Krisenhorizonte der Menschheit
Homo sapiens
Rezensionsessay von Dietrich Krusche
Als am 6. August 1945 die Atombombe auf Hiroshima fiel, begann eine
neue Epoche des Selbstverständnisses der Menschen. Auf einmal
war vorstellbar geworden, dass sie sich als Gattung selbst gefährlich
werden könnten. Das erste literarische Dokument, das diese Möglichkeit
benennt, ist Brechts Drama Galileo Galilei, uraufgeführt
1947 in den USA, in dem es zum Verhältnis von Menschen und Wissenschaft
heißt: Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages
so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue
Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet
werden könnte. Bis dahin hatte es nur zwei Horizonte gegeben,
unter denen die Menschen sich ihr Ende als Gattung ausgemalt hatten,
den religiösen, christlicher Anschauung nach das Jüngste
Gericht, die jederzeit mögliche Abrechnung Gottes
mit seinen schwierigen Kindern, und den physikalisch-kosmischen, hervorgerufen
entweder durch den Zusammenstoß der Erde mit einem anderen Himmelskörper
oder durch das Verglühen unseres Planeten in der expandierenden
Sonne, fällig in Milliarden Jahren. Freilich hat es mit einer
etwaigen atomaren Katastrophe eine besondere Bewandtnis. Sie ergäbe
sich gerade nicht aus unserer gattungshaften Bestimmung, sondern aus
einem Fehlverhalten einiger Weniger, der politisch Verantwortlichen
einer Atommacht oder einer Handvoll Terroristen.
Tatsächlich möglich erschien dies zum ersten Mal in den
Tagen der Kubakrise 1962.
Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde ein anderer
Krisen-Horizont der Menschheit zum ersten Mal ins Auge gefasst: die
Selbstgefährdung der Menschheit durch Überbevölkerung
und Umweltverbrauch. Dies geschah 1972 in der ersten Publikation des
Club of Rome mit dem Titel Die Grenzen des Wachstums. Die sich
dazu äußerten, waren Experten ganz verschiedener Wissensbereiche.
Diese Warnung der Menschheit vor sich selbst wurde nur widerwillig
zur Kenntnis genommen. Die Bedrohung, die vorhergesagt wurde, erschien
übertrieben, und einiges davon war, teilweise, widerlegbar. Aber
es ging und geht um etwas anderes, um Fundamentales:
die Rolle des Menschen in der Geschichte des Lebens auf der Erde und
seine Position im Kosmos. Stand die Krone der Schöpfung
auf dem Spiel? Hatte der menschliche Geist seine Fähigkeit
verloren, die richtige Richtung des Fortschritts vorzugeben, nach
oben? Die Feststellung, die Menschheit sei dabei, sich allzu sehr
zu vermehren, mochte noch hingehen, aber der Verdacht, sie könne
sich gegenüber ihrem eigenen Lebensraum, dem Planeten Erde, falsch
verhalten, war eine Kränkung, die zum Himmel schrie.
Inzwischen ist eine gewisse Gewöhnung eingetreten. Die Zahl der
Veröffentlichungen zur Gefährdung der Menschheit durch sich
selbst ist in den letzten drei Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen.
Drei der wichtigeren Publikationen des Jahres 2005 sollen hier besprochen
sein: Kollaps von Jared Diamond, Epochenwende von Meinhard
Miegel und Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen von
Elmar Altvater. Erwähnt seien noch zwei weitere: Wir ernten,
was wir säen von James Gustave Speth und The Weather Makers
von Tim Flannery. Dass auf die beiden letzten nicht ausführlich
eingegangen wird, hat damit zu tun, dass sie sich auf nur einen Bedrohungsaspekt
konzentrieren, der inzwischen als erhärtet gelten kann: die fortschreitende
Zerstörung der Umwelt einschließlich der verschiedenen
Faktoren des damit zusammenhängenden Klimawandels. Demgegenüber
ist die Argumentation in den drei besprochenen Werken weniger dramatisch,
aber dafür komplexer. Ihre Autoren versuchen, jeder auf seine
Weise, mehrere der heute sichtbaren Gefahrenquellen für den Homo
sapiens in einen Zusammenhang zu bringen. Allen dreien sind zwei Merkmale
gemeinsam: (a) eine Argumentationsrichtung von außen nach innen
und (b) die Herausarbeitung der exemplarischen Bedeutung der USA für
die Problematik insgesamt.
