Afrika: Das Ende der kulturellen Reinheit
Kontaminationen
Wenn die Moderne in alte Traditionen
einbricht, ruft das wohlmeinende Bewahrer der gewachsenen Kultur auf
den Plan. Aber wen oder was meinen sie eigentlich die Kultur
oder die Menschen? Und werden dabei nicht manchmal
Menschen in einer Kultur eingeschlossen, die sie in Wahrheit verlassen
wollen? Ein Blick auf alltägliche Mischformen.
Von Kwame Anthony Appiah
Ich sitze mit meiner Mutter auf einer Palastveranda, eine erfrischende
Brise weht von den königlichen Gärten her. Vor uns erhebt
sich ein leerer Thron, seine Beine und Armlehnen aus glänzender
Bronze, der Sitz und die Rückenlehne mit schwarz-goldener Seide
bezogen. Vor dem Podium hat man, senkrecht dazu, zwei Stuhlreihen
aufgestellt. Auf den holzgeschnitzen Stühlen, einander gegenüber,
sitzen fast nur Männer. Sie haben die Tücher, die ihre Kleidung
bilden, um die Brust gewickelt, so dass eine Schulter freibleibt.
Das Rauschen gedämpfter Stimmen im Gespräch. Weiter draußen
im Garten schreien Pfaue. Endlich kündigt der tiefdumpfe Ton
eines Widderhorns die Ankunft des Königs der Aschanti an: Der
Klang kommt nur ihm und seinem Ehrentitel zu, kotokohene, zu deutsch
Stachelschwein-Häuptling. Denn jeder Stachel dieses
Tieres bedeutet von alters her einen kampfbereiten und todesverachtenden
Krieger. Alle stehen auf und setzen sich erst wieder, wenn der König
auf dem Thron sitzt. Dann singt ein Chor, kurz unterbrochen von Flötenmusik,
Preislieder auf ihn. Es ist Mittwoch, das Mittwoch-Fest in Kumasi,
der Stadt in Ghana, in der ich aufgewachsen bin.
Wenn Sie jetzt nicht einer der wenigen Millionen Ghanaer sind, wird
Ihnen diese Szene ungewöhnlich vorkommen, wie aus einer anderen,
vermutlich exotischen Welt. Sie werden vielleicht annehmen, dass dieses
Fest zur ohnehin merkwürdigen Vergangenheit Afrikas gehört.
Aber noch kurz vor der Ankunft des Königs redeten die Leute in
ihre Handys, und unter den Menschen, die sich ihre Wartezeit mit Unterhaltungen
verkürzten, waren Dutzende Männer in gedeckten Anzügen,
Geschäftsleute, Vertreter einer Versicherungsgesellschaft. Und
in den Konferenzräumen an der Veranda geht es nur um Gegenwartsprobleme:
Aids, Schule im 21. Jahrhundert, Wissenschaftspädagogik. Als
ich dem König vorgestellt werde, fragt er mich nach Princeton,
wo ich eine Professur innehabe. Ich frage ihn, wann er das nächste
Mal in die USA kommt. In ein paar Wochen, antwortet er: Er hat einen
Termin mit dem Chef der Weltbank.
Wer in der Welt herumkommt, findet seit jeher und überall Zeremonien
und Feste dieser Art, und die meisten blicken auf jahrhundertealte
Traditionen zurück. Aber man findet dort auch (und das ist nun
wirklich etwas Neues) enge Verknüpfungen mit so weit entfernten
Orten wie Washington, Moskau, Mexiko City oder Peking. Als wir noch
Kinder waren, stand auf der anderen Straßenseite ein großes
Mehrfamilienhaus, und in einer dieser Familien gab es einen Jungen
in meinem Alter, der bald mein Freund wurde. Heute lebt er in London.
Sein Bruder Eddie lebt in Japan, dessen Frau ist Japanerin. Er hat
noch einen Bruder, der eine Zeitlang in Spanien wohnte, und noch eine
ganze Handvoll weiterer Brüder, die in den USA leben, jedenfalls
nach meinen letzten Informationen. Andere Brüder leben in Kumasi,
einer oder zwei in der Hauptstadt Accra. Eddie spricht heute zwangsläufig
Japanisch wie seine Frau. Aber im Englischen, unserer Unterrichtssprache
und der Sprache unserer Regierung, hat er sich noch nie wohlgefühlt.
Von Zeit zu Zeit ruft er mich an, dann spricht er lieber Aschanti-Twi.
