Nummer 10, Sommer 2006



Editorial
 


 

Zehn ist kein Jubiläum, kein Jubelanlass. Hier aber, bei dieser Zeitschrift, ist die zehnte Nummer doch ein Grund zur Freude. Es ist nämlich alles andere als selbstverständlich, dass es sie gibt.
Ein paar sonst einschlägige Gründe haben tatsächlich nicht dazu beigetragen, dass nach sechs Jahren Online-Präsenz die GAZETTE gedruckt vorliegt. Zu Gründen dieser Art gehören ein Startkapital von etlichen Millionen Euro und ein entsprechender Werbe-Aufwand. Vor kurzem hat auch die NZZ (siehe http://gazette.de/Presse.html) darüber berichtet. Wir sollten, hatten uns zu Beginn kluge Ratgeber gesagt, lieber nicht gewaltig auftreten und danach schrumpfen, sondern umgekehrt: klein anfangen und wachsen. So geschah es.
Gewachsen ist die GAZETTE vor allem mit ihren Lesern und Abonnenten. Es ist immer wieder erfreulich, wieviele Menschen in Mitteleuropa und überall leben, die nicht einer gern behaupteten allgemeinen Verblödung anheimgefallen sind, sondern selbsttätig denken und nachdenken; die einer Ideologie auch dann scharf ins Auge sehen, wenn sie sich in den imponierenden Mantel eines Parteiprogramms hüllt; die vor erschreckend selbstsicheren, allgegenwärtigen „Experten“ nicht ehrfürchtig in die Knie gehen; für die Staat und Politik nicht ferne Gegenüber sind, sondern ihre eigene Angelegenheit, die „öffentliche Sache“; die auch vor den immer drohenderen Global-Katastrophen nicht verzweifeln. Anekdotischer gesagt: die diesen im Wortsinn inhumanen Witz nicht lustig finden: Trifft ein Planet die Erde, fragt „Wie gehts?“ Die Erde: „Gar nicht gut, ich habe Menschen.“
Ihnen verdankt dieses Magazin seine Existenz. Wir werden diese einfache, wichtige Tatsache nicht vergessen. Ihnen schulden wir die hohe Qualität, die sie mit Recht von uns erwarten und um die wir uns bemühen.
Und die wir nicht bieten könnten ohne eine wiederum überraschend große Zahl guter Autoren und Autorinnen. Journalisten und Schriftsteller, die sich nicht davor fürchten, auch einmal in der ersten Person Singular zu schreiben; nach wie vor fähig, in ihren eigenen Worten zu denken, auch wenn sie dabei mehr Fragen als fixfertige Antworten finden; Arbeiter im Weinberg eines Themas, das nicht im Mainstream liegt, das zu Unrecht nicht ausführlich behandelt wird, im Fachjargon: eines underreported Themas. Bekannte Funktionsträger sind eher rar unter ihnen: Sie haben, sagen sie zwischen allen Zeilen, zu viel zu verlieren, wenn sie schreiben würden, was sie denken.
Immer wieder, viermal im Jahr, kommt dank unserer Autoren ein Heft zustande, das dem kurzatmigen Konsumenten in der Angst, die neueste Schlagzeile zu versäumen, ungenießbar ist. Während unsere Leser, auf der Suche nach der „wahren Aktualität“ (Walter Benjamin), in der schönen Mühe des Lesens einen Erkenntnisgewinn erfahren, der sie beim Einschalten der meisten Fernsehsendungen nur noch still und zweifelnd die Augenbrauen heben lässt.

Nach so vielen erhebenden Grundsätzen ein Geständnis: Auch die GAZETTE konnte sich der Fußballweltmeisterschaft nicht ganz entziehen, sie bringt in diesem Heft gleich zwei Beiträge dazu: eine Erläuterung der deutschen Fußball-Tugenden von Per Leo und dazu eine Raue-Sitten-Erzählung von Horst Eckert.
Einen Text hat die Redaktion lange diskutiert, den Artikel von Linda Benedikt über die moralisierende Eilfertigkeit, mit der Israel-Kritikern oft Antisemitismus vorgeworfen wird. Am Ende gab es kein Argument mehr, aus Angst vor Beifall von der falschen Seite einen notwendigen Protest gegen die planmäßige Entpolitisierung eines leider alltäglichen Konflikts nicht zu publizieren.
Das Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Dr. Radermacher sieht zwar etwas lang aus (es ist vermutlich auch etwas lang), aber die Lektüre wird belohnt mit einem neuen, einem globalen Blick auf die Reichtumsverteilung zwischen den Ländern dieser Welt und künftige Entwicklungen: „Die Brasilianisierung der Welt“.
Alois Riklin befasst sich mit einem Thema, das bei allem Fachklang seines Titels („Revision der Gewaltenteilungslehre“ Montesquieus) einer bekannten Erscheinung zugrundeliegt: der Gleichgültigkeit, mit der wir politische Entscheidungen hinzunehmen bereit sind. Auch in unserem Interview in Heft 9 war Professor Dr. Shalini Randeria schon zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Die gesetzgebende Mitwirkung unserer gewählten Vertreter ist im Schwinden begriffen. Präziser noch stellt Riklin fest, dass sich die politische Initiative, ja das eigentliche Machtzentrum, von den gewählten Abgeordneten wegbewegt, hin zur Regierung, die also unberechtigt den Namen „Exekutive“ (die Ausführende) trägt, wie auch ein angeblich souveränes Parlament, das mit seiner erdrückenden Mehrheit die Gesetzesprojekte der Regierung nur durchwinkt, kaum noch die Bezeichnung „Legislative“ verdient.
Auch einen Beitrag zum Thema Kunst und Politik finden Sie in dieser Nummer: Gabriela M. Keller schreibt in einer unverbraucht persönlichen Erlebnissprache über Menschen in Syrien, die gegen alle Schwierigkeiten nur Musik machen wollen.
Und besonders stolz sind wir auf die Erstveröffentlichung eines bisher unbekannten Briefes von Erwin Piscator, die wir Reinhard Müller verdanken; er hat das Dokument vor wenigen Wochen in einem Moskauer Archiv entdeckt.

Fritz R. Glunk