(a) Jeder, der die Krise der Menschheit heute diskutiert, kämpft
mit der Schwierigkeit, sich mit einem Syndrom auseinandersetzen zu
müssen, das Fragen
(u. a.) der Umweltvernichtung, des Energieverbrauchs, der Organisation
der Gesellschaften, der Güterproduktion und -vermarktung, der
Finanzpolitik, der (religiös-)kulturellen Traditionen und der
inneren Prägungen der Menschen einschließt. Dass diese
Sachbereiche nicht von einem Autor in gleicher Ausführlichkeit
und mit der gleichen profunden Sachkenntnis erörtert werden können,
liegt auf der Hand. Vielmehr wird von jedem einzelnen Autor eben der
Fachbereich als Einstieg gewählt, auf dem er die meisten Detailkenntnisse
zu erbringen vermag. Alle diese Ansätze sind notwendigerweise
peripher. Der Kern des Problems, auf den die hier besprochenen Werke
abzielen, die Frage nämlich, wie es kommt, dass der Mensch sich
aus einer plötzlich einsetzenden geschichtlichen Dynamik
heraus selbst gefährlich wird, aber ohne auf diese Gefährdung
angemessen reagieren zu können, erweist sich als eine Art Black
Box, deren Widerständigkeit es für sich zu reflektieren
gilt.
(b) In allen drei Büchern, bei Meinhard Miegel freilich mehr
implizit als explizit, spielen die USA eine Schlüsselrolle. Sie
sind nicht nur die Gesellschaft mit dem größten Verbrauch
an natürlichen Ressourcen, sondern auch, kraft ihres Status als
einziger verbliebener Weltmacht, die globale Leitkultur. Dazu kommt,
dass sie sich der vorbildhaften Verfasstheit ihrer Gesellschaft außerordentlich
gewiss sind. Die Folge davon: Sie sind diejenige Nation, die sich
allen Veränderungen des Status quo, zumal im Bereich der Wirtschafts-
und Finanzpolitik, am kräftigsten widersetzt und die Teilnahme
an den meisten internationalen Aktivitäten zum Schutz der Umwelt
verweigert.
Gleich am Anfang (S. 25ff) seines 700 Seiten starken Bestsellers Kollaps
nennt Jared Diamond die fünf Kategorien, die in der bisherigen
Geschichte über Fortbestand oder Untergang der Gesellschaften
entschieden haben: (1) unabsichtlich bewirkte (aus bestimmten Formen
des Nahrungsgewinns unabweislich sich ergebende) Umweltschäden,
(2) Klimaveränderungen, (3) feindliche Nachbarn, (4) abnehmende
Unterstützung durch freundliche Nachbarn und (5) die Reaktion
einer Gesellschaft auf ökologische oder sonstige Probleme. Da
die letzte besonders wichtig ist, ja eigentlich eine Super-Kategorie
darstellt, hier ein Zitat aus den Erläuterungen dazu (S. 29):
Verschiedene Gesellschaften reagieren unterschiedlich
auf ähnliche Herausforderungen. (...) Die Reaktionen einer Gesellschaft
erwachsen aus ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen
sowie aus ihren kulturellen Werten. Diese Institutionen und Werte
haben Einfluß darauf, ob die Gesellschaft ihre Probleme lösen
kann (oder überhaupt zu lösen versucht).
In diesen Sätzen deutet sich die Problematik bereits an, auf
die Diamond, sehr langsam und unerschütterlich ausführlich,
zusteuern wird: Wenn schon in jeder einzelnen Gesellschaft, sei sie
vergangen, sei sie gegenwärtig, alles mit allem zusammenhängt,
wirkt das Prinzip der Vernetzung aller Faktoren im Zeitalter der Globalisierung
mit potenzierter Kraft und alle gehen sie in umweltrelevante
Kausalketten ein.
In einer riesigen Masse ethnologisch-historischen Anschauungsmaterials,
verteilt auf 16 Kapitel, erörtert Diamond, wie ausgewählte
Gesellschaften der (Vor-)Geschichte und Gegenwart (die der Osterinseln,
die von Pitkairn und Henderson, die Anasazi, die Mayas, die Wikinger,
die von Neuguinea, Japan, Ruanda, die Dominikanische Republik und
Haiti, China und Australien) sich im Sinne seiner Kategorien entwickelt
und wie sie auf Krisen reagiert haben, erfolgreich oder hilflos. Bemerkenswert
das Fallbeispiel China heute (S. 433-467), das einer Horrorgeschichte
gleichkommt. Es sieht so aus, als entlade alle kritische Energie,
ja die Verzweiflung des Autors, der seiner eigenen Herkunftsnation
gegenüber um Ausgewogenheit bemüht ist, sich hier, bei der
Ausmalung dessen, was einer der Gegenspieler der USA heute seiner
eigenen Umwelt und der Welt als Umwelt insgesamt zuzufügen vermag.
