Vorbereitungen auf den Beitritt
Eine Türkei mit doppeltem Boden
Die AKP-Regierung mit Ministerpräsident
Erdogan hat Reformen auf den Weg gebracht. Die türkische Wirtschaft
erholt sich. Auch die Außenpolitik funktioniert. In letzter
Zeit aber verlangsamt sich die Entwicklung. Die EU wartet
ungeduldig auf Antworten aus Ankara. Gleichzeitig kommen beunruhigende
Nachrichten aus der Türkei.
Von Zafer Ertem
Als der gebürtige Istanbuler Recep Tayyip Erdogan am 26. Februar
1954 das Licht der Welt erblickte, konnten die Eltern noch nicht ahnen,
dass er eines Tages die Türkei grundlegend verändern und
die Abendländer mit seinem Europa-Enthusiasmus positiv überraschen
würde. Sein Werdegang zum mächtigsten Mann der türkischen
Nation liest sich wie eine Erfolgsgeschichte, die mit den Geschichten
aus Tausendundeiner Nacht locker mithalten kann.
Als Religionsgelehrter und Absolvent der Marmara-Universität
im Fach Wirtschaft und Handel ist Erdogan ganz offiziell ein Imam.
Daneben spielte er 16 Jahre lang in verschiedenen Vereinen Fußball.
Dann fungierte er sehr erfolgreich als Oberbürgermeister der
Millionenmetropole Istanbul. Nachdem er im August des Jahres 2001
unter dem Namen AKP (Gerechtigkeit und Entwicklung) seine
eigene Partei gegründet hatte, deren Vorsitzender er sogleich
wurde, konnte diese anschließend bei den Wahlen am 3. Oktober
2002 eine große Mehrheit für sich gewinnen. Danach trat
Erdogan das Amt des Ministerpräsidenten an. Seitdem ebnet er
der Türkei den Weg in die EU. Die westlichen Medien und Politiker
sprechen von einem wahren Wunder, weil gerade eine islamisch orientierte
Partei die Reformen durchsetzt und das Wohlgefallen der EU-Abgeordneten
gewinnt.
Aber blicken wir ein wenig hinter die Kulissen dieser Erfolgsgeschichte,
auf den Werdegang dieses Ministerpräsidenten und auf das Türkei-Bild,
das die türkische Regierung den Europäern zeigt. Und betrachten
wir auch seine Kehrseite: wie der europäische Muslim die Entwicklungen
seines Landes auf dem Weg zur EU erlebt.
Der Weg zur Macht
Der Vorsitzende der AKP und Ministerpräsident der Türkei
war früher der stellvertretende Vorsitzende der Wohlfahrtspartei,
besser bekannt als Refah-Partei, Nachfolgerin des gemäßigten
Flügels der kurz zuvor verbotenen islamistischen Tugendpartei
(Fazilet-Partei). Ihr selbsternannter Islamistenführer und Vorsitzender,
Necmettin Erbakan, war grundsätzlich für die Gründung
einer islamischen Union und gegen die Mitgliedschaft in der EU. Während
dieser Zeit eroberte sein Ziehsohn Recep Tayyip Erdogan für Erbakans
Wohlfahrtspartei das Rathaus von Istanbul. Mit ungewöhnlichen
und radikalen Maßnahmen führte er sein Amt, strukturiert
und erfolgreich. Er sorgte dafür, dass die Istanbuler Straßen
sauberer und sicherer wurden. Er erweiterte die Wasserversorgung für
reiche und für arme Bürger.
