Nummer 12, Winter 2006/2007                               


                                                                                                                                                            
 

Das Bild einer Epoche

Aus dem Zweimannloch

Das Buch Ich nicht von Joachim Fest ist mehr als eine Jugend-Autobiografie: Aus der Distanz eines – nicht immer unumstrittenen
– Lebens ergibt sich ein Blick auf die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte und die bewahrte Integrität einer Familie.


Von Alexander Cammann


Unser romantisches Erbe spiegelt sich unter anderem in einer eigentümlichen Denkfigur wider, der Vorstellung nämlich, dass ein Menschenleben sich in wenigen Momenten, ja vielleicht in einem einzigen Augenblick gleichsam verdichtet und jener stets verborgene innere Kern eines Daseins plötzlich sichtbar wird. Solch eine Szene enthüllt das Rätsel einer individuellen Existenz; von dort aus scheinen alle Wege, die die Person zurücklegte und späterhin gehen wird, offenbar zu werden.
Nun ist es einfach, diese Denkfigur als küchenpsychologisches Konstrukt zu entlarven – als autobiografische oder biografische Krücke, leicht zu durchschauen für jedermann. Denn die unendlichen Facetten, aus denen sich ein Leben zusammensetzt, lassen sich nicht auf den einen zentralen Dreh- und Angelpunkt reduzieren. Das Schicksal des Einzelnen ist immer komplexer als jede Interpretation. Und dennoch haben die magischen biografischen Momente auch heutzutage nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt. Das gilt für das Genre der Erinnerungsliteratur, ebenso für die fiktiven Erzählweisen.
So hat beispielsweise der französische Literaturnobelpreisträger Claude Simon ein ganzes Romanwerk um einen solchen existenziellen Augenblick herumgruppiert, den der Schriftsteller selbst erlebt hatte. Am 17. Mai 1940 sah er als Soldat mit an, wie ein Kavallerieoberst der französischen Armee in Flandern von deutschen Heckenschützen niedergeschossen wurde. Zwischen 1947 und 1997 verarbeitete Simon diese Szene mehrfach literarisch, am eindrucksvollsten in seinem Roman Die Straße in Flandern (1960). Ulrich Raulff, von 1997 bis 2000 Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und heute Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, hat dieser Kriegsszene und ihrem Nachwirken bei Simon einen klugen Essay gewidmet (Der unsichtbare Augenblick, Göttingen 1999). Simons Rittmeister de Reixach, dem Tod entgegenreitend, der ihn in Form einer Kugel ereilt, während er den Säbel hochreißt, in dessen Stahl sich die Maisonne spiegelt: Dieses Bild wird vom Erzähler Georges, der als Dragoner dem Ende seines Kommandeurs zusah, im Roman unzählige Male beschrieben. Es ist der Ausgangspunkt für eine manische Annäherung an das Leben des Toten. Die endlose Erinnerungsarbeit, an der der Leser teilhat, erzeugt einen fotografisch genauen Eindruck dieses existenziellen Moments, des gewaltsamen Übergangs vom Leben zum Tod.
