15. März 2004
Amerika hat einen Auftrag:

Bushs Rede zur Lage der Nation

Von Götz Opitz

Nicht erst seit der Rede zur Lage der Nation von Präsident George W. Bush von 2003, in der dieser eine "Achse des Bösen" anprangert und den allmächtigen "Gott" gleich viermal beschwört, ist der Zusammenhang von Politik und Religion im politischen Gemeinwesen der USA wieder zum beliebten Thema geworden. So stellen kenntnisreiche Beobachter wie der Verwaltungswissenschaftler Rainer Prätorius fest, dass schon vor den Ereignissen des 11. September 2001 eine klare Tendenz zur Stärkung der Rolle der Religion im öffentlichen Leben der USA vorhanden war, diese aber durch die Terroranschläge erheblich verstärkt wurde (Prätorius 2003:16,19). Gerade aus europäischer Sicht interessiert gegenwärtig die Frage, "was Amerika antreibt", so der Untertitel des von dem Historiker Detlef Junker verfaßten Buches "Mission und Macht" (Junker 2003), der die beiden Motive Sendungsbewußtsein und Machtstreben als die wesentlichen Elemente der US-Geschichte identifiziert. Schon 1968 bezeichnete Ernest Lee Tuveson Staat und Gesellschaft der USA angesichts ihres millenarisch motivierten Missionsgedankens in seinem gleichlautenden Buch als "Erlösernation" (Tuveson 1968).

In der Tat verschmolzen christlicher Protestantismus und abendländische Aufklärung in Amerika zu einem unverwechselbaren Phänomen, das der US-amerikanische Soziologe Robert N. Bellah bereits 1967 mit dem vagen Begriff der civil religion etikettierte. Ihm zufolge proklamiere Amerikas Zivilreligion, dass sich die Rechte des Volkes von einer transzendentalen Quelle jenseits des Staates herleiten, und dass das US-amerikanische Projekt der Selbstregierung letztendlich unter dem Urteil eines gerechten Gottes stehe. Nach der Unabhängigkeit von 1776 entwickelte sich allmählich ein zivilreligiöser Bürgersinn, der dem politischen Leben der USA eine sakrale Bedeutung verleiht. Er erzeugt ein Gefühl von Einheit, dass die Nation durch die Idee des nationalen Bundes mit einem transzendenten Bezugspunkt verbindet. Die Zivilreligion bejaht, dass Amerika in der modernen Geschichte nach göttlicher Anweisung gehandelt habe, und dass die "Nation unter Gott", so die Formel im nationalen Treuebekenntnis, der Pledge of Allegiance, die Hauptquelle der Identität für ihre Bürger sei. So nannte der englische Kriminalautor Gilbert Keith Chesterton die USA eine "Nation mit der Seele einer Kirche".

Paradoxerweise bildete sich diese zivilreligiöse Gesinnung trotz rigoroser institutioneller Trennung zwischen Kirche und Staat - Thomas Jeffersons "wall of seperation" - heraus, wie sie 1791 im 1. Verfassungszusatz festgeschrieben wurde und noch heute unbestrittene Verfassungsnorm ist. Aber auch wenn seine genaue Interpretation, insbesondere ihre auf das Verbot der staatlichen Bevorzugung einer bestimmten organisierten Glaubenspraxis zielende "non-establishment clause", die Gerichtsbarkeit der USA bis in die Gegenwart beschäftigt, wünscht in den USA laut einer Umfrage von 2001 eine Mehrheit von 76% mitnichten eine strikte Trennung zwischen Politik und Religion, sondern im Gegenteil eine größere Rolle religiöser Werte in öffentlichen Institutionen. Denn eine allgemeine Anrufung Gottes schreibe ja keine bestimmte Auslegung organisierter Glaubensinhalte vor (Prätorius:10-15). Bezeichnenderweise gab es keinen Aufschrei, als bekannt wurde, dass der US-Justizminister John Ashcroft den Arbeitstag im Ministerium mit einem gemeinsamen Gebet beginnt, ein Ritual, das er mit dem zweiten Teil des 1. Amendment, der "free exercize clause", rechtfertigen könnte. Auch wenn die Einschätzung, dass sich die US-Gesellschaft gegenwärtig in einem weiteren „great awakening" (Erweckungsbewegung) befindet, als übertrieben bezeichnet werden kann, so kann man doch mit dem Kulturwissenschaftler Berndt Ostendorf von einer massiven "Fundamentalisierungs-, Evangelikalisierungs- und Pentekostalisierungswelle" sprechen (Ostendorf 2003:160).

Wie aber konnte diese entstehen, waren doch die Gründungsväter der USA bestenfalls Deisten, die zum Teil den Freimaurern nahestanden? Sie erwähnten Gott in dem säkularen Dokument der Verfassung mit keinem Wort. So richtete sich die politische Kultur der USA entsprechend der "non-establishment clause" und der "free exercize clause" auf zwei Etagen ein: Unter der nationalen Ebene, die die säkularen Institutionen als „kosmopolitisches Vorbild und Modell einer angewandten Aufklärung" zur Schau stellte, braute eine leidenschaftliche, zivilreligiöse und noch überwiegend postmillennialistisch gestimmte Subkultur, die hoffnungsvoll auf eine sich graduell vollziehende Erlösung der Welt unter dem zunehmenden Einfluß sozialer Reformen nach christlichen Prinzipien drängte. Dieses Arrangement vermochte es, dass die Lokal- und Innenpolitik der USA populistisch, ihre Außenpolitik aber kosmopolitisch blieb (Ostendorf: 159,176; Jean B. Quandt 1973).

