Nummer 13, Frühjahr 2007                                   


                                                                                                                                                          
 

Marginalie

Melancholie: Macht Denken traurig?

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Von Hans-Willi Weis

Melancholie hat Konjunktur. Diese Feststellung zielt freilich einmal nicht auf die genug beklagte Miesepetrigkeit der Deutschen, die teutonische Gemengelage aus „German Angst“ und einem apokalyptischen Tunnelblick, der die Zukunft nur als ein riesenhaftes schwarzes Loch wahrnimmt.
Nicht um einen humoralpathologischen Befund der trivialen Art handelt es sich, nein: Von Edlerem soll die Rede sein, nämlich davon, was als Besonderheit ihres seelischen Säftestroms noch allen Dichtern und Denkern zur Zierde gereicht.
Der diskrete Charme der Melancholie, ein dezenter Stich ins Schwarzgallige darf als Lackmustest des Genies gelten, als psychischer Fingerabdruck von Geistesgrößen jeglicher Kategorie, wie es der Stammvater der denkenden Zunft, Aristoteles, einst verlauten ließ. Während sich die anderen Flüssigkeitszustände der aufs Gemüt bezogenen antiken Säftelehre – der cholerische, der sanguinische und der phlegmatische – nach einem wie auch immer gearteten Schlüssel auf die übrigen Gewerbe oder Berufsgenossenschaften verteilten, massiere sich der melancholische Zustand konstant am intellektuellen oder geistigen Pol einer Population. Weshalb alle hervorragenden Männer, sei es in Philosophie, Dichtung oder Staatskunst, sich von je her als Melancholiker erwiesen hätten. Ein edler Trübsinn als seelischer Humus, auf dem allein etwas von Rang und für die Ewigkeit gedeiht.

Melancholie hat Konjunktur heißt ein aktuelles Interesse am Thema Melancholie konstatieren, an ihrem exquisiten Phänotyp. Der Blick ins Leere, ein in die Hand gestütztes Kinn oder ein schief gelegter Kopf (den von Oskar Lafontaine einmal beiseitegelassen), dies sind die ikonographisch wirksamen Ausdruckshaltungen auf Melancholiker-Porträts, wie sie in der Ausstellung „Melancholie, Genie & Wahnsinn in der Kunst“ im Frühjahr 2006 in der Berliner Nationalgalerie zu sehen waren. Wobei das maskuline Genus, Melancholiker, durchaus nicht nur in Fortsetzung der antiken Überlieferung und trotz Dürers Melencolia angebracht ist: Die Exponate zeigen vornehmlich Bildnisse junger Männer, schöne und anmutige Jünglinge, welche jene Posen einnehmen. Ohne dass übrigens erkennbar wäre, ob es sich um ein erst noch zu entdeckendes oder schon verkanntes Genie handelt. In letzterem Falle wäre die melancholische Signatur gleich zweifach gerechtfertigt. Auf alle Fälle, so würde man fürs Erste vermuten, sollte hier nicht die Alltagstristesse einer BRD-typischen „Generation Golf“ und ihrer Nachfolgermodelle porträtiert werden . Oder doch? Schließlich hatten es die Ausstellungsmacher gerade auf zeitgeistige Anmutungen und Assoziationen abgesehen. Mehr noch: „Unsere Kernthese ist“, so der Kurator der Ausstellung im Interview, „dass das 21. Jahrhundert das melancholischste Jahrhundert aller Jahrhunderte werden wird.“ Demnach hätten wir in Zukunft mit einem schier epidemischen Wachstum des melancholischen Temperaments innerhalb unserer Gesellschaft zu rechnen, mit einer Demokratisierung der schönen Schwermut und dem bald massenhaften Auftreten schiefgelegter Köpfe.