Joachim Fest, der am 11. September verstorbene Publizist und langjährige Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen, hat in seinem großen, zu Recht gefeierten Erinnerungsbuch Ich nicht einen ähnlich magischen Moment festgehalten. Seine Episode schildert er mit fotografischer Genauigkeit, gleichsam in Simon’scher Präzision. Den Leser – und das ist in diesem Zusammenhang das Entscheidende – lässt er dadurch rückwirkend teilhaben an diesem schicksalhaften Augenblick in seinem Leben. Und es entsteht eine jener verdichteten Szenen, von der man glaubt, sie könne viele Geheimnisse, vielleicht sogar den Wesenskern des Autors offenbaren:
Am 8. März 1945 erhielt der Soldat Fest nachts unweit der kleinen Gemeinde Unkel am Rhein von seinem Oberfeldwebel den Befehl, ein Zweimannloch zu graben: auf vorgeschobenem Posten auf einer Wiese, während der Rest der Kompanie weit entfernt im sicheren Wald ebenfalls Erdlöcher aushob. Oberfeldwebel Mahlmann hatte im Herbst 1944 versucht, Fest wegen zersetzender Bemerkungen vor das Kriegsgericht zu bringen; nur mit Glück war Fest dem wenigstens vorläufig, „bis zum Endsieg“, entgangen. Am anderen Morgen begab sich Mahlmann zu Fest in das Zweimannloch. In seinen Erinnerungen beschreibt Fest nun den kurzen Disput zwischen dem brotkauenden, durchaus rotzigen Gefreiten und seinem verhassten Vorgesetzten. Statt Fest, so wie diesem eigentlich von Mahlmann befohlen wurde, erhebt sich im Gefolge dieser Auseinandersetzung fast schon resigniert dessen Vorgesetzter, um über dem Grubenrand nach den Amerikanern Ausschau zu halten. Sofort wird er von einer Kugel tödlich getroffen, was Fest erst nach einigen Sekunden begreift. Auch 60 Jahre später gelingt ihm ein genaues Abbild dieses Todes und der Empfindungen des zufällig Überlebenden: „Zu keiner Zeit habe ich vergessen, was mir durch den Kopf ging, als ich ihn reglos und mit offenem Mund, die eindunkelnden Blutbahnen auf dem Gesicht, neben mir liegen sah: Manchmal, wie selten auch immer, trifft es die Richtigen. Ich müsste, hielt ich mir neben dem Toten im Erdloch vor, ein wenig Mitgefühl für ihn haben. Ich brachte nichts dergleichen auf.“ Wenig später, dem Erdloch unter Schüssen entronnen und kurz vor der Gefangennahme durch die Amerikaner, verzehrt er die „Eiserne Ration“, die er dem toten Oberfeldwebel abgenommen hatte: „‚Einen Dienst wenigstens leistest du mir!‘, hatte ich dabei gedacht.“
Ein leichtes Schaudern befällt den heutigen, friedliche Zeiten gewohnten Leser angesichts dieser kaltblütig beschriebenen Schlüsselszene des Buches. Hier ist sie, besagte Verdichtung: ein existenzieller Moment der Entscheidung über Leben und Tod, glücklich die Bedrohung überstanden, in ihr den Feind gesehen und statt seiner überlebt. Zudem blitzen in diesem Augenblick und seiner Überlieferung viele Ingredienzien der Fest’schen Charaktermischung auf: die Kälte des Beobachters, die leidenschaftliche Innenzonen gut verbirgt und zugleich befeuert; nassforsche Frechheit; kein Heroismus, aber Mut; ein Überheblichkeit nicht scheuendes Selbstbewusstsein, das aus dem Bewusstsein der Überlegenheit herrührt; eine Fähigkeit zu einer scheinbar zurückgenommenen Darstellungsweise, die um den Erfolg gerade solcher gleichsam indirekt überwältigenden Form beim Leser genau weiß (eine Form zudem, die einige Eitelkeiten tarnen kann); eine – berechtigte – Schonungslosigkeit: „Oberfeldwebel Mahlmann war tot. Aber sein Ableben berührte mich nicht. Wie leicht, sagte ich mir, wäre es für ihn gewesen, auf das Kriegsgericht gegen mich zu verzichten oder ein einziges kameradschaftliches Wort von sich zu geben. Aber dazu war er nie fähig gewesen.“ Kühle und Leidenschaftlichkeit waren bei Joachim Fest in einer seltenen Mischung ineinander verwoben.