Im ständigen Reibungskonflikt zwischen der Realität teils korrupter staatlicher Institutionen und dem nationalen Glaubensbekenntnis, in dessen Zentrum die machtkritischen Freiheitsideale der Revolution stehen, entstanden in der US-Geschichte Samuel P. Huntington zufolge vier Phasen intensiver gesellschaftspolitischer Reformen. Diese von Huntington "Creedal Passion Periods" genannten Zeitabschnitte, die sich auch aus religiösen Impulsen speisten, traten im Abstand von sechzig bis siebzig Jahren auf. Die sozialen Bewegungen der 1960er Jahre waren die bisher letzte dieser Reformphasen. An deren Ende gewannen aber stets die konservativen Kräfte wieder die Oberhand (Huntington 1981). Mit den krisenhaften Veränderungen der turbulenten 1960er Jahre verstärkte sich ein Prozess der Desäkularisierung, der sich bereits nach den beiden verheerenden Weltkriegen und unter dem Eindruck der atomaren Bedrohung anbahnte und mit einer Verschiebung von postmillennialistischen zu prämillennialistischen Vorstellungen einherging, die vergleichsweise resignativ und pessimistisch eingefärbt sind. Die konservativen Christen der Südstaaten reagierten auf die Permissivität der "Counter Culture" und auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung sowie auf die zunehmende Einwanderung aus zum Teil nicht-christlichen Drittweltländern mit der Bereitschaft, in den politischen Prozess einzugreifen. Die so geborene Religiöse Rechte fand schließlich mit der Wahl Ronald Reagans in der Republikanischen Partei ihre politische Heimat (Ostendorf 164-167).

Die prämillennialistischen Konservativen glauben, dass das außerweltliche Millennium nicht vorbereitet werden kann, sondern der vorherigen physischen Wiederkunft Christi und der Endzeitschlacht von Armageddon bedarf. Angesichts dieses linearen, kumulativen und teleologischen Geschichtsverlaufs, der als vorherbestimmt gedacht wird, bleibt den Menschen nichts anderes mehr übrig, als den rechten Glauben durch Konversion zu suchen (Opitz 1993:37,163-164). Der Prämillennialismus wurde von dem englischen Missionar John Darby 1835 eingeführt, durch die "Reference Bible" von Cyrus Scofield ab 1909 popularisiert und durch die Formulierung der christlichen Fundamentals von 1910-1920 in Princeton propagiert. Er wurde von einer seit den 1970er Jahren wachsenden Fachverlagsindustrie kommerzialisiert, durch Pat Robertsons elektronische Kirche vor einem breiten Fernsehpublikum inszeniert sowie durch Jerry Falwells Moral Majority und die Christian Coalition politisch organisiert (Boyer 1992:87-90,97-98,93,203-208;Ostendorf 164-167). Vor dem Hintergrund transnational verwischter Grenzen zwischen Innen- und Außenpolitik im Zeitalter der Globalisierung schickt sich die Religiöse Rechte nurmehr an, auch auf die Weltpolitik der USA Einfluß zu nehmen.

Der Prämillennialismus scheint in der heutigen Populärkultur der USA relativ fest verankert zu sein. Hal Lindseys Buch "Late Great Planet Earth" (1970), das wie viele andere Publikationen dieses Genres eine literalistische und nukleare Leseart der Bibel vertritt, anvancierte zu dem "nonfiction bestseller" der 1970er Jahre. 1978 waren bereits 9 Mio. Exemplare verkauft. Nach einer Neuauflage zu Beginn der 1980er Jahre erhöhte sich die Zahl 1990 auf 28 Mio. verkaufte Kopien. 1983 hegten 62% der Amerikaner "keine Zweifel" an der leiblichen Wiederkehr Jesu. Drei Jahre zuvor gaben bis zu 45% der Befragten an, die Bibel sei von Gott wörtlich inspiriert. 1986 bezeichneten sich 48% der Südstaaten-Amerikaner als "born again Christians" (Boyer 1992:5,2,13). Laut einer Umfrage des Pew-Centers vom Herbst 2000 ist es für 70% der US-Wähler wichtig, dass ihr Präsident eine "Person des Glaubens" ist (Pew 2000:4). Präsident Bush ist nach eigenem Bekunden Wiedergeborener, sein Minister Ashcroft ist sogar Mitglied einer evangelikalen, prämillennialistischen Vereinigung (Ostendorf 159). 63% der US-Wähler gaben im Jahr 2000 zu Protokoll, eine positive Meinung von evangelikalen Christen zu haben, 1996 waren es noch 41%. Die Wähler der Demokraten gehören zu den traditionell eher kritisch eingestellten Gruppen, die die größten Zuwächse zu verzeichnen hatten: Schätzten nur 27% von ihnen 1996 evangelikale Christen positiv ein, so verdoppelte sich die Zustimmungsrate vier Jahre später auf 60% (Pew 2000:2,7).

Wie oben angedeutet, ist in den USA die Paarung des Sakralen mit dem Säkularen in vielen öffentlichen Ritualen und auch in der Architektur Washingtons sichtbar, wo die Jefferson und Lincoln gewidmeten Denkmäler an Pantheone erinnern. Die Verflechtung von Politik und Religion zeigt sich aber besonders eindrucksvoll in der Rhetorik der US-amerikanischen Politik. Der Literaturwissenschaftler Sacvan Bercovitch bezeichnete 1978 den sprachlichen Ausdruck der Zivilreligion in der politischen Rede der USA in Anlehnung an den klagenden Propheten des Alten Testaments als "Jeremiade". Die politische Predigt mit dem Charakter eines weltlichen Gebets, die sich einer metaphysisch-theopathische Rhetorik bedient, verwendet wiederkehrende religiöse Begriffe und fest verankerte Topoi originär religiöser Herkunft zum Transport politischer Inhalte und zur Formulierung politischer Ziele.

Bercovitch versteht unter der auf der europäischen Kanzel entstandenen und von den Puritanern des kolonialen Neuenglands in Inhalt und Form umgestalteten Jeremiade einen Modus öffentlicher Ermahnung, ein Ritual zur Vereinigung von sozialer Kritik und spiritueller Erneuerung, von öffentlicher und privater Identität. Sie war, so Bercovitch, Teil der puritanischen Strategie zur Revitalisierung ihres heiligen Auftrags, auf dem amerikanischen Kontinent das tausendjährige Reich (Millennium) zu errichten. Die Puritanerführer, die sich als Auserwählte Gottes begriffen, beschrieben ihr Gemeinwesen mit der Metapher der city upon the hill, die für die verderbte Menschheit beispielgebend sein sollte (Bercovitch 1978).

