Der Transrapid
Ein toter Tatzelwurm
Der Münchner Transrapid hat keinen
angemessenen verkehrlichen Nutzen und ergibt keinen industriepolitischen
Sinn. Das reine Prestige-Projekt könnte zum teuersten Image-Werbe-Flopp
Deutschlands werden.
Von Christian Ude
Die Zukunft hat längst begonnen, wir wissen es nur noch nicht.
Aber das Internet, das schnellste Medium der Welt, ist so schnell,
dass es eine unbekannte, ferne Zukunft schon mal zur Gegenwart erklären
kann. Gibt man bei Google den Suchbegriff Magnetschwebebahn
ein, erfährt man bereits im vierten Eintrag: Mit der neuen
Magnetschwebebahn in München sind die Gäste aus aller Welt
in der glücklichen Lage, höchste Sicherheit mit großer
Bequemlichkeit zu verbinden. In Wahrheit gibt es zwar noch keinen
einzigen Fahrgast, der tatsächlich in dieser glücklichen
Lage wäre, da es sich beim Transrapid um reine Zukunftsmusik
handelt, doch die Propaganda ist in Sachen Magnetschwebebahn der tristen
Wirklichkeit schon seit vielen Jahrzehnten voraus, gelegentlich sogar
eine Ewigkeit. Recht besehen ist dies die einzige Konstante in der
nun schon reichlich alten Geschichte des Transrapid: Er wird mit großem
Reklameaufwand und unermesslichem Einsatz von Steuermitteln hymnisch
gefeiert, bevor das eben noch bejubelte Projekt in aller Stille einem
Armenbegräbnis zugeführt wird.
So begann es übrigens schon einmal im Münchner Raum. Am
15. Februar 1979 berichtete die Süddeutsche Zeitung: Die
größte Magnetschwebebahn der Welt ist gestern in München
der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Das umweltfreundliche
Verkehrssystem ist für den Fernverkehr zwischen den europäischen
Ballungszentren gedacht und soll bis zu 400 km/h schnell sein.
Die Münchner tz jubelte zur gleichen Zeit: Jetzt ist der
Zug in die Zukunft endgültig abgefahren. In den 80er Jahren könnte
in Europa ein einheitliches Schnellverkehrssystem existieren. Die
Züge sollen eine Geschwindigkeit bis zu 600 km/h erreichen. Seit
einigen Wochen sehen Spaziergänger in Allach (ein Stadtteil im
Münchner Nordwesten) Prototypen dieser Magnetschwebebahn durch
die Luft huschen.
Seit Jahrzehnten huscht dort niemand mehr. Dafür verblüffte
die Süddeutsche Zeitung 1980 ihre Leser mit der Schlagzeile:
Schon in drei Jahren: Eine Magnetschienenbahn nach Garching.
Die Abendzeitung frohlockte damals: Rutschbahn für Studenten
bis nach Garching! Allerdings gab es neben den von der neuen
Technik geblendeten Lokalreportern auch kritische Redakteure wie den
SZ-Verkehrsexperten Josef Ströbl, der damals schon, vor über
einem Vierteljahrhundert, den Steuergeldern nachtrauerte: Schade
für das gute Geld, das man dieser Studie zuliebe opferte. Mittlerweile
nämlich ist die löbliche Absicht, die Magnetschienenbahn
mit Hilfe von Forschungsmitteln des Bundes errichten und betreiben
zu wollen, wie eine Seifenblase geplatzt. Geblieben ist der Hinweis
auf mögliche Zuschüsse des Bundesverkehrsministeriums. Genauso
gut hätte man sagen können: Versuchen Sie es doch bitte
einmal über die Caritas.
Die Finanzprobleme sind seither nicht kleiner, sondern größer
geworden. Dass die Caritas nichts geben wird, steht aber selbst für
die unerschrockensten Befürworter des Transrapid-Projektes fest.
Deshalb versuchen sie es, da bei der Industrie auch nichts zu holen
ist, seither nur noch beim Steuerzahler, mal mit dem Klingelbeutel
beim Forschungsminister, mal mit einem dreisten Griff in die Etats
für den öffentlichen Nahverkehr, sowohl beim Bund als auch
bei den betroffenen Ländern.
