichzeitig angehören kann – daneben gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Zugehörigkeitskategorien, die mich je nach den Umständen bewegen oder fesseln können.

Das klingt auf den ersten – und auch auf den zweiten – Blick befreiend. Auch deshalb, weil der Autor uns nicht lang mit Definitionen aufhält, sondern sich mit offenkundiger Abenteuerlust und der Überzeugung, es werde schon alles gutgehen, ins Thema wirft. Er langweilt uns nicht mit Differenzierungen zwischen Tätigkeit, Mitglied, sozialer Rolle, Geschlechtsrolle, Auto- und Hetero-Stereotyp oder Persönlichkeitsmerkmalen, sondern formuliert sein Prinzip kurz und allgemeinverständlich so: Wir haben (fast) immer die Wahl.
Es ist erfrischend leicht, ihm darin zu folgen. Schon nach wenigen Eingangsseiten fühlt man den Blick geschärft für Verstöße gegen dieses Prinzip.

Ein Beispiel: In der Zeit Nr. 17 ist auf Seite 37 ein großes Wohnzimmer-Foto zu sehen, drei Männer, zwei Frauen, ein kleines Mädchen, alle in europäischer Kleidung, ganz vorne grinst noch halb ein frecher Bubenkopf ins Bild. Auf dem Tisch vor den Sitzenden Eistee, Apfelsaft, Mineralwasser, Teller mit nicht identifizierbaren Esswaren, Kekse in einer Schale, eine TV-Fernbedienung, ein Handy; als Wandschmuck ein paar (exotisch aussehende?) Stoffgehänge. Was man sieht, ist vermutlich ein durchschnittlicher gemeineuropäischer Mittelschichthaushalt.
Jetzt hängt da aber auch noch eine türkische Fahne an der Wand. Die Personen auf dem Foto sind also Türken (wirklich? Wirklich alle?). Das ist aber noch gar nicht die in unserem Zusammenhang wesentliche Information. Sie steckt in der Bilderklärung, und die lautet „Muslimischer Alltag in Deutschland“.
Niemandem in der Zeit-Redaktion ist aufgefallen und keinem Amartya-Sen-ungeschulten Leser fällt auf, was für eine Ungeheuerlichkeit hier vorliegt. Die Personen auf dem Bild (verschieden nach Alter, Geschlecht, sicher auch nach Beruf, privaten Vorlieben und werweißwas außerdem) werden alle auf ein einziges Merkmal reduziert: ihre Religion. Sie sind damit schon keine Individuen mehr, es sind nur noch „Muslime“. Und sie haben offenbar keinen anderen Alltag als einen, wie das Wochenblatt uns weismachen will, „muslimischen“.
An einem solchen Punkt setzt Amartya Sens schärfste Kritik ein.
Er kann sich hier sogar auf Karl Marx berufen und tut es nicht ohne Süffisanz. Marx nämlich hatte sich schon in seiner Kritik des Gothaer Programms dagegen gewandt, Arbeiter immer nur „als Arbeiter“ zu kennzeichnen und nicht ihre anderen, menschlicheren Eigenschaften und Unterschiede zu sehen. In der politischen Lobby-Arbeit mag eine solche „Gefangenschaft in einer Identität“ ganz wirksam sein, so etwa wenn Interessen-Vertreter eine ganze Bevölkerung in „Behinderte und Nicht-Behinderte“ einteilen (ich muss zugeben, dass ich mir nur schwer eine Situation vorstellen kann, ich der ich mich füglich „nur“ als „Nicht-Behinderter“ sehen müsste).
Eine solche Zuschreibung einer einzigen Identität ist in den Augen des Autors kennzeichnend für die Arbeitsweise zweier mehr oder weniger unsympathischer Gruppen: Diese „Singularität“, schreibt er, ist „nicht nur die Hauptnahrung etlicher Identitätstheoretiker, sie wird auch (...) häufig als Waffe sektiererischer Aktivisten benutzt, die ihr Zielpublikum dazu bringen wollen, von allen anderen Verbindungen abzusehen, welche die Loyalität gegenüber der eigens markierten Herde einschränken können“. Man kennt das auch von Mönchsorden: Wer in eine Gruppe von hoher Kohäsion eintreten will, muss alle vorherigen Bindungen ablegen.
Aber nicht nur für Terroristen ist die singuläre Identität ein zeitloses Instrument, sondern (und hier wird die Analyse des Autors erst richtig pikant) auch bei wohlmeinenden Gruppen ist sie „erstaunlich beliebt“. Er nimmt als Beispiel „jene Theoretiker einer ‚Kulturpolitik’, die die Weltbevölkerung gern in verschiedene Kulturen aufteilen. Man schafft die kniffligen Fragen der pluralen Gruppen und der multiplen Loyalitäten dadurch aus der Welt, dass man jeden Menschen in genau eine Zugehörigkeit preßt und die ganze Fülle eines reichen menschlichen Lebens schematisch auf die Behauptung reduziert, der Mensch sei von Natur aus in nur einem Rudel ‚situiert’.“
Das ist zwar in erster Linie gegen Huntington und seinen Kampf der Kulturen gerichtet (gegen den anzuschreiben Amartya Sen nicht müde wird, als wäre Huntington noch topaktuell). Aber auch die Gegner Huntingtons entkommen nicht der Kritik des Autors. Selbst in ihrem eigentlich löblichen Tun fördern sie das reduktionistische Treiben ihres Kontrahenten, da auch sie die Menschen („die Weltbevölkerung“) durch ihre „Kulturen“ definieren, nur eben wohlwollender und in einem „herzerwärmenden Glauben“ an das Gute im Menschen. Sowohl die „kalten“ Zyniker (wie Huntington) als auch die „warmen“ Theoretiker des Miteinanderauskommens begehen denselben Fehler: Sie teilen die Welt in „Kultur-Kästchen“ ein.
Was dann geschieht, ist typisch für die schiefen Diskussionen und „Dialoge“ unserer Tage:

Um der groben und gehässigen Verallgemeinerung entgegenzutreten, die Kultur der islamischen Welt sei kriegerisch, pflegt man darauf hinzuweisen, in Wirklichkeit sei sie eine Kultur des Friedens und der Freundlichkeit. Aber damit ersetzt man ein Stereotyp nur durch ein anderes, und obendrein akzeptiert man die stillschweigende Annahme, daß Menschen, die per Religion zufällig Muslime sind, einander im Grunde auch in anderer Hinsicht ähnlich sind. Abgesehen von den all den Schwierigkeiten, Kulturen als disparate und disjunktive Einheiten zu definieren (...), leiden die Argumente beider Seiten in diesem Fall unter dem gemeinsamen Glauben an die Annahme, es sei ein geeigneter Weg zum Verständnis der Menschen, wenn man sie ausschließlich oder vorrangig unter dem Aspekt der religiös begründeten Kulturen betrachtet, für deren Mitglieder man sie hält.

Wenn dieser Fehler vermieden wird, wenn also dem Gegenüber nicht mehr die singuläre Identität „Muslim“ zugeschrieben wird, öffnet sich plötzlich der diskursive Raum: Es wird deutlich, dass das Verlangen nach einem „gemäßigten Islam“, einem „Euro-„ oder „deutschen Islam“ nicht nur unproduktiv ist, sondern den so Etikettierten schon wieder als ausschließlich durch seine Religion definiert behandelt. Mit andern Worten: Wenn der so Bezeichnete gewalttätig werden sollte, liegt die (angebliche) Ursache zwangsläufig in seiner Religion (der er doch mehr oder weniger zufällig angehört). Diese Denkfigur begegnet uns nun allerdings nicht nur bei den notorischen Fremdenfeinden, sondern überraschenderweise auch bei den selbsternannten Fürsprechern der „Personen mit Migrationshintergrund“. In ihrer Antwort auf die Kritik der Gewalt weisen Sie reflexhaft darauf hin, dass „der Islam“ oder der Koran Gewalt verbiete, oder sie machen sich auf die Suche nach einem „reformfähigen“ Islam, wenn nicht gleich nach einer islamischen Reformation. Diese oft in guter Absicht vorgetragenen Argumente betreiben aber genau das Geschäft der Fremdenfeinde: Sie reduzieren den Menschen auf eine einzige seiner Eigenschaften: seine Religion. Alle anderen Charakterisierungen (beispielsweise männlich, gebildet, cholerisch, traditionsverhaftet, aufgeklärt, was auch immer) werden damit vom Tisch gefegt. Einigen von uns ist vielleicht noch der deutsche Streit um die Konfessionsschulen im Gedächtnis, als die Gegner dieser Schulart fragten, ob es denn einen „katholischen Geografie-Unterricht“ gebe. Dieser dumme Disput liegt erfreulicherweise hinter uns. Mit dem Islam fängt er nun wieder von vorne an.

