Nummer 11, herbst 2006                                      


                                                                                                                                                            
 

Krisenhorizonte der Menschheit

Homo sapiens

Rezensionsessay von Dietrich Krusche

Als am 6. August 1945 die Atombombe auf Hiroshima fiel, begann eine neue Epoche des Selbstverständnisses der Menschen. Auf einmal war vorstellbar geworden, dass sie sich als Gattung selbst gefährlich werden könnten. Das erste literarische Dokument, das diese Möglichkeit benennt, ist Brechts Drama Galileo Galilei, uraufgeführt 1947 in den USA, in dem es zum Verhältnis von Menschen und Wissenschaft heißt: „Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.“ Bis dahin hatte es nur zwei Horizonte gegeben, unter denen die Menschen sich ihr Ende als Gattung ausgemalt hatten, den religiösen, christlicher Anschauung nach das Jüngste Gericht, die – jederzeit mögliche – Abrechnung Gottes mit seinen schwierigen Kindern, und den physikalisch-kosmischen, hervorgerufen entweder durch den Zusammenstoß der Erde mit einem anderen Himmelskörper oder durch das Verglühen unseres Planeten in der expandierenden Sonne, fällig in Milliarden Jahren. Freilich hat es mit einer etwaigen atomaren Katastrophe eine besondere Bewandtnis. Sie ergäbe sich gerade nicht aus unserer gattungshaften Bestimmung, sondern aus einem Fehlverhalten einiger Weniger, der politisch Verantwortlichen einer „Atommacht“ oder einer Handvoll „Terroristen“. Tatsächlich möglich erschien dies zum ersten Mal in den Tagen der Kubakrise 1962.
Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde ein anderer Krisen-Horizont der Menschheit zum ersten Mal ins Auge gefasst: die Selbstgefährdung der Menschheit durch Überbevölkerung und Umweltverbrauch. Dies geschah 1972 in der ersten Publikation des Club of Rome mit dem Titel Die Grenzen des Wachstums. Die sich dazu äußerten, waren Experten ganz verschiedener Wissensbereiche. Diese Warnung der Menschheit vor sich selbst wurde nur widerwillig zur Kenntnis genommen. Die Bedrohung, die vorhergesagt wurde, erschien übertrieben, und einiges davon war, teilweise, widerlegbar. Aber es ging – und geht – um etwas anderes, um Fundamentales: die Rolle des Menschen in der Geschichte des Lebens auf der Erde und seine Position im Kosmos. Stand die „Krone der Schöpfung“ auf dem Spiel? Hatte der menschliche „Geist“ seine Fähigkeit verloren, die richtige Richtung des Fortschritts vorzugeben, nach oben? Die Feststellung, die Menschheit sei dabei, sich allzu sehr zu vermehren, mochte noch hingehen, aber der Verdacht, sie könne sich gegenüber ihrem eigenen Lebensraum, dem Planeten Erde, falsch verhalten, war eine Kränkung, die zum Himmel schrie.
Inzwischen ist eine gewisse Gewöhnung eingetreten. Die Zahl der Veröffentlichungen zur Gefährdung der Menschheit durch sich selbst ist in den letzten drei Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen. Drei der wichtigeren Publikationen des Jahres 2005 sollen hier besprochen sein: Kollaps von Jared Diamond, Epochenwende von Meinhard Miegel und Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen von Elmar Altvater. Erwähnt seien noch zwei weitere: Wir ernten, was wir säen von James Gustave Speth und The Weather Makers von Tim Flannery. Dass auf die beiden letzten nicht ausführlich eingegangen wird, hat damit zu tun, dass sie sich auf nur einen Bedrohungsaspekt konzentrieren, der inzwischen als erhärtet gelten kann: die fortschreitende Zerstörung der Umwelt einschließlich der verschiedenen Faktoren des damit zusammenhängenden Klimawandels. Demgegenüber ist die Argumentation in den drei besprochenen Werken weniger dramatisch, aber dafür komplexer. Ihre Autoren versuchen, jeder auf seine Weise, mehrere der heute sichtbaren Gefahrenquellen für den Homo sapiens in einen Zusammenhang zu bringen. Allen dreien sind zwei Merkmale gemeinsam: (a) eine Argumentationsrichtung von außen nach innen und (b) die Herausarbeitung der exemplarischen Bedeutung der USA für die Problematik insgesamt.