So läßt sich anhand einer kategoriengestützten Inhaltsanalyse der Amtsantrittsreden US-amerikanischer Präsidenten die Präsenz entsprechenden Gedankenguts in den jeweils ersten Inaugurationsreden von Harry Truman bis George Bush sen. nachweisen. Die besagte Studie mit dem Titel "Manifest Destiny im Kalten Krieg" (Opitz 1993) ermittelt darüber hinaus in einer stilitstischen Inhaltsanalyse Abweichungen und Ausprägungen dieser Sprachnorm in den jeweiligen Reden. Sie lassen erkennen, dass unter Zuhilfenahme spezifischer Verbalstrategien auf die Verwirklichung konkreter rückwärtsgewandter Utopien abgezielt wird. Gerechtfertigt wird die Forderung nach Verwirklichung unter Berufung auf eine übernatürliche, autoritäre und mit unterschiedlichem Vokabular benannte Instanz sowie durch den Verweis auf feindliche Kräfte.

Die quantitative Inhaltsanalyse operiert mit neun, aus der Historiographie abgeleiteten ideologischen Versatzstücken aus dem puritanischen Millennialismus, die sich im Ergebnis in folgender Rangfolge dramaturgisch zueinander verhalten: (1) Amerika als verantwortungsvolles Experiment, (2) die Bestätigung der Normen, (3) Amerika als vorbildhaftes Beispiel (Exzeptionalismus), (4) Amerika als göttliches Schicksal, (5) die Führungsqualitäten des Präsidenten, (6) die Beschreibung der Vision, (7) die Selbstanklage, (8) Apokalypse und Feindeswahrnehmung sowie (9) Apokalypse und Krisenwahrnehmung. Übersetzt man diese Hierarchie in einen sprachlich ausformulierten Satz, so lautet die Sprachnorm des rhetorischen Millennialismus wie folgt: "Vor allen Dingen unsere willensstarke und tatkräftige Initiative und die gewissenhafte Befolgung der altbewährten Normen und Überzeugungen, auf denen unser vorbildliches amerikanisches Gemeinwesen beruht, befähigen uns dazu, mit Gottes Hilfe und den charismatischen Führungsqualitäten unseres weitblickenden Präsidenten unsere gemeinsame heilige Utopie einer freiheitlichen Welt zu verwirklichen, unsere eigenen beklagenswerten Mängel und Schwächen zu diesem Zweck allmählich zu beseitigen, unseren auf diesem Weg störenden Feind zu besiegen und alle anderen bevorstehenden Krisen zu bewältigen (Opitz 1993). Bushs Rede zur Lage der Nation vom vergangenen Januar steht in dieser rhetorischen Tradition, wie im folgenden einige Textbeispiele verdeutlichen können. Dabei soll auch darauf geachtet werden, was in der Rede nicht zur Sprache kommt - zumal sie in einem Wahljahr gehalten wurde.

Es ist sinnvoll, vom teleologischen Ziel, d.h. von der Visionsbeschreibung aus, die Dynamik der Rede zu erfassen. Sie ist die in eine göttliche Zukunft weisende Synthese aus den in einer eschatologischen Spannung stehenden rhetorischen Strukturelementen der Normenbestätigung und der Selbstanklage, die einen Einblick in die utopischen Alternativkonstruktionen zuläßt. In seiner von der Bedrohung durch den Terrorismus überschatteten Rede zeichnet Bush den Antlitz einer friedlichen Welt: "Diese Gefahr wird besiegt ... wir werden die Terroristen ihrer gerechten Strafe zuführen". In Afghanistan sei eine Nation im Entstehen begriffen, die "frei und stolz ist und den Terror bekämpft". Genauso werde "das irakische Volk in Freiheit leben", dessen "volle Souveränität bis Ende Juni" wiederhergestellt sein werde. Bush erkennt "Zeiten großer Veränderungen - in der Welt, in unserer Wirtschaft, in den Wissenschaften und der Medizin". Er blickt in die Zukunft und beschreibt die bevorstehenden Umwälzungen: "Mit der Transformation der Arbeitswelt durch technologische Neuerungen wird Amerika produktiver, während Angestellte neue Fähigkeiten benötigen. Ein Großteil der neuen hoch-spezialisierten Arbeitsplätze wird im Gesundheitswesen und in der Biotechnologie zu finden sein".

Die Millenniumsvorstellungen vieler, auch jüngerer amerikanischer Millennialisten - wie schon teilweise diejenigen der Propheten des Alten Testaments - umfaßten die Zunahme materiellen Wohlstands sowie die Intensivierung intellektueller Aktivitäten in Form von landwirtschaftlichen Verbesserungen, wissenschaftlichen Fortschritten und technologischen Erfindungen. Bush behauptet zwar, dass die "Exporte ansteigen, die Produktivität hoch und immer mehr Jobs entstehen" würden - was nicht zuletzt den vom Kongress verabschiedeten Steuerkürzungen zu verdanken sei, die deshalb auf Dauer eingerichtet werden sollten. Doch weil berufliche Weiterbildung und die Schaffung von Arbeitsplätzen so wichtig sei, ruft Bush seine Zuhörer auf: "Wir müssen reagieren und Amerikanern dabei helfen, die Fähigkeiten zu erlangen, um gute Jobs in unserer neuen Wirtschaft zu finden". Bush beschreibt damit den "American Dream" als Ideal des sozialen Aufstiegs, den jeder schaffen kann, wenn er nur will. In dem 1931 zum ersten Mal von James Truslow Adams verwendeten Begriff, der im Sinne eines übergeordneten Wertesystems die Funktion erfüllt, der heterogenen US-Gesellschaft als einheitlicher, emotionaler Bezugspunkt zu dienen, ist der Millennialismus als eine Begriffskomponente noch gegenwärtig (Keil 1968:6,33,29-31). Der "American Dream" steht für die Werte einer liberalen Marktwirtschaft und eines "Besitzindividualismus" (C.B. Macpherson), der zur moralischen Rechtfertigung für den Kapitalismus geeignet ist.

