Nummer 10, Sommer 2006                                      


                                                                                                                                                            
 

Musik in Syrien

Gesang der Unerhörten

Das junge, hippe Damaskus sieht Musik als fröhlichen Partyspaß, Fundamentalisten hören dabei den Lockruf der Verderbnis, die diktatorische Staatsmacht befürchtet subversive Umtriebe. Und eine kleine Handvoll junger Musiker erkennt eine
magische Sprache, die das Herz berühren und Gedanken zünden kann. Genau hier beginnen die Schwierigkeiten.

Von Gabriela M. Keller

Der Rhythmus strömt gemächlich von Strophe zu Strophe. Um die gleichförmigen Takte fließt eine Frauenstimme; ihr Klang ist glänzend rein und doch von Schatten getönt wie altes Silber. „Hörst du diesen monotonen, minimalistischen Rhythmus?“, fragt Rasha, die Jazz-Sängerin, nickt mit dem Kopf im Takt und lächelt, selig fast, wie kurz in einen Traum getaucht. Sie dreht ihre Stereoanlage ein wenig lauter. „Das ist der Einfluss der Sufi-Musik, den ich in diesem Lied verarbeite“, der Tradition also jener islamischen Mystiker, die Gottes Nähe in der Musik suchen.
Musik, so scheint es, ist in Damaskus der Taktgeber des Lebensrhythmus, ein Herzschlag, der Klang durch die Adern der Stadt pumpt und jede ihrer Zellen pulsieren lässt. Die Zeit ist eher in Strophen als in Stunden eingeteilt, denn deutlicher als jede Uhr strukturiert der Gesang der Muezzine den Tag, die Gebetsrufe, die aus Hunderten von Minaretten über die Dächer wehen und dort in einen vielstimmigen Kanon treten. Als Leitmotiv des Alltags quillt arabische Popmusik aus den Radios der Taxis und Geschäfte und vermengt sich mit dem Lärm des schäumenden Verkehrs zu einem filzigen Geräuschteppich. Sogar die Autos singen; wenn der Fahrer den Rückwärtsgang einlegt, piepsen sie zur Untermalung eine schrille Melodie durch die Straßen.
Doch Musik ist in Syrien auch etwas Bedrohliches, ein Lockruf, der unwillkürlich weg vom festen Boden moralischer Gewissheit führt. Musik kann in Syrien sogar tödlich sein. Vor einigen Monaten wurde ein junges Mädchen in Aleppo von ihren Eltern zu Tode geprügelt, weil es ständig und ohne sichtbare Veranlassung in Gesang ausbrach. Die Familie war zu dem Schluss gekommen, das Mädchen müsse Kontakt zu Männern haben.
Als Rasha Rizk, die Jazz-Sängerin mit der silbernen Stimme, das erste Mal auf einer Bühne stand, trug sie eine schwarze Maske. „Hier bedeutet Singen für eine Frau Schande“, sagt die 30-Jährige, nüchtern und betonungslos, als würde sie einen Satz von irgendeinem langweiligen Thesenpapier ablesen. Rasha war damals gerade 18 Jahre alt. Hinter der Maske habe sie versucht, sich zu verstecken, vor der Familie, vor ihrem Publikum, vor sich selbst. Gleich nach diesem Auftritt lernte sie den Musiker Ibrahim Sulaimany kennen. Heute sind die zierliche Sängerin mit
dem ruhelosen Temperament und der ernste, stille
34-Jährige seit über zehn Jahren verheiratet. Das Paar komponiert gemeinsam und tritt zusammen auf. „Doch bis heute habe ich mit meiner Mutter heftigen Streit wegen meines Berufs“, sagt Rasha, und Ibrahim setzt nach: „Auch unsere Nachbarn wissen zum Beispiel nicht, dass wir Musiker sind.“ Er schweigt kurz und sagt dann, einen Moment später: „Das ginge einfach nicht.“
