Deutschlandvermessung
Aufruf zur Res publica
.Von Christian Schüle
Die Genealogie des ICHlings
Das Jahr 1985 markiert einen Paradigmenwechsel in Deutschland. Alle herkömmlich gewebten Muster sozialer Verständigung wurden hinterfragt, manche eliminiert, andere ersetzt und in einer neuen Signatur reproduziert. 1985 ließ der kritische, zersetzende Aufklärungsdruck der Achtundsechziger-Zeit nach, es begannen die Vorherrschaft des Boulevards und die Schmiedearbeiten an neuen deutschen Helden und Mythen. Die rasante Entwicklung der Gen-Technologie lehrte ein vornehmlich materialistisches Weltverständnis, in dem Wert nur hat, was sich zählen, messen und optimieren lässt. Es setzte die Epoche des „flexiblen Menschen“ ein, kurzum: 1985 begann die sogenannte Postmoderne erst Begriff und dann begriffen zu werden.
Es war ein Leben mit und in den vielfältigsten Möglichkeiten; ein Leben in der Wahl; ein Leben, an das der Auftrag gestellt wurde, mit dem neuen Maß an Freiheit umgehen zu lernen, ohne dass den Einzelnen religiöse oder moralische Erziehung oder ein ideologisches Dogma fremdbestimmen könnten. Das bedeutete, ein Dasein in Verschiedenheit zu führen: die vielfältigen, verschiedenen, differenzierten Seins- und Weltentwürfe als nebeneinander gleichberechtigt anzuerkennen, ohne jeden Anspruch auf absolute Wahrheit eines Entwurfs, weil dieser Absolutheitsanspruch sich in einer ständig ausdifferenzierenden Welt nicht mehr rechtfertigen ließ. Der einzige Sinn, der nach den Abrissarbeiten der großen abendländischen Erzählungen und Mythen von Freiheit, Europa, der Allmacht des Verstandes und Generationensolidarität blieb, war die Freiheit, wählen zu dürfen. Diese Freiheit auszuhalten wurde zu einer Form von Lebenskunst.
1985 ist der Gründungsmythos einer Kohorte, die anders denkt und handelt. Es ist das soziokulturelle Geburtsjahr jener Kinderschar, die die Zukunft der Republik gestalten und in Zukunft das Land verändern wird. Es ist eine ungenerierte Generation im grenzenlosen Erlebnisraum des digitalen Kapitalismus, deren Angehörige zwischen Yuppietum, Double-income-no-kids-Mentalität und dem nachfolgenden Netzwerkverbund der Computerkinder stecken. Die Generation der heute Dreißigjährigen definiert sich dadurch, dass sie keine ist. Eine Metaphysik, die das Innerste zusammenhält, gibt es nicht. Die Mittdreißiger sind das erste Kollektiv aus Individualisten, das den Pluralismus einer mehrdeutigen Epoche lebt und verkörpert: den religiösen, ästhetischen, politischen, lebensweltlichen, gesellschaftsphilosophischen. Sie stellen eine Kohorte von weitgehend a-sozialisierten ICHlingen dar. Ihre Identität ist das Resultat von Abbrucharbeiten an allen bis dahin verfügbaren Identitäten. Ihre Identität ist die Nicht-Identität. Für den ICHling gibt es keine gültigen Antworten mehr aus einem früher verbindlichen, linearen, festgefügten System mit den Werten der klassischen Moderne. Existentialist ist der ICHling nicht, Idealist ebenso wenig. Sicher weiß er nur eines: Er ist seine ICH-AG mit beschränkter Haftung für die entzauberte Gemeinschaft.
Er wurde in eine Welt geboren, in der alle Sehnsüchte bereits beantwortet waren. Wer in eine Welt geworfen wird, in der alles Bestand hat, fragt nicht danach, wodurch es Bestand hat, er lebt den Bestand. Der ICHling war niemals direkt angehalten, etwas für die Gesellschaft Relevantes zu schaffen. Er wuchs auf im Glauben, das Vorhandene nur annehmen und verwalten zu müssen. Dass er es gestalten muss, ist eine späte Einsicht.