Schon damals aber machte er zahlreiche offizielle Aussagen, die einen
ganz anderen Erdogan zeigen als den, den wir heute kennen. Ein paar
Beispiele:
- Ich bin gegen Silvesterfeiern. (19. Dezember1994, Sabah)
- Alkohol gehört verboten. (1. Mai 1996, Hürriyet)
- Alle Schulen müssen Religionsunterricht haben. (17. September1994,
Cumhuriyet)
- Ich bin der Prediger von Istanbul. (8. Januar 1995, Hürriyet)
- Lotto ist eine Sünde. (29. September1994, Hürriyet)
- Dass führende Regierungsmitglieder eines Tages Prediger sein
werden, steht kurz bevor. (5. Februar 1996, Akit)
- Ich bin dafür, dass das Parlament mit einem Gebet eröffnet
wird. (8. Januar 1996, Milliyet)
Die Macht des Militärs
Man muss wissen, dass das türkische Militär sich traditionell
nicht nur als Garant für Sicherheit, sondern gleichermaßen
als Hüter der kemalistischen Grundsätze der Republik Türkei
sieht. Dazu gehören wesentliche Aufgaben wie die Erhaltung der
Einheit der Nation und des Volkes, der Landesgrenzen und der laizistischen
Ordnung des Staates. Der türkische Sicherheitsrat, dessen Rolle
in der Verfassung festgeschrieben ist, dient als Transmissionsriemen
zwischen Militär und Regierung. Das Gremium, über das die
Militärs unmittelbar Einfluss auf die Staatsgeschäfte ausüben,
stellt sicher, dass der Laizismus weder verwässert noch missbraucht
wird. Dadurch steht die türkische Legislative unter dem ständigen
Druck des Militärs. Denn alle Gesetzentwürfe müssen
vom Nationalen Sicherheitsrat genehmigt werden, bevor das Parlament
sie überhaupt behandeln darf. Dennoch haben die türkischen
Streitkräfte immer betont, dass sie für Demokratisierung,
Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit stehen und dafür von der
Regierungspartei Fortschritte auf dem türkischen Weg zur Vollmitgliedschaft
in der EU erwarten.
Erdogans Wendepunkt
Während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister bekam Erdogan
eine Einladung zu einer Konferenz in der ostanatolischen Stadt Siirt.
Diese Reise sollte ein Wendepunkt in seinem Leben werden. In Siirt
zitierte er ein Gedicht des Nationaldichters Ziya Gökalp, in
dem es heißt: Die Minarette sind unsere Bajonette, die
Moscheen sind unsere Kasernen. Dies wurde von den örtlichen
Gerichten gar nicht gern gesehen. Nach geltendem türkischem Strafrecht
(§ 312/2) wurde Erdogan umgehend beschuldigt, Volksverhetzung
zu betreiben, und mit vier Monaten Freiheitsentzug bestraft. Zugleich
sorgte das Militär dafür, dass ihm auf Lebenszeit jede Kandidatur
für das Parlament untersagt wurde.
Gleichzeitig beschloss das Parlament, die radikal-islamisch geprägte
Fazilet-Partei zu verbieten. Mehr als hundert Abgeordnete fielen dem
Verbot zum Opfer und waren mit einem Schlag parteilos. Erdogan scharte
die Parteilosen um sich, indem er nach seiner Freilassung seine eigene
Partei, die AKP, gründete. Die türkischen Zeitungen berichteten
damals (nach allerdings unbestätigten Angaben), dass ein Abgesandter
des türkischen Generalstabes Erdogan über Mittelsmänner
zu einem Gespräch eingeladen habe, um zu erfahren, welche Pläne
er habe.
Zu diesem Zeitpunkt kriselte es stark in der türkischen Politszene.
Umfragen hatten ergeben, dass keine der etablierten Parteien die Zehn-Prozent-Hürde
schaffen würde. Es musste also etwas geschehen. Da kam Erdogan,
der als Person beim Volk beliebt war und auch einige Erfolge vorweisen
konnte, mit seiner neuen AK-Partei gerade recht. Dass er deutlich
islamisch geprägt war und früher der islamisch orientierten
Wohlfahrtspartei angehörte, widersprach jedoch der politischen
Ethik des Militärs auf der ganzen Linie. Beim erwähnten
inoffiziellen Treffen versprach Erdogan, keine ideologisch fixierte
Partei aufzubauen, sondern eine, in der alle politischen Strömungen
vertreten sein würden. Sie bleibe allein dem Ziel verpflichtet,
die Einheit des Landes und die Demokratie zu schützen. Bei den
vorgezogenen Parlamentswahlen von 2002 errang die AKP denn auch die
erwartete absolute Mehrheit der Sitze, wenn auch nur mit gut 35 Prozent
der Stimmen. Die bisherigen Regierungsparteien scheiterten, wie vorausgesagt,
an der Zehn-Prozent-Hürde. Nur die Republikanische Volkspartei
(CHP) mit ihrem Vorsitzenden Deniz Baykal schaffte es gerade noch
ins Parlament.