Machtzentrum
Im Lauf der Jahre haben sich die Gebäude des königlichen
Palastes vermehrt. In meiner Kindheit besuchten wir den damaligen
König (der auch mein angeheirateter Großonkel war) oft
in einem kleinen Haus, dessen Bau die Engländer seinem Vorgänger
gestattet hatten, als er aus dem Exil auf den Seychellen zurückkam
in ein wiederhergestelltes, aber verkleinertes Königreich. Das
Haus ist heute ein Museum, mickrig im Vergleich zu dem riesigen Gebäude,
das sich sein Nachfolger baute (ein angeheirateter Onkel von mir)
und in dem der heutige König wohnt. Daneben erstreckt sich dann
das von ihm errichtete Bürogebäude mit der Veranda, auf
der wir saßen. Die Briten (das Volk meiner Mutter) eroberten
das Aschanti-Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jetzt, am Beginn
des 21. Jahrhunderts, fühlt sich der Palast wieder so an wie
im 19. Jahrhundert: als Zentrum der Macht. Aus dieser Welt hier kommt
auch der ghanaische Präsident. Er wurde auf der anderen Straßenseite
geboren, dem Palast gegenüber, ein Angehöriger des Clans
der Oyoko. Aber gleichzeitig gehört er einer ganz anderen Welt
an: Er ist Mitglied in einem der noblen Anwaltsvereine in London,
und er ist Katholik (in seinem Wohnzimmer hängt ein Foto von
seinem Besuch beim Papst).
Wie ist dies alles zu verstehen? Auf dem Mittwochfest in Kumasi habe
ich Besucher aus England und den USA gesehen, die zusammenzuckten
bei einem Anblick, der für sie das Eindringen der Modernität
in ehrwürdige Traditionen und Rituale war; in ihren Augen wieder
ein Beweis für den Zwang der Moderne zur Uniformität. Sie
reagieren wie der Regieassistent bei einem Sandalenfilm, der aufpasst,
dass die Statisten keine Armbanduhren tragen.
Viele andere, auch Politiker denken so. Einige Mitglieder der UNESCO
haben sich die zeitraubende Mühe gemacht, eine Vereinbarung für
den Schutz und die Förderung kultureller Diversität
zu formulieren (auf der Generalversammlung der UNESCO im Oktober 2005
wurde sie verabschiedet). Die Verfasser des Textentwurfs machten sich
Sorgen, die Globalisierungsprozesse ... [könnten] eine
Herausforderung für kulturelle Diversität darstellen, insbesondere
angesichts des drohenden Ungleichgewichts zwischen reichen und armen
Ländern. Damit ist die Befürchtung gemeint, die Werte
und Bilder der Massenkultur des Westens, sozusagen aggressive Unkräuter,
drohten die unberührte Flora der Welt zu ersticken.
Man erkennt leicht den Widerspruch in diesem Argument. Denn dieselbe
UNESCO-Konferenz befürwortet selbstverständlich den freien
Fluss der Ideen, die Gedanken- und die Pressefreiheit sowie die Menschenrechte
Werte, die (wie jeder weiß) nur dann weltweit gültig
werden können, wenn wir selbst sie weltweit anwenden. Was ist
also wichtiger: die Kulturen oder die Menschen? In einer Welt, in
der Kumasi und New York immer näher aneinanderrücken, ist
eine einzige Ethik der Globalisierung illusorisch.
Der richtige Ausgangspunkt, meine ich, sind die Menschen (und nicht
Nationen oder Stämme oder Völker); sie allein
sind der Ansprechpartner jeder politischen Ethik. Es ist ziemlich
gleichgültig, wie wir diesen Ansatz nennen, aber als Hommage
an Diogenes, den griechischen Kyniker des 4. Jahrhunderts und den
ersten Philosophen, der sich Weltbürger nannte, könnten
wir ihn kosmopolitisch nennen. Kosmopoliten, Weltbürger
nehmen kulturelle Unterschiede deshalb ernst, weil sie die Menschen,
die diese Entscheidung getroffen haben, ernstnehmen. Weil aber solche
Unterschiede nicht das Einzige sind, was sie beschäftigt, haben
sie den Verdacht, dass viele kulturelle Globalisierungskritiker den
falschen Baum anbellen.
In der Tat: Die Globalisierung kann Homogenität herbeiführen.
Aber dieselbe Globalisierung ist auch eine Bedrohung für die
Homogenität. Man sieht das in Kumasi (aber ebenso klar auch anderswo).