Die Präzision, mit der diese Episode geschildert wird, rührt, wie unschwer zu erkennen ist, von der lebenslangen schwelenden Auseinandersetzung mit diesem Erlebnis. Darin ähnelt Fest dem ewigen erzählerischen Kreisen Claude Simons um den Tod des Rittmeisters auf der Straße in Flandern. Fests mitleidloser Blick auf den toten Nazifeldwebel beruht auf seiner frühen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und alldem, was er in den vergangenen Jahren im Dritten Reich erlebt hatte. Und von jenem Moment in der Grube aus in die Zukunft Fests weiterschreitend: Er war dem Tod als 18-Jähriger um Haaresbreite entronnen, und diese Erfahrung könnte als geheimer Antrieb fungiert haben, als Motor eines Lebens und gleichzeitig als Bestätigung von Andersartigkeit, jenes stolzen „Ich nicht“, das den Erinnerungen ihren Titel gab. So schreibt Fest über seine wiederbeginnende Schulzeit im Januar 1947 in Freiburg, nach Krieg und Gefangenschaft: „Ich hockte gleichsam immer noch in einem Einmannloch, von dem die anderen bislang nicht einmal gehört hatten.“
Dennoch galt das für sehr viele Deutsche seiner Generation, die die Gewalt des Krieges noch am eigenen Leib verspürt haben. Die Bundesrepublik entstammt unzähligen solcher Zweimannlöcher. Das Überleben war dabei nur eine Zufälligkeit, die man nur allzu genau erlebte. Unter der diffus empfundenen Schuld des Überlebenden gegenüber dem unschuldig zu Tode Gekommenen konnte man auf Dauer leiden. In der Familie Fest überlebten von drei Brüdern die beiden jüngeren. Der Älteste, Wolfgang, starb im Oktober 1944 im Lazarett, nachdem er von seinem Bataillonskommandeur trotz Lungenentzündung an die Front getrieben worden war. Es sind bewegende Seiten, in denen Fest von der Erschütterung erzählt, die diese Nachricht bei der Familie und ihm auslöst. Wieder protokolliert er die Überlieferung von Wolfgangs letzten Stunden in schrecklich sezierender Genauigkeit. Und doch bleibt der Eindruck einer dem Anlass entsprechend heruntergedimmten, die Gefühle transformierenden Erzählung. Ein „unnennbares Unglück“ sei der Tod des Bruders für die Familie gewesen – die Mutter verließ in den ihr verbleibenden 25 Jahren sofort den Raum, sobald die Rede auf Wolfgang kam. Selbst der Großvater, den die beiden Schwestern von Fest stets als hartherzig empfunden hatten, schloss sich nach der Todesnachricht für zwei Tage unansprechbar in sein Zimmer ein – um mit verweinten Augen zurückzukehren.

Der jüngere Bruder Winfried entkam dagegen wie Joachim nur knapp. Lange nach Kriegsende berichtete er davon Joachim bei ihrer Wiederbegegnung. Ein Kommando hatte ihn und andere in den letzten Kriegstagen als Deserteure verhaftet, und auf dem Marsch zur mutmaßlichen Hinrichtung floh er in einem günstigen Augenblick in den Wald, von den Wachen vergeblich verfolgt. Tatsächlich seien die verbliebenen elf später erschossen worden.
„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit.“ So beginnt Thomas Manns Tetralogie Joseph und seine Brüder. Er schloss die Frage an: „Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ Joachim Fest teilte diese Skepsis mit seinem lebenslangem Idol. Anfang und Ende der Kindheits- und Jugenderinnerungen gehören dem Zweifel: „Die Vergangenheit ist stets ein imaginäres Museum.“ Der eigene Formwille und der zeitliche Abstand würden die Ereignisse färben; die ungetrübte biografische Wahrheit sei „nicht zu haben“, zitiert Fest am Ende Sigmund Freud. Natürlich ist der Autor sich der Schwierigkeiten bewusst, die mit der Schilderung von Ereignissen einhergehen, die so lange zurückliegen. Diese rückblickende Konstruktionsleistung ist in ihrer nachträglichen Suggestionskraft oft höchst fragwürdig. Gerade solch eine Schlüsselszene wie die des Zweimannlochs bleibt anfällig für Stilisierungen. Dennoch hat Fest sich der problematischen Erinnerungsarbeit unterzogen – mit staunenswert präzisem Ergebnis, gerade auch in solchen zentralen Episoden. Woher diese Sicherheit? Der Leser hat den Eindruck, jenen so weit entfernten Jahren der braunen Diktatur so nah wie selten sonst zu sein. Klar und eindeutig wird das Leben der Familie Fest in den dreißiger und vierziger Jahren beschrieben, als ob dem Autor schon eine Verfilmung vorgeschwebt hätte, so wie sie zur Zeit anhand der Erinnerungen seines einst im Feuilleton für Literatur zuständigen Redakteurs Marcel Reich-Ranicki entsteht.