Denn abgesehen von den Sufis, den tanzenden Mönchen, ist sich die muslimische Welt unschlüssig, ob ihre Religion das Hören von Musik erlaubt. Noch suchen islamische Religionsgelehrte im Koran nach Stellen, die ihnen Klarheit geben könnten. Und weil das Problem bis heute ungelöst ist, hat jede Region eine andere Antwort für sich gefunden. In Saudi-Arabien etwa führen die Scheichs Gruppen von Jugendlichen regelmäßig in den Park, um dort Instrumente zu verbrennen. Solche Scheiterhaufen errichten die Geistlichen im säkular regierten Syrien zwar nicht, doch die Unsicherheit nagt den Menschen an der Seele. Musik gilt damit zumindest als etwas Zweifelhaftes, Anstößiges. Wer daraus eine Karriere macht, steht im moralischen Zwielicht. „Musik ist etwas, von dem man nie genau weiß, was sie im Zuhörer auslöst“, sagt Rasha. „Wahrscheinlich haben die Leute deshalb Angst davor.“

Früher, bevor sich Syrien der Religion zuwandte, war das anders. „Bis in die 70er Jahre blühte hier die Blues-, Jazz- und Rockmusikszene. Es gab überall Clubs, und Musiker kamen aus allen möglichen Ländern, um dort zu spielen“, erzählt Rasha. Zu jener Zeit galt Syrien als ausgesprochen liberal, junge Frauen spazierten in Miniröcken und engen Kleidern durch die Straßen. Heute verlassen in den konservativeren Städten rund 85 Prozent der muslimischen Frauen nur verhüllt das Haus – Tendenz steigend; Mütter mit säkularer Gesinnung sehen mit Schrecken, wie sich ihre Töchter zu Schleier und Scharia bekennen. Der Islam ist nach Syrien zurückgekehrt; strenger und düsterer als jemals zuvor. Diese neue Frömmigkeit erstickte die Vielfalt der Musik, meint Rasha. „Die Clubs veränderten sich, denn die anständigen Menschen blieben ihnen fern“, sagt sie und malt Anführungszeichen um das Wort „anständig“ in die Luft. „Statt dessen kamen Prostituierte. Jetzt kann man dort überhaupt nicht mehr hingehen.“ Sie selbst muss bei Konzerten sehr vorsichtig sein, sagt sie. „Wenn ich an einem falschen Ort auftrete, kann es sein, dass mich die Männer auffordern mitzukommen, weil sie mich für eine Hure halten.“
Aber Damaskus ist eine Stadt mit vielen Gesichtern; während sich das eine hinter Schleiern abschottet, lächelt das andere mit rot geschminkten Lippen der Welt entgegen. An den staubigen, windschiefen Fassaden der Altstadt machen bunte, glänzende Schilder mit futuristischen Schriftzügen auf Internet-Cafés aufmerksam, im modernen Zentrum verkaufen Konsumtempel aus Glas und Stahl digitale Taschenkorane. Irgendwo zwischen den Gegensätzen liegt die Wahrheit, zwischen Koranschulen und Coffee-Lounges, zwischen dem Büro der Hamas und den Praxen der Schönheitschirurgen, zwischen dem kühlen Schatten in den Gebetsräumen und dem diesigen Neonlicht der Stripclubs.
Die syrische Bevölkerung ist zu 70 Prozent jünger als 35 Jahre. Jugend wächst als gigantische Masse in Städten und Dörfern heran, und ein großer Teil von ihr verlangt trotz aller Vorbehalte hungrig, gierig nach Musik, will feiern, Spaß haben und tanzen. Dabei hat sie längst eine gewaltige Nachfrage losgetreten; durch die Fenster von Internet und digitalem Fernsehen sickert Musik als globales Industrieprodukt selbst durch die dicke Isolierschicht, die das Land sonst so effizient gegen äußere Einflüsse abschirmt.
