Nummer 11, herbst 2006                                      


                                                                                                                                                            
 

Afrika: Das Ende der kulturellen Reinheit

Kontaminationen

Wenn die Moderne in alte Traditionen einbricht, ruft das wohlmeinende Bewahrer der gewachsenen Kultur auf den Plan. Aber wen oder was meinen sie eigentlich – die Kultur oder die Menschen? Und werden dabei nicht manchmal
Menschen in einer Kultur eingeschlossen, die sie in Wahrheit verlassen wollen? Ein Blick auf alltägliche Mischformen.

Von Kwame Anthony Appiah

Ich sitze mit meiner Mutter auf einer Palastveranda, eine erfrischende Brise weht von den königlichen Gärten her. Vor uns erhebt sich ein leerer Thron, seine Beine und Armlehnen aus glänzender Bronze, der Sitz und die Rückenlehne mit schwarz-goldener Seide bezogen. Vor dem Podium hat man, senkrecht dazu, zwei Stuhlreihen aufgestellt. Auf den holzgeschnitzen Stühlen, einander gegenüber, sitzen fast nur Männer. Sie haben die Tücher, die ihre Kleidung bilden, um die Brust gewickelt, so dass eine Schulter freibleibt. Das Rauschen gedämpfter Stimmen im Gespräch. Weiter draußen im Garten schreien Pfaue. Endlich kündigt der tiefdumpfe Ton eines Widderhorns die Ankunft des Königs der Aschanti an: Der Klang kommt nur ihm und seinem Ehrentitel zu, kotokohene, zu deutsch „Stachelschwein-Häuptling“. Denn jeder Stachel dieses Tieres bedeutet von alters her einen kampfbereiten und todesverachtenden Krieger. Alle stehen auf und setzen sich erst wieder, wenn der König auf dem Thron sitzt. Dann singt ein Chor, kurz unterbrochen von Flötenmusik, Preislieder auf ihn. Es ist Mittwoch, das Mittwoch-Fest in Kumasi, der Stadt in Ghana, in der ich aufgewachsen bin.

Wenn Sie jetzt nicht einer der wenigen Millionen Ghanaer sind, wird Ihnen diese Szene ungewöhnlich vorkommen, wie aus einer anderen, vermutlich exotischen Welt. Sie werden vielleicht annehmen, dass dieses Fest zur ohnehin merkwürdigen Vergangenheit Afrikas gehört. Aber noch kurz vor der Ankunft des Königs redeten die Leute in ihre Handys, und unter den Menschen, die sich ihre Wartezeit mit Unterhaltungen verkürzten, waren Dutzende Männer in gedeckten Anzügen, Geschäftsleute, Vertreter einer Versicherungsgesellschaft. Und in den Konferenzräumen an der Veranda geht es nur um Gegenwartsprobleme: Aids, Schule im 21. Jahrhundert, Wissenschaftspädagogik. Als ich dem König vorgestellt werde, fragt er mich nach Princeton, wo ich eine Professur innehabe. Ich frage ihn, wann er das nächste Mal in die USA kommt. In ein paar Wochen, antwortet er: Er hat einen Termin mit dem Chef der Weltbank.

Wer in der Welt herumkommt, findet seit jeher und überall Zeremonien und Feste dieser Art, und die meisten blicken auf jahrhundertealte Traditionen zurück. Aber man findet dort auch (und das ist nun wirklich etwas Neues) enge Verknüpfungen mit so weit entfernten Orten wie Washington, Moskau, Mexiko City oder Peking. Als wir noch Kinder waren, stand auf der anderen Straßenseite ein großes Mehrfamilienhaus, und in einer dieser Familien gab es einen Jungen in meinem Alter, der bald mein Freund wurde. Heute lebt er in London. Sein Bruder Eddie lebt in Japan, dessen Frau ist Japanerin. Er hat noch einen Bruder, der eine Zeitlang in Spanien wohnte, und noch eine ganze Handvoll weiterer Brüder, die in den USA leben, jedenfalls nach meinen letzten Informationen. Andere Brüder leben in Kumasi, einer oder zwei in der Hauptstadt Accra. Eddie spricht heute zwangsläufig Japanisch wie seine Frau. Aber im Englischen, unserer Unterrichtssprache und der Sprache unserer Regierung, hat er sich noch nie wohlgefühlt. Von Zeit zu Zeit ruft er mich an, dann spricht er lieber Aschanti-Twi.