Die Genauigkeit der Fest’schen Erinnerungen verblüffte viele Beobachter unter anderem auch deshalb, weil gleichzeitig Günter Grass sein literarisches Erinnerungsbuch Beim Häuten der Zwiebel vorlegte. Kurz vor seinem Tod – und vor dem Erscheinen seines eigenen Buches – schlug Fest angesichts des späten Bekenntnisses von Grass, in den letzten Kriegsmonaten 1944/1945 bei der Waffen-SS gekämpft zu haben, noch einmal seine (vorletzte) Schlacht. Er attackierte Grass vehement und warf ihm via BILD, Spiegel, Weltwoche und Cicero lautstark das jahrelange Schweigen vor, gerade angesichts der öffentlichen Rolle, die dieser zeitlebens gespielt hatte. Zudem stieß er sich an den von Grass beschriebenen Erinnerungslücken aus jener Zeit, die diesem nur noch verschwommen präsent war. Das war von Fest in dieser breit zitierten Heftigkeit, bei aller jahrelang gepflegten Gegnerschaft zu Grass (der in Ich nicht am Ende auch einen kritischen Absatz bekommt), nicht sonderlich nobel; es sieht selten gut aus, wenn zwei alte verdiente Männer aus ihren Einmannlöchern nicht herauskommen und sich öffentlich bekriegen. Doch besonders feinsinnig war Fest nie, wenn es gegen den Moralismus auf der intellektuellen Linken ging. Da fuhr er, ebenso wie die Gegenseite, auch schweres Geschütz auf. Tatsächlich störte jedoch im Falle Grass die diffuse, zudem literarisch verbrämte Rekonstruktion der Vergangenheit auch viele andere Leser und Rezensenten. Dass das verspätete SS-Bekenntnis bei einem lauten Vergangenheits-Aufarbeiter wie Grass mehr als unschön und kopfschüttelnd zu kritisieren ist, versteht sich von selbst. Lange kann man sich darüber Gedanken machen, wie sehr Grass diesen geheimen, von ihm verschwiegenen, höchst persönlichen „Schuldmotor“ brauchte, um sein Werk und seine öffentliche Rolle auszufüllen. Jenseits solcher Moral- und Geschmacksfragen jedoch ist die Frage weitaus interessanter, warum in den Fest’schen Erinnerungen alles deutlich erkennbar ist, was bei Grass im Grauschleier allenfalls schemenhaft sichtbar wird.