Der ICHling glaubt an nichts mehr. Er glaubt an keinen verordneten Erlöser, an kein Heils-Versprechen mehr. Er ist säkularisiert bis zur spirituellen Ernüchterung. Er hat keine Karriere- und keine Lebensplanung. Er hat überhaupt keine Planung. Er hat kein übergeordnetes Ziel und keine Vision von einer besseren Zukunft, weil es besser als in seiner Jugend kaum werden kann. Sein Ziel ist die Verwirklichung seines Selbst, von dem er nur weiß, dass es an keine herkömmlichen Normen mehr rückgebunden ist. Das Politische offenbarte sich für ihn jenseits der Volksparteiendemokratie als unsystematisierter Ausdruck eines individualisierten Lebens- und Protestgefühls gegen das Schicksal. Er lebt in der unverschuldeten Halt- und selbstverschuldeten Haltungslosigkeit einer gierigen und lüsternen Sensationskultur ohne Sinn für wahre Sinnlichkeit.
Selbstvermarktung auf dem Totalboulevard
Kaum einen begründeten Zweifel gibt es an der Erkenntnis, dass die westlichen Industriegesellschaften spätestens seit den 1980er Jahren in einer Darstellungs-, exakter: Selbstdarstellungs-, am exaktesten: Selbstvermarktungsgesellschaft leben. Der Zwang zum Narzissmus äußert sich in gezielt stimulierter Profilneurotik: Superlativismus, Ruhmsucht, Gewinnerkult. Jeder hat die scheinbar freie Wahl zur Entscheidung über den Einsatz, die Darstellung und Verwertbarkeit seiner ICH-Aktie. Größer geht Freiheit nicht.
Anstrengender auch nicht. Der Einzelne ist Autor, Protagonist, Beleuchter, Ausstatter, Kostümbildner, Vertriebspartner und PR-Agent seines ICHs; er wirbt mit dem Gestaltungsrecht an seinem ICH auf dem freien Markt der sozialen Anerkennung. Daraus lässt sich das Muster einer Corporate Identity ablesen: die CI einer chronischen Dauererregung auf dem Jahrmarkt der postindustriellen Gesellschaft. Der Kampf um soziale Anerkennung wird in dem Maße härter, in dem Anerkennung an gesellschaftliche Leitwerte geknüpft ist, die Trias der Äußerlichkeit: Erfolg, Ehrgeiz, Erscheinung. Dem zeitgeistigen Subjekt muss es darum gehen, den Börsenkurs des eigenen Unternehmens in der Höhe zu halten. Intrapreneurship, das Prinzip Selbstverantwortung und Eigenrisiko des Einzelnen in der Körperschaft der Gesellschaft, ist die neue Unternehmenskultur des postmodernen ICH-AG-Betreibers, der, um seine Aktie richtig einzusetzen, am besten zum Star wird. Nie wurde einem das so leicht gemacht wie heute.
Der Star ist ein Marktphänomen. Er wird geboren aus der Kunst richtig gesteuerter Nachfrage. Star-Sein ist kein Ausweis des Genialischen, Überindividuellen, Spirituell-Entrückten mehr; es ist das Zerstreuungsangebot einer celebrity-gierigen Gesellschaft an sich selbst. Stars werden gefertigt auf dem medialen Fließband der Kultobjekte, deren Produzenten prächtig von ihrem Ruhme naschen. Letztere wissen, dass der gewöhnliche Deutschlandbürger müde ist, ohne Fama, ohne Legenden, ohne Hoffnung auf Erlösung. Der Vereinzelte hat erfahren, dass er austauschbar ist, von allem Übersinnlichen entkoppelt. Nach nichts sucht er mehr als nach einem höheren Sinn für seinen niederen Alltag. In der Konsumgesellschaft mit ihrem Narzissmus ist kaum etwas so auffällig wie die gewollte Inflationierung von Stars und Helden. Sind keine verwertbar genug, rufen die bunten Blätter in konzertiertem Einklang mit dem bunten Fernsehen aller Kanäle neue Helden und Stars aus, und wenn gerade keine unabkömmlichen Namen und Personen verfügbar sind, so rufen sie im mindesten das Bedürfnis nach ihnen aus, welches sie selbstredend sogleich mit Vorschlägen befriedigen. Die Helden der Entertainmentepoche sind berühmt, weil sie berühmt sind. Je berühmter sie sind, desto berühmter werden sie gemacht. Berühmt sein hat nichts weiter zum Inhalt und Ziel, als berühmt zu sein. Berühmtheit heute ist Berühmtheit um ihrer selbst willen. Schlichte Subjekte werden so zu ruhmvollen Dauer-Installationen in einer permanenten Vernissage der Eitelkeiten. Das ist Teil der kulturellen Evolution, die nach trial and error verfährt: Nichts ist berechenbar, keine Ordnung verbindlich. Man richtet sich in Intervallen ein, nicht mehr im Leben.