Seit der endgültigen Abfahrt im Jahr 1979 hat die
bereits im Jahr 1934 patentierte Magnetschwebebahntechnik in Deutschland
noch viele Projekte hervorgebracht. 1994 fasste das Bundeskabinett
den endgültigen Beschluss, Berlin und Hamburg mit
dem Transrapid zu verbinden, was verkehrlich sogar Sinn gemacht hätte,
denn bei solchen Distanzen von einigen Hundert Kilometern Entfernung
kann die Magnetschwebebahn ihren zentralen Vorteil, den Reisezeitgewinn
dank höchster Geschwindigkeit, tatsächlich ausspielen. Und
eine Verbindungsstrecke zwischen Deutschlands beiden Großstädten
hätte auch ein ausreichendes Fahrgastpotenzial in beiden Richtungen
verheißen. Trotzdem ist das von der Bundesregierung schon als
Triumph deutscher Ingenieurskunst und zukunftsweisender Verkehrstechnologie
hinausposaunte Werk kläglich gescheitert aus dem schlichten
Grund, dass es vollkommen unwirtschaftlich ist und keinen Kostenvergleich
mit der Rad-Schiene-Technik aushält, die im Übrigen auch
beachtlich beschleunigt werden kann, wie man damals schon in Japan
beim Bullet Train und in Frankreich beim Hochgeschwindigkeitszug
TGV (Train de grande vitesse) sehen konnte. Das Todesurteil für
die Hamburg-Berlin-Verbindung wurde ausgerechnet von der Deutschen
Bahn gesprochen, die damals noch kostenbewusst sein musste, während
es ihr beim aktuellen Münchner Projekt gelungen ist, alle unbeherrschbaren
Kosten auf den Steuerzahler abzuwälzen, wie noch darzustellen
sein wird.
Der Kostenvergleich im hohen Norden war vernichtend für die Schwebebahn
ausgegangen: Die Gesamtkosten hätten 6,35 Milliarden betragen,
also 21 Millionen für jeden Kilometer. Demgegenüber hat
der Ausbau der vorhandenen ICE-Strecke nur rund ein Zehntel gekostet.
Die Reisezeit beträgt jetzt 90 statt 60 Minuten.
Nach dem Debakel zwischen Haupt- und Hansestadt verkündeten
die Planer ein neues Großprojekt, den Metrorapid, der einige
Großstädte Nordrhein-Westfalens miteinander verbinden sollte.
Zwei Probleme ließen sich aber nicht wegdiskutieren: Angesichts
der kurzen Entfernungen im Ballungsraum an Rhein und Ruhr hätte
der Metrorapid nur selten längere Zeit seine Höchstgeschwindigkeit
fahren können, und angesichts der vorhandenen Schienenverbindungen
hätte er dem Nahverkehr Kundschaft abgejagt, also dessen Betriebsdefizit
in die Höhe getrieben. Nach einer gründlichen Untersuchung
der Wirtschaftlichkeit ließ der damalige Ministerpräsident
Peer Steinbrück das Projekt fallen wie eine heiße Kartoffel,
und die CDU-Stadtoberhäupter von Düsseldorf und Köln,
die schon den Klageweg gegen die teuerste Tram der Welt
beschreiten wollten, sahen sich erstaunlich schnell im Ziel. Die Kritik
an Schwebebahnprojekten hat kein Parteibuch, ist aber stets durch
Ortskenntnis und wirtschaftlichen Sachverstand geprägt.
In allen diesen Fällen, von der Rutschbahn nach Garching über
die Metropolenverbindung im Norden bis zum Metrorapid in NRW, ist
die Magnetschwebebahn niemals an ihren Kritikern und Gegnern gescheitert,
sondern stets an den eigenen Befürwortern, die kurz vor Torschluss
dann doch noch vor unabsehbaren Finanzabenteuern zurückschreckten.