Eines ist Kumasi ganz bestimmt nicht: homogen; schon deshalb nicht,
weil es eine Stadt ist. Ich kenne hier Engländer, Deutsche, Chinesen,
Syrer, Libanesen, Nigerianer, Familien aus allen Ländern, aus
Burkina-Faso und der Elfenbeinküste. Ich kann Ihnen Aschanti
nennen, deren Vorfahren seit Jahrhunderten in Kumasi wohnen, aber
ebensogut Haussa-Familien, die auch schon so lange hier sind. Außerdem
leben hier noch Menschen aus jeder Region des Landes, und alle sprechen
Dutzende verschiedener Sprachen.
Das Bild ändert sich schlagartig, wenn man aus Kumasi herausfährt
(man braucht nur, sagen wir, 30 Kilometer weit zu fahren, aber in
die richtige Richtung) und dann abseits der bequemen Hauptstraßen
weiter ins Land hinein auf einer Schlaglochpiste aus ziegelrot verwittertem
Laterit, dann findet man mühelos Dörfer, die noch ziemlich
monokulturell geblieben sind. Die Bewohner waren bestimmt schon einmal
in Kumasi und haben die große, polyglotte, vielfältige
Welt der Großstadt erlebt. Aber dort, wo sie wohnen, gibt es
nur eine einzige Alltagssprache (abgesehen von Englisch, das in der
staatlichen Schule gesprochen wird) und ein bäuerliches Leben
mit einer herkömmlichen Feldfrucht, etwa Süßkartoffeln,
und einigen Neuerungen wie Kakao, der erst im 19. Jahrhundert zu einem
Exportartikel wurde. Vielleicht haben sie sogar elektrischen Strom
(die Dörfer in der Nähe von Kumasi sind vermutlich elektrifiziert).
Kommerz
Wenn von der durch die Globalisierung verursachten Gleichförmigkeit
die Rede ist, meinen wir eigentlich dies: Sogar hier, in den Dörfern,
haben die Menschen Radios (auch wenn die Sendungen nur in lokaler
Sprache abgefasst sind); man findet auch hier eine Flasche Guinness
oder Coca-Cola (neben den guten ghanaischen Bieren namens Star und
Club). Aber hat der Zugang zu diesen Waren das Dorf gleichförmiger
gemacht? Und was sagt es aus über die Seele eines Menschen, dass
er Coca-Cola trinkt?
Sicher, man findet heute auch Enklaven der Homogenität (in Ghana
übrigens so zahlreich wie in
Pennsylvania), Regionen, die sich heute weniger voneinander unterscheiden
als früher dies aber zu ihrem Vorteil. Es gibt heute mehr
Orte mit Zugang zu wirksamen Medikamenten, mehr mit sauberem Trinkwasser
und richtigen Schulen. Wo diese Vorteile fehlen, ist dieser Mangel
kein Grund zum Feiern, sondern beklagenswert. Und selbst wenn wir
einmal einen Verlust an Verschiedenheit konstatieren: Die Menschen
hier erfinden unaufhörlich neue Ausdrucksformen und Unterschiede:
neue Frisuren, einen neuen Slang und von Zeit zu Zeit sogar eine neue
Religion. Man kann nicht behaupten, die Dorfbewohner auf dieser Welt
lebten alle auf dieselbe Weise.
Warum aber haben diese Menschen das Gefühl, ihre Identität
werde bedroht? Weil die Welt, wie sie sie kennen, sich verändert,
und viele von ihnen lehnen das ab. Der Sog der globalisierten Wirtschaft
(nehmen wir nur den Kakao; Schokolade wird auf der ganzen Welt gegessen)
ist zum Teil die Ursache für das Leben, das sie heute führen.
Wenn die Kakaopreise wieder in den Keller gehen, wie schon einmal
in den vergangenen 90er Jahren, dann werden sich die Aschanti-Bauern
eine neue Feldfrucht oder einen ganz anderen Erwerbszweig suchen müssen.
Eine solche Aussicht beunruhigt viele Menschen (andere beflügelt
sie). Vor kurzem kamen Missionare zu uns aufs Land, was viele Dorfbewohner
zu Christen machen wird, auch wenn sie manche ihrer alten Riten beibehalten.
Aber neuerdings sind es die Erweckungsbewegungen, die die traditionellen
Kirchen herausfordern und die herkömmlichen Riten als Götzendienst
verdammen. Auch hier: Manche finden das gut, andere nicht.