So tanzen die jungen Syrer zum globalisierten Soundtrack leicht verkäuflicher Unterhaltung, gefälligem amerikanischen Hip-Hop und R’n’B und arabischem Pop, der mit seiner antiseptischen Fröhlichkeit an Werbejingles für Frühstücksflocken erinnert. Den Ton geben amerikanische Weltmarktführer an, Britney Spears, Beoncé und Usher. Entsprechend sehen die Schaufenster der Musikläden aus, als hätten sich die Inhaber heimlich abgesprochen; Dutzende von Musiksendern spielen wie in Endlosschleife ihr sacharinsüßes Einheitsprogramm ab. In den vergangenen Jahren hat in Damaskus eine Handvoll Diskotheken eröffnet, schicke Spaßräume mit blankgewienerten Oberflächen – für die wenigen Glücklichen, die sich trotz des Durchschnittsverdiensts von 100 Euro im Monat den Eintrittspreis von fünf bis zehn Euro leisten können. Auch hier unterscheidet sich die Musikauswahl höchstens in der Reihenfolge der Lieder.
Um die moralische Gefahr zu dämpfen, werde Musik als reine Unterhaltung betrachtet, erklärt Rasha die Situation: „Niemand in Syrien beschäftigt sich ernsthaft mit Musik. Musik als eine Art Nachdenklichkeit existiert hier so gut wie nicht.“ Ihrer eigenen Musik lässt die wuchernde Monotonie wenig Raum. „Wir verarbeiten unterschiedliche Einflüsse“, erklärt Ibrahim. „Zuerst ist da die arabische Sprache und eine Grundlage aus orientalischen Rhythmen. Darüber legen wir Elemente aus Swing und Jazz.“
Heute, nach zehn Jahren fiebriger Arbeit, bringt ab und an ein Damaszener Hochglanzmagazin eine Titelgeschichte über das fotogene Paar; manchmal treten die beiden im Fernsehen auf. Dennoch bleiben Rasha und Ibrahim in der syrischen Bevölkerung weitgehend unbekannt, ihre Musik erreicht nur einen kleinen, geschlossenen Kreis von Zuhörern. Die meisten Syrer, schätzt Rasha, hätten wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben Jazz gehört.
Die Szene für Jazz, Blues, Funk und Rock ist in Syrien so klein, dass sich alle Musiker untereinander kennen. Keiner von ihnen kann mit Konzerten oder CDs seine Kosten decken, keiner von ihnen hat einen Plattenvertrag. Rasha und Ibrahim verdienen ihren Lebensunterhalt mit Liedern für syrische Kindersendungen, andere komponieren Werbejingles oder produzieren Musik für Fernsehserien. Und weil sich jeder irgendwie behelfen muss, unterstützen sich die Künstler gegenseitig, um überhaupt arbeiten zu können. Bands leihen sich untereinander Instrumente, Equipment oder Musiker aus – es gibt einen Schlagzeuger, den alle „den Joker“ nennen, weil er in so ziemlich jeder Damaszener Band die Drums schlägt.

Diese Netzwerke sind nötig, damit die Kreativität nicht irgendwo zwischen allen Hindernissen an Erschöpfung verendet. Denn zur inoffiziellen Geschmacks-Gleichschaltung kommt das offizielle Auge des Überwachungsstaates. Wer zum Beispiel ein Konzert geben will, braucht die Genehmigungen von Kulturministerium und Geheimdienst. „Es ist wahnsinnig schwer, eine Erlaubnis zu bekommen“, meint Rasha. So schafft es das Paar in Syrien höchstens zwei, drei Mal im Jahr auf die Bühne. Eigentlich nur, wenn das Goethe-Institut oder das Centre Culturel Français ein Festival oder einen Workshop organisieren. Denn dann kümmern sich deren Mitarbeiter auch um die Formalitäten. So kommt es, dass sich ein wesentlicher Teil des kulturellen Lebens in Damaskus auf den Veranstaltungskalendern der europäischen Kulturinstitute findet.