Machtzentrum
Im Lauf der Jahre haben sich die Gebäude des königlichen Palastes vermehrt. In meiner Kindheit besuchten wir den damaligen König (der auch mein angeheirateter Großonkel war) oft in einem kleinen Haus, dessen Bau die Engländer seinem Vorgänger gestattet hatten, als er aus dem Exil auf den Seychellen zurückkam in ein wiederhergestelltes, aber verkleinertes Königreich. Das Haus ist heute ein Museum, mickrig im Vergleich zu dem riesigen Gebäude, das sich sein Nachfolger baute (ein angeheirateter Onkel von mir) und in dem der heutige König wohnt. Daneben erstreckt sich dann das von ihm errichtete Bürogebäude mit der Veranda, auf der wir saßen. Die Briten (das Volk meiner Mutter) eroberten das Aschanti-Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Jetzt, am Beginn des 21. Jahrhunderts, fühlt sich der Palast wieder so an wie im 19. Jahrhundert: als Zentrum der Macht. Aus dieser Welt hier kommt auch der ghanaische Präsident. Er wurde auf der anderen Straßenseite geboren, dem Palast gegenüber, ein Angehöriger des Clans der Oyoko. Aber gleichzeitig gehört er einer ganz anderen Welt an: Er ist Mitglied in einem der noblen Anwaltsvereine in London, und er ist Katholik (in seinem Wohnzimmer hängt ein Foto von seinem Besuch beim Papst).

Wie ist dies alles zu verstehen? Auf dem Mittwochfest in Kumasi habe ich Besucher aus England und den USA gesehen, die zusammenzuckten bei einem Anblick, der für sie das Eindringen der Modernität in ehrwürdige Traditionen und Rituale war; in ihren Augen wieder ein Beweis für den Zwang der Moderne zur Uniformität. Sie reagieren wie der Regieassistent bei einem Sandalenfilm, der aufpasst, dass die Statisten keine Armbanduhren tragen.
Viele andere, auch Politiker denken so. Einige Mitglieder der UNESCO haben sich die zeitraubende Mühe gemacht, eine Vereinbarung „für den Schutz und die Förderung“ kultureller Diversität zu formulieren (auf der Generalversammlung der UNESCO im Oktober 2005 wurde sie verabschiedet). Die Verfasser des Textentwurfs machten sich Sorgen, „die Globalisierungsprozesse ... [könnten] eine Herausforderung für kulturelle Diversität darstellen, insbesondere angesichts des drohenden Ungleichgewichts zwischen reichen und armen Ländern“. Damit ist die Befürchtung gemeint, die Werte und Bilder der Massenkultur des Westens, sozusagen aggressive Unkräuter, drohten die unberührte Flora der Welt zu ersticken.
Man erkennt leicht den Widerspruch in diesem Argument. Denn dieselbe UNESCO-Konferenz befürwortet selbstverständlich den freien Fluss der Ideen, die Gedanken- und die Pressefreiheit sowie die Menschenrechte – Werte, die (wie jeder weiß) nur dann weltweit gültig werden können, wenn wir selbst sie weltweit anwenden. Was ist also wichtiger: die Kulturen oder die Menschen? In einer Welt, in der Kumasi und New York immer näher aneinanderrücken, ist eine einzige Ethik der Globalisierung illusorisch.
Der richtige Ausgangspunkt, meine ich, sind die Menschen (und nicht Nationen oder Stämme oder „Völker“); sie allein sind der Ansprechpartner jeder politischen Ethik. Es ist ziemlich gleichgültig, wie wir diesen Ansatz nennen, aber als Hommage an Diogenes, den griechischen Kyniker des 4. Jahrhunderts und den ersten Philosophen, der sich „Weltbürger“ nannte, könnten wir ihn „kosmopolitisch“ nennen. Kosmopoliten, Weltbürger nehmen kulturelle Unterschiede deshalb ernst, weil sie die Menschen, die diese Entscheidung getroffen haben, ernstnehmen. Weil aber solche Unterschiede nicht das Einzige sind, was sie beschäftigt, haben sie den Verdacht, dass viele kulturelle Globalisierungskritiker den falschen Baum anbellen.
In der Tat: Die Globalisierung kann Homogenität herbeiführen. Aber dieselbe Globalisierung ist auch eine Bedrohung für die Homogenität. Man sieht das in Kumasi (aber ebenso klar auch anderswo). Eines ist Kumasi ganz bestimmt nicht: homogen; schon deshalb nicht, weil es eine Stadt ist. Ich kenne hier Engländer, Deutsche, Chinesen, Syrer, Libanesen, Nigerianer, Familien aus allen Ländern, aus Burkina-Faso und der Elfenbeinküste. Ich kann Ihnen Aschanti nennen, deren Vorfahren seit Jahrhunderten in Kumasi wohnen, aber ebensogut Haussa-Familien, die auch schon so lange hier sind. Außerdem leben hier noch Menschen aus jeder Region des Landes, und alle sprechen Dutzende verschiedener Sprachen.