Mit beiden Büchern liegen die Ergebnisse zweier gänzlich unterschiedlicher lebenslanger Beschäftigungen mit selbst erlebter Vergangenheit vor – und es ist einer besonderen Laune des Schicksals zu verdanken, dass das deutsche Publikum beide Formen gleichzeitig studieren kann. Der Schriftsteller musste zeitlebens das Material seiner Vergangenheit verformen, verändern, variieren, um daraus Literatur zu erschaffen. Dies geschah in einem allmählichen Prozess, in dem die künstlerische Fiktion naturgemäß immer wichtiger war als die Realität. Der verschwommene Blick zurück, von Grass selber als Problem formuliert, entstand aus seiner Arbeit als Schriftsteller. Die Phantasie stand da immer über der Wirklichkeit. Andere Autoren gingen seit jeher anders vor im Umgang mit dem Material Geschichte, erinnert sei an Walter Kempowski oder Uwe Johnson. Doch jüngst hat der junge Schriftsteller Daniel Kehlmann, wahrlich kein großer Anhänger der Blechtrommler-Ästhetik, darauf hingewiesen, dass Grass nur hierzulande als Realist rezipiert, im Ausland dagegen sehr viel stärker in einer surrealistischen Tradition gesehen würde. So verstanden, folgt die diffuse Erinnerung des Literaturnobelpreisträgers dessen jahrzehntelanger Schaffenslogik. Auch die von ihm erlebte Realität seiner existenziellen Erfahrung der letzten Kriegsmonate wurde von ihm förmlich ausgesaugt, bis sie nur noch als Erinnerungsschatten in wackeligen Strichen nachzuzeichnen war – kompensiert mit kräftiger Phantasie. Vorhalten kann man dem Schriftsteller dessen verschwommenen Blick zurück kaum, da er aus seinem arbeitsbedingt verfremdenden Umgang mit der Vergangenheit herrührt.
Joachim Fest hat dagegen den anderen Weg gewählt, seit den 1950er Jahren. In all seinen Büchern, die sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzten, kam es auf die genaue Rekonstruktion an. Er trainierte diesen Rückblick, den Umgang und die Einordnung von Fakten. Die Sicht des Historikers wie des Journalisten unterschied sich vom Selbstverständnis des Künstlers und Schriftstellers. Der diagnostische Blick, den Fest in seinen historischen Werken eingeübt hatte, kam ihm nun bei seinen eigenen Jugenderinnerungen zu Hilfe. Joachim Fest hat sich also am Ende seines Lebens noch einmal tief in den Brunnen seiner Vergangenheit hinabgelassen. Ganz so unergründlich, wie Thomas Mann meinte, war er doch nicht; erstaunlich viel förderte Fest mit Hilfe zahlreicher Gesprächsnotizen, der familiären Überlieferung und Recherchen bei einstigen Weggefährten zutage. Hier zeigten sich die Vorteile einer intakten Familie: Immer wieder gab es die Diskussionen über die Vergangenheit, jenes Deuten und Interpretieren dessen, was der Familie Fest während des Nationalsozialismus widerfahren war. Dieses Klima der familiären Diskussionen sowie mit lebenslangen Jugendfreunden hat Grass nicht erlebt. Er schuf sich seine Existenz weitgehend neu und in einer beeindruckenden Energieleistung aus sich heraus, auf Kosten der Erinnerung, wie sich heute herausstellt. Bis zu ihrem Tod hat dagegen die Mutter Fest erst ihren Mann, später dann Joachim immer wieder gebeten, das von ihnen gemeinsam Erlebte aufzuschreiben – zunächst vergeblich, keiner verspürte so recht Lust zu dieser mühsamen und nervenaufreibenden Form. Davon war die Mutter sehr enttäuscht, wie Fest in seinem Buch gesteht. Doch irgendwann begann er dann mit Notizen, der gesprächsweisen Erinnerung und den Erkundigungen bei Schulfreunden und Mitgefangenen, die sich am Ende zu diesem Buch formen. Insofern sind seine Erinnerungen auch die Einlösung eines familiären Vermächtnisses. Und Gerechtigkeit für unsere Väter und Großväter: Ausspielen sollte man beide Modi des autobiografischen Rückblicks, denjenigen von Fest und denjenigen von Grass, nicht gegeneinander. Sie bleiben unterschiedlich und jeweils sinnvoll.