Zurück auf außenpolitischem Gebiet entgegnet Bush mit Blick auf geäußerte Zweifel, dass Demokratie kein realistisches Ziel für den Mittleren Osten sei: "Auch wenn die Sehnsucht, in Freiheit zu leben, durch Tyrannei für Jahrzehnte erstickt wurde, wird sie neu erstehen". So verkündet er mit Zuversicht und mit einer für die puritanische Jeremiade typischen Lichtmetaphorik: "Wir werden die historische Arbeit an der Demokratie in Afghanistan und Irak vollenden, so dass diese Nationen anderen den Weg leuchten mögen, um dabei behilflich zu sein, einen unruhigen Teil der Welt zu verwandeln". Letztendlich gehe es darum, "unser Bestes zu tun, damit Amerika sicher und frei bleibt".

Diese Vision verweist auf das Strukturelement der Normenbestätigung (American creed), das in der puritanischen Jeremiade am Beispiel eines Bibeltextes den individuellen und gemeinschaftlichen Idealzustand definierte, der in der millenarischen Zukunft verwirklicht werden sollte. Bush beteuert selbstlose Aufopferungsbereitschaft bei der "Aufbauarbeit für ein neues Irak", indem er feststellt: "Amerika war immer willens, alles das, was nötig ist, für das zu tun, was richtig ist". Dies hält ihn nicht davon ab, an anderer Stelle - fast beiläufig - den Freihandelsgedanken als erstrebenswerten Wert zu betonen, den seine Administration fördere: ... freier und fairer Handel, um neue Märkte zu erschließen für Amerikas Unternehmer, Produzenten und Farmer". Drei Monate zuvor erhielt der US-amerikanische Energieriese Halliburton, dem Bushs Vizepräsident Dick Cheney als CEO einst vorstand, von den Aufträgen für den Wiederaufbau Iraks in Höhe von insgesamt ca. 87 Mrd. US-Dollar den größten Auftrag von etwa 5 Mrd. (Jehl 2003:1).

Nach 12 Jahren vergeblichen Verhandelns mit dem Irak, so Bush weiter, sei aber eines klar: „Wenn Diplomatie wirksam sein soll, müssen die Worte glaubhaft sein, und keiner kann nunmehr das Wort Amerikas in Zweifel ziehen". Diese Entschlossenheit hat ein höheres Ziel: "Amerika ist eine Nation mit einem Auftrag, und dieser Auftrag stammt von unseren grundlegendsten Überzeugungen. Wir trachten nicht nach Herrschaft, wir wollen kein Imperium. Unser Ziel ist demokratischer Friede - ein auf der Würde und den Rechten aller Männer und Frauen beruhender Friede. Amerika handelt in diesem Sinne Seite an Seite mit Freunden und Verbündeten". Detlef Junker ist anderer Ansicht. Ihm zufolge streben die USA eine "Weltvorherrschaft, eine imperiale Hypermacht von globaler Reichweite" an (Junker 2003). Bush gibt an, von welchen Überzeugungen er spricht: "Mut und Mitgefühl, Achtung und Integrität, Respekt für unterschiedliche Bekenntnisse und Rassen. Diese Werte, nach denen wir zu leben suchen, sind unveränderlich. Sie haben sich uns durch fundamentale Institutionen wie Familie, Schule und Kirche eingeprägt. Diese Institutionen, diese unbemerkten Pfeiler der Zivilisation, müssen stark bleiben in Amerika ... Ein starkes Amerika muß die Institution der Ehe wertschätzen".

Die Normenbestätigung kontrastiert in der puritanischen Jeremiade mit dem rhetorischen Strukturelement der Selbstanklage: Der durch eine Aufreihung von Verurteilungen und Tadel belegte gegenwärtige Zustand der Gemeinde, der das heilige Unternehmen in Gefahr zu stürzen droht, ist das Objekt der Anklage und stellt die Negation - gleichsam der Anfang der utopischen Tradition - der erhofften heiligen Utopie dar. Auch in Bushs amerikanischer Gemeinde gibt es Mißstände zu beklagen. Zum einen kritisiert er, dass "einige in dieser Kammer, und in unserem Land, die Befreiung Iraks nicht unterstützt haben". Zum anderen bezieht Bush die mangelnde Spiritualität interessanterweise auf eine besondere soziale Gruppe, der die Zukunft gehört: die Jugend. Im kolonialen Amerika drohte schon die zweite, in Amerika geborene Generation der puritanischen Siedler vom anvisierten Weg abzukommen. Die Generation der Väter trieb zunehmend die apokalyptische Sorge um "declension", um Niedergang und Verfall der Sitten und Moral gerade ihrer Kinder um. Man legte zunehmend die Verantwortung für die koloniale Unternehmung auf die noch unerfahrenen Schultern der „ungehorsamen" Kinder, deren spirituellen Zustand man beklagte. So mahnt Bush im bildungs- und jugendpolitischen Teil seiner Rede, dass Grundkenntnisse über Rechtschreibung und Mathematik in den ersten Schuljahren erlernt werden sollten: "Diese Fähigkeiten wurden jedoch von zu vielen Kindern für zu lange Zeit nicht beherrscht".

Bush ruft alle Amerikaner dazu auf, "zu unseren Familien zu stehen, um einen Beitrag für die Erziehung von gesunden, verantwortungsvollen Kindern zu leisten". Wenn es darum geht, Kindern dabei zu helfen, die "richtigen Entscheidungen" zu treffen, "gibt es für uns alle viel zu tun". Bush warnt Amerikas Kinder, „ihr Leben und ihre Zukunft mit Drogen zu verspielen". Um dies zu verhindern, bräuchten sie "gute Vorbilder". Doch würden einige "Athleten im professionalen Sport" kein gutes Beispiel sein. Amerikaner müßten deshalb willens sein, "den Gefahren, denen junge Menschen gegenüber stehen, ins Auge zu blicken - auch wenn es schwer fällt, darüber zu reden". Jedes Jahr würden etwa 3 Mio. Teenager an sexuell übertragbaren Krankheiten erkranken. Bush hat die Lösung, mit denen er bei konservativen Wählerschichten sicherlich auf große Zustimmung stößt: "Abstinenz ist die einzige sichere Art und Weise für junge Menschen, Sexualkrankheiten zu vermeiden". Eltern, Schulen und die Regierung müßten deshalb zusammenarbeiten, "um den negativen Einflüssen der Kultur zu begegnen und um unseren Kindern die richtigen Botschaften zu senden". Zu den "negativen Einflüssen der Kultur" scheinen für Bush Homosexuelle zu gehören, da "aktivistische Richter" versuchten, auf dem Rechtsweg die Institution der Ehe umzudeuten: "Unsere Nation muß die Heiligkeit der Ehe verteidigen".