Nun ist aber doch auch eine Gegenposition zu der These des Autors denkbar, ja notwendig.
Die Schwächen des Ansatzes sind unübersehbar: Welche innere Instanz ist es denn, die da in wechselnden Kontexten meine je passende „Identität“ auswählt? Und liegen die unterschiedlichen Identitäten gleichberechtigt da, beliebig (wenn auch situationsbedingt) wählbar, wie Hammer und Zange in einem Werkzeugkasten?
Ist es nicht vielmehr so: In meiner Biografie nehme ich (und nehmen andere) mich wahr als weitgehend und fast immer dieselbe (identische) Person. Meine Identität besteht nun aber nicht in einer einzelnen Eigenschaft oder Rubrizierung (etwa: älterer Herr, Katholik, Europäer, Schriftsteller, Händel-Liebhaber), sondern in einer Mischung aus all diesem. Was mich (auch) von anderen unterscheidet, ist diese Komposition, die man meinen „Charakter“ nennt. Je nach Kontext oder Situation kommt vielleicht die eine oder eine andere „Seite“ meines „Charakters“ stärker zur Geltung, aber ich „wähle“ im gegebenen Fall nicht zwischen einer „Identität“ als Mann und einer „Identität“ als Katholik.
Was Amartya Sen demnach nicht genügend auseinanderhält: Einerseits ist es verwerflich (und wie die jüngere deutsche Geschichte zeigt: mörderisch), einem anderen Menschen nur eine „Identität“ (Kategorie, Eigenschaft) zuzuschreiben und alle anderen zu missachten; andererseits hat jeder Mensch ein spezifisch ausgeprägtes System von „Identitäten“, das seinen Charakter als unverwechselbare Person ausmacht.
Weiter: Es bleibt bei Amartya Sen weitgehend ungeklärt, ob jene punktuellen „Identitäten“ allesamt gleichberechtigt sind oder ob es da Rangunterschiede gibt, situationsunabhängige Präferenzen oder Hierarchisierungen. Die Lebenserfahrung legt nahe, hier tatsächliche Rangordnungen zu vermuten: Ich bin eben „in erster Linie“ das eine (Europäer oder Mann oder freiheitsliebend) und erst „in zweiter Linie“ das andere (Händel-Liebhaber, Schriftsteller); ich weiß oder ich denke zumindest darüber nach, was mir in meiner Persönlichkeit wichtiger und weniger wichtig ist.
Um noch einmal auf „die Muslime“ zurückzukommen: Es ist denkbar, dass für bestimmte Muslime „der Islam“ eine stärker charakterbildende Bedeutung besitzt als „das Christentum“ für einen europäischen Protestanten von heute. Welchen Rang innerhalb der jeweiligen Person das „Muslim-Sein“ jedoch einnimmt, ob die Religion nachrangig ist wie bei den meisten Europäern oder vorrangig die ganze Person bestimmt und beeinflusst, ob sich hier generalisierbare Aussagen machen lassen: Dieser zugegeben schwierigen Frage geht der Autor leider aus dem Weg. Wie, zeigt folgendes Zitat, in dem sich richtige Polemik und Problemvermeidung an der entscheidenden Stelle zu einem Schlinger-Argument vereinen:

Bestünde die einzige Identität eines muslimischen Menschen darin, islamisch zu sein, müßten natürlich all seine moralischen und politischen Urteile auf religiöse Bewertungen bezogen werden. Es ist diese solitaristische Illusion, die dem westlichen, insbesondere anglo-amerikanischen Bemühen zugrunde liegt, den Islam im sogenannten Krieg gegen den Terror für sich zu gewinnen. Was westliche Politiker dazu gebracht hat, politische Schlachten gegen den Terrorismus auf dem exotischen Feld der Definition oder Neudefinition des Islam zu schlagen, ist die mangelnde Bereitschaft zur Unterscheidung zwischen (1) der Vielfalt der Bindungen und Zugehörigkeiten eines Muslims (die von Person zu Person große Unterschiede aufweisen können) und (2) seiner islamischen Identität im besonderen.