Das Bild ändert sich schlagartig, wenn man aus Kumasi herausfährt (man braucht nur, sagen wir, 30 Kilometer weit zu fahren, aber in die richtige Richtung) und dann abseits der bequemen Hauptstraßen weiter ins Land hinein auf einer Schlaglochpiste aus ziegelrot verwittertem Laterit, dann findet man mühelos Dörfer, die noch ziemlich monokulturell geblieben sind. Die Bewohner waren bestimmt schon einmal in Kumasi und haben die große, polyglotte, vielfältige Welt der Großstadt erlebt. Aber dort, wo sie wohnen, gibt es nur eine einzige Alltagssprache (abgesehen von Englisch, das in der staatlichen Schule gesprochen wird) und ein bäuerliches Leben mit einer herkömmlichen Feldfrucht, etwa Süßkartoffeln, und einigen Neuerungen wie Kakao, der erst im 19. Jahrhundert zu einem Exportartikel wurde. Vielleicht haben sie sogar elektrischen Strom (die Dörfer in der Nähe von Kumasi sind vermutlich elektrifiziert).

Kommerz
Wenn von der durch die Globalisierung verursachten Gleichförmigkeit die Rede ist, meinen wir eigentlich dies: Sogar hier, in den Dörfern, haben die Menschen Radios (auch wenn die Sendungen nur in lokaler Sprache abgefasst sind); man findet auch hier eine Flasche Guinness oder Coca-Cola (neben den guten ghanaischen Bieren namens Star und Club). Aber hat der Zugang zu diesen Waren das Dorf gleichförmiger gemacht? Und was sagt es aus über die Seele eines Menschen, dass er Coca-Cola trinkt?

Sicher, man findet heute auch Enklaven der Homogenität (in Ghana übrigens so zahlreich wie in
Pennsylvania), Regionen, die sich heute weniger voneinander unterscheiden als früher – dies aber zu ihrem Vorteil. Es gibt heute mehr Orte mit Zugang zu wirksamen Medikamenten, mehr mit sauberem Trinkwasser und richtigen Schulen. Wo diese Vorteile fehlen, ist dieser Mangel kein Grund zum Feiern, sondern beklagenswert. Und selbst wenn wir einmal einen Verlust an Verschiedenheit konstatieren: Die Menschen hier erfinden unaufhörlich neue Ausdrucksformen und Unterschiede: neue Frisuren, einen neuen Slang und von Zeit zu Zeit sogar eine neue Religion. Man kann nicht behaupten, die Dorfbewohner auf dieser Welt lebten alle auf dieselbe Weise.
Warum aber haben diese Menschen das Gefühl, ihre Identität werde bedroht? Weil die Welt, wie sie sie kennen, sich verändert, und viele von ihnen lehnen das ab. Der Sog der globalisierten Wirtschaft (nehmen wir nur den Kakao; Schokolade wird auf der ganzen Welt gegessen) ist zum Teil die Ursache für das Leben, das sie heute führen. Wenn die Kakaopreise wieder in den Keller gehen, wie schon einmal in den vergangenen 90er Jahren, dann werden sich die Aschanti-Bauern eine neue Feldfrucht oder einen ganz anderen Erwerbszweig suchen müssen. Eine solche Aussicht beunruhigt viele Menschen (andere beflügelt sie). Vor kurzem kamen Missionare zu uns aufs Land, was viele Dorfbewohner zu Christen machen wird, auch wenn sie manche ihrer alten Riten beibehalten. Aber neuerdings sind es die Erweckungsbewegungen, die die traditionellen Kirchen herausfordern und die herkömmlichen Riten als Götzendienst verdammen. Auch hier: Manche finden das gut, andere nicht.