So lauten die Koordinaten im Herrschaftsbereich des totalen Boulevards.
Sehnsüchte im Wendekreis
Wenn bis zum heutigen Tage nicht alles täuscht, unterhöhlen die Exzesse des globalisierten Wirtschaftens das bewährte Koordinatensystem aus sozialem Frieden und politischem Bewusstsein. Eine Idee des Sozialen ist abhandengekommen, weil es erstens keine Ideen mehr gibt und sich zweitens das Soziale bis zur Unkenntlichkeit so ausdifferenziert hat, dass die Fragmente mit dem Ganzen einer umfassenden Idee gar nicht mehr zu einen wären. Soziale Gerechtigkeit ist der abgeräumte Traum einer auf Solidarität ausgerichteten Gemeinschaft, die Notlagen lindern, Bedürftigen in ihrer Mitte via Steuern Hilfe zukommen lassen sollte, nun aber hilflos den anschwellenden Bocksgesang der radikalen Individualisierung choreografieren muss.
Die Gesellschaft von heute ist eine postsäkulare Sinnsuchergesellschaft geworden, in der die exotischsten Knospen spiritueller Fantasien munter aufspringen. Wenn Säkularisierung die Überwindung des religiösen Denkens zugunsten von Staatsraison und positivem Recht bedeutete, so zeigt die postsäkulare Epoche jetzt eine Wiederauferstehung des Religiösen in all seinen Variationen an. Von einer Rückkehr der Religionen kann nicht gesprochen werden, weil sie nie verschwunden waren.
Die Einsicht, dass die Welt brüchig sein könnte, ist für den gelernten Wohlstandszögling jung. Der lange ungestört tobende Radikalindividualismus funktioniert nicht mehr. Die gedemütigten ICHlinge haben die Brüche wahrgenommen, das Ende der Berechenbarkeit und biegen, auf dem Zenit ihrer Selbstverwirklichung beregnet von weltwirtschaftlichen Gewittergüssen, nun in Richtung Rückraum ab. Sie beginnen zu fragen, wie man den Kapitalismus, der für sie selbstverständlich ist, an eine neue Form ziviler Gesellschaft rückbinden kann, und arbeiten, bewusst oder unbewusst, am Projekt der Bürgergesellschaft. Das weist sie als strukturell konservativ aus, denn ein Bürger im eigentlichen Sinne ist immer konservativ gesinnt, weil er sich gegen Verlust und Unsicherheit definiert, was Halt und Stellung gibt.
Ihre Utopieferne, die Absage an jede Theorie, die entintellektualisierte Lebenskleinheit, die Lust an der Aufstellung des eigenen ICHs als Kunstwerk im Trümmerfeld dessen, was einmal eine nationale Gemeinschaft war – all das deutet auf eine neue Form von Konservatismus hin. In ihrer phänomenalen Rat- und Leidenschaftslosigkeit sind die postmodernen Zöglinge des Boulevards die Gründungsmitglieder einer Neuen Bürgerlichkeit. Ihr Konservatismus ist bewahrend im eigentlichen Sinne. Er setzt auf das Erreichte, das es gegen die Zumutungen der Zersetzung zu verteidigen gilt. Er wird da politisch, wo es um die Bedingungen fürs persönliche Lebensglück geht.
