Nummer 11, herbst 2006                                      


                                                                                                                                                            
 

FrauenFragen

Brauchen wir einen neuen Lebensborn?

Von Eva Herold

Dieser Beitrag entspricht wahrscheinlich nicht der Meinung des Herausgebers. Damit will ich gleich von vornherein betonen, dass es hierzulande (noch) so tolle Dinge gibt wie die Freiheit der Rede, das Bundesverfassungsgericht und Raucherbereiche in manchen Restaurants. Aber die Diskussion über das drohende Aussterben der Deutschen halte ich trotzdem für extrem heuchlerisch. „Neue Babys braucht das Land“ titelte die AZ unlängst, und der Spiegel jammert: 30 Prozent der Akademikerinnen bekommen keine Kinder!

Echt, oder? Könnte es sein, dass die sich in unserem schönen Deutschland umgesehen und dann ein bisschen weiter gedacht haben? Sich ungefähr vorstellen können, was sie erwartet: dass sie wahrscheinlich nach dem Studium höchstens als Praktikantin irgendwo unterkommen, zu einem „Gehalt“, das weder für ein Paar Manolos (das sind Stöckelschuhe, Dummkopf!) reicht noch für einen Jahresvorrat an Pampers? Dass sie angesichts der „Ich bin doch nicht blöd“-Singlekultur und steigender Scheidungszahlen schon rein rechnerisch wenig Chancen auf eine tragfähige Beziehung haben? Tja, und spätestens wenn sie mitkriegen, wie ihre alleinerziehenden Freundinnen sich abstrampeln, um über die Runden zu kommen, vergeht ihnen auch jede Lust auf „selbstbestimmte Mutterschaft“ (einem wirklich blöden Euphemismus für: ich muss alles selber machen). Sogar wenn eine den passenden Mann fände, der gewillt wäre, das „Armutsrisiko Kind“ mit ihr zu teilen – sie könnte doch jetzt schon absehen, dass die wirklich unangenehmen Teile der „Familienarbeit“ an ihr hängen bleiben.

Denn dafür hat man die Frauen ja zur Schule geschickt: damit sie lernen, mit-, im Idealfall sogar vorauszudenken. Dumm gelaufen, wenn die Damen es dann tatsächlich tun. Mag sein, einige Primaten-Darsteller bedauern inzwischen klammheimlich die Einführung der generellen Schulpflicht auch für Mädchen (und im Fall von der Leyen neige ich sogar dazu, ihnen recht zu geben). Aber dieses Rad zurückzudrehen wird schwierig werden. Außer natürlich, wir lassen uns vom islamistischen Fundamentalismus überrollen. Das ist seltsamerweise die zweite große Angst der Politiker: dass mit uns auch unsere wunderbaren westlichen Familienwerte verschwinden. Wo hat man die eigentlich zum letzten Mal beobachtet? Nein, Herr Schirrmacher, ich meine nicht in irgendwelchen Extremsituationen, sondern im ganz normalen Alltag. Da sind inzwischen immer mehr Kinder „von der sozialen Teilhabe ausgeschlossen“ – so heißt das heute, wenn die Eltern nicht genug Geld für die neuesten Markenturnschuhe oder auch nur für die Klassenfahrt haben. Genug Kids verwahrlosen, werden verprügelt oder verprügeln selbst, vorzugsweise Ausländer (pardon: Menschen mit Migrationshintergrund). Genug Alte vergammeln in „Heimen“ oder werden Wochen und Monate nach ihrem Tod in der Wohnung aufgefunden, und die Dunkelziffer derer, bei denen das „Herzversagen“ von der lieben Verwandtschaft eigenhändig herbeigeführt wurde, ist laut Expertenmeinung ziemlich hoch.