Ausnahmekapitel sind das erste, das dem amerikanischen Bundesstaat
Montana, und das vorletzte, das dem Zusammenhang Großkonzerne
und Umwelt gewidmet ist. Das letzte, Die Welt als Polder:
Was bedeutet das alles für uns? stellt den Versuch dar,
die Erfahrungen mit der ferneren und näheren Vergangenheit auf
die Zukunft zu projizieren. Besonders auf dieses Kapitel konzentriert
sich das Interesse des Lesers, der sich durch die riesige Stoffmasse
des Buches hindurchgearbeitet hat, auf Resümee und Prognose.
Dazu ist zweierlei anzumerken: Die harte Prägnanz und sarkastische
Bitterkeit, mit der Diamond die Unfähigkeit und Unwilligkeit
der politisch Verantwortlichen, aber auch die Borniertheit eines Teils
der scientific community bloßlegt, lässt nichts
zu wünschen übrig. Die Gründe freilich, mit denen Diamond
seinen Optimismus begründet, mit dem er das Buch
ausklingen lässt, machen in ihrer Hilflosigkeit fast noch betroffener
als die Fakten der Bedrohungen selbst:
Ein Grund zur Hoffnung besteht bei realistischer
Betrachtung darin, daß wir bisher nicht unter unlösbaren
Problemen leiden.(...) Es sind selbstgemachte Schwierigkeiten. Da
wir selbst die Ursache unserer ökologischen Probleme sind [Hervorhebung
D. K.], können wir sie auch beeinflussen: Wir können uns
dafür oder dagegen entscheiden, sie nicht mehr weiter zu verursachen
und stattdessen ihre Lösung in Angriff zu nehmen. Die Zukunft
liegt in unserer Hand. Welche Entscheidungem müssen wir treffen,
damit wir Erfolg haben und nicht scheitern? (...) Von größter
Bedeutung für Erfolg oder Scheitern waren nach meinem Eindruck
zweierlei Entscheidungen: einerseits die langfristige Planung und
andererseits die Bereitschaft, zentrale Werte neu zu überdenken.
Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß die beiden gleichen
Entscheidungen auch für den Verlauf unseres individuellen Lebens
eine wichtige Rolle spielen. (S. 643f )
Dass es bei der Frage, ob und wie die Menschheit ihre Zukunft kraft
ihres eigenen Bewusstseins formen kann, weniger um Individualpsychologie
geht als um die Prägungen der Individuen durch die Gesellschaft,
zeigt das Buch Meinhard Miegels, Epochenwende. Man kann es geradezu
als eine Psychologie der Verformungen der Menschen durch ihre Gesellschaft
charakterisieren. Die skeptische Sicht Miegels bezieht sich
was den Hauptstrang seiner Argumentation angeht nicht gradewegs
auf das globale Agieren des Homo sapiens heute, sondern auf den Westen.
Die westlichen Nationen, so seine zentrale These, sind
am Wohlstand nicht nur satt, sondern übersatt geworden. Eben
das wird ihnen nun zum Verhängnis. Die noch hungrigen,
die noch leistungs- und leidensbereiten Nationen sind dabei, ihnen
den Sieg in der Zukunft streitig zu machen. So heißt
der Untertitel dieses Buches denn auch: Gewinnt der Westen die Zukunft?
Um diese Argumentation durchhalten zu können, muss Miegel den
Begriff des Westens sehr weit fassen. Er versteht darunter
alle frühindustrialisierten Nationen, also nicht
nur die Europas und Nordamerikas, sondern auch Japan. Bleibt die Frage,
was denn die anderen, die heute jungen Nationen, anders
machen werden oder wenigstens machen könnten als die alten.
In der Antwort darauf zeigt sich das Menschen- und Geschichtsbild
Miegels. Nicht zufällig, scheint mir, taucht in diesem Zusammenhang
der Mythos der Deszendenz der Zeitalter auf, wie wir ihn zum Beispiel
von Ovid her kennen:
Für den Westen geht ein goldenes Zeitalter zuende.