Das Amt des Ministerpräsidenten aber konnte Erdogan zunächst
nicht übernehmen, da das Militär ja ein lebenslanges Kandidaturverbot
über ihn verhängt hatte und nach damaliger Rechtslage nur
ein Parlamentsabgeordneter zum Ministerpräsidenten gewählt
werden durfte. Daher wurde vorerst Erdogans Stellvertreter Abdullah
Gül Ministerpräsident.
Zeitnah gab es Wahlen in der Stadt Siirt, dort, wo alles angefangen
hatte. Damit kommt nun ein Name ins Spiel, der manchen deutschen und
europäischen Investoren gut bekannt sein dürfte: Fadil Akgündüz.
Dieser fundamentalistische Geschäftsmann hatte bei türkischen
Gastarbeitern in Deutschland, Österreich und der Schweiz mehrere
Millionen Euro gesammelt und in ein waghalsiges Scheinprojekt gesteckt,
die Produktion eines türkischen Autos namens Imza.
Als die Seifenblase platzte, floh er ins Ausland. Die Strafanzeigen
gegen ihn häuften sich: In mehreren Fällen von Betrug und
Geldwäscherei wurde er von Interpol gesucht. Um parlamentarische
Immunität zu erlangen und so alle seine Sorgen auf einmal loszuwerden,
kandidierte der Mann aus Siit vom Ausland aus für das Parlament.
Tatsächlich konnte er am
3. November 2002 die Wahl für sich entscheiden. Vielfältigen
Berichten aus Siirt zufolge hatte er viele Einwohner mit finanzieller
Unterstützung und vollmundigen Versprechungen geködert.
Nach zweieinhalb Jahren Exil wurde er bei seiner Ankunft am Flughafen
wie ein Befreier gefeiert. Die Staatsanwaltschaft und Interpol konnten
nicht eingreifen, da absurderweise das Gesetz ihn davor bewahrte.
Das war die Chance für Recep Tayyip Erdogan. Er setze alles daran,
dass der Wahlausschuss die Wahl Fadil Akgündüz für
ungültig erklärte, um sofort selbst kandidieren und den
Platz des Geschäftsmannes einnehmen zu können. Um seinen
Schachzug zu verstehen, sei erwähnt, dass Erdogans Frau aus Siirt
kommt und auch Erdogan selbst eine gewisse Sympathie in der Stadt
genießt. In diesem Fall hatte er sogar die volle Unterstützung
der Opposition von Deniz Baykal, was diesem eigentlich zuwider war,
da er genau wusste, dass Erdogan auf diese Weise die Möglichkeit
bekäme, ins Parlament einzuziehen. Und so geschah es auch. Der
Wahlausschuss erklärte die Wahlen in Siirt für ungültig,
und Fadil Akgündüz wurde sogleich von der örtlichen
Polizei abgeführt. Prompt meldete Erdogan seine Kandidatur an
und gewann die Wahl im Handstreich. Er löste umgehend Abdullah
Gül ab, beendete die 58. Regierung und bildete eine neue.
Die Legislaturperiode der AKP und die EU
Am Anfang stieß die AKP auf großes Misstrauen im westlichen
Ausland, da Erdogans Laufbahn eng mit Necmettin Erbakans Wohlfahrtspartei
und deren Nachfolgerin, der Tugendpartei, verknüpft war. Die
politische Praxis der AKP zeigte aber schnell, dass sie den Weg in
Richtung EU gehen würde. Auch die Militärs waren positiv
überrascht, blieben aber skeptisch gegenüber der AKP und
sind es bis heute.
Die Europäer aber schwärmen nur so von der Entschlossenheit
der AKP und ihrem Durchsetzungsvermögen. Die bisher umgesetzten
EU-inspirierten Reformen geben ein positives Signal. Seit Oktober
2001 hat das türkische Parlament zwei umfangreiche Verfassungsänderungen
und sieben sogenannte Harmonisierungspakete verabschiedet. Auf Forderungen
und Kritik der EU wurde mit insgesamt 148 zum Teil weitreichenden
Gesetzesänderungen reagiert. Die rechtlichen Grundlagen der türkischen
Demokratie, die Menschen- und Bürgerrechte sowie die Minderheitenrechte
wurden erheblich verbessert und liberalisiert.