Denn, so Bush weiter, die "gleiche moralische Tradition, die die Ehe definiert, lehrt uns auch, dass jedes Individuum in Gottes Augen Würde und Wert hat". Bushs Belehrung, in der "Gott" erstmalig Erwähnung findet, verweist auf das Konzept "Amerika als Schicksal": Die Jeremiade zeugte von dem unumstößlichen Glauben in den errand, in den göttlichen Botengang, auf dem sich die Puritaner sahen. Dieses Konzept beinhaltete die Verschmelzung von Welt- und Heilsgeschichte, die Synthese der unvollkommenen irdischen Zeit des Menschen mit der vollkommenen himmlischen Zeit Gottes, die Vereinigung des Profanen mit dem Heiligen, die paradigmatische Fusion der Vergangenheit mit der Zukunft, der Erde und des Himmels und hatte damit den Stellenwert eines axiomatischen Lehrsatzes der puritanischen Dogmatik. Bush drückt gleich zu Beginn seiner Rede den Missionsgedanken - in anderen Worten: das calling - wie folgt aus: "Amerika ist heute Abend eine Nation, die zu großer Verantwortung aufgerufen ist". Für ihn als Anführer einer "Nation mit einem Auftrag" ist eines sicher: "Der Drang zur Freiheit in unserer Welt ist unübersehber - und er wird nicht durch unsere Macht allein vorangetrieben. Wir können jener großen Macht vertrauen, die die kommenden Jahre geschehen lassen wird. Und in allem, was kommen wird, können wir gewiß sein, dass Seine Vorhaben gerecht und wahr sind." Bush bekundet seinen Glauben, "dass Gott in jedes menschliche Herz den Wunsch gepflanzt hat, in Freiheit zu leben". So stellt er mit Genugtuung fest: "Wir haben unsere besondere Berufung vernommen: Diese großartige Republik wird in der Sache für die Freiheit vorangehen ... Amerikaner stellen sich den Aufgaben der Geschichte, und sie erwarten das gleiche von uns hier".

Für die von Calvins Prädestinationslehre beeinflußten Puritaner, die davon überzeugt waren, dass sich die Heilsgeschichte in einer Serie aufeinanderfolgender Entwicklungsstufen entfaltet - jede mit ihrem eigenen, zunehmend höheren Erlösungsgrad (Dispensationalismus) - war ihre koloniale Unternehmung Teil eines göttlichen Heilsplans, in dem sich das allmächtige Wirken der göttlichen Vorsehung am Wendepunkt in eine hellere Zukunft offenbart. Bushs Rede zeugt davon, dass er an einen Fortschritt in diesem Sinne glaubt: "Wir leben in Zeiten großer Veränderungen...". Die erwartete Zeit scheint für Bush in greifbare Nähe gerückt zu sein: "Wegen Amerikas Führung und Entschlossenheit ändert sich die Welt zum Besseren". Er stellt mit Machtgewißheit fest: "Nach einer solch langen Wegstrecke fühlen wir, dass wir in einer Zeit wie keine andere leben ... Wir alle haben Teil an einem großen Unternehmen. Und sogar einige der Jüngsten verstehen, dass wir in historischen Zeiten leben". Bush ruft der Nation abschließend zu: „Möge Gott Amerika auch weiterhin seinen Segen geben".

Teil des "Unternehmens" Irak sind auch die Samaritan´s Purse, deren Mitarbeiter kurz nach dem Fall Bagdads die Erlaubnis erhielten, im gesamten Irak ihre Arbeit zu tun. Die 1970 gegründete evangelikale Hilfsoragnisation hat ihren Sitz in North Carolina und steht unter der Führung von Franklin Graham, der Sohn des legendären Billy Graham. Auch die Southern Baptist Convention plante, nach Kriegsende in den Irak zu gehen. Kurz nach dem 11. September bezeichnete Franklin Graham, der das Gebet zur Amtseinführung von Präsident Bush gesprochen hatte, den Islam als eine "sehr böse und sündhafte Religion" (Qenawi 2003). Zu Ostern 2003 erregte er bei den Muslimen in den USA großen Unmut, als bekannt wurde, dass er vom US-Verteidigungsministerium eingeladen wurde, die Karfreitag-Predigt zu halten (Ashville 2003). Dort machte auch der General William Boykin von sich reden, der höchstrangige Militär im US-Geheimdienst, der im Pentagon für die Feindaufklärung und damit für den Nachrichtennachschub über Osama bin Laden zuständig ist. Er bekannte auf einer fundamentalistischen Kirchenversammlung, einen guten Kampf zu kämpfen, "weil wir eine christliche Nation sind und weil unser Feind Satan heißt" (Winkler 2003).