Gerade sind Rasha und Ibrahim dabei, ihre erste CD aufzunehmen – auf eigene Kosten. „Das Hauptproblem hier ist, dass es kein Copyright gibt. Also wissen wir von vornherein, dass wir das Geld nicht wieder reinbekommen“, sagt Rasha und erzählt von einem Musikerkollegen aus Dubai, der sie einmal gebeten hatte, seine CD den Damaszener Musikläden anzubieten. „Er war höchst überrascht, als wir ihm erzählt haben: Sie ist längst da.“
Gebrannte CDs und aufgenommene Kassetten werden für ein paar Pfennige auf der Straße angeboten, selbst die Plattenläden verkaufen fast ausschließlich Kopien. „Die Regierung schaut weg, weil sie weiß, dass niemand hier den regulären Preis bezahlen könnte“, sagt Rasha. „Sonst könnte sich niemand eine CD leisten – und die Leute würden womöglich wegen ihres niedrigen Lebensstandards protestieren.“ Besser also, die Bevölkerung lenkt sich mit Musik vom Alltag ab, als dass sie anfängt, über Politik nachzudenken.
Dieses Wohlwollen hört jedoch genau da auf, wo Musik selbst Gedanken zünden oder zu einem Tanz aus der Reihe verleiten könnte. Denn in Syrien, dem rundum überwachten Polizeistaat, gilt jegliche Abweichung von der Norm als verdächtig. Die junge Generation gleitet daher schick, sauber und ordentlich gekleidet in den Strom der Masse. Keine grell gefärbten Frisuren, keine Nietengürtel, nicht einmal zerrissene Jeans. Die Jungs gelen sich die Haare eng an den Kopf, die unverschleierten Mädchen bleichen sich Strähnchen in die Mähnen und laufen auf strassbesetzten Stilettos. Subkulturen existieren nicht, was das Wort Punk bedeutet, weiß niemand. Die syrische Jugend will besser nicht auffallen oder anecken, denn Provokation bedeutet in dem diktatorisch regierten Land nicht coole Rebellen-Pose, sondern ernsthafte Gefahr.
Bei Heavy Metal zum Beispiel geht die Paranoia des Sicherheitsapparates so weit, die Musikrichtung zu verfolgen wie einen kriminellen Tatbestand. Im Jahr 2002 stürmten Polizisten den Campus der Universität von Damaskus und nahmen eine Handvoll langhaarige Studenten in schwarzer Lederkleidung fest. Ebenso sprengt die Polizei regelmäßig private Heavy-Metal-Partys (an öffentliche ist ohnehin nicht zu denken), bringt die Feiernden aufs Revier und lässt sie ein paar Stunden später wieder frei. „Es ist nicht so, dass die Polizisten einen schlagen“, erzählt Houssam, der eigentlich anders heißt, ein schmaler, unauffälliger 21-Jähriger. „Sie lassen einen einfach stundenlang im Licht einer nackten Glühbirne sitzen. Und irgendwann bekommt man richtig Angst.“ Als die Polizisten die Furcht in Houssams Augen ankommen sahen, ließen sie ihn wieder gehen. Seinen Pass behielten sie jedoch vorerst – mit dem Hinweis, dass der musikalische Dissident das Papier erst wiederbekommt, wenn er eine ordentliche Frisur hat. Also trägt der Student heute seine Haare kurz und hört seine Lieblingsmusik nur noch zu Hause. „Es ist wirklich schwierig, ständig mit der Gesellschaft auf Konfrontation zu sein. Das hält man nicht lange aus“, sagt er.