Inzwischen läuft seit dem 20. Oktober 2005 in Brüssel die
sogenannte Screeningphase auf Hochtouren. Sie hat die Aufgabe, sämtliche
Rechtstexte der Europäischen Union, die mehr als 80000 Seiten
umfassen, mit dem türkischen Gesetzbuch zu vergleichen. Im besten
Fall, wenn alles reibungslos durch das Parlament geht, rechnen Experten
in frühestens 15 Jahren mit einem Beitritt der Türkei zur
Europäischen Union.
Sind die Europäer zu blauäugig? Wie weit geht Erdogans Europa-Enthusiasmus
wirklich? Bedeutet enthusiastisch möglicherweise
so viel wie zu religiösen Aufgaben berufen?
Die Zweifel in Erdogans eigenem Land werden immer lauter. Die türkischen
Intellektuellen zweifeln immer mehr, ob Erdogan die Türkei wirklich
an die EU anschließen will. Das Militär, das seine schützende
Hand über den Laizismus hält und als Puffer dient, äußert
immer lauter seine Bedenken gegenüber der Regierungspartei. Und
das Militär ist nach wie vor eine beherrschende Macht im Politikbetrieb
des Landes. Einige Gesetzentwürfe, die Ministerpräsident
Erdogan durch das Parlament bringen wollte, scheiterten nicht zuletzt
am Militär.
Genau hier liegt der Kern des Problems. Dem Westen passt die Einmischung
des Militärs in die Politik genauso wenig wie dem Ministerpräsidenten.
Hier ist durchaus eine gewisse Gemeinsamkeit zu sehen. Ist sie zufällig?
Oder werden hier unterschiedliche Ziele verfolgt? Will die Regierung
Erdogan die Macht des Militärs schwächen, um dann eigene
Ideale und Wertvorstellungen umzusetzen, die denen der EU nicht entsprechen
und schon gar nicht denen der türkischen Bevölkerung?
Der Vizepräsident des türkischen Wahlausschusses (YÖK),
Professor Dr. Isa Esme, betonte in einem Interview mit Reuters, dass
er in Bezug auf den Laizismus dem Volk vertraue, nicht aber der amtierenden
Regierung. Das türkische Volk hat die AKP gewählt, damit
diese die Wirtschaft auf Trab bringt, und nicht, um die Säkularisierung
und den Laizismus zu modifizieren. Professor Esme fügte hinzu,
dass die amtierende Regierung einen heimlichen Eid geleistet habe,
in der Türkei ein islamisches Regime einzuführen.
Die Regierung Erdogan hingegen dementierte in einem Interview mit
dem österreichischen Magazin Profil die Behauptung, die AKP habe
ihre Wurzeln im Islam. Ihre Grundlage sei vielmehr die Humanität.
Sie wolle allen Menschen zum Wohlstand verhelfen und damit auch den
Staat zum Prosperieren bringen. Die Innenansicht des Landes jedoch
zeigt ein etwas anderes, ein beunruhigenderes Bild.
Das Freitagsgebet in der Polizeidirektion
Ort der Handlung: Istanbul, das Gayrettepe-Polizeikommissariat. Datum:
Freitag, der 23. Dezember 2005. Eine Augenzeugin schildert die Szene:
Als ich an der Warteschlange für Verkehrssachen stand,
wurde es plötzlich rege im Gang. Uniformierte Polizisten erteilten
Befehle, um Ordnung in den langen Korridoren zu schaffen und Gegenstände,
die in den Gängen standen, wegzuräumen. Danach kam eine
Polizistin zu unserer Warteschlange und befahl dem Sachbearbeiter,
die Anträge der Frauen zuerst zu bearbeiten. Daraufhin gingen
die fünf wartenden Männer auf die Seite, und unsere Angelegenheiten
wurden prompt erledigt. Mir war diese Hektik und das exorbitante Bemühen
um Ordnung unverständlich, und staunend verfolgte ich das Geschehen.