(a) Jeder, der die Krise der Menschheit heute diskutiert, kämpft mit der Schwierigkeit, sich mit einem Syndrom auseinandersetzen zu müssen, das Fragen
(u. a.) der Umweltvernichtung, des Energieverbrauchs, der Organisation der Gesellschaften, der Güterproduktion und -vermarktung, der Finanzpolitik, der (religiös-)kulturellen Traditionen und der inneren Prägungen der Menschen einschließt. Dass diese Sachbereiche nicht von einem Autor in gleicher Ausführlichkeit und mit der gleichen profunden Sachkenntnis erörtert werden können, liegt auf der Hand. Vielmehr wird von jedem einzelnen Autor eben der Fachbereich als Einstieg gewählt, auf dem er die meisten Detailkenntnisse zu erbringen vermag. Alle diese Ansätze sind notwendigerweise peripher. Der Kern des Problems, auf den die hier besprochenen Werke abzielen, die Frage nämlich, wie es kommt, dass der Mensch sich – aus einer plötzlich einsetzenden geschichtlichen Dynamik heraus – selbst gefährlich wird, aber ohne auf diese Gefährdung angemessen reagieren zu können, erweist sich als eine Art Black Box, deren Widerständigkeit es für sich zu reflektieren gilt.
(b) In allen drei Büchern, bei Meinhard Miegel freilich mehr implizit als explizit, spielen die USA eine Schlüsselrolle. Sie sind nicht nur die Gesellschaft mit dem größten Verbrauch an natürlichen Ressourcen, sondern auch, kraft ihres Status als einziger verbliebener Weltmacht, die globale Leitkultur. Dazu kommt, dass sie sich der vorbildhaften Verfasstheit ihrer Gesellschaft außerordentlich gewiss sind. Die Folge davon: Sie sind diejenige Nation, die sich allen Veränderungen des Status quo, zumal im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik, am kräftigsten widersetzt – und die Teilnahme an den meisten internationalen Aktivitäten zum Schutz der Umwelt verweigert.
Gleich am Anfang (S. 25ff) seines 700 Seiten starken Bestsellers Kollaps nennt Jared Diamond die fünf Kategorien, die in der bisherigen Geschichte über Fortbestand oder Untergang der Gesellschaften entschieden haben: (1) unabsichtlich bewirkte (aus bestimmten Formen des Nahrungsgewinns unabweislich sich ergebende) Umweltschäden, (2) Klimaveränderungen, (3) feindliche Nachbarn, (4) abnehmende Unterstützung durch freundliche Nachbarn und (5) die Reaktion einer Gesellschaft auf ökologische oder sonstige Probleme. Da die letzte besonders wichtig ist, ja eigentlich eine Super-Kategorie darstellt, hier ein Zitat aus den Erläuterungen dazu (S. 29):

Verschiedene Gesellschaften reagieren unterschiedlich auf ähnliche Herausforderungen. (...) Die Reaktionen einer Gesellschaft erwachsen aus ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Institutionen sowie aus ihren kulturellen Werten. Diese Institutionen und Werte haben Einfluß darauf, ob die Gesellschaft ihre Probleme lösen kann (oder überhaupt zu lösen versucht).