Der Argwohn gegen Menschen, die sich sichtbar gegen jene unerbittliche, autoritäre Macht stellen, die sich Normalität nennt, zieht sich bis in die Heavy-Metal-Szene selbst. „Ich hatte nie den Wunsch, mich tätowieren oder piercen zu lassen“, sagt Anas al-Moumin, der Gitarrist der Heavy-Metal-Band Zodiac in Damaskus. „Weil ich nicht denke, dass so ein Outfit heißt, dass diese Leute Heavy Metal mögen, sondern einfach, dass sie Probleme haben.“ Das schwarze Haar des 26-Jährigen ist streichholzkurz geschnitten, er trägt verwaschene Jeans und einen figurbetonten grauen Pullover – nicht gerade das, was man unter einem typischen Rocker versteht. „Ich will nicht so angesehen werden, wie ich selbst solche Leute ansehe“, erklärt er. „Und ich denke, dass diese Typen Drogen nehmen und ihr Leben nicht im Griff haben.“
Der Öffentlichkeit malte die Ramadan-Fernsehserie Hajez al Samat („Die stille Grenze“) in grellen Farben aus, welche gravierenden Schäden der Konsum von Heavy Metal hinterlässt: Eine der Figuren schließt sich der Heavy-Metal-Szene an, beginnt daraufhin Alkohol zu trinken und nimmt sich nach einem langen, tragischen Abstieg das Leben. Die Botschaft der Serie war unmissverständlich: Rock führt unweigerlich zum Verfall jeglicher Sitten und schließlich zum Tod.

Heavy Metal ist geächtet, doch das liegt laut Anas nicht etwa an der erdrückenden Unwissenheit der Gesellschaft und der Willkür des Staates. „Das Problem sind die Fans“, meint Anas al-Moumin, presst den Mund zu einem krummen Strich zusammen und beginnt danach hingebungsvoll auf seinem Handy herumzutippen. Denn eigentlich will er lieber gar nicht vom letzten Konzert seiner Band Zodiac erzählen. Um seine These glaubhaft zu machen, tut er es dann aber doch: „Schon nach den ersten paar Akkorden sind die Leute ausgerastet. Sie fingen mit Headbanging an, gingen dann dazu über, sich die Köpfe einzuschlagen und haben danach die Toiletten zertrümmert.“ Das Publikum geriet völlig außer Kontrolle, das Konzert wurde nach einem halben Song abgebrochen. Sofort stand der Skandal breitbeinig im Raum: „Am nächsten Tag haben alle Zeitungen darüber geschrieben“, erinnert sich der Musiker. „Die haben es nicht einmal hinbekommen, unseren Bandnamen richtig zu schreiben, aber beschimpften uns als Satanisten.“ Seither ist kein Heavy-Metal-Konzert mehr in Damaskus vorstellbar. „Wir wären schon froh, wenn wir einmal im Jahr eine Erlaubnis bekämen“, sagt Anas. Aber dazu ist im Moment und bis auf Weiteres keine Möglichkeit in Sicht.