Jetzt tritt er ein in ein eisernes, das allerdings ehrlicher, belastbarer
und dauerhafter sein könnte als jenes goldene, das so golden
oft nicht war. Und lebenswert ist auch die kommende Epoche! Allerdings
verlangt sie stärker als die jetzt zuende gehende die Anspannung
aller geistig-sittlichen Kräfte. Der überbordende materielle
Wohlstand hat diese Kräfte erschlaffen lassen. Gelingt jedoch
diese Anspannung, kann der Westen der Welt vorleben, wie an Zahl abnehmende
und stark alternde Gesellschaften mit begrenzten Mitteln und Möglichkeiten
ein hohes materielles und immaterielles Wohlstandsniveau aufrechterhalten
können. Andere Völker werden dem mit großer Aufmerksamkeit
folgen. Denn sie werden in wenigen Jahrzehnten dort sein, wo sich
der Westen heute befindet. (S. 11, Hervorhebung D. K.)
Der größte Teil des Buches beschreibt das Leiden der Menschen
unter den Bedingungen der Wohlstandsgesellschaft. Diese ergeben sich
für Miegel nicht so sehr aus historisch-politischen Konstellationen
heraus, sondern sind das Ergebnis eines allgemeinen moralisch-sittlichen
Verfalls, wie ihn die natürlichen Prozesse von Übersättigung
und Alterung mit sich bringen. Diese Begriffsverwendung,
die an Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes erinnert,
lässt die Argumentation gelegentlich ahistorisch, ja zirkulär
erscheinen. Immerhin, Miegels Beschreibungen der gesellschaftlichen
Missstände heute sind insofern erhellend, als es sich um undurchschaute
Leiden handelt. Besonders deutlich wird dies in dem Kapitel Zerrissene
Gefühle, wo ein Zwiespalt in den westlichen
Menschen beschrieben wird, der alle Lebensbereiche erfasst. Sie spüren
zwar, dass etwas in ihrer Welt nicht stimmt, aber sie wissen nicht,
was das ist und, die polemische Pointe darin, die Politiker
tun alles, um ein Durchschauen dieses Zwiespalts zu verhindern.
Noch aufschlussreicher aber für diesen Zusammenhang ist das Kapitel,
das mit Iss was, trink was! überschrieben ist. Es
handelt von dem Verhältnis zwischen Gütermangel und Güterüberfluss,
zwischen Hunger und Fresssucht heute. Angedeutet wird, dass in einer
globalisierten Welt alle Probleme der Gattung Mensch miteinander verflochten
sind und die konkreten Lebensbedingungen der Menschen des Westens
nicht ohne die Lebensbedingungen aller anderen Völker erörtert
werden können. Ja, die Darlegung Miegels macht über
das vom Autor Explizitgemachte hinaus durchschaubar, dass Hunger
und Überfluss heute gerade nicht mehr naturwüchsige Probleme
sind, sondern Folgen des geschichtlichen Handelns der Gesellschaften
des Westens:
Dass es immer mehr erheblich über- und unterernährte
Menschen gibt, deutet darauf hin, dass im fundamentalsten Lebensbereich
das Wachstums- und Wohlstandskonzept der frühindustrialisierten
Länder aus den Fugen geraten ist. Die einstige Wohltat ausreichender,
gesunder Ernährung ist für viele zur Plage übermäßiger,
krank machender Kalorienzufuhr geworden. Während weltweit noch
immer Unzählige hungern, haben die Bevölkerungen der frühindustrialisierten
Länder zu viel zu essen und zu trinken. (...) Das Fleisch, das
die einen zu wenig auf den Rippen haben, drückt die anderen im
Übermaß Millionen von Tonnen. (S. 149)
Unmittelbar danach wendet sich Miegel der Bedeutung des Hungers in
der Geschichte des Homo sapiens zu:
Der unablässige Kampf gegen den Hunger hat die
Entwicklung der Menschheit maßgeblich bestimmt. Die Menschen
wollen wie alle Lebewesen satt werden. Doch nur die Bevölkerungen
der frühindustrialisierten Völker können von sich sagen:
Wir haben es geschafft. Wir haben das lange ersehnte Menschheitsziel
erreicht. Bei uns hungert niemand mehr, es sei denn aus freien Stücken.
