Nummer 12, Winter 2006/2007                               


                                                                                                                                                            
 

Marginalie

Müssen wir vor Männern in Anzügen
Angst haben?

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Von Eva Herold


Aber dieser korrekte dunkle Anzug – gab es einen Anzug von üblerer Vorbedeutung?
(Celia Fremlin, Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?)

Neulich, es ist ein milder Herbstnachmittag, trotte ich mit meinem alten Hund den üblichen Spazierweg entlang, da zischt jemand vorbei, und eine Bugwelle von Aggression brandet an – ungefähr so, als hätte ich auf der Autobahn nicht schnell genug die Überholspur freigegeben, sobald ein BMW mit aufgeblendetem Fernlicht heranrauscht. Bevor ich noch (mental) den Mittelfinger ausstrecken kann, geschieht etwas Überraschendes: Der Zischer, ein Radfahrer um die dreißig in Anzughose und auf Hochglanz geputzten Schuhen, tritt vorne beim – kinderleeren – Kinderspielplatz plötzlich auf die Bremse, springt ab, parkt das Fahrrad, lehnt seine teure schwarze Aktenmappe dagegen und beginnt, hektisch die Arme nach oben zu reißen, abwechselnd den linken und den rechten. Ich schaue fasziniert zu, bis ich begreife: Momentchen, das sollen Dehnungsübungen sein! So unlocker, wie der Typ die macht, holt er sich allerdings höchstens eine ausgekugelte Schulter. Sollte ich ihm empfehlen, seinen Trainer zu wechseln? Aber womöglich, überlege ich, lenkt ihn ja Schmerz ein wenig ab von der Wut, die ihn so offensichtlich quält.

Kopfschüttelnd gehe ich weiter, und mir wird bewusst, dass ich bisher viel zu selten über das Aggressionspotenzial von Männern in Hosen mit Bügelfalten nachgedacht habe. Das war vielleicht ein Fehler. Denn das sind schließlich genau die Knilche, die mir den Kredit verweigern, wenn ich auf der Bank ausnahmsweise mehr will als die üblichen überhöhten Gebühren abdrücken. Die mir im Fernsehen erzählen, dass es gegen Gammelfleisch leider gar keine besseren Kontrollen gibt, dass die Bevölkerung durch die Panne im AKW zu keinem Zeitpunkt gefährdet war und dass Benzin vor den Ferien teurer werden muss, weil die Weltlage zufällig immer dann ganz mies aussieht – was sich natürlich auf das Ölgeschäft auswirkt, nicht wahr. Deshalb ziehen auch gleich die Strompreise an, sagen die Anzugheinis mit derselben ernsten Miene, mit der sie sonst verkünden, dass schon wieder ein Krieg „ausgebrochen“ ist.

Nun werden Sie einwenden: Die Verbrechen der Macht haben doch nichts mit dem Dresscode zu tun! Ach ja? Natürlich gibt es neben all den Nieten in Nadelstreifen und Arschlöchern in Armani feine ältere Herren, die einen Anzug tragen, weil sie’s nicht anders kennen, und die in egal welchen Kleidern das WahreGuteSchöne verteidigen würden. Und selbstverständlich kennen wir jüngere Wendehälse, denen weder in Jeans noch im Dreiteiler zu trauen ist, Joschka Fischer ist da ein hübsches Beispiel. Auch richtig ist, dass einige der gefährlichsten Männer der Welt Röcke tragen: die Taliban, der Papst, Mullahs, Ölscheichs, Condoleezza Rice ... Aber ich will mir hier ganz normale weiße, westliche Anzugträger näher anschauen. Nicht die Ackermännchen und auch nicht ihre bösen Brüder aus der Rüstungs-, Energie- oder Pharmaindustrie, sondern nur die auf den Ebenen darunter.

Aber hör mal, gibt meine Schwiegermutter zu bedenken, das ist eben so, wenn man erwachsen wird. Da wächst man rein. Genau!, erwidere ich: Diese Art von „erwachsen sein“ interessiert mich. In eurer Generation sind die belastbaren, anpassungsfähigen und nicht ganz dummen Jungs in die SS-Uniform „reingewachsen“. In unserer Zeit machen sie mit solchen Eigenschaften zum Beispiel bei einem dieser überregionalen Unternehmensberater Karriere, deren Uniform das gute Tuch ist. Ich habe die Kerle in Aktion erlebt, wie sie durch das Verlagshaus schwärmten, für das ich damals arbeitete. Alle zitterten vor ihnen, von der Sekretärin (inzwischen müsste man wahrscheinlich Assistentin sagen) bis zum Chef vom Dienst. Ich war zu jung, um Schiss zu haben, aber das Ende vom Lied war, Sie ahnen es: Die Abteilung, die mir Aufträge erteilte, wurde aufgelöst. Hat lange gedauert, bis ich wieder etwas Ähnliches gefunden habe, in der Werbung (oder glauben Sie, man kann von Artikeln wie diesem hier leben?).