Das Konzept "Amerika als Schicksal" steht in engem Zusammenhang mit dem Konzept "Amerika als Experiment": Die Pirutanerführer waren als von Natur aus sündhafte Menschen mit einem göttlichen Auftrag in die amerikanische Wildnis gekommen, dessen Erfüllung keineswegs gewiß war. Ihr heiliger Bund mit Gott verlieh ihrem Unternehmen den Charakter einer Prüfung, sie verstanden sich als in einer göttlichen Bewährungsprobe stehend. Die "Doktrin der Präparation" (Bercovitch), die vom puritanischen Klerus verkündet wurde, verfolgte daher in ihrer rhetorischen Umsetzung das Ziel, den direkt angesprochenen Gläubigen im Sinne der Anforderungen für die Verwirklichung der beschriebenen Vision des künftigen Reich Gottes zur Eigeninitiative zu bewegen und ihm ein gar globales Verantwortungsbewußtsein einzuflößen (Arminianismus). So beobachtet Bush: "Die vergangenen drei Jahre haben für alle Amerikaner Prüfungen mit sich gebracht, nach denen wir nicht gefragt haben". Doch so wie die Puritanerführer den richtigen Ausgang der göttlichen Prüfung zu erlangen suchten, indem sie in manichäischer Konsequenz drohten, dass die Alternative nichts Geringeres als den Zusammenbruch der Kolonie bedeuten würde, stellt Bush die Kongressabgeordneten vor die "Wahl": "Wir können voranschreiten voll Vertrauen und Entschlossenheit, oder wir kehren zurück zu der gefährlichen Illusion, dass Terroristen keine Verschwörungen planen und rechtlose Regime keine Bedrohung für uns sind".

Mit dem bedrohlichen Feind im Nacken und dem irdischen Paradies vor Augen wird Leistungsbereitschaft zum Gebot der Stunde. Zu dieser Kategorie zählen dementsprechend alle Äußerungen, mit denen Bush seine Landsleute und insbesondere den Kongress zu aktiven Anstrengungen auffordert und dazu aufruft, sich der Verantwortung zu stellen. Für Bush liegt diese in erster Linie in der Bekämpfung des Terrorismus: "Unsere größte Verantwortung ist die aktive Verteidigung des amerikanischen Volkes ... wir müssen damit fortfahren, dem Personal des Homeland Security Departments und der Polizei das Werkzeug in die Hand zu geben, das sie benötigen, um uns zu verteidigen". Er ruft dazu auf, das Sicherheitspaket Patriot Act zu verlängern. Im Urteil der Amerikanistin Katharina Sophie Rürup liest sich der Patriot Act "streckenweise wie Handlungsanweisungen für einen totalitären Staat". Beispielsweise führten mehrere Einzelstaaten nach dem 11. September die Todesstrafe für terroristische Verbrechen ein (Rürup 2002:52). Taktisch klug an den Patriotismus der Politiker appellierend, ruft Bush den im Ausland stationierten US-Truppen zu: "Meine Administration, und dieser Kongress, werden Ihnen die Resourcen geben, die Sie brauchen, um den Krieg gegen den Terror zu führen und zu gewinnen".

Ein Grundsatz ist für Bush dabei unerschütterlich: "Amerika wird niemals nach Erlaubnis fragen, die Sicherheit unseres Landes zu verteidigen". Damit deutet er den Entschluß der USA an, auch ohne UN-Mandat in den Krieg zu ziehen. Er weist auf antinomistische Tendenzen ihn, wie sie Anhänger millenarischer Bewegungen eigen ist. Der Antinomismus äußert sich in der Bestreitung oder Verwerfung des Gesetzes und in der ritualistischen Verletzung ehemals akzeptierter Normen (Barkun 1986:117-118). Mit Blick auf den Mittleren Osten erklärt Bush: „Amerika verfolgt eine Vorwärtsstrategie der Freiheit ... Wir werden die Feinde der Reform herausfordern, den Verbündeten des Terrors die Stirn bieten und an unsere Freunde einen höheren Maßstab anlegen". Mit dem Ziel freier Wahlen, freier Märkte, einer freien Presse und freier Gewerkschaften im Mittleren Osten kündigt Bush an, dass er einen Vorschlag vorlegen werde, „den Etat der National Endowment for Democracy zu verdoppeln". Auch auf innenpolitischem Gebiet gibt es dringenden Handlungsbedarf, weshalb Bush zur Unterstützung einer Reihe politischer Maßnahmen aufruft. Zu ihnen gehört das Bundesetatgesetz, das er dem Kongress in zwei Wochen vorlegen möchte: Wegen der Steuererleichterungen sei "diese Wirtschaft stark ... Wir können das Defizit in den nächsten fünf Jahren halbieren", so Bush. Das US-Defizit, das Experten zufolge in diesem Jahr von 374 Mrd. auf über 500 Mrd. US-Dollar steigen wird und etwa 4,5% des BIP beträgt (1983: 6%), ist in erster Linie Ergebnis der Steuersenkungspolitik und der hohen Kriegsausgaben im Irak (Oldag 2004:19). Bush ruft seinen Mitbürgern zielbewußt zu: "Wir bewegen uns vorwärts, in Treue und Glauben. Unsere Nation ist stark und beharrlich. Die Sache, der wir dienen, ist richtig, denn es ist die Sache der ganzen Menschheit".

Bushs Selbstbewußtsein verweist auf das Konzept des "Exzeptionalismus": Die puritanischen Kolonisten waren der Überzeugung, als Auserwählte Gottes, als Instrumente eines geheiligten historischen Planes, als ein "besonderes Volk" ihr Kirchenstaat zu einem beispielgebenden Modell für die Welt der reformierten Christenheit ausbauen zu können, zu einer vorbildhaften Darstellung des kommenden Neuen Jerusalem. Unter dem „Diktat des Komparativs" (Raeithel 1987:5), unter dem Amerika seit den ersten Siedlungsversuchen stand, zeugte die puritanische Jeremiade unablässig von diesem amerikanischen Exzeptionalismus. In diesem Sinne ist für Bush vieles erwähnenswert. Schließlich nutzte er der Meinung vieler Beobachter zufolge die Rede als Auftakt für seinen Wahlkampf, auch wenn das Weiße Haus nicht müde wurde, dies zu dementieren (Sanger 2004:24). Es galt also, die Erfolge seiner Administration herauszustellen. Der Abgeordnete Charles B. Rangel bemerkte dazu: "Das war keine Rede zur Lage der Nation, sondern zur Lage seiner Wiederwahlkampagne" (Koydl 2004:4).