Damit wird die Angelegenheit nicht nur für Trendforscher, Soziologen und Psychologen interessant, sondern für jedermann und jede Frau, die als Zeitgenossen der Wissensgesellschaft auf kreatives Denken und Einfallsreichtum angewiesen sind. „Wir definieren die Melancholie gar nicht so sehr als Stimmungslage, sondern eher als einen Operationsmodus des menschlichen Bewusstseins“, so noch einmal der Kurator der Berliner Ausstellung. Und weiter: „Es gibt ja zwei Möglichkeiten für das menschliche Bewusstsein, sich zu verhalten, entweder es schenkt seine Aufmerksamkeit der Wirklichkeit außer sich oder es schenkt seine Aufmerksamkeit eher seiner eigenen Wirklichkeit. Ich glaube, das ist etwas ganz entscheidendes bei der Melancholie, diese Umschaltung von Fremdreferenz auf Selbstreferenz. Melancholiker sind Menschen, die sich in gewisser Hinsicht von ihrer Wirklichkeit abkoppeln, sich verstärkt mit sich selbst beschäftigen, ihre eigene Realität in ihrem Kopf bauen und dadurch sehr viel an Freiheit hinzugewinnen, auch an phantastischer Kreativität. Dabei natürlich Gefahr laufen, zum einen in einer Beschäftigung mit sich selbst zu versinken, die hoffnungslos ist, und dann wirklich in einer Stimmung namens Melancholie endet, die allerdings auch Gefahr laufen können, jeglichen äußeren Maßstab zu verlieren und dem Wahnsinn anheim zu fallen.“ – Man darf also gespannt sein, worauf es am Ende hinausläuft. Einmal unterstellt, die Realität stimmt mit diesen Koordinaten halbwegs überein: eine womöglich mehrheitlich von melancholisch veranlagten Narzissten dominierte Gesellschaft, die deren Selbstbezogenheit der Kreativität wegen umso bereitwilliger akzeptiert und legitimiert, als sie sich selbst um ihres Überlebens willen zur Kreativität verdammt glaubt. Nach welcher Seite wird sich die vom Kurator beschriebene labile Kippvorrichtung der melancholischen Stimmungs- und Bewusstseinslage eher neigen: zum vielbeschworenen Feuerwerk der Ideen und Innovationen oder mehr nach der Seite einer nivellierten Single-Tristesse, mit vereinzelten, aber gehäuften Ausreißern ins Pathologische, in die Depression eines „erschöpften Selbst“ (der französische Analytiker und Sozialpsychologe Ehrenberg)?

Aber eine so triste Aussicht auf eine triste Gesellschaft soll uns an dieser Stelle nicht weiter beschäftigen. Die Konjunktur der Melancholie lässt sich auf andere Weise und anderswo beobachten. Zudem ausgesprochen niveauvoll und ohne dass Autor wie Leser gleich in Trübsal verfallen. Wie eine Gratisbuchung aufs Konto der Melancholiekonjunktur konnte man beispielsweise im vergangenen Herbst die Friedenspreisvergabe des Deutschen Buchhandels an Wolf Lepenies auffassen. Seit seinem vielbeachteten Erstling Melancholie und Gesellschaft gilt er unter Kulturwissenschaftlern als die erste Adresse in Sachen (nicht-medizinischer) Melancholieforschung. Speziell ins Visier genommen hat er dabei die Intellektuellen, die von ihm so genannte „klagende Klasse“. Und just aus deren heiligem Bezirk, aus der angeblich vom Aussterben bedrohten Gattung der Großintellektuellen, erfolgte dann Ende des vergangenen Jahres der bislang jüngste Konjunkturaufschwung des Themas Melancholie. Abzulesen an oder besser: abzulauschen einem Rauschen im Feuilleton beim Erscheinen eines kleinen aber feinen Büchleins des Literaturwissenschaftlers, Übersetzers und Intellektuellen alter Schule George Steiner (Jahrgang 1929). Man tritt dem Verfasser nicht zu nahe, wenn man von einem Aufklärungsbüchlein in puncto Melancholie spricht, denn es könnte Aufschluss geben darüber, so sein Titel, Warum Denken traurig macht.