„Hier denken viele Leute, dass, wer Heavy Metal hört, auch Orgien feiert und Säuglinge opfert“, sagt Obeida Habal. Vor rund einem Jahr ist der 28-Jährige aus dem Betrieb seiner Eltern ausgestiegen, um sich ohne Einschränkung seiner Karriere als Musiker zu widmen. Auch Obeida, ein schwerer Mann mit mürrischem Gesichtsausdruck, kleidet sich unauffällig, nur ein kurzer Ziegenbart weist zurückhaltend auf seine Lieblingsmusik hin. Früher einmal, sagt er, habe er seine Fingernägel schwarz lackiert und seine Augen mit Kajal umrandet. „Doch es ist besser, sich nicht als Heavy Metaller kenntlich zu machen“, meint er. „Dann werde ich in Ruhe gelassen und kann ich mich auf meine Musik konzentrieren. Das ist es ja, was zählt.“
Sicher, räumt der 28-Jährige ein, ist es noch schwerer, Heavy Metal durch die Staatskontrolle zu bringen als eine andere Musikrichtung. Doch eine Alternative gibt es für ihn nicht. „Heavy Metal ist wie Theater“, sagt er. „Es ist tragisch, grausam, manchmal komisch. Und das Stück, das gegeben wird, ist immer das Leben.“ Zarte Melodien, meint Obaida, können der Kraft extremer Gefühle, Wut oder Trauer, nicht gerecht werden. „Es ist Musik, die ihre Zuhörer ernstnimmt, nicht wie das kommerzielle Zeug, das die Leute wie Puppen stupide tanzen lässt: Ich liebe dich und du liebst mich, das ist alles, was Pop zu sagen hat.“
Obaida zündet sich eine neue Zigarette an, eine starke, syrische Sorte, und saugt drei, vier kräftige Züge nacheinander. „Die Leute hier sagen, Heavy Metal hört sich an, als ob ein Esel schreit. Aber sie verstehen das nicht: So hört sich das nun mal an, wenn man verzweifelt ist.“ Und genau so will sich der Gitarrist mitteilen, direkt, laut und schonungslos. „Als ich im Fernsehen die Bilder aus Abu Ghraib und Guantánamo gesehen habe, ist mir die Idee gekommen, dass ich darüber sprechen will“, sagt Obaida. Und Heavy Metal schien ihm der perfekte Ausdruck zu sein, ein Verzweiflungsschrei gegen den Wahnsinn der Welt. Also machte er sich vor rund sechs Monaten an die Arbeit zu einer Rockoper darüber, wie sich die Welt seit dem 11. September verändert hat. Zu der Musik will er Bilder zeigen, Cartoons, dokumentarische Schnipsel, Amateuraufnahmen und Ausschnitte aus Spielfilmen. „Zum Beispiel tauchte vor ein paar Wochen ein Video auf, das zeigte, wie britische Soldaten im Irak einen Jungen verprügeln.“ Obaida schweigt kurz, Stirnfalten brauen sich tief über seinen Augen zusammen. In lautem, aggressivem Ton sagt er dann: „Und es würde mich wirklich interessieren, warum. War dieser Junge vielleicht der Generaldirektor der irakischen Nuklearwaffenanlagen? Oder hat er etwa kein Recht, Wut auf die Invasoren zu spüren?“ Wieder hält er kurz inne und sagt dann, nun wieder ganz leise: „Ich denke schon, dass er es hat.“ So will Obaida mit Musik einen Ausdruck finden für Dinge, die unsagbar oder unsäglich sind.
Dennoch – er komponiert und probt hinter der verschlossenen Tür seines kleinen Zimmers in einem Alt-Damaszener Haus. Dass seine Nachricht jemals zu einem Publikum vordringt, ist unwahrscheinlich. Eine politische Aussage, vorgebracht in der verpönten Musikrichtung, ist etwas, was die Ordnungshüter Syriens sicher nicht auf die Bühne durchwinken werden.
„Wenn man eine CD auf den Markt bringen will, prüft der Geheimdienst jede einzelne Textzeile“, weiß Anas, der Gitarrist, der gerade selbst ein Album aufnimmt. „Sie zensieren sogar das, was zwischen den Zeilen steht.“ Es ist verboten, über Sex, Drogen oder Politik zu sprechen. Wer sich auch nur in die Nähe eines dieser Tabuthemen vorwagt, hat seine Chance auf eine legale Veröffentlichung vertan. Obaida bleibt trotzdem optimistisch. „Ich weiß ehrlich nicht, wie sie reagieren werden“, meint er. „Aber ich muss einfach hoffen, dass es irgendwie möglich sein wird.“
Fest steht, dass der Überwachungsstaat jedem das Wort abschneidet, der etwas zu sagen hat. Kaum holt ein Künstler zu einer Äußerung Atem, schon drückt ihm der Zensor die Luft ab. Die Masse schweigt derweil von alleine: Der syrische Sicherheitsapparat, jener geschickte Anästhesist des Geistes, betäubt die meisten Gedanken schon zwischen den Hirnwindungen.