Das gilt vor allem für die beiden beteiligten Großunternehmen
Siemens und ThyssenKrupp, die zwar gerne Steuergelder empfangen, um
die Entwicklung voranzutreiben, aber selber gar nicht daran denken,
beispielsweise beim Münchner Transrapid für nennenswerte
Beträge aufzukommen. Das überrascht in einer Zeit, in der
private Konzerne ansonsten allenthalben die öffentliche Hand
aus vielen Geschäftsfeldern verdrängen wollen, um dort selber
Profit erzielen zu können, vom Autobahnbau über den Busverkehr
bis zur Finanzierung von Schulbauten. Überall wird Public-Private-Partnership
angepriesen, nur beim Transrapid soll der Steuerzahler ganz allein
für alles geradestehen, obwohl dies doch ein ganz besonders zukunftsträchtiges
und lukratives Fahrgeschäft sein soll. So viel Großherzigkeit
überrascht, unverbesserlich nachdenkliche Zeitgenossen stimmt
dies aber eher skeptisch.
Um die Leute bei Laune zu halten, werden mit großem Werbeaufwand
ständig neue Trugbilder geschaffen und massenhaft verbreitet.
Der Schwebebahn freundlich gesonnene Zeitungen zeigen heute noch Fotomontagen,
wie der Transrapid majestätisch im Gleitflug in der großen
Halle des Münchner Hauptbahnhofs einschwebt dabei steht
seit langem fest, dass er in 17 Metern Tiefe wie eine U-Bahn ankommen
wird und auch bei der Rückfahrt erst einmal kilometerlang unter
der Erde bleibt, also im Bild der Innenstadt für Touristen niemals
zu sehen sein wird. Am unterirdischen Bahnsteig fährt er
wenig imagebildend in Schrittgeschwindigkeit ein und aus. In
den Wohnquartieren im Münchner Norden, die er tatsächlich
als oberirdisches Fahrzeug beschallt, werden ihn nur genervte Nachbarn
verfluchen, selten Geschäftsleute aus aller Welt bewundern.
Mit einer anderen Montage verblüffte ein gesponsertes Magazin
alle Münchner Haushalte schon auf der Titelseite: Der Transrapid
schwebt an der Allianz-Arena in Fröttmaning vorbei, High-Tech
pur. Auch dies ist nur ein Gaukelspiel, denn in Wahrheit fährt
der Transrapid ein paar Kilometer weiter westlich, erst durch den
Untergrund und dann an Wohnquartieren vorbei, dann nochmals im Untergrund
und schließlich durch den Stadtteil Feldmoching, der sich wie
alle anderen betroffenen Wohnquartiere einmütig gegen das Projekt
wehrt.
Begründet wurde das Münchner Transrapid-Projekt erst mit
zwingenden verkehrlichen Notwendigkeiten: Der Flughafen sei unzulänglich
an die Stadt und vor allem das Fernbahnnetz angebunden, deshalb brauche
man eine Blitzschnellverbindung zwischen Hauptbahnhof und Airport.
Den nächstliegenden Gedanken, eine der beiden vorhandenen S-Bahn-Linien
auszubauen zu einer Express-S-Bahn, hat der für die S-Bahn verantwortliche
Freistaat Bayern freilich konsequent unterdrückt, damit es zur
Schwebebahn nur ja keine Alternative gibt, die sich als attraktiver,
besser und billiger erweisen könnte. Mittlerweile hat aber die
Landeshauptstadt München die Professoren Klaus Beckmann von der
Technischen Hochschule Aachen und Jürgen Siegmann von der Technischen
Universität Berlin beauftragt, die Möglichkeiten einer Express-S-Bahn
auszuloten. Das Ergebnis überzeugt, denn der von den beiden Wissenschaftlern
vorgeschlagene München-Airport-Express (MAEX) braucht im Gegensatz
zum Transrapid keine neue Trasse, sondern nutzt die bereits vorhandene
Trasse der S 8. Auf einem gut vier Kilometer langen Abschnitt müsste
diese Strecke als Tunnel ausgebaut werden: ein beachtlicher Kostenfaktor,
aber für die heute lärmgeplagte Anwohnerschaft eine Umweltverbesserung,
während der Transrapid seinen Nachbarn völlig neue Lärmprobleme
beschert. Damit nicht genug: Die Verlegung der gut vier Kilometer
langen innerstädtischen Strecke in ein Tunnelbauwerk würde
Bauvorhaben für bis zu 10000 Einwohner und bis zu 2000 Arbeitsplätze
ermöglichen, die gegenwärtig wegen fehlender verkehrlicher
Erschließung nicht realisiert werden können. Der MAEX brächte
also städtebaulichen Gewinn, während der Transrapid mit
seiner teilweise oberirdischen Streckenführung städtebauliche
Missstände mit sich bringen und mit seiner acht Kilometer langen
Tunnelstrecke keine bereits bestehenden Umweltlasten beseitigen würde.