Doch zugleich müssen sie feststellen, dass sie das Ziel verfehlt
haben, dass sie über das Ziel hinausgeschossen sind. Denn sie
sind nicht nur satt. Vielmehr wächst die Zahl (über-)ernährungsbedingter
Krankheits- und Sterbefälle in beängstigendem Ausmaß.
(S. 150)
Was hier übersprungen und auch sonst ausgeblendet wird, ist
die mögliche, nein, überfällige Einsicht, dass der
Gegensatz von Arm und Reich längst zu einem Faktor der Menschheitskrise
insgesamt geworden ist.
Eben das, was in dem Buch von Meinhard Miegel nicht zur Sprache kommt,
rückt bei Elmar Altvater in den Mittelpunkt der Analyse. Sein
Buch Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen wendet sich
von Anfang an gegen die Annahme, die gegenwärtige Verfassung
der Weltwirtschaft ergebe sich gradewegs aus der Natur des Menschen
und bedeute in ihrer Alternativlosigkeit nicht mehr und nicht weniger
als das Ende der Geschichte. Der Widerspruch, den Altvater
dagegen anmeldet, entspricht bis in den Wortlaut hinein dem des UNO-Beauftragten
für Menschenrechte, Jean Ziegler. Dieser hat kürzlich (am
22. Juni 06) auf die Eingangsfrage des Interviewers von Publik-Forum,
warum die Tatsache, dass täglich 100000 Menschen an Hunger oder
dessen unmittelbaren Folgen sterben, bei uns kaum wahrgenommen werde,
geantwortet: Den Grund dafür sehe ich im Triumph der neoliberalen
Ideologie. Es ist den Herrschern der großen Konzerne gelungen,
die Sicht der Wirtschaft umzudeuten. Bisher wurde Wirtschaft als das
Handeln von Menschen verstanden, jetzt wird die Wirtschaft als naturgesetzlich
ausgegeben.
Erklärtes Ziel der Darlegungen Altvaters ist es, die historisch-gesellschaftliche
Entstehung des heute existierenden Kapitalismus herauszuarbeiten.
Das geschieht in zwei argumentativen Zyklen.
Zum einen wird erörtert, was unter Kapitalismus (...) eigentlich
zu verstehen ist. (S. 18) Dabei geht Altvater nicht den Weg
der Begriffsklärungen, auch die Debatte um die Globalisierung
als eine neue Form des Imperialismus wird nicht fortgesetzt. Vielmehr
konzentriert er sich auf die Rekonstruktion der geschichtlichen Prozesse
von Aneignung und Enteignung, im ökonomischen wie im sozialen,
kulturellen, ökologischen Sinn. (S. 19) Die Begründung
für dieses Vorgehen: Die Frage des Eigentums erweist sich
(...) als zentral, weil aus dem Eigentum die Möglichkeiten der
Aneignung legitimiert werden. Daraus bildet sich Macht und
deren Verteilung im globalen System bedarf der Analyse. (Ebd.)
Zum anderen geht es um die Nutzung der fossilen Energieträger.
Hier bringt Altvater eine interessante These in den Diskurs über
die historische Entwicklung des Kapitalismus ein. Er versucht, in
einer Rekonstruktion der Geschichte der Industrieproduktion zu belegen,
dass erst ein Zusammenwirken dreier Faktoren die weltwirtschaftliche
Dynamik seit der industriellen Revolution ermöglicht hat: Kapitalismus,
europäische Rationalität und fossile Energieträger.
Diese These, die im vierten Kapitel entfaltet und im siebenten wieder
aufgenommen wird, scheint mir für die Argumentation von Altvater
zentral zu sein und die Dynamik der Argumentation seines Buches insgesamt
zu speisen. Der Nachweis, dass der Kapitalismus, wie wir ihn kennen,
unweigerlich an die Verfügbarkeit fossiler Energieträger
gebunden ist, ermöglicht zwei verschiedene Argumentreihen, (1)
eine analytische (die Bestimmung des Besonderen am Kapitalismus
heute) und (2) eine prognostische (die Folgen, die sich aus
der Endlichkeit der fossilen Energieträger ergeben).