In diesen Sätzen deutet sich die Problematik bereits an, auf die Diamond, sehr langsam und unerschütterlich ausführlich, zusteuern wird: Wenn schon in jeder einzelnen Gesellschaft, sei sie vergangen, sei sie gegenwärtig, alles mit allem zusammenhängt, wirkt das Prinzip der Vernetzung aller Faktoren im Zeitalter der Globalisierung mit potenzierter Kraft – und alle gehen sie in umweltrelevante Kausalketten ein.
In einer riesigen Masse ethnologisch-historischen Anschauungsmaterials, verteilt auf 16 Kapitel, erörtert Diamond, wie ausgewählte Gesellschaften der (Vor-)Geschichte und Gegenwart (die der Osterinseln, die von Pitkairn und Henderson, die Anasazi, die Mayas, die Wikinger, die von Neuguinea, Japan, Ruanda, die Dominikanische Republik und Haiti, China und Australien) sich im Sinne seiner Kategorien entwickelt und wie sie auf Krisen reagiert haben, erfolgreich oder hilflos. Bemerkenswert das Fallbeispiel China heute (S. 433-467), das einer Horrorgeschichte gleichkommt. Es sieht so aus, als entlade alle kritische Energie, ja die Verzweiflung des Autors, der seiner eigenen Herkunftsnation gegenüber um Ausgewogenheit bemüht ist, sich hier, bei der Ausmalung dessen, was einer der Gegenspieler der USA heute seiner eigenen Umwelt und der Welt als Umwelt insgesamt zuzufügen vermag. Ausnahmekapitel sind das erste, das dem amerikanischen Bundesstaat Montana, und das vorletzte, das dem Zusammenhang „Großkonzerne und Umwelt“ gewidmet ist. Das letzte, „Die Welt als Polder: Was bedeutet das alles für uns?“ stellt den Versuch dar, die Erfahrungen mit der ferneren und näheren Vergangenheit auf die Zukunft zu projizieren. Besonders auf dieses Kapitel konzentriert sich das Interesse des Lesers, der sich durch die riesige Stoffmasse des Buches hindurchgearbeitet hat, auf Resümee und Prognose. Dazu ist zweierlei anzumerken: Die harte Prägnanz und sarkastische Bitterkeit, mit der Diamond die Unfähigkeit und Unwilligkeit der politisch Verantwortlichen, aber auch die Borniertheit eines Teils der scientific community bloßlegt, lässt nichts zu wünschen übrig. Die Gründe freilich, mit denen Diamond seinen „Optimismus“ begründet, mit dem er das Buch ausklingen lässt, machen in ihrer Hilflosigkeit fast noch betroffener als die Fakten der Bedrohungen selbst:

Ein Grund zur Hoffnung besteht bei realistischer Betrachtung darin, daß wir bisher nicht unter unlösbaren Problemen leiden.(...) Es sind selbstgemachte Schwierigkeiten. Da wir selbst die Ursache unserer ökologischen Probleme sind [Hervorhebung
D. K.], können wir sie auch beeinflussen: Wir können uns dafür oder dagegen entscheiden, sie nicht mehr weiter zu verursachen und stattdessen ihre Lösung in Angriff zu nehmen. Die Zukunft liegt in unserer Hand. Welche Entscheidungem müssen wir treffen, damit wir Erfolg haben und nicht scheitern? (...) Von größter Bedeutung für Erfolg oder Scheitern waren nach meinem Eindruck zweierlei Entscheidungen: einerseits die langfristige Planung und andererseits die Bereitschaft, zentrale Werte neu zu überdenken. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß die beiden gleichen Entscheidungen auch für den Verlauf unseres individuellen Lebens eine wichtige Rolle spielen. (S. 643f )

Dass es bei der Frage, ob und wie die Menschheit ihre Zukunft kraft ihres eigenen Bewusstseins formen kann, weniger um Individualpsychologie geht als um die Prägungen der Individuen durch die Gesellschaft, zeigt das Buch Meinhard Miegels, Epochenwende. Man kann es geradezu als eine Psychologie der Verformungen der Menschen durch ihre Gesellschaft charakterisieren. Die skeptische Sicht Miegels bezieht sich – was den Hauptstrang seiner Argumentation angeht – nicht gradewegs auf das globale Agieren des Homo sapiens heute, sondern auf den „Westen“. Die „westlichen“ Nationen, so seine zentrale These, sind am Wohlstand nicht nur satt, sondern übersatt geworden. Eben das wird ihnen nun zum Verhängnis. Die noch „hungrigen“, die noch leistungs- und leidensbereiten Nationen sind dabei, ihnen den „Sieg“ in der Zukunft streitig zu machen. So heißt der Untertitel dieses Buches denn auch: Gewinnt der Westen die Zukunft?
Um diese Argumentation durchhalten zu können, muss Miegel den Begriff des „Westens“ sehr weit fassen. Er versteht darunter alle „frühindustrialisierten“ Nationen, also nicht nur die Europas und Nordamerikas, sondern auch Japan. Bleibt die Frage, was denn die anderen, die heute „jungen“ Nationen, anders machen werden – oder wenigstens machen könnten als die „alten“. In der Antwort darauf zeigt sich das Menschen- und Geschichtsbild Miegels. Nicht zufällig, scheint mir, taucht in diesem Zusammenhang der Mythos der Deszendenz der Zeitalter auf, wie wir ihn zum Beispiel von Ovid her kennen:

Für den Westen geht ein goldenes Zeitalter zuende. Jetzt tritt er ein in ein eisernes, das allerdings ehrlicher, belastbarer und dauerhafter sein könnte als jenes goldene, das so golden oft nicht war. Und lebenswert ist auch die kommende Epoche! Allerdings verlangt sie stärker als die jetzt zuende gehende die Anspannung aller geistig-sittlichen Kräfte. Der überbordende materielle Wohlstand hat diese Kräfte erschlaffen lassen. Gelingt jedoch diese Anspannung, kann der Westen der Welt vorleben, wie an Zahl abnehmende und stark alternde Gesellschaften mit begrenzten Mitteln und Möglichkeiten ein hohes materielles und immaterielles Wohlstandsniveau aufrechterhalten können. Andere Völker werden dem mit großer Aufmerksamkeit folgen. Denn sie werden in wenigen Jahrzehnten dort sein, wo sich der Westen heute befindet. (S. 11, Hervorhebung D. K.)

Der größte Teil des Buches beschreibt das Leiden der Menschen unter den Bedingungen der Wohlstandsgesellschaft. Diese ergeben sich für Miegel nicht so sehr aus historisch-politischen Konstellationen heraus, sondern sind das Ergebnis eines allgemeinen „moralisch-sittlichen“ Verfalls, wie ihn die natürlichen Prozesse von „Übersättigung“ und „Alterung“ mit sich bringen. Diese Begriffsverwendung, die an Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes erinnert, lässt die Argumentation gelegentlich ahistorisch, ja zirkulär erscheinen. Immerhin, Miegels Beschreibungen der gesellschaftlichen Missstände heute sind insofern erhellend, als es sich um undurchschaute Leiden handelt. Besonders deutlich wird dies in dem Kapitel „Zerrissene Gefühle“, wo ein Zwiespalt in den „westlichen“ Menschen beschrieben wird, der alle Lebensbereiche erfasst. Sie spüren zwar, dass etwas in ihrer Welt nicht stimmt, aber sie wissen nicht, was das ist – und, die polemische Pointe darin, die „Politiker“ tun alles, um ein Durchschauen dieses Zwiespalts zu verhindern.
Noch aufschlussreicher aber für diesen Zusammenhang ist das Kapitel, das mit „Iss was, trink was!“ überschrieben ist. Es handelt von dem Verhältnis zwischen Gütermangel und Güterüberfluss, zwischen Hunger und Fresssucht heute. Angedeutet wird, dass in einer globalisierten Welt alle Probleme der Gattung Mensch miteinander verflochten sind und die konkreten Lebensbedingungen der Menschen des „Westens“ nicht ohne die Lebensbedingungen aller anderen Völker erörtert werden können. Ja, die Darlegung Miegels macht – über das vom Autor Explizitgemachte hinaus – durchschaubar, dass Hunger und Überfluss heute gerade nicht mehr naturwüchsige Probleme sind, sondern Folgen des geschichtlichen Handelns der Gesellschaften des „Westens“:

Dass es immer mehr erheblich über- und unterernährte Menschen gibt, deutet darauf hin, dass im fundamentalsten Lebensbereich das Wachstums- und Wohlstandskonzept der frühindustrialisierten Länder aus den Fugen geraten ist. Die einstige Wohltat ausreichender, gesunder Ernährung ist für viele zur Plage übermäßiger, krank machender Kalorienzufuhr geworden. Während weltweit noch immer Unzählige hungern, haben die Bevölkerungen der frühindustrialisierten Länder zu viel zu essen und zu trinken. (...) Das Fleisch, das die einen zu wenig auf den Rippen haben, drückt die anderen im Übermaß – Millionen von Tonnen. (S. 149)

Unmittelbar danach wendet sich Miegel der Bedeutung des Hungers in der Geschichte des Homo sapiens zu:

Der unablässige Kampf gegen den Hunger hat die Entwicklung der Menschheit maßgeblich bestimmt. Die Menschen wollen wie alle Lebewesen satt werden. Doch nur die Bevölkerungen der frühindustrialisierten Völker können von sich sagen: Wir haben es geschafft. Wir haben das lange ersehnte Menschheitsziel erreicht. Bei uns hungert niemand mehr, es sei denn aus freien Stücken. Doch zugleich müssen sie feststellen, dass sie das Ziel verfehlt haben, dass sie über das Ziel hinausgeschossen sind. Denn sie sind nicht nur satt. Vielmehr wächst die Zahl (über-)ernährungsbedingter Krankheits- und Sterbefälle in beängstigendem Ausmaß.“ (S. 150)

Was hier übersprungen und auch sonst ausgeblendet wird, ist die mögliche, nein, überfällige Einsicht, dass der Gegensatz von Arm und Reich längst zu einem Faktor der Menschheitskrise insgesamt geworden ist.

Eben das, was in dem Buch von Meinhard Miegel nicht zur Sprache kommt, rückt bei Elmar Altvater in den Mittelpunkt der Analyse. Sein Buch Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen wendet sich von Anfang an gegen die Annahme, die gegenwärtige Verfassung der Weltwirtschaft ergebe sich gradewegs aus der Natur des Menschen und bedeute in ihrer Alternativlosigkeit nicht mehr und nicht weniger als das „Ende der Geschichte“. Der Widerspruch, den Altvater dagegen anmeldet, entspricht bis in den Wortlaut hinein dem des UNO-Beauftragten für Menschenrechte, Jean Ziegler. Dieser hat kürzlich (am 22. Juni 06) auf die Eingangsfrage des Interviewers von Publik-Forum, warum die Tatsache, dass täglich 100000 Menschen an Hunger oder dessen unmittelbaren Folgen sterben, bei uns kaum wahrgenommen werde, geantwortet: „Den Grund dafür sehe ich im Triumph der neoliberalen Ideologie. Es ist den Herrschern der großen Konzerne gelungen, die Sicht der Wirtschaft umzudeuten. Bisher wurde Wirtschaft als das Handeln von Menschen verstanden, jetzt wird die Wirtschaft als ‚naturgesetzlich’ ausgegeben.“
Erklärtes Ziel der Darlegungen Altvaters ist es, die historisch-gesellschaftliche Entstehung des heute existierenden Kapitalismus herauszuarbeiten. Das geschieht in zwei argumentativen Zyklen.
Zum einen wird erörtert, „was unter Kapitalismus (...) eigentlich zu verstehen ist“. (S. 18) Dabei geht Altvater nicht den Weg der Begriffsklärungen, auch die Debatte um die Globalisierung als eine neue Form des Imperialismus wird nicht fortgesetzt. Vielmehr konzentriert er sich auf die Rekonstruktion der geschichtlichen Prozesse „von Aneignung und Enteignung, im ökonomischen wie im sozialen, kulturellen, ökologischen Sinn“. (S. 19) Die Begründung für dieses Vorgehen: „Die Frage des Eigentums erweist sich (...) als zentral, weil aus dem Eigentum die Möglichkeiten der Aneignung legitimiert werden. Daraus bildet sich Macht – und deren Verteilung im globalen System bedarf der Analyse.“ (Ebd.)
Zum anderen geht es um die Nutzung der fossilen Energieträger. Hier bringt Altvater eine interessante These in den Diskurs über die historische Entwicklung des Kapitalismus ein. Er versucht, in einer Rekonstruktion der Geschichte der Industrieproduktion zu belegen, dass erst ein Zusammenwirken dreier Faktoren die weltwirtschaftliche Dynamik seit der industriellen Revolution ermöglicht hat: Kapitalismus, europäische Rationalität und fossile Energieträger. Diese These, die im vierten Kapitel entfaltet und im siebenten wieder aufgenommen wird, scheint mir für die Argumentation von Altvater zentral zu sein und die Dynamik der Argumentation seines Buches insgesamt zu speisen. Der Nachweis, dass der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, unweigerlich an die Verfügbarkeit fossiler Energieträger gebunden ist, ermöglicht zwei verschiedene Argumentreihen, (1) eine analytische (die Bestimmung des Besonderen am „Kapitalismus heute“) und (2) eine prognostische (die Folgen, die sich aus der Endlichkeit der fossilen Energieträger ergeben).
(1) Altvater verfolgt den Weg der wachsenden Bedeutung fossiler Energieträger von der Dampfmaschine an, von der Verwendung von Holz als Brennstoff über die Kohle bis hin zu Öl und Gas. Dieser Weg ist nicht nur der zu einer immer größeren Effizienz der Güterproduktion (bis hin zur Automatisierung von immer mehr Teilbereichen von Arbeit, die menschliche Arbeitskraft erübrigt); er führt auch zu einer immer größeren Beschleunigung von Produktion und Konsumtion, die wiederum das zur Folge hat, was Altvater die „Raumverdichtung“ nennt. Diese beginnt mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, und man kann darin, wie Altvater vorschlägt, den Beginn der Globalisierung sehen:

Die Logik der Globalisierung ist (...) älter als die historische Globalisierung, die erst aus den Prozessen der Deregulierung und Liberalisierung seit Mitte der 1970er Jahre hervorgegangen ist. Mit der industriellen Revolution wachsen die Möglichkeiten, den Weltmarkt herzustellen. Damit werden die Produktions- und Konsumweise des industriellen Kapitalismus in allen Weltreligionen durchgesetzt, auch gegen lokale Widerstände. Letzten Endes siegen die „stummen Zwänge“ der ökonomischen Verhältnisse, oft im Verein mit politischer Ausübung von Macht in Gestalt des (...) Kolonialismus und Imperialismus. (S. 76)

Von hier aus wird ein Seitenblick auf die erneuerbaren Energien möglich, z. B. die Sonnenenergie:

Die Flussenergie der Sonne kann nur dezentral eingefangen werden. Daraus folgt auch eine dezentrale Struktur der Produktion und Reproduktion, auch wenn die Gesellschaften und ihre politischen Systeme in vielen alten Kulturen hierarchisch organisiert sind. Erst im Verlauf der industriellen Revolution erfolgt der Übergang von der Nutzung der Flussenergie, die der Erde von der Sonne zustrahlt und dezentral eingefangen und in nützliche Energie umgewandelt werden kann, zur Ausbeutung der in der Erdkruste gespeicherten Bestände mineralisierter Biomasse. Die Unabhängigkeit vom Strahlenfluss der Sonne erlaubt eine räumliche Zentrierung von Produktion und Reproduktion, also ökonomische Konzentration und urbane Agglomeration. Seit dieser Zeit kann erst von „Standort“ und daher „Standortkonkurrenz“ gesprochen werden. Im Vergleich zu den Zeiten davor ergibt sich eine völlig neue Strukturierung der Gesellschaft. Sie kann kapitalistisch werden. (S. 78)

(2) Die These der Untrennbarkeit von fossiler Energie und „Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen“ hat einiges für sich. Vor allem macht sie plausibel, warum schon heute so verbissen um die Energievorräte konkurriert wird. Verteilungskämpfe, die nicht mehr nur mit den Mitteln des Marktes ausgefochten werden, scheinen bevorzustehen. Auch unter diesem Gesichtspunkt tauchen in der Argumentation Altvaters die USA als exemplarische Gesellschaft auf:

Eine globale Hegemonialpolitik wie die der USA, die zwei Kriege in verschiedenen Weltregionen gleichzeitig zu führen beansprucht, der Unterhalt von mehr als 700 Militärbasen auf allen Kontinenten, die globale Vorherrschaft in der Luft und zur See mit der dafür verlangten Logistik sind nur mit fossilen und nicht mit erneuerbaren Energieträgern möglich. (S. 164)