Bei George Steiner fällt als Erstes auf, dass er Ursache und Wirkung austauscht. Ihn interessiert nicht das melancholische Temperament als Springquell des Dichtens und Denkens, als Ursprung von Genie und Geistesblitz. Jetzt verhält es sich andersherum: Das Denken wird zur Ursache von Traurigkeit. Überflüssig zu sagen, dass der Meisterdenker Steiner mit dieser Richtungsumkehr nicht auf eine „Anleitung zum Unglücklichsein“ à la Watzlawik hinausmöchte. Für einen nur humoristischen Weltblick durch die konstruktivistische Brille sind Denker seines Kalibers schon zu melancholisch. Was wiederum, dialektisch gedacht, alles andere als von Nachteil ist, da man dem melancholischen Gemüt am ehesten jene Gedankentiefe zutraut, die aufgeworfenen Fragen auch mit dem gehörigen Tiefsinn zu beantworten.

Zunächst zur Frage zurück: Warum macht Denken traurig? Macht es überhaupt traurig? Ein Vertreter der kognitiven Verhaltenstheorie und -therapie, dem gute Erfolge in der Behandlung von Depressiven nachgesagt werden, würde darauf wahrscheinlich die salomonische Antwort geben: kann sein, muss aber nicht. Denn in der Tat kann sich jemand durch eine falsche Selbstzuschreibung (die Psychologen sprechen von „Attribuierung“) selber ein unglückliches Bewusstsein einbrocken. Etwa indem ein paar negative Erfahrungen gedanklich mit einer monströsen Verallgemeinerung versehen werden, beispielsweise „Ich bin der ewige Verlierer“. Wer derartige Fehlschlüsse im Denken unterlässt und folglich nur logisch richtige Gedanken denkt, den macht dieses sein Denken auch nicht depressiv oder traurig. Aber derlei Ratgeber-Kamellen rangieren unterhalb der Mindesthöhe des philosophischen Nachdenkens über den Ursachenzusammenhang von Denken und Traurigkeit.

Daher noch einmal zu der Frage, warum Denken traurig macht. Die Steiner’sche Antwort lautet sinngemäß: weil es nicht hält, was es verspricht. Seine Beweisführung in zehn Punkten entlarvt die Ohnmacht des Denkens angesichts der ihm üblicherweise zugeschriebenen Macht und der immer wieder an seine Resultate geknüpften Erwartungen. Uneingelöste Versprechen, wohin man sieht. Allein schon indem er sich das Etikett homo sapiens an die Brust heftet, habe der Mensch die Messlatte so bedenklich hoch gelegt (was „weiß“ er denn schon, der nackte Affe?), dass kaum etwas anderes als ein melancholisches Scheitern dabei herauskommen kann. – Ich nehme im Folgenden einige der Anklagepunkte in diesem gegen das Denken angestrengten Prozess kurz unter die Lupe und halte im Falle einer gewissen Berechtigung des Schuldspruchs noch Ausschau nach einer Art Bewährungshilfe für den Delinquenten, das schuldiggewordene Denken.