Schauen wir nochmals auf die Jahre vor jener existenziellen Szene im Zweimannloch:
In Karlshorst, einem eher kleinbürgerlichen Stadtteil im Berliner Osten, wuchs der 1926 geborene Fest auf. Das Politische war das Schicksal seiner Familie. Der Vater Johannes, verwundet im Ersten Weltkrieg, war Schulrat und gründete 1919 im Süden Berlins mehrere Bezirksverbände der katholischen Zentrumspartei. Später stieg er im republiktreuen „Reichsbanner“-Verband, jener Truppe zur Verteidigung der Republik, die kämpferische Sozialdemokraten, Zentrumsleute und Liberale vereinte, in führende Positionen auf. Bürgerlich, republikanisch, katholisch, preußisch: Diese vier ethischen Eckpfeiler prägten die Familie. Eine Minderheit waren sie, wenn man genauer hinschaut, im Grunde schon zu Zeiten der Weimarer Republik: Demokraten gab es bekanntlich von Anbeginn an nicht allzu viele – und es wurden gegen Ende immer weniger.
Gleich 1933 wird der Vater von den Nazis wegen seiner politischen Gesinnung entlassen. Fortan verteidigt er in vehementer Kompromisslosigkeit gegenüber den braunen Machthabern sein privates Refugium und seine fünf Kinder. Ende Februar, nach dem Reichstagsbrand, fuhr der Vater mit den beiden ältesten Söhnen, Wolfgang und dem 6-jährigen Joachim, ins Berliner Zentrum: Dort versuchte er ihnen den Ernst der Stunde zu verdeutlichen und erklärte ihnen, die beiden Jungs offenbar überfordernd, die Bedeutung des Reichstags. Die Lage der Familie wird schwieriger, nicht nur wegen der Risiken für Leib und Leben. Die Existenz sichert das Mietshaus, in dem die Familie selber, nunmehr auf verkleinerter Fläche, wohnt sowie wohl auch der Großvater. Dieser hatte um die Jahrhundertwende maßgeblich in einer Stadtentwicklungsgesellschaft für Karlshorst gearbeitet und fängt nun, lange nach seiner Pensionierung, wieder bei einer Bank an, in der es der 70-Jährige rasch zum Filialleiter bringt.
Als die durch materielle und psychische Bedrängnis verzweifelte Mutter ihren Mann 1936 auffordert, doch pro forma der NSDAP beizutreten, weil solche Lippenbekenntnisse als Überlebenstechnik für kleine Leute legitim seien, erleben die heimlichen Zuhörer Joachim und Wolfgang den unbeugsamen Vater: „Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!“ Darin lag nicht so sehr Stolz als vielmehr die Einsicht, nicht gegen das Gewissen leben zu können. Folgerichtig lautete das biblische Motto, das Vater Fest den beiden ältesten Söhnen mitgab: „Auch wenn alle mitmachen – ich nicht!“
Vielfach hat man das Buch als Hommage an den Vater gelesen. Tatsächlich ist die Standhaftigkeit, die dieser Mann an den Tag legt, zutiefst beeindruckend. Doch der Autobiograf Fest ist zu klug, um hier ein geglättetes Bild zu zeichnen. In die Verehrung für den Vater, der unter großen Gefahren politische Kontakte mit Gleichgesinnten pflegt, mischen sich auch zart-spöttische Töne für den „Schulmeister“, wie die Brüder ihn manchmal nannten. Die Bildungsbürgerlichkeit, in der sie aufwuchsen, hatte ihre Grenzen: Als ein jüdischer Freund der Eltern Joachim die Buddenbrooks ausleihen wollte, verbot der Vater die Lektüre und schickte das Buch verstimmt zurück: Er hatte Thomas Mann die antirepublikanischen Betrachtungen eines Unpolitischen nicht verziehen. War Lübeck als geistige Lebensform zu protestantisch? Dass Mann schon 1922 mit seiner Rede Von deutscher Republik zum Verteidiger von Weimar mutiert war, blieb offenbar unerheblich. Romanlektüre fand der bildungsbeflissene Vater Fest ohnehin überflüssig. Hier spürt man eine gewisse Enge des kleinbürgerlichen Berliner Ostens, vielleicht auch die des Aufsteigers: Sein Vater war noch Landwirt in der Neumark. Von weiteren geistigen Horizonten zur gleichen Zeit im Berliner Westen, also im großbürgerlichen Grunewald oder Dahlem, künden die Erinnerungsbücher des Gelehrtensohnes Nicolaus Sombart (Jugend in Berlin) oder auch des langjährigen Freundes von Joachim Fest Wolf Jobst Siedler (Ein Leben wird besichtigt). Politisch jedoch sah man im Hause Fest klarer.
