Wir brauchen uns nicht diplomatisch auszudrücken. Wir können,
man muss die Dinge beim Namen nennen: Die Regierung Israels steht
nach den 33 Tagen ihrer Libanon-Kampagne militärisch, politisch
und humanitär vor einer Katastrophe.
Die mit Atomwaffen hochgerüstete, drittstärkste Armee der
Welt zog gegen eine verblendete Miliz in den Kampf mit dem Ziel, sie
zu vernichten. Jetzt muss Regierungschef Olmert sich damit zufriedengeben,
die Hisbollah allenfalls geschwächt zu haben. Die
Hälfte der gefallenen israelischen Soldaten wurde durch sogenanntes
friendly fire getötet. Und der Rückzug aus dem
Südlibanon war kein
Triumphmarsch, die Freude in den Gesichtern der heimkehrenden Soldaten
war die Erleichterung über den endlichen Abbruch dieses blindwütigen
Feldzugs.
Die politischen Folgen schlagen der Regierung ins Gesicht. Noch nie
stand sie (wenn auch noch an der Seite des amtierenden Präsidenten
der Vereinigten Staaten von Amerika) in der Meinung der Welt so allein
und ohne Unterstützung da. Am Ende stimmte sogar die Schutzmacht
der UN-Resolution zu und erzwang die Waffenruhe. Und der fanatischen
Hisbollah genügt es schon, nicht besiegt zu sein, um ihren Freudentanz
aufzuführen. Wir müssen uns nicht wundern, wenn nach diesem
Krieg dem islamistischen Terror neue Sympathisanten zulaufen.
Die Bewertung der humanitären Katastrophe verlangt zwei Vorbemerkungen.
Kein Krieg wird dadurch menschlich, dass das Prinzip der Verhältnismäßigkeit
beachtet wird. Er bleibt ein Ausbruch von Gewalt, und er zerstört
Häuser und Menschen, die darin wohnen. Und: Kein Verständiger
wird je die Toten der einen Seite gegen die Toten der anderen Seite
aufrechnen und etwa danach Schuld verteilen.
Gleichwohl bleibt das Ausmaß der Vernichtung in diesem Krieg
unverhältnismäßig und dauerhaft bedrückend. Es
ist nicht einmal so sehr die Zerstörung von Brücken, Straßen
und Krankenwagen (die überdies lediglich Schrecken verbreiten
soll, aber Israel keine Sicherheit verschafft); es ist das Töten
von Menschen.
Ich weiß, dass man solche Rede leicht für unseriös
hält. Schließlich werden auch von meinen Steuergeldern
Menschen, Männer und Frauen, dazu ausgebildet, andere Menschen
zu töten. Das ist schon schlimm genug. Vielleicht ist es ein
notwendiges Übel. Hinzu kommt, dass uns der Krieg im Fernsehen
als Tragödie, zumeist aber als beherrschbare Tragödie gezeigt
wird, gewissermaßen auch zivil ein Ort, eine Zeit der Bewährung.
Wir sehen Straßen fensterhoch voll Bauschutt, und mittendrin
sucht sich ein Pkw seinen Weg: Das Leben, sagt man dann, geht weiter.
Wir sehen brennende Häuser: davor aber mutige Feuerwehrmänner
beim Löschen. Wir sehen eilige Sanitäter mit Bahren, auf
denen nicht nur Tote liegen: Hier werden Leben gerettet.
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Was wir nicht zu sehen bekommen: die staubfarbenen Toten
in dieser Verwüstung. Die zerstückelten Menschenkörper.
Das bekommen nur die offiziellen Retter zu sehen. Sie müssen
diesen Anblick ertragen, die Arbeit tun; uns bleibt das alles erspart.
Es macht die Sache, den Krieg, erträglich. Das Aufräumen
der Schlachtfelder nach der Schlacht kommt in den Geschichtsbüchern
nicht vor.
Wir haben in der Redaktion lange und energisch darüber diskutiert,
ob die Wiedergabe solcher Fotos aus den Ruinen des Libanon verantwortbar
ist. Der befürchtete Vorwurf des Sensationslust lag nahe, zumindest
ein Verdacht auf Voyeurismus. Nahmen wir einseitig Partei? Oder war
es noch begründete Aufklärung? Ein Gewinn an Humanität?
Die Fotos nur Fälschungen? Immerhin, die schnellen Gerüchte,
es würden Kinderleichen eigens für die Fotografen hergeschafft,
verstummten, und Mr. Green Helmet, der dem Fotografen
ein totes Kind vor die Kamera hielt, war dann doch kein Hisbollah-Agent.
Wir wollten aber auch keinen Pseudo-Realismus, der in seiner angeblichen
Unerschrockenheit und einer kostenlosen Empörung, die jede genauere
Analyse erstickt, nur sich selbst gefällt und gerade dadurch
den Respekt vor den Opfern verfehlt.
Vermutlich ging die Diskussion argumentativ unentschieden aus. Den
Ausschlag gaben wohl die Mails aus dem Libanon, die Mona Sarkis zu
einer kurzen Reportage zusammengestellt hat. Die Mails stellen die
Fotos, ohne sie zu relativieren, in einen eigenen, kaum noch zurückweisbaren
Text- und Erfahrungszusammenhang.
Der Libanon-Krieg verdeckt beinahe einen anderen Kontinent, der fast,
wiewohl ungeplant, zu einem Themenheft geführt hätte: Afrika.
Wir berichten über den durchaus gewollten Einbruch der Moderne
in sogenannte traditionelle Kulturen in Ghana und die gefährliche,
wenn auch gutgemeinte Übernahme von Staatsaufgaben durch Helferorganisationen
in Uganda und Kongo-Kinshasa. In der Foto-Galerie stellt Katharina
Greven aus; sie hat aus Kenia friedliche, nichtspektakuläre Alltags-Bilder
mitgebracht.
Wenig Anlass zu Optimismus (soweit er nicht nur Pflichtübung
der Autoren gegenüber dem Leser ist) sieht Dietrich Krusche in
drei Neuerscheinungen, die sich mit Prognosen zur nahen Zukunft befassen.
Noch steht nicht fest, wie groß der Schaden sein muss, aus dem
wir klug werden sollen.
Fritz R. Glunk
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