Dieses Argument hält einer strengen Überprüfung nicht stand. Obwohl es falsch ist, einen Menschen ausschließlich als Muslim zu behandeln (oder, noch einmal für die Deutschen: einen Juden ausschließlich als Juden), ist es gleichwohl denkbar und möglich, dass bei bestimmten Menschen tatsächlich viele (oder fast alle) moralischen und politischen Urteile unter religiösen Kriterien gefällt werden. Man braucht hier wieder nur an bestimmte religiöse Bruderschaften zu denken, christliche wie muslimische.
Amartya Sen kann eine „hauptsächliche oder dominierende“ Identitätszuschreibung nur in einer bestimmten Sozialphilosophie entdecken, die er entschieden und beinahe unaufhörlich angreift: beim sogenannten Kommunitarismus (der im englischen Sprachraum eine erheblich größere Rolle spielt als in Mitteleuropa). In radikaler Ausprägung ist die dort behauptete, angeblich nicht ablegbare „Gemeinschafts-„ oder „Gruppenidentität“ tatsächlich eine schwerwiegende Beschränkung der freiheitlichen Persönlichkeitsentwicklung, und mit gutem Recht attackiert sie der Autor. Damit wird die oben gestellte Frage der Rangordnung aber beileibe nicht irrelevant. Auch wenn der Autor die Frage der „Priorität“ einer „Identität“ einmal kurz aufgreift, dann tut er sie im Handumdrehen ab mit der Bemerkung, wir seien immer frei in der Festlegung solcher Priorität. Welche starken Voraussetzungen eine solche Entscheidung überhaupt erst möglich erscheinen lassen (Erziehung, Bildung, Vernunft, Selbstsicherheit, Souveränität, Realitätssinn, philosophische und historische Kenntnisse und sicher noch andere) oder auch wie dahin zu kommen sei, dass möglichst viele Menschen über diese wunderbaren Eigenschaften verfügen können – das alles wird nicht thematisiert.

Und doch:
Die Lektüre des Buches ist ein spürbarer Gewinn. Der Leser ist am Ende vielleicht argumentativ nicht ganz zufriedengestellt, aber auch nur dies. Sein Gewinn liegt woanders: in der Bestätigung, dass er im Einsatz für die menschliche Freiheit nicht allein ist. Die Argumente für eine höhere Komplexität, als der Autor sie auszufächern bereit ist, lassen sich nachtragen oder stillschweigend während des Lesens ergänzen. Keines davon widerspricht seiner grundsätzlichen Forderung nach elementarer kultureller Freiheit.
Es ist eben nicht die „Kultur“ (in geradezu jeder Definition), die ausweglos unsere Person bestimmt; nicht die Religion, die allein unseren Charakter definiert; nicht die „Gemeinschaft“, die uns für immer einengt. Weshalb es, sagt der Autor nebenbei, auch unsinnig ist, die Integration von Einwanderern über deren organisierte Gruppen befördern zu wollen (wie Tony Blair es gerade – durch eine „Föderation von [religiösen] Gemeinschaften“ – in Großbritannien versucht oder, fügen wir hinzu, der deutsche Innenminister mit dem neuen Koordinationsrat der Muslime).
Von den Folgen eines gedankenlosen „Multikulturalismus“ gar nicht erst zu reden. Hier legt sich der Autor unmissverständlich fest:

Wenn es jedoch um die Freiheit [Hervorhebungen im Original] geht (einschließlich der kulturellen Freiheit), kann der kulturellen Vielfalt keine unbedingte Bedeutung zukommen – vielmehr hängt sie zwangsläufig von ihren kausalen Zusammenhängen mit der menschlichen Freiheit und davon ab, ob und in welchem Maße sie den Menschen hilft, eigene Entscheidungen zu treffen. (...) Soll man deshalb um der kulturellen Vielfalt willen für einen kulturellen Konservatismus eintreten und die Menschen auffordern, an ihrer kulturellen Herkunft festzuhalten und nicht einmal versuchsweise zu erwägen, zu einer anderen Lebensweise zu wechseln, auch dann nicht, wenn sie gute Gründe dafür haben? Die Untergrabung der Wahlfreiheit, die damit verbunden wäre, würde uns umstandslos einer freiheitsfeindlichen Position ausliefern, die nach Mitteln und Wegen suchen würde, die Freiheit der Wahl einer anderen Lebensweise zu blockieren, nach der sich möglicherweise viele Menschen sehnen.

Der Vielfalt, die sich der „Multikulturalismus“ erhofft, ist mithin kein absoluter Wert, sondern vertretbar nur insofern, als er prinzipiell für alle Menschen konkrete Denk- und Handlungsfreiheiten schafft: „Entwicklung als Freiheit“ nennt der Nobelpreisträger dieses Ziel (das ausführlich in seinem Buch Ökonomie für den Menschen dargestellt wird). Und hier muss ihm eigentlich jeder unfanatische Leser nur lebhaft zustimmen.

PS
Wichtiger Nachtrag: Das Buch ist von Friedrich Giese hervorragend übersetzt; an keiner Stelle schimmert englische Syntax oder Semantik durch den angenehm lesbaren deutschen Text. – Unverständlich bleibt allerdings, warum die deutsche Ausgabe auf einen Stichwortindex verzichtet, der im englischen Original vorhanden ist.
Fritz Glunk

Amartya Sen, Die Identitätsfalle.
Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt
C. H. Beck, München 2006

208 Seiten, 19,90 Euro