Andere Zeiten
Heutzutage ist alles anders. Der Kakaopreis hat mit den Lebenshaltungskosten
nicht Schritt gehalten. Der Benzinpreis verteuert den Transport der
Ernte. Und die Jugend in den Städten, aber auch in anderen Teilen
des Landes und der Welt, hat neue Möglichkeiten. Früher
konnte man den Jugendlichen befehlen, am Ort zu bleiben (aber auch
dann blieben sie nicht immer); heute haben sie das Recht zu gehen,
um sich anderswo Arbeit zu suchen, vielleicht in den neuen IT-Unternehmen
in der Hauptstadt. Und sowieso verdient die Familie oft nicht genug,
um sie alle zu ernähren und auf eine Schule zu schicken. Und
so geht die Zeit der erfolgreichen bäuerlichen Familienbetriebe
zu Ende, und alle, die sich in dieser Existenzform scheinbar für
immer eingerichtet hatten, sehen sie nun mit derselben Trauer verschwinden
wie die amerikanischen Farmer, deren Land von riesigen Agro-Industrieunternehmen
aufgekauft wurde. Wir fühlen mit ihnen. Aber wir können
es uns nicht ewig leisten, Tausende verschiedener Inseln der Homogenität
zu subventionieren, die wirtschaftlich bedeutungslos geworden sind.
Wir sollten das nicht einmal wollen.
Der Kosmopolit denkt vielmehr so: Diversität unter den Menschen
ist von Bedeutung, weil Menschen ein Recht auf Wahlmöglichkeiten
haben. Was John Stuart Mill vor einem Jahrhundert schrieb über
die Vielfalt in einer Gesellschaft (Über die Freiheit), kann
ebenso gut als Argument für die Vielfalt auf dem Planeten gelten:
Wenn es nur so wäre, dass Menschen Verschiedenheit in den
Geschmäckern haben, so ist das schon Grund genug, nicht zu versuchen,
sie alle nach einem Bild zu formen. Aber verschiedene Personen erfordern
auch verschiedene Bedingungen für ihre geistige Entwicklung und
können ebenso wenig nach ein und derselben Ethik leben, wie die
ganze Vielfalt der Pflanzen nicht in derselben Umwelt, Atmosphäre
und im selben Klima leben kann. Die gleichen Dinge, die für den
einen Menschen Hilfen sind für die Kultivierung seiner höheren
Anlagen, sind Hindernisse für einen anderen. (...) Wenn es keine
entsprechende Vielfalt in ihren Lebensweisen gibt, so erhalten sie
weder ihren fairen Anteil an Glück, noch wachsen sie auf zu der
geistigen, moralischen und ästhetischen Höhe, zu der ihre
Anlagen sie befähigen. Wenn wir also einen weiten Fächer
menschlicher Lebensbedingungen erhalten wollen, weil dies freien Menschen
die beste Chance gibt, ihr Leben selbst zu gestalten, dann dürfen
wir nicht Diversität zwangsweise verhängen, indem wir Menschen
in Unterschieden gefangenhalten, denen sie sehnlich zu entfliehen
suchen.
Die Überzeugung, dass Menschen zur Beibehaltung kultureller
Praktiken nicht gezwungen werden dürfen, sollte uns also leichtfallen.
Trotzdem könnte man noch immer meinen, Kosmopoliten sollten auf
der Seite derer stehen, die auf der ganzen Welt mit der Rettung
von Kulturen und dem Widerstand gegen einen kulturellen
Imperialismus befasst sind. Aber hinter diesen Slogans finden
wir oft seltsame Ideen. Nehmen wir die Erhaltung einer Kultur:
Menschen zu helfen, eine Kunstform aufrechtzuerhalten, die sie selbst
gern bewahren möchten, ist zweifellos verdienstvoll. Ich bin
sehr für die walisischen Festivals in Llandudno, die der Welsh
Arts Council finanziert. Ich wünsche auch dem Ghana National
Arts Council, wo man traditionelle Tänze und richtiges Trommeln
lernen kann, ein langes Leben, insbesondere da seine Klassen ständig
überbelegt sind. Gern sollte man die frühen Hollywoodfilme
in den Archiven besser zu konservieren versuchen, bevor sie weiter
zerfallen; den Zustand altnordischer und frühchinesischer und
äthiopischer Manuskripte erhalten; die Erzählungen der Malaiien,
der Massai und Maori aufzeichnen, transkribieren und analysieren;
dies alles sind ohne Zweifel sinnvolle Unternehmungen.
Aber hier ist nun ein Wort zur Authentizität angebracht. Eine
Kultur zu bewahren (Kultur hier im Sinne ihrer Produkte) ist doch
noch etwas anderes als eine Kultur generell zu bewahren. Die eifrigen
Kultur-Erhalter verfolgen oft nur das letztere Ziel und möchten
sicherstellen, dass die Huli in Papua-Neuguinea (oder auch die Sikhs
in Toronto) ihre authentische Lebensweise aufrechterhalten.