Ein Mann kam aus einem Zimmer und legte Strohmatten in den Gang. Einige
junge Polizisten zogen die Schuhe aus und versuchten, die Matten ordentlich
auszulegen. Eine Polizistin forderte alle Frauen lauthals auf, das
Kommissariat umgehend zu verlassen: Alle Damen nach draußen,
alle Damen nach draußen, können wir bitte schneller sein,
es ist Gebetszeit, alle Herren bitte zum Gebet! Dabei ging sie
durch die Zimmer, um nachzusehen, ob auch alle Männer der Aufforderung
folgten. Den Gesichtern der Polizisten ließ sich nicht unbedingt
die Motivation ablesen, jetzt ein Gebet zu verrichten. In dem Schockzustand,
in dem ich war, habe ich erst später bemerkt, dass ich mit meinen
abgefertigten Papieren plötzlich vor der Tür stand. Dort
war die Situation nicht viel anders. Einige Männer nahmen mit
Hilfe von Trinkflaschen ihre rituelle Körperreinigung im Vorgarten
des Kommissariats vor, um das Gebet zu verrichten. Einige formell
gekleidete Männer, die ich für Zivilpolizisten hielt, gingen
gleichzeitig ins Kommissariat, ohne dabei kontrolliert zu werden.
Anscheinend wollte irgend jemand diese Gebetsverordnung kontrollieren.
Statue mit christlichem Kreuz
Der Rektor der Van-Universität Yüzüncü Yi, Professor
Dr. Yücel Askin, ließ im Garten der Universität eine
Statue aufstellen, an der das Symbol eines christlichen Kreuzes zu
sehen war. Dies führte dazu, dass ein Strafverfahren gegen ihn
eingeleitet wurde. Der türkische Journalist Erbil Tusalp kritisierte
das Verfahren in der Zeitung Birgün. Der Rechtsanwalt des Ministerpräsidenten,
Fatih Sahin, erwiderte die Kritik mit einer Anklage und einer Schadensersatzforderung
von zehntausend türkischen Lire (mehr als 6000 Euro). In der
Begründung hieß es, dass sich Erdogan dem Hass und der
Verachtung der Gesellschaft ausgesetzt fühle. Er habe persönlich
moralischen Schaden davongetragen, der nicht so leicht wieder gutgemacht
werden könne. Zwei weitere türkische Journalisten, die ähnliche
Kritik geübt hatten, wurden desselben Vergehens bezichtigt.
Änderung im Geschichtsbuch
Die Schüler der achten Klasse der Grundschule des Jahrgangs 2005
staunten nicht weniger als manche Eltern und Geschichtswissenschaftler,
als die neuen Geschichtsbücher ausgeteilt wurden. Unter dem Titel
Revolutionsgeschichte der türkischen Republik und Atatürkismus
befand sich dort auf Seite 46 eine kleine, aber bedeutende Änderung.
Ein Foto zeigte Kemal Atatürk mit Gattin und Ismet Inönü,
dem zweiten Staatspräsidenten der Türkei und Weggefährten
des Republikgründers. Das war bis dahin nichts Besonderes. Jetzt
aber zeigte das Foto die Frau des Modernisierers der Türkei plötzlich
verschleiert. Das war ungewöhnlich, denn bis dahin hatte man
Atatürks Frau stets in westlicher Kleidung abgebildet. Es folgten
massenhafte Proteste, und unter dem Slogan Kopftuch auf
Kopftuch runter schwappte die Debatte von den Medien bis in
die hohe Politik. Immerhin beschloss die Staatsdruckerei für
das neue Schuljahr 2006 die Rückkehr zur bisherigen schleierlosen
Abbildung.
Dass die AKP-Regierung mit Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan
an der Spitze viele Reformen auf den Weg gebracht und umgesetzt hat,
ist nicht zu leugnen. Offenbar erholt sich die Wirtschaft teilweise,
und auch die Außenpolitik funktioniert zufriedenstellend. Die
Reformen scheinen sich fortzusetzen, wenn auch verlangsamt, so dass
die EU ungeduldig auf Antworten aus Ankara wartet.
Andererseits aber kommen beunruhigende Nachrichten aus der Türkei.
Man sollte sie genau registrieren und öffentlich bekannt machen.
Denn was tatsächlich hinter den Türen von Ankara vor sich
geht, wissen wir nicht.