Die Neubürgerlichen sind pragmatisch ohne Programmatik. Sie spüren die Sehnsucht nach einer Revision der in Systeme und Subsysteme zersplitterten Elementarteilchen-Gesellschaft, die mittlerweile so unübersichtlich geworden zu sein scheint, dass nichts mehr sie im Innersten zusammenzuhalten in der Lage ist. Ihre Antwort darauf ist die Reanimierung der Traditionen als Verfügungsmasse fürs subjektive Mosaik. Die Neue Bürgerlichkeit ist etwas Neues, das sich aus Altem bedient; in ihr zeigt sich das Gesicht einer Collage-Kultur, die zitiert, epigoniert, sich Moden unterwirft und Schätze hebt, wann und wie sie es für geboten hält: nicht, weil diese Schätze an sich unermesslichen Wert hätten und zur Anschauung der großen Vergangenheit dienten, sondern weil sie gut und gerne jetzt und hier zum derzeitigen Lebensgefühl passen. Die neubürgerlichen ICHlinge stehlen sich aus dem altbürgerlichen Traditionsbestand, was sie brauchen und in ihr je konkretes Leben integrieren können. Es ist ja keineswegs so, dass sie Bedeutung, Substanz und Anspruch in Bausch und Bogen ablehnen. Es ist ihnen schlicht egal. Sie verwerten brauchbare oder einfach schöne Traditionen. Zeremonien gelten wieder etwas, Rituale haben an Wert gewonnen. Alte Moden werden rückgeholt, weil neue Moden neuerdings das Alte brauchen, um neu zu sein.
Unbestreitbar ist, dass die neubürgerlichen ICHlinge das Bildungsbürgertum weder verachten noch bekämpfen wollen. Sie sind geschickter: Sie ebnen es ein, indem sie es aus seinen Verankerungen herauslösen und zur Verwertung freigeben. Sie neutralisieren seine Werte, indem sie sie den Gegenwerten gleichstellen. Als Manager ihres labilen und größenwahnsinnigen ICHs plündern die postmodernen Zöglinge den Fundus des Bildungsbürgertums, leben aber dessen Wesen nicht, weil sie es gar nicht können, weil ihnen das Pathos der Distanz fehlt, die Überlegenheit der Bildung, der Feinsinn des Philologischen, der universale Humanismus, die intellektuelle Bewusstseinsschärfung, das demutbringende Geschichtsverständnis, kurz: Es fehlt die metaphysische Substanz. Sie ignorieren das Klassische, weil ihnen nichts Überbrachtes mehr heilig ist. Bräuche werden zur Folklore und, vielleicht ironisch verwitzt, zum Stoff der Zitatkultur. Sie akzeptieren keinen Kodex, nur Kodierungen. Sie anerkennen Traditionen als Spielmasse ihrer erlahmten Fantasie. Willensfreiheit ist für sie die Freiheit, ihren Willen selbst bestimmen zu können. Sie üben Traditionsverrat und machen auf Neoromantik. Sie imitieren den Geist des Vergangenen, und weil sie ihn nicht reproduzieren können, ironisieren sie. Was ihnen schmerzlich mangelt, ist der heilige Ernst, da nichts mehr ernsthaft heilig ist und Ehrfurcht kein Wert an sich mehr. Das Spiel mit der Ehrfurcht ist bereits Teil der Entertainmentindustrie.
Pfade nach Utopia
Für die zur Selbsterstarrung individualisierten Passanten des Totalboulevards gilt es nun, nach den Abrissarbeiten der alten Kanones, eine neue, eigene kulturelle Tief- und Hochbaustatik zu entwerfen, einen Strauß an Selbstbestimmungen zu flechten, Haltungen zu finden. Vornehmheit und Zivilcourage sind durchaus edle, allerdings überlebte, letztlich zu klein geratene Hülsen der untergehenden Republik, die die Optionen des ICHlings nicht mehr zu fassen vermögen. Statt ihrer könnten drei andere (durchaus altmodische) Begriffe im Zentrum eines zeitgemäßen Ethos stehen: Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit, Demut.
Wahrhaftigkeit hieße, unbestechlich zu bleiben und auf der Grundlage des selbsterworbenen Wissens und der eigenen Reflexion ohne Rücksicht auf moralische Chiffren ein Urteil abzugeben, das beständiger und nicht nur zynischer Art ist. Vertrauen ist nur durch Wahrhaftigkeit möglich. Ohne Vertrauen zu sich und in die Funktionstüchtigkeit des Systems ist ein gutes Leben nicht führbar. Wahrhaftigkeit ist die Voraussetzung für ein gelingendes Leben im gesellschaftlichen Großraum.