Unter den Nüssen, die das Denken zu knacken verspricht, zählt die Wahrheitsfrage gewiss zu den härtesten. In jeder Antwort steckt denn auch der hartnäckige Zweifel, der genauso ein Produkt des Denkens ist wie die von ihm gleich wieder in Frage gestellte Gewissheit. „De omnibus dubitandum est“, lesen wir bei Spinoza, eine Aufforderung zum Generalverdacht gegen Gewissheitsbehauptungen. Die gesamte Philosophie- und Denkgeschichte: ein totes Rennen, ein einziges Hase-und-Igel-Spiel zwischen Gewissheit und Zweifel? So kann man es sehen, und den Melancholikern unter den Denkern verdüstert sich das Ganze gleich unwiderruflich in diesem Zwielicht. Was ist Wahrheit?, fragte Pilatus und behielt als der melancholische Dritte zwischen zwei miteinander im Streit liegenden Heilsgewissheiten, derjenigen des Traditionalisten Kaiphas und der des Revolutionärs Jesus, mit seinem Skeptizismus gewissermaßen das letzte Wort.
Aber muss das, so möchte ich fragen, ein Grund für Melancholie sein? Sollten wir nicht umgekehrt froh sein, dass uns das Denken selber davor bewahrt, in seine eigene Sicherheitsfalle zu gehen? Wie viel absolute Wahrheit wäre im menschlichen Zusammenleben überhaupt zu ertragen? Man braucht sich nicht erst die Amokläufe diverser Wahrheitsfanatiker vor Augen zu führen, um in einem immer schon eingebauten Zweifel und Vorbehalt eine durchaus erfreuliche Einrichtung zu sehen.
Ein anderer Punkt, ein weiteres Manko, welches der Autor der Klageschrift Warum Denken traurig macht dem Denken ankreidet. Wir wissen zwar, was wir selber denken, wir kennen aber nicht immer auch die Gedanken der andern. Sie teilen uns diese vielleicht mit, aber können wir sicher sein, dass sie uns nicht ein X für ein U vormachen? Auch diese Unzugänglichkeit stimmt den Verfasser traurig. Der Gipfel der Ungewissheit: Noch auf dem vermeintlichen Höhepunkt an Intimität ist gedankliches Versteckspiel nicht ausgeschlossen. Für den Fall, dass zwei Körper sich vereinen, während die beteiligten Gedanken und Phantasien bei ganz anderen Personen verweilen, wäre also, so ergänzen wir, statt der biblischen Wendung „und sie erkannten einander“ eher ein „ sie verkannten einander“ im Spiel. Akut Betroffene mag dies traurig machen. Ansonsten allerdings möchte man fragen: Na und? Wäre etwa der gläserne Mensch eine Alternative? Können wir uns wünschen, unserem Nächsten unter die Schädeldecke zu blicken? Weshalb also den inkriminierten Mangel des Denkens nicht als Entlastung begreifen? Wo wir schon oft genug den wohl- oder übelmeinenden Reden mancher Zeitgenossen ausgesetzt sind: Kommt es da nicht einer Gnade gleich, dass wir uns nicht auch noch ihren Gedankensalat zuführen müssen?

Dann aber taucht in Steiners Checkliste das Kultobjekt der klassischen Melancholietheorie, das Genie, wenigstens einmal auf. Wenn er es in den Mängelkatalog des Denkens aufnimmt, interessiert ihn wiederum nicht der melancholische Ursprung des Genies, vielmehr konzentriert er sich in entgegengesetzter Richtung auf eine traurigmachende Konsequenz aus dem genialischen Höhenflug. „Das Genie kennt keine Demokratie“, und es gebe auch „keinen pädagogischen Schlüssel zur Kreativität“. Das „Missverhältnis zwischen großem Denken, großer Schöpferkraft und den Idealen sozialer Gerechtigkeit“ liefere einen zusätzlichen Grund zur Melancholie.
Abermals lässt sich eine Gegenrechung aufmachen. Um gelehrte Werke ebenso wie große Kunst zu schätzen und zu genießen, müssen wir uns sagen können: Das ist kein Kinderspiel, das kann nicht jeder. Kurz, Kontrast muss sein, und mit sozialer Gerechtigkeit hat dies, mit Verlaub, recht wenig zu tun.

Nun noch zur dicksten und härtesten Nuss, einer doppelten Nuss, die das Denken zu knacken hat: dem Rätsel des Nichtseins oder des Todes und dem Geheimnis aller Geheimnisse oder der Königin der Ungewissheiten, nämlich ob Gott existiert oder nicht. Glaubt man dem Finale der Anklageschrift gegen das Melancholie-Denken, so hat es sich an dieser Zwillingsnuss seit zweieinhalb Jahrtausenden die Zähne ausgebissen und steht seither zahnlos da. Es bleibe, so das Steiner’sche Lamento, „die erdrückende Tatsache, welches Format, welche Intensität, das Denken auch habe, welche Sprünge über Abgründe des Unbekannten es auch macht (...), dem Erfassen seiner primären Objekte kommt es dadurch nicht näher. Wir sind einer nachprüfbaren Lösung des Rätsels unserer Existenz, wir sind einer Antwort auf die Frage, ob der Tod endgültig ist oder nicht, ob es Gott gibt oder nicht, keinen Zoll näher gekommen als Parmenides oder Platon (...).“
Dieser resümierende Rundumschlag ist nun in der Tat niederschmetternd. Kann man bei Steiners sonstigen Argumenten statt der pessimistischen Perspektive mit ebenso viel Recht die optimistische einnehmen, sich von der Seite der Melancholie auf die der Heiterkeit schlagen, so scheint der Perspektivenwechsel hier, wo es gewissermaßen ans Eingemachte geht, unmöglich.

