Zehn ist kein Jubiläum, kein Jubelanlass. Hier aber, bei dieser
Zeitschrift, ist die zehnte Nummer doch ein Grund zur Freude. Es ist
nämlich alles andere als selbstverständlich, dass es sie
gibt.
Ein paar sonst einschlägige Gründe haben tatsächlich
nicht dazu beigetragen, dass nach sechs Jahren Online-Präsenz
die GAZETTE gedruckt vorliegt. Zu Gründen dieser Art gehören
ein Startkapital von etlichen Millionen Euro und ein entsprechender
Werbe-Aufwand. Vor kurzem hat auch die NZZ (siehe http://www.gazette.de/Presse.html)
darüber berichtet. Wir sollten, hatten uns zu Beginn kluge Ratgeber
gesagt, lieber nicht gewaltig auftreten und danach schrumpfen, sondern
umgekehrt: klein anfangen und wachsen. So geschah es.
Gewachsen ist die GAZETTE vor allem mit ihren Lesern und Abonnenten.
Es ist immer wieder erfreulich, wieviele Menschen in Mitteleuropa
und überall leben, die nicht einer gern behaupteten allgemeinen
Verblödung anheimgefallen sind, sondern selbsttätig denken
und nachdenken; die einer Ideologie auch dann scharf ins Auge sehen,
wenn sie sich in den imponierenden Mantel eines Parteiprogramms hüllt;
die vor erschreckend selbstsicheren, allgegenwärtigen Experten
nicht ehrfürchtig in die Knie gehen; für die Staat und Politik
nicht ferne Gegenüber sind, sondern ihre eigene Angelegenheit,
die öffentliche Sache; die auch vor den immer drohenderen
Global-Katastrophen nicht verzweifeln. Anekdotischer gesagt: die diesen
im Wortsinn inhumanen Witz nicht lustig finden: Trifft ein Planet
die Erde, fragt Wie gehts? Die Erde: Gar nicht gut,
ich habe Menschen.
Ihnen verdankt dieses Magazin seine Existenz. Wir werden diese einfache,
wichtige Tatsache nicht vergessen. Ihnen schulden wir die hohe Qualität,
die sie mit Recht von uns erwarten und um die wir uns bemühen.
Und die wir nicht bieten könnten ohne eine wiederum überraschend
große Zahl guter Autoren und Autorinnen. Journalisten und Schriftsteller,
die sich nicht davor fürchten, auch einmal in der ersten Person
Singular zu schreiben; nach wie vor fähig, in ihren eigenen Worten
zu denken, auch wenn sie dabei mehr Fragen als fixfertige Antworten
finden; Arbeiter im Weinberg eines Themas, das nicht im Mainstream
liegt, das zu Unrecht nicht ausführlich behandelt wird, im Fachjargon:
eines underreported Themas. Bekannte Funktionsträger sind eher
rar unter ihnen: Sie haben, sagen sie zwischen allen Zeilen, zu viel
zu verlieren, wenn sie schreiben würden, was sie denken.
Immer wieder, viermal im Jahr, kommt dank unserer Autoren ein Heft
zustande, das dem kurzatmigen Konsumenten in der Angst, die neueste
Schlagzeile zu versäumen, ungenießbar ist. Während
unsere Leser, auf der Suche nach der wahren Aktualität
(Walter Benjamin), in der schönen Mühe des Lesens einen
Erkenntnisgewinn erfahren, der sie beim Einschalten der meisten Fernsehsendungen
nur noch still und zweifelnd die Augenbrauen heben lässt.
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Nach so vielen erhebenden Grundsätzen ein Geständnis:
Auch die GAZETTE konnte sich der Fußballweltmeisterschaft nicht
ganz entziehen, sie bringt in diesem Heft gleich zwei Beiträge
dazu: eine Erläuterung der deutschen Fußball-Tugenden von
Per Leo und dazu eine Raue-Sitten-Erzählung von Horst Eckert.
Einen Text hat die Redaktion lange diskutiert, den Artikel von Linda
Benedikt über die moralisierende Eilfertigkeit, mit der Israel-Kritikern
oft Antisemitismus vorgeworfen wird. Am Ende gab es kein Argument
mehr, aus Angst vor Beifall von der falschen Seite einen notwendigen
Protest gegen die planmäßige Entpolitisierung eines leider
alltäglichen Konflikts nicht zu publizieren.
Das Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Professor Dr. Dr.
Radermacher sieht zwar etwas lang aus (es ist vermutlich auch etwas
lang), aber die Lektüre wird belohnt mit einem neuen, einem globalen
Blick auf die Reichtumsverteilung zwischen den Ländern dieser
Welt und künftige Entwicklungen: Die Brasilianisierung
der Welt.
Alois Riklin befasst sich mit einem Thema, das bei allem Fachklang
seines Titels (Revision der Gewaltenteilungslehre Montesquieus)
einer bekannten Erscheinung zugrundeliegt: der Gleichgültigkeit,
mit der wir politische Entscheidungen hinzunehmen bereit sind. Auch
in unserem Interview in Heft 9 war Professor Dr. Shalini Randeria
schon zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen: Die gesetzgebende
Mitwirkung unserer gewählten Vertreter ist im Schwinden begriffen.
Präziser noch stellt Riklin fest, dass sich die politische Initiative,
ja das eigentliche Machtzentrum, von den gewählten Abgeordneten
wegbewegt, hin zur Regierung, die also unberechtigt den Namen Exekutive
(die Ausführende) trägt, wie auch ein angeblich souveränes
Parlament, das mit seiner erdrückenden Mehrheit die Gesetzesprojekte
der Regierung nur durchwinkt, kaum noch die Bezeichnung Legislative
verdient.
Auch einen Beitrag zum Thema Kunst und Politik finden Sie in dieser
Nummer: Gabriela M. Keller schreibt in einer unverbraucht persönlichen
Erlebnissprache über Menschen in Syrien, die gegen alle Schwierigkeiten
nur Musik machen wollen.
Und besonders stolz sind wir auf die Erstveröffentlichung eines
bisher unbekannten Briefes von Erwin Piscator, die wir Reinhard Müller
verdanken; er hat das Dokument vor wenigen Wochen in einem Moskauer
Archiv entdeckt.
Fritz R. Glunk
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