Nummer 11, herbst 2006



Editorial
 


 

Wir brauchen uns nicht diplomatisch auszudrücken. Wir können, man muss die Dinge beim Namen nennen: Die Regierung Israels steht nach den 33 Tagen ihrer Libanon-Kampagne militärisch, politisch und humanitär vor einer Katastrophe.
Die mit Atomwaffen hochgerüstete, drittstärkste Armee der Welt zog gegen eine verblendete Miliz in den Kampf mit dem Ziel, sie zu vernichten. Jetzt muss Regierungschef Olmert sich damit zufriedengeben, die Hisbollah allenfalls „geschwächt“ zu haben. Die Hälfte der gefallenen israelischen Soldaten wurde durch sogenanntes „friendly fire“ getötet. Und der Rückzug aus dem Südlibanon war kein
Triumphmarsch, die Freude in den Gesichtern der heimkehrenden Soldaten war die Erleichterung über den endlichen Abbruch dieses blindwütigen Feldzugs.
Die politischen Folgen schlagen der Regierung ins Gesicht. Noch nie stand sie (wenn auch noch an der Seite des amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika) in der Meinung der Welt so allein und ohne Unterstützung da. Am Ende stimmte sogar die Schutzmacht der UN-Resolution zu und erzwang die Waffenruhe. Und der fanatischen Hisbollah genügt es schon, nicht besiegt zu sein, um ihren Freudentanz aufzuführen. Wir müssen uns nicht wundern, wenn nach diesem Krieg dem islamistischen Terror neue Sympathisanten zulaufen.
Die Bewertung der humanitären Katastrophe verlangt zwei Vorbemerkungen.
Kein Krieg wird dadurch menschlich, dass das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beachtet wird. Er bleibt ein Ausbruch von Gewalt, und er zerstört Häuser und Menschen, die darin wohnen. Und: Kein Verständiger wird je die Toten der einen Seite gegen die Toten der anderen Seite aufrechnen und etwa danach Schuld verteilen.
Gleichwohl bleibt das Ausmaß der Vernichtung in diesem Krieg unverhältnismäßig und dauerhaft bedrückend. Es ist nicht einmal so sehr die Zerstörung von Brücken, Straßen und Krankenwagen (die überdies lediglich Schrecken verbreiten soll, aber Israel keine Sicherheit verschafft); es ist das Töten von Menschen.
Ich weiß, dass man solche Rede leicht für unseriös hält. Schließlich werden auch von meinen Steuergeldern Menschen, Männer und Frauen, dazu ausgebildet, andere Menschen zu töten. Das ist schon schlimm genug. Vielleicht ist es ein notwendiges Übel. Hinzu kommt, dass uns der Krieg im Fernsehen als Tragödie, zumeist aber als beherrschbare Tragödie gezeigt wird, gewissermaßen auch zivil ein Ort, eine Zeit der Bewährung. Wir sehen Straßen fensterhoch voll Bauschutt, und mittendrin sucht sich ein Pkw seinen Weg: Das Leben, sagt man dann, geht weiter. Wir sehen brennende Häuser: davor aber mutige Feuerwehrmänner beim Löschen. Wir sehen eilige Sanitäter mit Bahren, auf denen nicht nur Tote liegen: Hier werden Leben gerettet.

Was wir nicht zu sehen bekommen: die staubfarbenen Toten in dieser Verwüstung. Die zerstückelten Menschenkörper. Das bekommen nur die offiziellen Retter zu sehen. Sie müssen diesen Anblick ertragen, die Arbeit tun; uns bleibt das alles erspart. Es macht die Sache, den Krieg, erträglich. Das Aufräumen der Schlachtfelder nach der Schlacht kommt in den Geschichtsbüchern nicht vor.
Wir haben in der Redaktion lange und energisch darüber diskutiert, ob die Wiedergabe solcher Fotos aus den Ruinen des Libanon verantwortbar ist. Der befürchtete Vorwurf des Sensationslust lag nahe, zumindest ein Verdacht auf Voyeurismus. Nahmen wir einseitig Partei? Oder war es noch begründete Aufklärung? Ein Gewinn an Humanität? Die Fotos nur Fälschungen? Immerhin, die schnellen Gerüchte, es würden Kinderleichen eigens für die Fotografen hergeschafft, verstummten, und Mr. „Green Helmet“, der dem Fotografen ein totes Kind vor die Kamera hielt, war dann doch kein Hisbollah-Agent.
Wir wollten aber auch keinen Pseudo-Realismus, der in seiner angeblichen Unerschrockenheit und einer kostenlosen Empörung, die jede genauere Analyse erstickt, nur sich selbst gefällt und gerade dadurch den Respekt vor den Opfern verfehlt.
Vermutlich ging die Diskussion argumentativ unentschieden aus. Den Ausschlag gaben wohl die Mails aus dem Libanon, die Mona Sarkis zu einer kurzen Reportage zusammengestellt hat. Die Mails stellen die Fotos, ohne sie zu relativieren, in einen eigenen, kaum noch zurückweisbaren Text- und Erfahrungszusammenhang.
Der Libanon-Krieg verdeckt beinahe einen anderen Kontinent, der fast, wiewohl ungeplant, zu einem Themenheft geführt hätte: Afrika. Wir berichten über den durchaus gewollten Einbruch der Moderne in sogenannte traditionelle Kulturen in Ghana und die gefährliche, wenn auch gutgemeinte Übernahme von Staatsaufgaben durch Helferorganisationen in Uganda und Kongo-Kinshasa. In der Foto-Galerie stellt Katharina Greven aus; sie hat aus Kenia friedliche, nichtspektakuläre Alltags-Bilder mitgebracht.
Wenig Anlass zu Optimismus (soweit er nicht nur „Pflichtübung“ der Autoren gegenüber dem Leser ist) sieht Dietrich Krusche in drei Neuerscheinungen, die sich mit Prognosen zur nahen Zukunft befassen. Noch steht nicht fest, wie groß der Schaden sein muss, aus dem wir klug werden sollen.

Fritz R. Glunk