Holen wir ein wenig aus. Der einstige „Alleszermalmer“ Kant sprach zwar ebenfalls dem Denken jede Kompetenz in Gottesbeweisen ab, als Aufklärer und mithin „Aufheller“ vermochte er indessen die Sache noch einmal so zu drehen, als habe er dadurch der Frohbotschaft des Glaubens erst wirklich Raum zum Atemholen verschafft. Wem später dennoch die Luft ausgegangen ist und der Glaube als Muntermacher nicht länger zu Gebote steht, für den bleibt freilich weiterhin die Frage: Wie soll man, zumal als denkender Kopf, an der fraglichen Stelle der Melancholie entrinnen? Zu sagen „Gott ist tot“ und die Fröhliche Wissenschaft zu propagieren, ist keine Lösung; „mit dem Hammer philosophieren“ wie Nietzsche scheidet schon wegen der Kollateralschäden aus.
Und was ist mit dem Trost der Musik, von dem sich der Melancholiker Steiner Linderung seines Leidens am Denken verspricht? Dass es eben doch nur ein Trost und keine Medizin sei, müsste man antworten.

Darum nochmals: Woher könnte die Aufheiterung des Bewusstseins kommen, nachdem an den Knackpunkten unserer Existenz das Denken versagt und der Glaube ausfällt und auch sonst kein Notstromaggregat anspringt? Vielleicht sollte man dazu dem Problem, wenn man so will, psychologisch zu Leibe gehen. Wie wäre es, wenn sich das in der Gefahr des Melancholischwerdens stehende Denken selbst ein kognitives Verhaltenstraining verordnete? Und zwar in zwei Schritten.

Schritt eins. Der Denker, die Denkerin konfrontiert sich mit der Frage: Ist das Ergebnis, dass das Denken im existenziellen Ernstfall an seine Grenzen stößt, in jeder Hinsicht bedauerlich? Dass das Denken seine Grenzen erkennt, erscheint ja alles andere als selbstverständlich. Bis dahin braucht es eine Weile. Offenbar bedurfte es eines Parmenides und Platon und der übrigen Häupter der Metaphysikgeschichte, um einem quasi naturwüchsigen Denken die Flausen, die Illusionen und die Vermessenheit auszutreiben. Und jeder neue Erdenbürger, der etwas auf sein Denken hält, wird diesen Läuterungsprozess noch einmal im eigenen Kopf durchlaufen. Die Defizitanzeige gilt es also gleichzeitig als Spitzenleistung festzuhalten – und zu feiern. Die endlich gewonnene Einsicht in die Begrenztheit des Denkens müsste eigentlich ein Grund zum Optimismus sein und – zum Loslassen an jenen Stellen, an denen Denken, nach wiederholtem Versuche, nicht weiterführt. – Wem nun hier bloß die negative Zuschreibung einfällt, wer die bleibende Ungewissheit in den letzten Dingen eher als Scheitern bewertet, dem fällt gerade dies Loslassen schwer.