Vor allem die Umlandgemeinden sind vom MAEX begeistert: Die Gemeinden
Unterföhring und Ismaning haben in ihrem Gemeindegebiet die S
8 bereits unter die Erde gebracht, würden also vom
zusätzlichen Verkehr auf diesen Gleisen in keiner Weise in Mitleidenschaft
gezogen; hingegen würden sie von der schnelleren Verbindung sowohl
zum Flughafen wie auch zur Innenstadt beträchtlich profitieren,
da ihre Bürgerinnen und Bürger in der eigenen Gemeinde zusteigen
könnten, wohingegen die Transrapid-Anrainer Unterschleißheim,
Oberschleißheim, Eching und Neufahrn von ihrer Nähe zur
Schwebebahn buchstäblich nichts haben würden, außer
Lärm.
Dies ist auch der Grund dafür, warum sich sämtliche Gemeinden
im Norden Münchens, ob sie an der S-8-Strecke liegen oder an
der Transrapid-Trasse, in der Nord-Allianz zum Protest gegen den geplanten
Transrapid zusammengetan haben. Sämtliche Gemeinderatsgremien
und Bürgermeister sagen Nein, und zwar vollkommen unabhängig
von der parteipolitischen Couleur. Der Versuch, den Protest der Landeshauptstadt
als Ausdruck rot-grüner Technikfeindlichkeit abzustempeln,
wirkt da reichlich realitätsfremd. Das hat keine Zeitung so zu
spüren bekommen wie der konservative Münchner Merkur, der
Mitte Mai im Leitartikel noch gewettert hatte: Der Oberbürgermeister
und mit ihm die letzte rot-grüne Bastion Deutschlands hat sich
verrannt in einer Opposition gegen die Magnet-Schwebebahn, die verbohrter
Ideologie und Technologiefeindlichkeit den Vorrang gibt vor vitalen
Interessen der Stadt. Das ist eine Schande. Der Vorgang ist von geradezu
kafkaesker Absurdität. Nur vier Wochen später ruderte
das Blatt unter dem Druck der Leserschaft zurück: Der Transrapid
gehe auf Kosten der angrenzenden Gemeinden und der dort wohnenden
Menschen. Wenn [Bayerns Wirtschaftsminister] Huber dem Münchner
OB Ude vorwirft, er betreibe mit seinem Widerstand gegen den Transrapid
ideologische Verblendung, so ersetzt er wieder einmal
fehlendes Fingerspitzengefühl durch Kraftsprüche. Ude vertritt
die Interessen der Mehrheit der direkt betroffenen Menschen.
Die ablehnende Haltung der Münchner Bevölkerung ist ebenso
klar wie das Nein der Umlandgemeinden: Bei Bürgerversammlungen
der betroffenen Stadtbezirke sprach sich eine beachtliche 95-Prozent-Mehrheit
gegen das Prestigeprojekt aus, bei repräsentativen Meinungsumfragen
stets eine deutliche Mehrheit.