Nicht nur aus der Ölkrise, aber vor allem daraus leitet Altvater seine Schlussfolgerung ab, dass es in absehbarer Zeit (irgendwann nach „Peak-Oil“,
d. h. nach dem Zeitpunkt der weltweit höchsten Erdölfördermenge) zu einer heftigen Krise im weltweiten System des Kapitalismus kommen wird. Diese, so die Vorhersage, wird bestimmt sein von Auseinandersetzungen um die verbliebenen Ressourcen. (Eine andere Kausalkette, die ebenso auf eine globale Krise zuläuft, ergibt sich bei Altvater aus der Deregulierung, Korrumpierung und Kriminalisierung der Finanzmärkte, eine Problematik, die hier nicht im Detail referiert werden kann.) Danach, so muss man annehmen, wird nichts mehr sein wie bisher. In diesem Schock, diesem „Stoß von extremer Heftigkeit“ (S. 141) besteht ein Risiko, das die Menschheit insgesamt betrifft – aber auch die Chance für einen Neuanfang.
Wie die Autoren der beiden anderen besprochenen Bücher kommt auch Altvater am Schluss auf die möglichen Wege aus der Krise zu sprechen. Er tut das unter der Überschrift „Solidarität und Nachhaltigkeit“. Das eine steht für eine bessere Einrichtung der menschlichen Gemeinsamkeit, das andere für eine andere Art der Energiewirtschaft. Beide Stichworte sind bereits heute im Diskurs. Wie bei den beiden anderen Autoren ist das, was von Altvater prognostisch umrissen wird, ambivalent, ja gespalten. Der Optimismus darin ist anscheinend eine dem Leser geschuldete Pflichtübung, der Pessimismus dagegen ist gut fundiert – durch die Masse des in dem Buch insgesamt Vorgetragenen. Aber von den drei Autoren ist Altvater der einzige, der das selbst einräumt, und sicherlich derjenige, der die Schwierigkeit der Prognostik heute an klarsten formuliert hat:

Gegenüber gesellschaftlichen Konflikten und gegenüber ökonomischen Krisentendenzen können Gesellschaft und Politik (...) stabilisierende Abwehrmechanismen entwickeln. Gegenüber den Grenzen der Natur auf der Seite der Ressourcen (...) ist dies ungleich schwieriger und vielleicht sogar (ich drücke mich vorsichtig aus) hoffnungslos. Die geforderte Veränderung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses ist so radikal, dass die tradierten Reproduktionsformen des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, und mit ihm die Hegemonie des Bürgertums in Frage gestellt sind. Es wird an den Grenzen des fossilen Energieregimes erst so recht deutlich, wie zentral das gesellschaftliche Naturverhältnis für (...) politische Herrschaft (...) ist. Auch wird klar, wie mangelhaft der Großteil der sozialwissenschaftlichen Literatur ist, weil das gesellschaftliche Naturverhältnis in aller Regel jenseits des Horizonts der Erkenntnis und zumeist auch der theoretischen Neugier platziert ist. (S. 219)

Drei Autoren, drei Methoden. Aber jeder stößt von seinem Ansatz her auf eine Art Black Box – eine Aporie, auf die alle drei in gleicher Weise reagieren, ambivalent, ja zwiespältig, ratlos. Eine Ursache dafür ist sicher die von allen beschworene Komplexität der Problemvernetzung. Aber noch etwas anderes scheint mir im Spiel zu sein, etwas, das nicht zum Inhalt des Diskurses wird.
Als nebenbei gesagt kann man folgende Bemerkung Jared Diamonds überlesen: „Während ich dies schreibe, ist der amerikanische Präsident G. W. Bush noch immer nicht überzeugt, dass es die globale Erwärmung wirklich gibt; er glaubt nach wie vor, es sei noch mehr Forschung erforderlich.“ (S. 524f.) Aber beim Wiederlesen wirkt sie wie ein Stoßseufzer, ja, angesichts der Dringlichkeit der Sache, wie ein Aufschrei der Verzweiflung. Ob der amerikanische Präsident wirklich nach mehr Aufklärung verlangt, oder ob sich (in den USA, in Europa, China oder wo immer gegen den Umweltschutz verstoßen wird) einfach nur die jeweiligen Vor-Ort-Interessen durchsetzen, kann dahingestellt bleiben. Verstehbar wird immerhin eins: die Enttäuschung eines Wissenschaftlers darüber, dass gerade angesichts der globalen Krise die – mühsam erworbene – Fähigkeit nicht zu greifen scheint, die eine moderne Wissenschaft erst möglich macht: kritische Rationalität und die daraus erwachsende Verständigungsfähigkeit.
Was bleibt zu hoffen? Wenigstens zweierlei: Dass der wachsende Druck der Krise auch die Konsens- und Kompromissbereitschaft wachsen lässt – und dass die Black Box neben rationaler Lernfähigkeit auch genug an kreatürlichem Weltbezug enthält, um Lösungen zu ermöglichen, die global lebbar sind.
Dietrich Krusche


Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt am Main: Fischer 2005, 703 Seiten

Meinhard Miegel: Epochenwende. Gewinnt der Westen die Zukunft?, Berlin: Propyläen 2005, 312 Seiten

Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen, Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot 2005, 240 Seiten