Andere Zeiten
Heutzutage ist alles anders. Der Kakaopreis hat mit den Lebenshaltungskosten nicht Schritt gehalten. Der Benzinpreis verteuert den Transport der Ernte. Und die Jugend in den Städten, aber auch in anderen Teilen des Landes und der Welt, hat neue Möglichkeiten. Früher konnte man den Jugendlichen befehlen, am Ort zu bleiben (aber auch dann blieben sie nicht immer); heute haben sie das Recht zu gehen, um sich anderswo Arbeit zu suchen, vielleicht in den neuen IT-Unternehmen in der Hauptstadt. Und sowieso verdient die Familie oft nicht genug, um sie alle zu ernähren und auf eine Schule zu schicken. Und so geht die Zeit der erfolgreichen bäuerlichen Familienbetriebe zu Ende, und alle, die sich in dieser Existenzform scheinbar für immer eingerichtet hatten, sehen sie nun mit derselben Trauer verschwinden wie die amerikanischen Farmer, deren Land von riesigen Agro-Industrieunternehmen aufgekauft wurde. Wir fühlen mit ihnen. Aber wir können es uns nicht ewig leisten, Tausende verschiedener Inseln der Homogenität zu subventionieren, die wirtschaftlich bedeutungslos geworden sind. Wir sollten das nicht einmal wollen.

Der Kosmopolit denkt vielmehr so: Diversität unter den Menschen ist von Bedeutung, weil Menschen ein Recht auf Wahlmöglichkeiten haben. Was John Stuart Mill vor einem Jahrhundert schrieb über die Vielfalt in einer Gesellschaft (Über die Freiheit), kann ebenso gut als Argument für die Vielfalt auf dem Planeten gelten: „Wenn es nur so wäre, dass Menschen Verschiedenheit in den Geschmäckern haben, so ist das schon Grund genug, nicht zu versuchen, sie alle nach einem Bild zu formen. Aber verschiedene Personen erfordern auch verschiedene Bedingungen für ihre geistige Entwicklung und können ebenso wenig nach ein und derselben Ethik leben, wie die ganze Vielfalt der Pflanzen nicht in derselben Umwelt, Atmosphäre und im selben Klima leben kann. Die gleichen Dinge, die für den einen Menschen Hilfen sind für die Kultivierung seiner höheren Anlagen, sind Hindernisse für einen anderen. (...) Wenn es keine entsprechende Vielfalt in ihren Lebensweisen gibt, so erhalten sie weder ihren fairen Anteil an Glück, noch wachsen sie auf zu der geistigen, moralischen und ästhetischen Höhe, zu der ihre Anlagen sie befähigen.“ Wenn wir also einen weiten Fächer menschlicher Lebensbedingungen erhalten wollen, weil dies freien Menschen die beste Chance gibt, ihr Leben selbst zu gestalten, dann dürfen wir nicht Diversität zwangsweise verhängen, indem wir Menschen in Unterschieden gefangenhalten, denen sie sehnlich zu entfliehen suchen.

Die Überzeugung, dass Menschen zur Beibehaltung kultureller Praktiken nicht gezwungen werden dürfen, sollte uns also leichtfallen. Trotzdem könnte man noch immer meinen, Kosmopoliten sollten auf der Seite derer stehen, die auf der ganzen Welt mit der „Rettung von Kulturen“ und dem Widerstand gegen einen „kulturellen Imperialismus“ befasst sind. Aber hinter diesen Slogans finden wir oft seltsame Ideen. Nehmen wir „die Erhaltung einer Kultur“: Menschen zu helfen, eine Kunstform aufrechtzuerhalten, die sie selbst gern bewahren möchten, ist zweifellos verdienstvoll. Ich bin sehr für die walisischen Festivals in Llandudno, die der Welsh Arts Council finanziert. Ich wünsche auch dem Ghana National Arts Council, wo man traditionelle Tänze und richtiges Trommeln lernen kann, ein langes Leben, insbesondere da seine Klassen ständig überbelegt sind. Gern sollte man die frühen Hollywoodfilme in den Archiven besser zu konservieren versuchen, bevor sie weiter zerfallen; den Zustand altnordischer und frühchinesischer und äthiopischer Manuskripte erhalten; die Erzählungen der Malaiien, der Massai und Maori aufzeichnen, transkribieren und analysieren; dies alles sind ohne Zweifel sinnvolle Unternehmungen.
Aber hier ist nun ein Wort zur Authentizität angebracht. Eine Kultur zu bewahren (Kultur hier im Sinne ihrer Produkte) ist doch noch etwas anderes als eine Kultur generell zu bewahren. Die eifrigen Kultur-Erhalter verfolgen oft nur das letztere Ziel und möchten sicherstellen, dass die Huli in Papua-Neuguinea (oder auch die Sikhs in Toronto) ihre „authentische“ Lebensweise aufrechterhalten. Aber wir müssen fragen: Was macht eine kulturelle Ausdrucksform zu einer „authentischen“? Sollen wir den Import von Baseball-Mützen nach Vietnam untersagen, damit die Kinder der Zao-Minderheit wieder ihren schönen roten Turbane tragen? Hat jemand die Zao gefragt? Sollen sie nicht selber entscheiden dürfen?