Merkwürdig, so etwas wird in den Fragebogen-Entwürfen für einbürgerungswillige Herrschaften aus Ländern, in denen eher mehr Kindersegen üblich ist, nicht erwähnt. Dabei gehören mangelnder Familienzusammenhalt, alltägliche Kinderfeindlichkeit und menschenunwürdige Altenverwahrung heute genauso zu Deutschland wie Goethe und Schiller, Beethoven und Karl Marx. Ich schätze mal, die Panikmache wegen der zu erwartenden „demografischen Katastrophe“ bedeutet im Klartext: Wir haben Schiss, dass unsere Rente demnächst statt von unserem süßen blonden, blauäugigen Nachwuchs von so dahergelaufenen Türkenlümmeln aufgebracht werden muss. Dabei wäre das überhaupt die Lösung, denn mit dem Gedankengut eines ostanatolischen Familienoberhaupts kriegt man gebärunwillige Frauen recht gut in den Griff: Haltet sie in der Wohnung, lasst sie Kochen und Kinderaufzucht bei Muttern lernen statt Lesen und Schreiben, und sollten sie nicht spuren, gibt es immer Möglichkeiten ... nein, Stockhiebe, Steinigung und Ehrenmord sind selbstverständlich abzulehnen, also wirklich.
Neulich bekam ich ein Schreiben von der Künstlersozialkasse, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich ab sofort mehr einzahlen muss – weil ich keine Kinder habe. So, so. Und die Kolleginnen, die welche haben, kriegen das Mutterverdienstkreuz, oder wie? Mal ganz abgesehen davon, dass ich sicher dagegen klagen könnte – wofür haben wir schließlich das Antidiskriminierungsgesetz (siehe DIE GAZETTE 5, März 2005): Es ist noch nicht allzu lange her, da war hier schon mal eine Regierung sehr daran interessiert, dass mehr blonde, blauäugige Kinder auf die Welt kommen. Oder, um es ganz unpolemisch zu sagen: Zu allen Zeiten waren Machthaber darauf angewiesen, Menschenmaterial für ihre Zwecke zur Verfügung zu haben – um das Steuersäckel zu füllen oder als Kanonenfutter für die Kriege, die nötig sind, um den Waffenhandel am Laufen zu halten. Heute müssen eben dringend Verbraucher her, damit Deutschland beim Wettglobalisieren nicht total abstinkt. Und, richtig, wegen der Rente – man kann so ein Volk doch nicht auch noch mit durchfüttern, wenn es zum Konsumieren zu gebrechlich oder zum Wählen zu tüttelig geworden ist. Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, dass dieses dumme Volk sozusagen mit dem Bauch gegen das Leben in der „Ich bin Deutschland“-AG abstimmt? Ich finde es ganz amüsant, wie händeringend nach Gründen gesucht wird, warum sich die Deutschen partout nicht vermehren wollen: Ist es die mangelnde Kinderbetreuung? Die selbstsüchtige Ellbogen-Mentalität? Etwa die allgegenwärtige Zukunftsangst? Die richtige Antwort ist möglicherweise eher im Bereich von etwas so schwer Fassbarem wie Lebensfreude zu finden: Immer mal wieder wird in Umfragen eruiert, wie glücklich sich Menschen fühlen – und da belegt Deutschland meistens einen erstaunlich schlechten Platz. Erstaunlich im Hinblick auf den relativen Wohlstand, der hier immer noch herrscht; ich meine, wenn Leute aus Bangladesh mit ihrem Leben zufrieden sind, was läuft dann hier falsch? Es kann nicht nur das miese Wetter sein, sonst wären alle Iren selbstmordgefährdet. Sind sie aber nicht. Im Gegenteil, die setzen sogar mehr Blagen in die Welt als wir.
Und das bringt mich zu der folgenden Frage: Macht es vielleicht einfach keine Freude, deutsch zu sein in einem Deutschland, in dem Mülltrennen, Behördengänge wegen jedes Fitzelkrams, Hundescheiße aufklauben oder sich Sorgen machen als ganz normale Beschäftigungen für erwachsene Menschen gelten? In dem die Sozialhilfe nach einem korrupten Manager benannt ist? In dem von der GEZ angeheuerte Ganoven Gebühren für etwas einziehen, das man eigentlich nur mit den Circusspielen im alten Rom oder Byzanz vergleichen kann (allerdings nicht ganz auf deren Niveau)? Wo du dich mit der falschen Hautfarbe in bestimmten Landstrichen oder Stadtvierteln besser nicht blicken lässt? Jetzt mal ehrlich: Wäre es tatsächlich so schlimm, wenn unsere Nation von hysterisch-zwanghaften Miesepetern auf lange Sicht vom Angesicht der Erde verschwände? Keine Sorge: Goethe und Schiller, Beethoven und Marx blieben der Welt ja erhalten. Ist alles auf DVD gespeichert, wartet nur auf Leute, die wieder etwas damit anfangen können. Ob nun Deutsche oder Japaner Beethoven spielen oder Balladen von Schiller lesen – irgendwann gehört das sowieso zum untergegangenen Kulturgut, genau wie Menschenkopfballspielen bei den Mayas, Child in Time von Deep Purple, Bürgerrechte in den USA oder der Kommunismus auf Kuba. Und ob Deutsche oder Japaner Gucci-Taschen und Nike-Sneakers kaufen, ist dem Markt sowieso egal. Wir können uns auf jeden Fall damit trösten, dass so schöne Lehnwörter wie „Angst“, „Weltschmerz“ und „Kindergarten“ in vielen Sprachen noch lange von unserer Existenz künden werden.