(1) Altvater verfolgt den Weg der wachsenden Bedeutung fossiler Energieträger
von der Dampfmaschine an, von der Verwendung von Holz als Brennstoff
über die Kohle bis hin zu Öl und Gas. Dieser Weg ist nicht
nur der zu einer immer größeren Effizienz der Güterproduktion
(bis hin zur Automatisierung von immer mehr Teilbereichen von Arbeit,
die menschliche Arbeitskraft erübrigt); er führt auch zu
einer immer größeren Beschleunigung von Produktion und
Konsumtion, die wiederum das zur Folge hat, was Altvater die Raumverdichtung
nennt. Diese beginnt mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, und man kann
darin, wie Altvater vorschlägt, den Beginn der Globalisierung
sehen:
Die Logik der Globalisierung ist (...) älter
als die historische Globalisierung, die erst aus den Prozessen der
Deregulierung und Liberalisierung seit Mitte der 1970er Jahre hervorgegangen
ist. Mit der industriellen Revolution wachsen die Möglichkeiten,
den Weltmarkt herzustellen. Damit werden die Produktions- und Konsumweise
des industriellen Kapitalismus in allen Weltreligionen durchgesetzt,
auch gegen lokale Widerstände. Letzten Endes siegen die stummen
Zwänge der ökonomischen Verhältnisse, oft im
Verein mit politischer Ausübung von Macht in Gestalt des (...)
Kolonialismus und Imperialismus. (S. 76)
Von hier aus wird ein Seitenblick auf die erneuerbaren Energien möglich,
z. B. die Sonnenenergie:
Die Flussenergie der Sonne kann nur dezentral eingefangen
werden. Daraus folgt auch eine dezentrale Struktur der Produktion
und Reproduktion, auch wenn die Gesellschaften und ihre politischen
Systeme in vielen alten Kulturen hierarchisch organisiert sind. Erst
im Verlauf der industriellen Revolution erfolgt der Übergang
von der Nutzung der Flussenergie, die der Erde von der Sonne zustrahlt
und dezentral eingefangen und in nützliche Energie umgewandelt
werden kann, zur Ausbeutung der in der Erdkruste gespeicherten Bestände
mineralisierter Biomasse. Die Unabhängigkeit vom Strahlenfluss
der Sonne erlaubt eine räumliche Zentrierung von Produktion und
Reproduktion, also ökonomische Konzentration und urbane Agglomeration.
Seit dieser Zeit kann erst von Standort und daher Standortkonkurrenz
gesprochen werden. Im Vergleich zu den Zeiten davor ergibt sich eine
völlig neue Strukturierung der Gesellschaft. Sie kann kapitalistisch
werden. (S. 78)
(2) Die These der Untrennbarkeit von fossiler Energie und Kapitalismus,
wie wir ihn heute kennen hat einiges für sich. Vor allem
macht sie plausibel, warum schon heute so verbissen um die Energievorräte
konkurriert wird. Verteilungskämpfe, die nicht mehr nur mit den
Mitteln des Marktes ausgefochten werden, scheinen bevorzustehen. Auch
unter diesem Gesichtspunkt tauchen in der Argumentation Altvaters
die USA als exemplarische Gesellschaft auf:
Eine globale Hegemonialpolitik wie die der USA, die zwei Kriege
in verschiedenen Weltregionen gleichzeitig zu führen beansprucht,
der Unterhalt von mehr als 700 Militärbasen auf allen Kontinenten,
die globale Vorherrschaft in der Luft und zur See mit der dafür
verlangten Logistik sind nur mit fossilen und nicht mit erneuerbaren
Energieträgern möglich. (S. 164)
Nicht nur aus der Ölkrise, aber vor allem daraus leitet Altvater
seine Schlussfolgerung ab, dass es in absehbarer Zeit (irgendwann
nach Peak-Oil,
d. h. nach dem Zeitpunkt der weltweit höchsten Erdölfördermenge)
zu einer heftigen Krise im weltweiten System des Kapitalismus kommen
wird. Diese, so die Vorhersage, wird bestimmt sein von Auseinandersetzungen
um die verbliebenen Ressourcen. (Eine andere Kausalkette, die ebenso
auf eine globale Krise zuläuft, ergibt sich bei Altvater aus
der Deregulierung, Korrumpierung und Kriminalisierung der Finanzmärkte,
eine Problematik, die hier nicht im Detail referiert werden kann.)
Danach, so muss man annehmen, wird nichts mehr sein wie bisher. In
diesem Schock, diesem Stoß von extremer Heftigkeit
(S. 141) besteht ein Risiko, das die Menschheit insgesamt betrifft
aber auch die Chance für einen Neuanfang.