Der Kultur-Bewahrer würde dazu wohl sagen: „Sie haben ja gar keine richtige Wahl. Wir kippen ihnen unsere westlichen Billig-Textilien auf den Markt, und da können sie sich nicht länger die Seidenstoffe leisten, die sie früher getragen haben. Wenn sie bekämen, was sie sich wirklich wünschen, würden sie immer noch ihre traditionelle Kleidung tragen.“ Eine solche Feststellung aber ist kein Argument mehr für Authentizität. Die Behauptung lautet vielmehr: Sie können sich nicht leisten, etwas zu tun, was sie eigentlich gern tun möchten, etwas, das ihre Identität ausdrückt, die sie lieben und gern erhalten wollen. So gesehen ist das tatsächlich ein Problem, und es bedrückt Menschen in sehr vielen Gesellschaften: Sie sind zu arm, um so zu leben, wie sie leben möchten. Wenn sie aber reicher werden und immer noch in T-Shirts herumlaufen, dann haben sie sich eben dazu entschieden. Jetzt noch von Authentizität reden zu wollen, heißt doch nur, anderen Menschen vorzuschreiben, welche ihrer Traditionen sie gefälligst hochhalten sollen.
In der realen Welt ist das aber eher nicht das Problem. Menschen, die sich die traditionelle Kleidung leisten können, tragen sie meistens auch – wenigstens von Zeit zu Zeit. Ich war einmal Brautführer bei einer Hochzeit in Schottland, wo der Bräutigam einen Kilt trug und ich eine traditionelle Kente-Seide aus meiner Heimat. Andrew Oransay, der uns mit dem Dudelsack im Mittelgang begleitete, flüsterte mir dabei ins Ohr: „Hier sind wir alle in Stammeskleidung!“ In Kumasi ziehen die Menschen, die es sich leisten können, liebend gern ihre Kente-Tücher an, am liebsten die „traditionellsten“, die in der Nachbarstadt Bonwire schon seit Jahrhunderten zu buntfarbigen Seidenbahnen gewebt werden. (Die Preise sind auch deshalb gestiegen, weil die Nachfrage außerhalb der Region gestiegen ist; ein sehr gutes Kente-Tuch für einen Mann kostet heute mehr als den Jahres-Durchschnittsverdienst eines Ghanaers. Ist das schlimm? Nicht für Weber in Bonwire.) Eine urtümlich authentische Kultur zu suchen ist oft nichts anderes als das Schälen einer Zwiebel.
Die Textilien, die die meisten Menschen für traditionell westafrikanisch halten, sind hier unter dem Begriff Java-Drucke bekannt. Diese Tücher kamen erst im 19. Jahrhundert nach Afrika, und zwar mit den Holländern, die Batik-Tücher aus Java hier verkauften, oft auch selbst weiterverarbeiteten. Die Traditionskleidung der Herero-Frauen in Namibia ist eine Variante der Bekleidung der deutschen Missionare des 19. Jahrhunderts, trotzdem bewahrt sie unverkennbar ihren Herero-Charakter, nicht zuletzt wegen der ganz und gar unprotestantisch bunten Farbgebung der Stoffe. So auch mit unseren ghanaischen Kente-Tüchern: Die Seide dafür wurde schon immer importiert, verkauft von Europäern, produziert in Asien. Diese Tradition war früher einmal eine Innovation. Sollen wir sie deshalb als untraditionell zurückweisen? Wie weit sollen wir in die Geschichte zurückgehen? Sollen wir die jungen Männer und Frauen an der Technischen Hochschule bei Kumasi verdammen, weil sie bei der Diplomverleihung europäische Talare tragen (und bunte Streifen darüberlegen)?
Kulturen bestehen aus Dauer und Wandel, und die Identität einer Gesellschaft überlebt durch diese Wandlungen hindurch. Eine Gesellschaft ohne Wandel ist nicht authentisch, sie ist einfach tot.

(Übersetzung aus dem Englischen: Philipp Reuter)