Den Alltag in der Diktatur schildert Fest anschaulich: stille Verzweiflung und Zornesausbrüche der Eltern, Gestapo-Heimsuchungen, die Straßenseite wechselnde einstige Bekannte, die Solidarität gleichgesinnter Freunde. Die idyllischen Momente des Heranwachsens bleiben stets von Gefährdung überschattet. Dennoch gibt es sie: Ferien auf dem Land bei Onkel und Großvater, Opernbesuche mit Tante Dolly, Ausflüge nach Potsdam-Sanssouci, Fußballleidenschaft und Abenteuer in Berlins Proletariervierteln, dazu immer wieder die vorlauten Frechheiten von Joachim. Oft und allzu gerne stilisiert sich der Autor als intelligent-vorwitziger Berliner Rabauken, ob nun gegenüber den vergleichsweise toleranten Eltern oder beschränkten Lehrern.

Diese Erinnerungen zeigen eine männliche Welt, kaum ein Wort wird über die jüngeren Schwestern verloren. Fests Frauengestalten bleiben – wie übrigens auch seine katholische Prägung – unscharf, mit Ausnahme der rührend feinfühlig, zugleich in beklemmender Offenheit geschilderten Mutter. Sie trug in diesen Jahren die Hauptlast, was sich noch lange Jahre nach Kriegsende in erschütternd trostlosen Lebensrückblicken niederschlägt – vom Sohn in den kargen, gedämpften Worten verständnisvoll überliefert.
Wegen einer Hitlerkarikatur, die Joachim in die Schulbank schnitzte, müssen die drei Brüder 1942 die Schule verlassen und kommen nach Freiburg auf ein katholisches Internat. Joachim meldet sich nach Arbeitsdienst- und Flakhelferzeit zur Wehrmacht, um der SS zu entgehen. Das führt zu heftigen Konflikten mit dem Vater: „Zum Verbrecherkrieg Hitlers“ melde man sich prinzipiell nicht freiwillig, so dessen Maxime. Jacob Burckhardts Kultur der Renaissance wird von Joachim während der Bahnfahrten von Berlin nach Freiburg studiert, inmitten fanatischer Volksgenossen. Hier scheint rückblickende Eitelkeit durch – Kompensation für Karlshorst? -, auch wenn die Kunst in jenen Jahren tatsächlich in zahllosen Gesprächen unter Freunden eine Art Trost bot, von dem man sich heute kaum mehr eine Vorstellung machen kann. Das Freiheit verheißende Fanfarensignal in Beethovens Fidelio blieb in der Realität aber aus, was Joachim mit tiefer Skepsis erfüllte.
„Stolz auf die Abweichung“: So beschrieb Fests jüngerer Bruder Winfried Jahrzehnte später eine typische Charaktereigenschaft dieser ungewöhnlichen Familie. Im Wissen um die eigene Opposition gegenüber dem Nationalsozialismus trat er entsprechend selbstbewusst gegenüber den Amerikanern auf, in deren Gefangenschaft er nach seinem Überleben im Zweimannloch rasch geriet. Nach anderthalb Jahren im Lager in Frankreich trifft er die Familie in Freiburg und Berlin allmählich wieder. Auch der Vater kehrte aus russischer Gefangenschaft heim, wenngleich in vielem ein gebrochener Mann. Es war überstanden, doch um den Preis lastender, elementarer Erfahrungen.