Achtsamkeit hieße, den eigenen Raum im Großraum zu verteidigen, anderer Räume nicht zu verletzen und fremde Räume als gleichwertig zu respektieren. Das setzt die Fähigkeit zu Umsicht und Empathie voraus, eine Tugend, die für das Leben der globalisierten Zukunft unabdingbar sein wird. Die Westeuropäer leben in immer größeren, heterogeneren, sich verdichtenderen Städten, in denen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen der Erde auf engstem Raum einander begegnen und kulturell herausfordern. Das verlangt Einfühlung in das Verhältnis von Distanz und Nähe.
Demut meint die eingefühlte Ein- und nicht Unterordnung des erhobenen ICH und ermächtigten Selbst in eine größere Einheit und zeigt, ohne christlich-dogmatisch oder spirituell verbrämt zu sein, den Grad sozialer Kompetenz an, ohne die innerer und äußerer Friede nicht möglich sind.
Alle drei Begriffe zusammen bilden eine Basis für das, was dieser Tage am meisten zu fehlen scheint: Haltung. Wer Haltung hat, evoziert Respekt. Respekt gebiert Wertschätzung. Wertschätzung schafft soziale Anerkennung. Wer anerkannt wird, kann sich einfühlen. Wer einfühlt, lebt in Verantwortung. Ist das zu linear, zu einfach gedacht?
Nein. Täuschen alle Beobachtungen nicht, verlässt die Republik Dezimeter um Dezimeter ihre Achsen, und das Pendel schlägt, langsam, aber sicher, zur Antithese aus. Das Bedürfnis nach Langsamkeit und Länge, nach Substanz, Qualität, Tiefe und Authentizität scheint zu wachsen, die Sehnsucht nach geistiger Führung, nach Entwürfen und Ideen einer angemessenen Zukunft, nach Besinnung und Sinnlichkeit. Dies ist die Schnittstelle, an der die postmodernen Zöglinge sich aufzumachen haben, die neue Republik zu gestalten.
Sie dürfen die Deutungshoheit über die Res publica nicht mehr den Vertretern der alten Republik überlassen, nicht den altrepublikanischen Parteimenschen und nicht den jungen, den Jusos, Julis und Jungunionisten, nicht den Weichspülern der Generation Z, nicht den Dünnbrettbohrern und Schwätzern der Generation Golf. Jene, die sich in Feuilletons oder Büchern äußern, sind derzeit ja zumeist Befindlichkeitsprosaiker. Da geht es um Geschmack und Stilformen. Um Anliegen geht es nicht.
Kritische Köpfe von heute aber müssen ein Anliegen haben. Sie müssen Grundsätze verhandeln. Grundsätze sprechen. Grundlegende Sätze. Sie müssen klären, welche Gesellschaft sie wollen, unter welchen Bedingungen, auf welchen kulturellen Grundlagen. Das Problem-Tableau der nahen Zukunft ist hinlänglich bekannt: die Unfinanzierbarkeit des Sozialsystems, die biotechnische Retuschierung des herkömmlichen Menschenbildes, die fortschreitende Verrationalisierung, die Herrschaft der Oligopole, das Verschwinden alter Traditionen bei gleichzeitigem Ausbleiben neuer Schmierstoffe. Die Bevölkerung schrumpft, die Lebenserwartung steigt, die Gesellschaft überaltert, Nachwuchs fehlt, und wir stehen vor der Frage, welche Risiken und Lasten die Gemeinschaft, welche der Einzelne tragen soll. Wie also deklinieren sie „gelingende“ Gesellschaft? Wie definieren sie Solidarität? Was heißt für sie soziale Gerechtigkeit? Was Gleichheit? Wo beginnt, wo endet das Leben? Was ist „gutes“ Leben? Kurzum: Können sie, die an die Schaltstellen der Republik drängen, ihr Herz in die Waagschale werfen, oder gefallen sie sich – eine Krankheit, die freilich zum Tode führt – in ihrer romantisch umflorten, wohlfahrtsstaatlich noch immer halbwegs abgesicherten Ratlosigkeit?