Schätzungen zufolge kommt auf jeden 150. Erwachsenen in Syrien ein Geheimpolizist, die Beamten patrouillieren auf den Straßen, beobachten die Wege der Passanten und überwachen die Gespräche in den Kaffeehäusern. Oppositionelle scherzen darüber, dass der Muqhabarat, der Geheimdienst, das Einzige ist, das in Syrien funktioniert, eine unsichtbare, allgegenwärtige Macht. Wenn drei Leute beieinander sitzen, ist einer von ihnen vom Muqhabarat, raunen die Damaszener. Unter solchen Bedingungen ist die freie Rede eine flüchtige Illusion, das Unaussprechliche ein fester Teil jedes Gesprächs. Das Regime hat dieses engmaschige Beobachtungsnetz zu seiner eigenen Lebensversicherung geknüpft: Ein entmündigtes, eingeschüchtertes Volk, das sich demokratische Freiheit kaum vorstellen kann, ist der robusteste Betonpfeiler der Macht, obwohl das Land durch Korruption, Misswirtschaft und internationale Isolation in dramatische Untiefen der Armut gesunken ist.
Doch Basel Obaid, Frontmann der Hip-Hop-Band Area 51, hat eine Lücke in dem klaustrophobischen Kontrollsystem gefunden, einen Schleichweg, der fast lächerlich offensichtlich scheint: Er rappt auf Englisch. „Wären meine Lieder auf Arabisch, würde ich ungefähr eine Stunde später im Knast sitzen“, meint der schlaksige 23-Jährige mit dem offenen, freundlichen Gesicht. „Außerdem eignet sich Englisch auch viel besser für Rap, wegen der vielen kurzen Wörter und der vielen Reime.“
Dann grinst er wie jemand, der sich freut, weil er mit dem geklauten Kuchen davongekommen ist, und fläzt sich betont lässig in den Stuhl. „Natürlich kommt zu jedem meiner Auftritte der Geheimdienst“, sagt er. „Aber von denen versteht ja keiner Englisch, da kann ich sagen, was ich will.“ Sein Lächeln wird noch eine Spur breiter. Mit gesenkter Stimme über die Dummheit des Geheimdienstes zu lästern, das ist eine der wenigen Freiheiten, die Syrien den Menschen lässt. „Du solltest sehen, wie die sich jedes Mal abmühen, wenn sie unseren Bandnamen in ein Formular eintragen. Sie schreiben es dann so: R-Ria Faftiuan“, erzählt der Rapper und lacht heftig, doch beinahe lautlos.
Nun ist es nicht so, als würde Basel den Präsidenten verunglimpfen, nach freien Wahlen verlangen oder den Sturz des Regimes herbeirappen wollen. „Ich rede über das Leben hier, ich rede über Respekt, ich rede über die Menschen, ich rede über Damaskus.“ Selbst wenn Basel nur erzählt, rappt er zuweilen, schlägt mit der Hand den Takt in die Luft und rattert die Satzteile rhythmisch hintereinander weg. Doch selbst die zarte Sozialkritik des 23-Jährigen verstößt bereits gegen die Regeln. Im letzten Sommer trat Area 51 bei einem Open-Air-Festival im Damaszener Tishreen-Park auf. Zwischen Hunderten von Zuschauern standen mehrere Dutzend Uniformierte. Zudem fielen in der Menge etliche Männer mittleren Alters auf, deren Gesichtsmuskeln bei den lauteren Beats gequält zuckten. Das offensichtliche Auftreten des Muqhabarat ist Teil der Einschüchterungsstrategie: Alle sollen wissen, dass jede Regung beobachtet und registriert wird. Die Gedankenschere hängt so ständig über den Köpfen und schnappt zu, ohne dass die Beamten selbst aktiv werden müssen.