Für Joachim Fest beginnt jedenfalls die Zeit allmählicher Entfaltung in der frühen Bundesrepublik. Noch etwas ziellos landet er im Journalismus – gerne hätten wir gewusst, was sein Vater zu dieser doch vergleichsweise unseriösen, wenig bürgerlichen Berufswahl seines Sohnes gesagt hat, der doch eigentlich lange „Privatgelehrter“ hatte werden wollen, sehr zum Amüsement der Familie.
Durch seine Kindheit und Jugend war Joachim Fest früh antitotalitär und nonkonform geimpft. Das zeitlebens skeptische Menschenbild des konservativen Fest rührte sicher auch von Leuten wie dem Gefreiten Schneider her, der Fest durch Denunziation im Zusammenspiel mit dem Oberfeldwebel fast vors Kriegsgericht gebracht hätte und nach der Gefangennahme durch die Amerikaner lauthals meinte, von den Verbrechen der Nazis nichts gewusst zu haben. Daher war Fest später der normative Überschuss der bundesrepublikanischen Linken ein Gräuel: „Den Muff von 1000 Jahren hatten die 68er in ihren Jeans“ – Fest war nie zimperlich gegenüber Gegnern; gerne stürzte er sich in die geistige Auseinandersetzung mit der Linken. Seine allerletzte Schlacht, nach Grass, schlug er posthum gegen Jürgen Habermas, die, Ende Oktober öffentlich geworden, rasch zur Farce zu werden drohte und die einen Schatten auf das Erinnerungswerk warf: Gegen Ende seiner Jugenderinnerungen notierte Fest ohne Namensnennung, aber entschlüsselbar, jenes mittlerweile widerlegte Gerücht, Habermas hätte einen 1945 als HJ-Führer verfassten Brief Jahre später, als er ihn in die Hände bekam, verschluckt, um seine einstige nationalsozialistische Überzeugung zu verbergen. Alexander Fest, der Sohn und dazu Verleger seines Vaters, hat klargestellt, dass der sterbende Joachim Fest dieses Gerücht im Manuskript nicht mehr hat korrigieren können. Dennoch ahnt man bei der Lektüre der Habermas-Passage im Buch wieder etwas von jener Mischung aus Kühle und Leidenschaftlichkeit, durch die er seinen linken Antipoden auch mit unfeinen Mitteln zu Leibe rücken konnte – die ihn ihrerseits über viele Jahrzehnte als intellektuelle Zentralgestalt deutscher Bürgerlichkeit durchaus hasserfüllt betrachteten.
Es ist ein Glück, dass Joachim Fest, der am
8. Dezember 80 Jahre alt geworden wäre, diese Jugenderinnerungen vor seinem Tod am 11. September noch vollenden konnte. Denn in der Summe legte der „Metabürger“ Fest (Durs Grünbein) damit ein Buch vor, das wie kaum ein zweites als Longseller über die Jahre hinweg pädagogisch im wohlverstandenen Sinne wirken könnte. Denn es handelt sich um eine demokratische Verhaltenslehre, in guten wie vor allem in schlechten Zeiten, voller Anschauung und Dramatik, in stilistischer Meisterschaft und dabei selbst in ihren offen dargebotenen kleinen Schwächen menschliches Maß beweisend. Joachim Fest ist es gelungen, Einblick in seinen Werdegang zu bieten und zugleich ein Hausbuch deutscher Bürgerlichkeit zu verfassen.
In den siebziger Jahren hatte Fests älterer Freund, der Publizist und einstige Emigrant Sebastian Haffner, Fests großer Hitler-Biografie seine berühmten Anmerkungen zu Hitler gleichsam komplementär zur Seite gestellt. Drei Jahrzehnte später sind beide wiederum vereint, über den Tod hinaus in ihren Vermächtnissen: Künftig wird man Haffners posthume, im Jahr 2000 erschienene Geschichte eines Deutschen und Fests Ich nicht als die beiden autobiografischen Tugendlehren lesen, die der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts entstammen und diese als Mahnung überdauern.