Aber wir müssen fragen: Was macht eine kulturelle Ausdrucksform
zu einer authentischen? Sollen wir den Import von Baseball-Mützen
nach Vietnam untersagen, damit die Kinder der Zao-Minderheit wieder
ihren schönen roten Turbane tragen? Hat jemand die Zao gefragt?
Sollen sie nicht selber entscheiden dürfen?
Der Kultur-Bewahrer würde dazu wohl sagen: Sie haben ja
gar keine richtige Wahl. Wir kippen ihnen unsere westlichen Billig-Textilien
auf den Markt, und da können sie sich nicht länger die Seidenstoffe
leisten, die sie früher getragen haben. Wenn sie bekämen,
was sie sich wirklich wünschen, würden sie immer noch ihre
traditionelle Kleidung tragen. Eine solche Feststellung aber
ist kein Argument mehr für Authentizität. Die Behauptung
lautet vielmehr: Sie können sich nicht leisten, etwas zu tun,
was sie eigentlich gern tun möchten, etwas, das ihre Identität
ausdrückt, die sie lieben und gern erhalten wollen. So gesehen
ist das tatsächlich ein Problem, und es bedrückt Menschen
in sehr vielen Gesellschaften: Sie sind zu arm, um so zu leben, wie
sie leben möchten. Wenn sie aber reicher werden und immer noch
in T-Shirts herumlaufen, dann haben sie sich eben dazu entschieden.
Jetzt noch von Authentizität reden zu wollen, heißt doch
nur, anderen Menschen vorzuschreiben, welche ihrer Traditionen sie
gefälligst hochhalten sollen.
In der realen Welt ist das aber eher nicht das Problem. Menschen,
die sich die traditionelle Kleidung leisten können, tragen sie
meistens auch wenigstens von Zeit zu Zeit. Ich war einmal Brautführer
bei einer Hochzeit in Schottland, wo der Bräutigam einen Kilt
trug und ich eine traditionelle Kente-Seide aus meiner Heimat. Andrew
Oransay, der uns mit dem Dudelsack im Mittelgang begleitete, flüsterte
mir dabei ins Ohr: Hier sind wir alle in Stammeskleidung!
In Kumasi ziehen die Menschen, die es sich leisten können, liebend
gern ihre Kente-Tücher an, am liebsten die traditionellsten,
die in der Nachbarstadt Bonwire schon seit Jahrhunderten zu buntfarbigen
Seidenbahnen gewebt werden. (Die Preise sind auch deshalb gestiegen,
weil die Nachfrage außerhalb der Region gestiegen ist; ein sehr
gutes Kente-Tuch für einen Mann kostet heute mehr als den Jahres-Durchschnittsverdienst
eines Ghanaers. Ist das schlimm? Nicht für Weber in Bonwire.)
Eine urtümlich authentische Kultur zu suchen ist oft nichts anderes
als das Schälen einer Zwiebel.
Die Textilien, die die meisten Menschen für traditionell westafrikanisch
halten, sind hier unter dem Begriff Java-Drucke bekannt. Diese Tücher
kamen erst im 19. Jahrhundert nach Afrika, und zwar mit den Holländern,
die Batik-Tücher aus Java hier verkauften, oft auch selbst weiterverarbeiteten.
Die Traditionskleidung der Herero-Frauen in Namibia ist eine Variante
der Bekleidung der deutschen Missionare des 19. Jahrhunderts, trotzdem
bewahrt sie unverkennbar ihren Herero-Charakter, nicht zuletzt wegen
der ganz und gar unprotestantisch bunten Farbgebung der Stoffe. So
auch mit unseren ghanaischen Kente-Tüchern: Die Seide dafür
wurde schon immer importiert, verkauft von Europäern, produziert
in Asien. Diese Tradition war früher einmal eine Innovation.
Sollen wir sie deshalb als untraditionell zurückweisen? Wie weit
sollen wir in die Geschichte zurückgehen? Sollen wir die jungen
Männer und Frauen an der Technischen Hochschule bei Kumasi verdammen,
weil sie bei der Diplomverleihung europäische Talare tragen (und
bunte Streifen darüberlegen)?
Kulturen bestehen aus Dauer und Wandel, und die Identität einer
Gesellschaft überlebt durch diese Wandlungen hindurch. Eine Gesellschaft
ohne Wandel ist nicht authentisch, sie ist einfach tot.
(Übersetzung aus dem Englischen: Philipp Reuter)