Nach seinem letzten Stück richtete Basel das Wort ans Publikum: „Wir hier in Damaskus haben nichts“, hat er damals auf Englisch gesagt. „Wir kaufen uns am Wochenende einen Falafel, gehen dann in die Innenstadt, um Mädchen anzugucken. Das war’s. Zu mehr haben wir kein Geld.“ Schlagartig versiegte darauf der Strom im Mikrofon. „Das war der Tontechniker“, sagt der 23-Jährige mit müdem Schulterzucken. „Der hat Angst bekommen.“
Basel hat sich eigentlich ein gut funktionierendes Sprachrohr gesucht: Rap kommt in Syrien an und ist fester Teil der Einheits-Playlist der Diskotheken. Zwar spielen die Clubs nur die bekanntesten Songs amerikanischer Künstler wie Snoop Doggy Dog oder 50 Cent, aber wer die Musik von Area 51 hört, könnte fast meinen, eine Scheibe aus den USA läge auf dem Plattenteller. „Vom Rhythmus her glaube ich nicht, dass meine Musik etwas typisch Orientalisches hat“, meint Basel. „Wichtig sind die Texte. Wer 50 Cent hört, weiß vielleicht, wie es in Kalifornien ist. Wer wissen will, wie es in unserem Land ist, muss meine Musik hören.“ Diese Sehnsucht, seine Gedanken hörbar zu machen, ist der Grund, warum er überhaupt Musik macht, betont Basel nach etwa jedem dritten Satz mit flackernden Augen, ein fast manischer Antrieb, der den 23-Jährigen nicht ruhen, aber auch nicht vorwärtskommen lässt.
Denn wenn die fremde Sprache ihm auch einen Weg vorbei an den Schranken der Diktatur eröffnet, so verschließt sie gleichzeitig den Weg ins Bewusstsein des Publikums. „Bei meinen Auftritten sehe ich die Leute tanzen. Super Beat, sagen sie hinterher. Aber sie verstehen nicht, wovon ich rede.“ Basel hält kurz inne und rührt gedankenverloren in seinem Teeglas. „Das ist ein Problem, für das es keine Lösung gibt.“ Manchmal, sagt er, glätte er seine rauen Rhythmen sogar etwas, mache die Härte seiner Beats eingängiger, nur, damit mehr Leute zuhören, was er zu sagen hat. Umsonst. Gegen die Sprachbarriere kommt selbst der findige Rapper mit keinem seiner Tricks an.
„Weißt du“, sagt er dann, „ich mache jetzt seit sieben Jahren Musik. Wenn wir in Amerika wären, hätte ich bestimmt schon zehn Platten rausgebracht. Hier ist es gerade mal eine geworden, und die haben wir illegal auf den Markt gebracht.“ Probleme mit der Polizei hat er trotzdem nicht bekommen. „Es ist ja alles auf Englisch. Wenn sie die Platte irgendwo finden, denken sie, dass sie von einer ausländischen Band stammt.“

Auch seine Auftritte organisiert Basel meist heimlich. „Die Genehmigungen sind halt zu schwer zu bekommen“, sagt er. „Dann stellt der Geheimdienst erst eine Menge Fragen, zum Beispiel: Warum machst du Rap? Ich meine, was soll ich denn darauf antworten?“ Also umgeht der Rapper die Schikanen, tritt ohne Erlaubnis in einem Club oder einer Bar auf, und keiner bekommt etwas davon mit – weder Polizei noch Publikum. „Ich kann natürlich keine Flyer verteilen oder Poster aufhängen.“ Also kommt nur, wer zufällig Bescheid weiß. Basel beißt die Lippen aufeinander. „Sicher, es ist wahnsinnig schwer hier in Syrien“, meint er. „Aber so ist es nun einmal. Also muss ich einfach weitermachen.“