Wie die Autoren der beiden anderen besprochenen Bücher kommt
auch Altvater am Schluss auf die möglichen Wege aus der Krise
zu sprechen. Er tut das unter der Überschrift Solidarität
und Nachhaltigkeit. Das eine steht für eine bessere Einrichtung
der menschlichen Gemeinsamkeit, das andere für eine andere Art
der Energiewirtschaft. Beide Stichworte sind bereits heute im Diskurs.
Wie bei den beiden anderen Autoren ist das, was von Altvater prognostisch
umrissen wird, ambivalent, ja gespalten. Der Optimismus darin ist
anscheinend eine dem Leser geschuldete Pflichtübung, der Pessimismus
dagegen ist gut fundiert durch die Masse des in dem Buch insgesamt
Vorgetragenen. Aber von den drei Autoren ist Altvater der einzige,
der das selbst einräumt, und sicherlich derjenige, der die Schwierigkeit
der Prognostik heute an klarsten formuliert hat:
Gegenüber gesellschaftlichen Konflikten und gegenüber
ökonomischen Krisentendenzen können Gesellschaft und Politik
(...) stabilisierende Abwehrmechanismen entwickeln. Gegenüber
den Grenzen der Natur auf der Seite der Ressourcen (...) ist dies
ungleich schwieriger und vielleicht sogar (ich drücke mich vorsichtig
aus) hoffnungslos. Die geforderte Veränderung des gesellschaftlichen
Naturverhältnisses ist so radikal, dass die tradierten Reproduktionsformen
des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, und mit ihm die Hegemonie des
Bürgertums in Frage gestellt sind. Es wird an den Grenzen des
fossilen Energieregimes erst so recht deutlich, wie zentral das gesellschaftliche
Naturverhältnis für (...) politische Herrschaft (...) ist.
Auch wird klar, wie mangelhaft der Großteil der sozialwissenschaftlichen
Literatur ist, weil das gesellschaftliche Naturverhältnis in
aller Regel jenseits des Horizonts der Erkenntnis und zumeist auch
der theoretischen Neugier platziert ist. (S. 219)
Drei Autoren, drei Methoden. Aber jeder stößt von seinem
Ansatz her auf eine Art Black Box eine Aporie, auf die alle
drei in gleicher Weise reagieren, ambivalent, ja zwiespältig,
ratlos. Eine Ursache dafür ist sicher die von allen beschworene
Komplexität der Problemvernetzung. Aber noch etwas anderes scheint
mir im Spiel zu sein, etwas, das nicht zum Inhalt des Diskurses wird.
Als nebenbei gesagt kann man folgende Bemerkung Jared Diamonds überlesen:
Während ich dies schreibe, ist der amerikanische Präsident
G. W. Bush noch immer nicht überzeugt, dass es die globale Erwärmung
wirklich gibt; er glaubt nach wie vor, es sei noch mehr Forschung
erforderlich. (S. 524f.) Aber beim Wiederlesen wirkt sie wie
ein Stoßseufzer, ja, angesichts der Dringlichkeit der Sache,
wie ein Aufschrei der Verzweiflung. Ob der amerikanische Präsident
wirklich nach mehr Aufklärung verlangt, oder ob sich (in den
USA, in Europa, China oder wo immer gegen den Umweltschutz verstoßen
wird) einfach nur die jeweiligen Vor-Ort-Interessen durchsetzen, kann
dahingestellt bleiben. Verstehbar wird immerhin eins: die Enttäuschung
eines Wissenschaftlers darüber, dass gerade angesichts der globalen
Krise die mühsam erworbene Fähigkeit nicht
zu greifen scheint, die eine moderne Wissenschaft erst möglich
macht: kritische Rationalität und die daraus erwachsende Verständigungsfähigkeit.
Was bleibt zu hoffen? Wenigstens zweierlei: Dass der wachsende Druck
der Krise auch die Konsens- und Kompromissbereitschaft wachsen lässt
und dass die Black Box neben rationaler Lernfähigkeit
auch genug an kreatürlichem Weltbezug enthält, um Lösungen
zu ermöglichen, die global lebbar sind.
Dietrich Krusche
Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder
untergehen, Frankfurt am Main: Fischer 2005, 703 Seiten
Meinhard Miegel: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft?,
Berlin: Propyläen 2005, 312 Seiten
Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen,
Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2005, 240 Seiten