So brüstet sich Bush: "Amerikaner stellen erneut unter Beweis, das am härtesten arbeitende Volk in der Welt zu sein. Die amerikanische Wirtschaft wächst". Deshalb könnten die Mitglieder des Kongresses "stolz auf das großartige Werk des Mitgefühls und der Reform sein, das Skeptiker für unmöglich gehalten hatten". Kurzum sei "die Lage unserer Nation sicher und stark". Als Beleg dienen Bush nicht nur das System privater Gesundheitsfürsorge, das "Amerikas Gesundheitssystem zum Besten in der Welt gemacht" habe, sondern namentlich genannte Terroristen, derer die USA habhaft werden konnte: "Wir verfolgen Al-Qaida auf der ganzen Welt, und nahezu zwei Drittel ihrer bekannten Anführer wurden gefangen genommen oder getötet". Auch und gerade mit Blick auf den Irak erkennt Bush Fortschritte: „Der einstige allmächtige Herrscher des Irak wurde in einem Erdloch gefunden, er sitzt nun in einer Zelle ... Wir werden mit den anderen Schurken im Irak fertig, genauso wie wir mit Saddam Husseins bösem Regime fertig wurden". In diesem Kontext nennt Bush den Schritt Lybiens, auf Massenvernichtungswaffen zu verzichten, und läßt ihn dadurch als indirektes Ergebnis des Kriegs im Irak erscheinen. Laut Flynt Leverett, Experte für den Mittleren Osten im Nationalen Sicherheitsrat von 2002 bis 2003, gehen die diesbezüglichen Verhandlungsbemühungen auf die zweite Amtszeit von Präsident Clinton zurück; der Irak-Krieg könne deswegen nicht die Ursache für die Entscheidung von Präsident Khaddafi sein (Leverett 2004:23).

Bush lobt den Kongress, das diplomatische Korps und die engsten Verbündeten der USA für die Unterstützung seiner Irak-Politik, doch hebt er eine bestimmte Gruppe besonders hervor: "Die Männer und Frauen des amerikanischen Militärs - sie haben die härteste Pflicht auf sich genommen. Wir haben ihre Fähigkeiten und ihren Mut gesehen... Amerika ist stolz auf Sie". Bush stellt die bisher vergebliche Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak mit einer geschickten Formulierung als Teilerfolg dar: "Der Kay-Bericht identifizierte Duzende von Programmen, die mit Massenvernichtungswaffen in Zusammenhang stehen". Bush triumphiert: "Für alle freiheits- und friedliebenden Menschen ist die Welt ohne Saddam Husseins Regime ein besserer und sicherer Ort geworden". Zusätzlich seien die Aktionen im Irak angesichts der beteiligten Truppen aus 17 anderen Nationen "internationalisiert". Wenige Tage nach Bushs Rede meldete die New York Times, dass der ausscheidende US-Waffeninspektor David Kay das Fazit gezogen habe, der Irak hätte zu Beginn des Krieges keine chemischen und biologischen Waffen gehortet (Stevenson 2004:1). Keine der von US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 im UN-Sicherheitsrat vorgetragenen 28 Punkte, die sich auf entsprechende Waffen oder Verbindungen des Diktators zu Al-Qaida bezogen, haben sich als richtig herausgestellt (Leyendecker 2004:8).

Die von Bush als Erfolge ausgegebenen Ergebnisse der Politik seiner Administration, der er als Präsident vorsteht, insbesondere die von ihm als Commander-in-Chief angeordnete Entsendung von US-Truppen in den Irak, leiten über zur Kategorie der "Führungsqualitäten des Präsidenten": Insbesondere Krisensituationen bereiteten im kolonialen Neuengland den Nährboden für die Entstehung besonderer sozialer Bedürfnisse nach charismatischer Führerschaft seitens eines zur Formulierung ideologischer Aussagen befähigten millenarischen Propheten. Dieser hatte seine Führungsqualitäten als "saint" im Rahmen institutionalisierter Prüfungen zur Erlangung der Kirchenmitgliedschaft, in denen er seine Konversion glaubhaft darlegen mußte, unter Beweis gestellt. Diese "relation" genannten Prüfungen beruhten auf der puritanischen Theorie des Kirchenbundes, die die Sichtbarmachung des Erwähltheitszustandes in der "visible church" anstrebte. Zwischen ihr und der Sichtbarmachung der Politik in der fernsehgestützten Image-Kultur US-amerikanischer Präsidentschaftswahlkämpfe, in denen die Kandidaten nicht zuletzt auch ihre tadellose Moralität demonstrieren müssen, läßt sich ein plausibler Zusammenhang herstellen. Bushs Person tritt in der Rede am meisten durch die Formel "I believe" und vor allem "I propose" zum Vorschein. Dieser rhetorische Arminianismus, der seine entschlossene Tatkraft bekunden soll, zeugt unverkennbar von der alten chiliastischen Ungeduld, die auf die Verwirklichung der jeweiligen Utopieentwürfe drängt: "Ich gab Ihnen und allen Amerikanern mein vollständiges Versprechen, unser Land zu verteidigen und unsere Feinde zu besiegen".

Der Bezug auf Amerikas Feinde leitet abschließend über zu den eng miteinander verknüpften Kategorien "Apokalypse und Feindeswahrnehmung sowie der Krisenwahrnehmung": Die Puritaner verstanden sich als Ausführungsgehilfen eines göttlichen Heilsplans, der auf jedem Stadium Kampf und satanische Versuchung mit sich brachte. Sie lebten daher in ständiger Furcht, dass der heilige Bund Gottes durch diabolische Kräfte und äußere Feinde zerstört werden könnte. Erst nach dem vollständigen Sieg über die Mächte der Finsternis würde die millenarische Zukunft eingeläutet werden können. So hatte die puritanische Jeremiade die Funktion, ein Klima der Angst zu schaffen, das dabei half, die ruhelosen, progressivistischen Energien einer Kultur freizusetzen, die für den Erfolg des Unternehmens benötigt wurden. Krise war die soziale Norm, die sie einzuimpfen suchte. So ließ nicht nur die Selbstanklage, sondern besonders auch dieser Aspekt der klerikalen Rhetorik die Existenz der Kolonien in einer eschatologischen Spannung zwischen "Schon" und "Noch-nicht" erscheinen. In den Worten des Puritanerführers Increase Mather war der Zweck der Jeremiade: "to strike terror and trembling into the Souls".