Es sprechen aber nicht nur die Anliegerinteressen für die Express-S-Bahn
und gegen den Transrapid. Vor allem verkehrliche Untersuchungen lassen
das Schwebebahn-Projekt immer fragwürdiger erscheinen. Einer
S-Bahn kann der Fahrgast an verschiedenen Stationen zusteigen, dem
Transrapid jedoch nur an einem einzigen Punkt: dem Hauptbahnhof. Wer
also nicht mit der Bahn dort ankommt oder zufällig in der nächsten
Umgebung wohnt oder arbeitet, muss sich mit seinem Gepäck durch
die Stadt schlagen, um erst einmal zum Ausgangspunkt der Schnellbahn
zu gelangen. Schon vom Marienplatz aus ist die Express-S-Bahn genauso
schnell wie der Transrapid! Wer im Münchner Osten startet, hat
mit dem MAEX sogar die sehr viel schnellere Verbindung! Und wer im
Norden Münchens seinen Sitz hat, wie die meisten Münchner
Industrieunternehmen, der wird sich ohnehin niemals zeitaufwändig
zum Hauptbahnhof durchquälen, um dann in den Genuss der rasenden
Schwebebahn zu kommen, sondern einfach der S-Bahn in der Nähe
zusteigen sie ist schon ohne Beschleunigung die schnellere
Verbindung. Weil all diese Vergleiche der Reisezeiten weh tun, wird
in den Reklameschriften für den Transrapid immer nur die Strecke
Hauptbahnhof-Flughafen zum Vergleich herangezogen. Dabei fahren nicht
einmal alle Bahnkunden bis zum Hauptbahnhof: Ganz Ostbayern fährt
mit Bahn und Bus über Landshut und Freising unmittelbar zum Flughafen,
Tirol steigt am Ostbahnhof um, das Allgäu in Pasing, Augsburg
und Ingolstadt haben längst schnellere Bus-Direktverbindungen.
Weitere Reisezeitgewinne könnten auf viel günstigere Weise
erzielt werden, wenn die Zulaufstrecken (zum Beispiel Lindau-München
oder Mühldorf-München), wie seit Jahren versprochen, ausgebaut
würden und das Zugangebot auf den Strecken nicht verringert würde.
Am deprimierendsten ist die nüchterne Wahrheit über das
Fahrgast-Aufkommen des Transrapid. In Werbebroschüren wird suggeriert,
er könne die
S-Bahn übertrumpfen, sei ihr also als Verkehrsmittel ebenbürtig.
Die Fahrgastzahlen sprechen eine andere Sprache. Selbst wenn alle
optimistischen Prognosen der Betreiber aufgehen und acht Millionen
Fahrgäste pro Jahr transportiert werden, entspricht dies gerade
einmal dem Fahrgastaufkommen einer durchschnittlichen Trambahnlinie!
Um es noch schmerzhafter zu formulieren: Von den zehn Münchner
Straßenbahnlinien haben sechs mehr Fahrgäste als der Transrapid
bestenfalls jemals befördern wird. Und dafür der ganze Aufwand!
Der Transrapid wäre wie es der CSU-Politiker Dr. Peter
Gauweiler treffend formulierte der teuerste Vorortzug
der Welt.
Damit sind wir endlich bei den Kosten. Sie sind unermesslich, und
noch niemand hat jemals ein Finanzkonzept vorgelegt, dennoch wird
vor allem mit finanziellen Argumenten für den Transrapid gestritten,
weil er doch ein Geschenk des Bundes sei und man Geschenke
als anständiger Mensch grundsätzlich nicht zurückweisen
dürfe. Ein sauberes Geschenk. Die amtlichen Kostenschätzungen
belaufen sich jetzt schon auf mindestens 1850 Millionen. Mit jeder
Auflage im Planfeststellungsbeschluss wächst die Summe, während
der Bauphase sowieso, das wissen wir von jedem Großprojekt mit
neuer Technologie. Vom Bund sind knapp 500 Millionen zugesagt, Freistaat
und Bahn wollen jeweils ein Zehntel, also 185 Millionen, beisteuern,
der Rest, eine runde Milliarde, fehlt noch. Demgegenüber wird
der Investitionsbedarf für den MAEX von den Gutachtern auf 625
Millionen geschätzt, zu denen noch 235 Millionen für ohnehin
notwendige und bereits beschlossene Bauwerke hinzukommen.