Deswegen der zweite Schritt. Loslassen, aber wie? Nach der kognitiven Korrektur wäre die Integration ins Verhalten an der Reihe. Es könnte mit einer Preisfrage beginnen: Warum lächeln die Buddhas in Thailand oder anderswo so selig? Weil sie dickbäuchig und wohlgenährt sind? Oder weil sie uns die wunderbare Leichtigkeit des Seins vor Augen führen, sobald es gelingt, das Denken loszulassen, an der rechten Stelle und zum richtigen Zeitpunkt? Sie sind die Ikonen des heiteren Gemüts und hellen Geistes, nachdem die Unruhe des Denkens, diszipliniert und im wörtlichen Sinne, ausgesessen ist. Die Rastlosigkeit eines Denkens, das vielleicht noch in die Tiefe, aber nicht mehr weiter führt. Also: Warum nicht bei ihnen in die Schule gehen, warum nicht von jenen Meditationspraktiken das gewünschte Loslassen des Denkens lernen?
Warum nicht zur Weisheit des Ostens greifen, wo die westliche mit ihrem Latein am Ende ist? Das wäre kein Exotismus, sondern einfach nur intelligent. Nachdem Denken und Vernunft die ihnen möglichen Antworten gegeben haben, wir allerdings mit Wittgenstein feststellen müssen, dass damit die eigentlichen Herausforderungen unserer Existenz nicht einmal annähernd beantwortet sind, und der Lösungsvorschlag von Alvater Kant wegen des modernen Unvermögens zum naiven Glauben ebenfalls ausscheidet – nach alldem ist es für denkende Menschen sicher klüger, statt wie Trauerklöße in der Schwermut zu versinken sich der seelischen Aufheiterungstechniken einer Bewusstseinskultur zu bedienen, die an Systematik und Raffinesse die abendländische Reflexionskultur eher übertrifft.

Auch George Steiner streift in seinem Büchlein die Kunst der Meditation und rühmt ihren Nutzen für die Konzentration beim Denken, das so oft ziellos und chaotisch dahintreibt. Doch ehe er noch die Schwelle zum interkulturellen Dialog betritt, wirft der eingefleischte Melancholiker auch schon wieder die Flinte ins Korn mit dem Terminator-Argument, dass Denken nun einmal die Leere flieht und sich so wenig anhalten lässt wie das Atemholen. Was soll man dazu sagen, außer dass er weder der Erste noch vermutlich der Letzte in der Riege abendländischer Denker ist, der vor der Probe aufs Exempel kopfscheu wird und sich so möglicherweise von einer entscheidenden Erfahrung abschneidet. Der Witz bei der Sache ist ja nicht, wie Steiner meint, dass die Meditationsübung zu konzentrierterem und fokussierterem Denken verhilft (das tut sie auch). Die Pointe liegt darin, dass ein durch sie eingeübtes und habitualisiertes Loslassen des Denkens eine zweite Aufklärung und Aufhellung, d.h. zuzüglich zur kognitiven im vorangehenden Schritt, bewirkt, diesmal mit seelischer Tiefenwirkung.

Ziehen wir ein Fazit. Macht Denken traurig? – Von einmal wirklich traurigen Gegenständen abgesehen: nein, sofern man es nur geschickt genug anstellt. Die nötige Könnerschaft ist nicht so sehr eine des Denkens als vielmehr des Nicht-Denkens. An der richtigen Stelle und im richtigen Augenblick. Was so viel heißt wie: da, wo das Denken beim besten Willen zu keiner Gewissheit mehr führt, und nicht bevor es sich zu dieser äußersten Grenze vorgearbeitet hat. Wer hier und jetzt das Denken loslässt, hat eine reelle Chance, Denken und Heiterkeit unter einen Hut zu bekommen, nach allen Regeln der Kunst denken zu können und gleichzeitig den Seelenfrieden zu wahren. Wem es hingegen nicht gelingt, das Denken herunterzufahren, hat ein Problem. Es ist, als müsste das Denken immerfort da weitermachen, wo es nicht weitergeht. So entsteht das traurige Gefühl, als ob etwas sehr grundsätzlich mit uns nicht in Ordnung wäre. Und was tun, wenn so das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist? Wenn das Denken tatsächlich zum Schuldigen geworden ist, weil sein Versäumnis, sich zurückzunehmen, den Denker in Melancholie stürzt? Selbst dann empfiehlt sich sozusagen als Bewährungshilfe noch immer die Loslassübung oder das gedankliche Exerzitium in der Stille.
Obwohl hier immer noch die Regel gilt: Vorbeugen ist besser als Heilen.