Die unbehausten und verstoßenen ICHlinge, diese geschichtsneutralen Boulevardpassanten in der zwangsnarzisstischen Epoche, die ein routiniert-entseeltes Verhältnis zum Dritten Reich haben, die kriegsschadenfrei sind und vom Wohlstandsversprechen getäuscht, sie müssen mit Fug und Recht zu Kulturkritikern in eigener Sache werden – nicht ideologisch, nicht affirmativ, sondern mit geneigter Sympathie und wohlwollender Zuversicht. Ein Appell an Kulturkritik im Sinne der postmodern verorteten Neuen Bürgerlichkeit ist ein Plädoyer fürs kritische Bewusstsein, für Selbst-Denken und Selbst-Handeln. Das bestehende System soll ja keineswegs gebeugt, aus den Angeln gehoben, durch ideologische Modelle ersetzt oder als Spielwiese für hypertrophe Fantasien begriffen werden; sie brauchen den Staat für unsere Zukunft, wie der Staat sie für seine braucht. Ihre Aufgabe wird sein, aus dem Heterogenen eine neue Reflexionskultur zu schöpfen: den Anderen mit einbeziehen, das Andere verstehen, vom Anderen lernen. Sie haben Think-Tanks zu bilden und eine Idee von Bildung zu kreieren, welche nicht in der massenhaften Anhäufung und Reproduzierbarkeit kurzlebiger Fakten bestehen kann. Bildung muss die bildnerisch-ästhetische, die eigengeistige, die auto-poetische Durchdringung der Wirklichkeit sein, mit seelischer und leibhaftiger Hingabe an das dicht verfugte oder aus den Fugen geratene Leben.
Sie, in Wohlstandskultur und Sehnsuchtslosigkeit, auf dem Totalboulevard und in der Mehrdeutigkeit erzogen, sind nun aufgerufen, mit Ideen und Projekten so etwas herzustellen wie den öffentlichen Geist. Die Res publica – die Sache, die uns alle angeht. Sie haben der zersplitterten Wirklichkeit einen Entwurf entgegenzuhalten. Dem neuen Halt muss die Haltung folgen. Sie haben sich zu finden, zu diskutieren, sich zu verständigen und zu formulieren. Sie haben interdisziplinär zu reflektieren und diszipliniert zu handeln. Sie haben eine Streitkultur zu entwickeln, Salondebatten, Gesprächskreise, Foren und Themenabende zu etablieren, wo die Dreißiger unterschiedlichster Art zusammenkommen: Astrophysiker, Gentechniker, Psychotherapeuten, Luft- und Raumfahrttechniker, Werbegrafiker, Feuilletonisten, Verlagslektoren, Scheidungsanwälte, Kulturwissenschaftler, Umweltschützer, Wirtschaftsinformatiker, Moraltheologen, weiblich wie männlich. Sie haben nach einem kohärenten Weltbild zu suchen und Erkenntnisse zur Diskussion zu stellen. Und auch wenn das Ergebnis kein Manifest oder Communiqué füllt, so werden die Redakteure unter ihnen die Ideen in Themen umsetzen, die Wissenschaftler unter ihnen entsprechende Forschungsanträge formulieren, die politisch Aktiven unter ihnen die Haltungen in Parteidiskurse tragen können.
Morgenröte
Die Generation der Ungenerierten hat Erhebliches zum Wohl der Gesellschaft beizutragen. Sie hat Kraft, Geist und Lust. Sie hat den Mut der Verzweifelten, die Bescheidenheit der Ratlosen, die Klarheit der Ernüchterten, die Freiheit der Unbelasteten. Sie kann den Wandel gestalten. In summa, da ist sich der postmoderne Zögling, der den Vorwurf der wohlfeilen Weltfremdheit vorausahnt, durchaus sicher: Ein bisschen mehr Lob des Müßiggangs und Erziehung zu Muße wäre nie verkehrt, ein bisschen mehr von jenem Geist, aus dem heraus Bertrand Russell einst träumte: „Wie schön müsste es in einer Welt sein, wo niemand an der Börse handeln dürfte, der nicht ein Examen in Volkswirtschaft und griechischer Dichtung abgelegt hat, und in der die Politiker gezwungen wären, über angemessene Kenntnisse der Geschichte und modernen Literatur zu verfügen.“