Trotz des gigantischen Finanzlochs, das nach den derzeitigen Beschlüssen
der Parlamente noch die Dimension einer Milliarde hat, treiben Ministerialbeamte
das Projekt munter voran, um Tatsachen zu schaffen und Sachzwänge
in die Welt zu setzen, von denen es irgendwann einmal kein Zurück
mehr geben soll. So heißt es in einem Papier, das der Stern
im Juli enthüllt hat: Die Finanzierung des Projektes erfolgt
durch Zuschüsse der öffentlichen Hand, nämlich durch
den Bund und Freistaat Bayern. (...) Die öffentliche Hand trägt
die (...) systemtechnischen Risiken, ebenso die nach 20-jährigem
Betrieb fälligen Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen
sowie die Kosten der Entsorgung. So wird aus dem Prestigeprojekt ein
Musterbeispiel für die Sozialisierung der Verluste bei gleichzeitiger
Privatisierung der Gewinne. Der Steuerzahler durfte der Industrie
die Entwicklungskosten bezahlen und soll dann dem Betreiber die Investitionen
finanzieren. Während des Betriebs trägt der Steuerzahler
das Systemrisiko. Wenn das System reparaturanfällig wird, darf
der Steuerzahler auch noch für die Ersatzinvestitionen aufkommen
und ganz zum Schluss für Demontage und Verschrottung. Wie hatte
der Leitartikel des Münchner Merkur formuliert? Der Vorgang
ist von geradezu kafkaesker Absurdität. Schade nur, dass
der Merkur dabei den Widerstand der Bürgerschaft im Auge hatte
und nicht ihre Ausplünderung.
Projektbefürworter, die sich mit den verkehrlichen Problemen
des Großraums München und den abenteuerlichen Finanzlücken
des Prestigeprojektes näher befasst haben, argumentieren mittlerweile
weder verkehrs- noch finanzpolitisch, sondern beschwören den
industriepolitischen Nutzen einer Referenzstrecke in Deutschland,
die es angeblich unbedingt geben müsse, wenn dieses Meisterwerk
deutscher Ingenieurkunst endlich einen weltweiten Siegeszug antreten
soll. Um dieses Argument auszuschmücken, wird auf schwerwiegende
Versäumnisse der jüngsten Vergangenheit verwiesen. So sei
der MP3-Player in Deutschland entwickelt, dann aber sträflich
vernachlässigt worden, so dass das US-amerikanische Unternehmen
Apple das Riesengeschäft machen konnte. Wer weiter in die Vergangenheit
zurückblickt, verweist dann noch auf die Geschichte des Faxgerätes,
das in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts als Fernkopierer in Deutschland
erfunden wurde, aber vom Siemens-Konzern verkannt worden sei, so dass
die Vermarktung erst den Japanern gelang, die angesichts seiner begrenzten
Zahl von Schriftzeichen schon lange mit dem herkömmlichen Fernschreiber
haderten und die Vorzüge des Fernkopierers sofort zu schätzen
wussten. Soll es mit der Schwebebahntechnik abermals passieren, dass
deutsche Ingenieure die Technologien entwickeln, aber nur der Ferne
Osten oder ein US-Unternehmen etwas damit anzufangen weiß?
Die Frage klingt berechtigt, auch wenn es zweifellos naheliegend wäre,
bei einem High-Tech-Verkehrsprojekt die Erfahrungen mit High-Tech-Verkehrsprojekten
zu würdigen. Da gab es zum Beispiel einmal die Königin
der Lüfte, die Concorde, das zivil genutzte Flugzeug mit
Überschallgeschwindigkeit. Das Tempo war in der Tat berauschend,
nicht jedoch die Sicherheit und die Wirtschaftlichkeit. Das ausschließlich
durch hohe Staatssubventionen ermöglichte Prestige-Flugzeug hatte
am 26. November 2003 seinen letzten Flug und ist seitdem im
Museum in Filton zu besichtigen. Oder der Senkrechtstarter. Eine geniale
Erfindung, vor allem für Flughäfen mit allzu kurzen Start-
und Landebahnen. Auch hier wurde reichlich viel Steuergeld verpulvert.