Viel später erst erfuhr ich von den sektenartigen Strukturen, in die solche Rationalisierungs-Schwadronen gepresst werden, damit sie ihre seelenlosen Schandtaten überhaupt durchziehen können – denn wer nicht mithält, fliegt selbst, schneller als er „dieser Bereich des Unternehmens arbeitet unproduktiv“ sagen kann. Die Anzüge, die sich so jemand für den Job gekauft hat, kann er dann bei den nächsten Vorstellungsgesprächen anziehen und später als GEZ-Spitzel noch eine Weile auftragen mit dem Gefühl, „dazu“zugehören. Hm. Wozu gehört er denn eigentlich? Wenn man’s genau nimmt: zu jener Schicht „überflüssiger“ junger Männer, die früher in Kriegen „verheizt“ wurde (nicht meine These; unser Dick-Denker Sloterdijk hat sie gerade wieder im „Philosophischen Glashaus“, oder wie seine Fernseh-Talkshow gleich wieder heißt, ausgebreitet). Heute dienen sie „der Wirtschaft“: Männer, die (im besten Fall) nichts tun oder produzieren, was irgendjemand braucht. Vielleicht sind sie deshalb so wütend.

Man findet sie überall, in der Verwaltung, an der Börse, bei Fernsehsendern, in Werbeagenturen und natürlich in den Mischkonzernen, denen Waschmittel, Modelabels und Zeitungen gehören. Sie halten eine Maschinerie von aufgeblasenen Nichtigkeiten am Laufen und gehen am Ende des Monats mit einem hübschen Sümmchen nach Hause. Sie können keinen Nagel in die Wand schlagen, aber überteuerte Mieten zahlen und mit albernen Fotohandys herumspielen und sich spritfressende SUVs kaufen und Flugreisen in Gegenden der Welt, wo man sich noch wünschen wird, nie von ihnen entdeckt worden zu sein. Oder sie besorgen sich noch so einen Anzug für die Arbeit oder ein hochkarätiges Geschenk für die Sorte Frau, die sich mit ihnen abgeben mag. Ein Stockwerk höher nimmt ihnen das Besorgen dann schon eine Sekr-, eine Assistentin ab. Also ist die auch in Lohn und Brot. Wenn’s noch besser läuft, beauftragt der Anzugmann eine Ich-AG, die ins Büro kommt und ihm Sandwiches bringt oder eine Massage verabreicht, und einen „Personal Shopper“, also jemand, der davon lebt, dass unser Kerlchen keine Zeit mehr zum Einkaufen hat. Das sind meistens Frauen, also schon wieder ein paar, die sich an ihm zwei Drittel einer goldenen Nase verdienen (denn Frauen kriegen nie so viel Geld wie Männer, auch wenn sie etwas tun oder produzieren, was alle wollen. Seltsamerweise bekommen sie sogar für das, was alle im Moment am dringlichsten fordern – Kinder kriegen, Kranke pflegen, sich um Alte kümmern und so Zeug – am wenigsten).

Da liegt doch irgendwie der Schluss nahe: Wir Frauen sind schon mit schuld daran, wenn unsere Welt von Anzugträgern versifft wird. Ich male mir gerade spaßeshalber aus, was alles passieren könnte, wenn die Eva Hermans und all die anderen, nicht so prominenten Marketenderinnen des Kriegs der Märkte von heute auf morgen beschließen würden, diesen Nichtsnutzen ihre Unterstützung zu entziehen – na gut, Mann und Job wären dann weg. (Und ich müsste wieder versuchen, von Artikeln wie diesem zu leben.) Nur: Arbeitslos und Single sind auch jetzt schon viele, die durchaus bereit wären, sich anzustrengen, fleißig und lieb zu sein. Und das mit dem Kinderkriegen ist ebenfalls bereits ziemlich aus der Mode; bei der Vorstellung, so einen Anzugträger in spe großzuziehen, empfinde ich persönlich auch keinerlei freudige Erregung. Wenn wir jetzt noch die Frauenzeitschriften und Tommy-Hilfinger-Jeans in die Tonne treten würden – ach, das wäre ein Heulen und Zähneklappern. Da müsste sich auf lange Sicht das ganze Land neu organisieren.

Keine Bange, so weit wird’s nicht kommen. Man wird die nächste Generation Mädchen einfach wieder damit ködern, dass auch sie Bundeskanzlerin oder Ministerin für Frauensachen oder meinetwegen auch Vorstandsvorsitzende in der Autoindustrie werden kann (wäre sogar günstiger für die Allgemeinheit, weil die Puffbesuche wegfielen). Wenn sich die fleißigen Lieschen nur lange genug doppelt so sehr anstrengen wie die Anzugmänner – und dabei noch richtig lieb zu denen sind. Dass die meisten „Karrierefrauen“ auf dem steinigen Weg zur Macht oder zumindest einem sechsstelligen Jahresgehalt stolpern und in den Armen eines Versicherungsmaklers im Peek&Cloppenburg-Anzug landen werden, müssen wir ihnen ja nicht aufs operativ begradigte Näschen binden, oder? Und wenn sie Glück haben, verprügelt der sie nicht (dieser „Frauen-Notruf“, der jeden Tag im Service-Kästchen der Tageszeitung steht, gleich neben der Telefonnummer vom Roten Kreuz und den Anonymen Alkoholikern, sei doch eher was für Unterschichtler, glaubt mein Lebensgefährte), sondern geht ins Fitness-Studio oder macht Lockerungsübungen am – kinderleeren – Kinderspielplatz. Was an sich schon wahnsinnig zivilisiert ist von ihm, angesichts der Wut, die sich mit der Zeit in so einem Mann anstaut, wenn er begreift, dass (und wie!) er verarscht worden ist. Nein, wir brauchen keine Angst zu haben vor Männern in Anzügen. Erst mal.