Doch der Senkrechtstarter wurde nie in der Zivilluftfahrt eingesetzt,
weil sein hohes Gewicht zu überhöhtem Spritverbrauch und
somit zu Unwirtschaftlichkeit führt. Will sagen: Nicht jede Verkehrstechnologie,
die Höchstgeschwindigkeit ermöglicht oder von besonderer
Raffinesse ist, taugt auch für den Wirtschaftsalltag. Wie sehen
denn die Chancen für den Transrapid aus, wenn eine Referenzstrecke
im Erdinger Moos den Geschäftsreisenden aus aller Welt tatsächlich
imponieren würde? Das vernichtendste Urteil hat ausgerechnet
Bayerns Verkehrsminister Erwin Huber als glühender Befürworter
des Projektes ausgesprochen: Die Magnetschwebebahn müsse unbedingt
in München realisiert werden, sagte er kürzlich, weil sie
in vorhersehbarer Zukunft nur in München und nirgendwo sonst
in Deutschland realisiert werden könne. Nirgendwo sonst in Deutschland!
Gibt es eine vernichtendere Marktanalyse?
Und im Ausland? Was die USA angeht, wissen wir bereits seit 1993 Bescheid.
Damals schon hat sich im Auftrag des US-Kongresses eine Kommission
mit der Schwebebahntechnik auseinandergesetzt und festgestellt, dass
sie in der Tat recht attraktiv sein könnte für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen
zwischen Städten in mittlerer Entfernung. Allerdings heißt
es dann unverblümt im Kommissionsbericht: Der hohe Bedarf an
öffentlichen Mitteln spreche dafür, größere Anlagen
selbst zu entwickeln und zu produzieren, weil das große Investment
ja gefälligst amerikanische und nicht ausländische Arbeitsplätze
sichern solle. Diese Empfehlung des US-Department of Transportation
kann man heute noch im Internet nachlesen.
Die chinesische Vorgehensweise ist also gar nicht so originell oder
überraschend, wie man uns jetzt weismachen will. Die Chinesen
haben getan, was die US-Politik über ein Jahrzehnt lang ganz
offiziell erörtert hat: Sie haben sich zwar Schwebebahn-Knowhow
verschaffen lassen beim Bau der immer noch hochdefizitären Linie
zwischen dem Flughafen Shanghai und dem Geschäftsviertel Pudong,
wollen jetzt aber weitere Anlagen selbst entwickeln und produzieren,
um eigene Arbeitsplätze zu sichern. Anfang August war es in der
Zeitung zu lesen: Die Chinesen wollen ihre Schwebebahn Marke Eigenbau
auf einer drei Kilometer langen Mini-Strecke in der nordchinesischen
Hafenstadt Dalian testen und eine weitere Linie von Shanghai nach
Hang-zhou erst nach 2009 in Angriff nehmen. So viel zum chinesischen
Markt.
Den Franzosen dürfte die Magnetschwebebahn auch nur schwer zu
vermitteln sein, da sie mit dem TGV über einen konkurrierenden
Export-Schlager verfügen und das Hochgeschwindigkeitsnetz in
Rad-Schiene-Technik zu den großen europäischen Projekten
zählt. Das bedeutet ja noch lange nicht, dass Deutschland oder
speziell der Siemens-Konzern stets das Nachsehen hätte. Am jährlichen
Umsatzvolumen des deutschen Nahverkehrs in Höhe von gut zwölf
Milliarden haben auch mittelständische Betriebe teil, und erst
jüngst hat der Siemens-Konzern mit China Milliarden-Verträge
geschlossen allerdings im belächelten Eisenbahngeschäft
und nicht in der Schwebebahntechnik. Außerdem baut und betreibt
Siemens Airport-Express-Linien in Rad-Schiene-Technik in Kuala-Lumpur
und Bangkok. Die Verteidigung des Produktionsstandortes Deutschland
und die Sicherung von Arbeitsplätzen finden statt allerdings
in Rad-Schiene-Technik.
Ein Gesprächskreis von Münchner Industriellen drehte sich
am Schluss, nachdem vom industriepolitischen Nutzen kaum etwas übrig
geblieben war, nur noch um eine Frage: Wie kommen wir aus der
Nummer wieder heraus? Gute Frage. Die Antwort sollte schnell
gefunden werden, bevor noch weitere Milliarden an Steuermitteln verbrennen.