Kaum anders bei Bush: Angesichts des "Kriegs gegen den Terrror", den "Hunderttausende rund um die Welt stationierter amerikanische Militärangehörige" führen, erscheint die USA in Bushs Rede als bedrängte Nation, die einer ständigen Gefahr ausgesetzt ist: "Jeden Tag spüren Sicherheitsbeamte und Nachrichtendienste terroristische Bedrohungen auf; Analysten durchforsten Flugpassagierlisten; Männer und Frauen des Homeland Security Departments patrollieren unsere Küsten und Grenzen. Und ihre Wachsamkeit schützt Amerika". Um das Ausmaß der wahrgenommenen Bedrohung zu illustrieren, warnt Bush, dass nach dem 11. September die Versuchung groß sei, "zu glauben, dass die Gefahr hinter uns liegt. Diese Hoffnung ist verständlich, tröstend - und falsch. Das Töten geht weiter in Bali, Jakarta, Casablanca, Riyadh, Mombasa, Jerusalem, Isanbul und Bagdad". Damit hat Bush die Verbindung zum Waffengang im Irak hergestellt, womit die transnationale Gefahr des weltweiten Terrorismus nicht nur die Gestalt der Staatlichkeit erlangt, sondern auch ins Unermeßliche steigt: "Teil unserer Offensive gegen den Terror ist die Auseinandersetzung mit den Regimen, die Terroristen beherbergen und unterstützen und die sie mit atomaren, chemischen oder biologischen Waffen ausstatten könnten".

Das irakische Volk sei zwar frei, und das Baath-Regime bereits gefallen, doch "sehen wir uns einem Rest von gewalttätigen Saddam-Anhängern gegenüber ... Diese Killer, denen sich ausländische Terroristen anschließen, sind eine ernstzunehmende ständige Gefahr ... die Feinde der Freiheit werden alles in ihrer Macht stehende tun, um Gewalt und Furcht zu verbreiten". Damit ist eine Linie vom Terrorismus über den Irak zu anderen Gefahrenherden in der Welt gezogen. Bush nennt Nordkorea und den Iran und das Problem der Proliferation: "Amerika setzt sich dafür ein, die gefährlichsten Waffen der Welt von den gefährlichsten Regimen fernzuhalten". Doch auch wenn die Kriegserklärung der Terroristen gegenüber den USA erfolgreich mit Krieg beantwortet worden sei, und solange der Mittlere Osten "ein Ort der Tyrannei bleibt", werde er „Männer und Bewegungen hervorbringen, die die Sicherheit Amerikas und die unserer Freunde bedrohen". Bush gibt sich unbeugsam: "Wir weigern uns, im Schatten dieser ultimativen Gefahr zu leben".

Der 11. September war aus US-amerikanischer Sicht ein epochales Ereignis, weil er - noch mehr als der Luftangriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 - dem postpuritanischen Gefühl der geographischen Unverwundbarkeit einen jähen Schlag versetzte. Die zwei großen Ozeane auf beiden Seiten des nordamerikanischen Kontinents haben ihre schützende Wirkung nun endgültig verloren. Seither wähnt sich eine traumatisierte Nation im Krieg, der kaum begrenzbar ist. Der Terrorist lebt als "Schläfer" unerkannt mitten unter seinen Todfeinden - bis er zuschlägt. Das Gefühl, von einer Meute unsichtbarer Feinde umstellt zu sein, die es alle auf einen abgesehen haben, ist ein Grundgefühl der Paranoia, auch wenn die Gefahr im Kern real ist. William Safire sprach bestimmt vielen besorgten Amerikanern aus dem Herzen, als er 2002 die Frage stellte, ob der mysteriöse Heckenschütze, der im Oktober –genau ein Jahr nach den Milzbrand-Briefsendungen – im Großraum Washington die paranoische Angstkultur auf die Spitze trieb, nicht genau so gut ein mit Al-Qaida verbandelter Terrorist sein könnte (Safire 2002:19). Dieses Gefühl steigert das Bedürfnis, das Böse zu personalisieren. So gleicht der auf die Person Osama bin Ladens reduzierte Kampf gegen den Terrorismus und die Gefangennahme des mit dem Bösen identifizierten und dämonisierten "Schurken" aus Bagdad, Saddam Hussein, einem mit militärischen Mitteln realisierter Exorzismus. Er erinnert an die Rache- und Triumphphantasien des lateinischen Dichters Commodiansus, der - als erste Manifestation des hochmittelalterlichen "Kreuzfahrer-Chiliasmus" - dazu aufforderte, mit Waffengewalt für das Millennium zu streiten (Cohn 1988:22-25).

Hier scheint ein Zusammenhang zwischen krisenhafter Umbruchsituation und paranoid-millenarischer Endzeiterwartung zu bestehen, wie er von dem US-Soziologen Michael Barkun ausgearbeitet wurde. Ihm zufolge führt die den chiliastischen Bewegungen innewohnende Neigung zum rigorosen Manichäismus, der die Welt in Errettete und Verdammte einteilt, zwangsläufig zu einem Konspirationsdenken (Barkun 1986). Darüber hinaus muß, folgt man Elias Canetti, der politische Machthaber infolge der Grundcharakteristika seiner Position notwendigerweise paranoid sein (Canetti 1983:489): Der US-Präsident als Repräsentant der Staats- und Inhaber der militärischen Oberbefehlsgewalt, der zudem entscheidende Führungsperson im westlichen Bündnis ist, verfügt über ein gewaltiges Potential an Macht. Die machtbedingte Paranoia kann als Vermächtnis eines ursprünglich puritanischen Angstzustandes gedeutet werden, der sich als psychologischer Mechanismus des Puritanismus in der US-amerikanischen Jeremiade manifestiert. Denn der Puritaner wähnte sich auf der Seite eines durch satanische Übergriffe gestörten Gottes, an dessen Allmacht er als Auserwählter teilhaben durfte. Diese Angst konnte mit der amerikanischen Jeremiade überdauern, verstärkte sich mit dem Aufstieg der USA zur Weltmacht und verlor im Laufe der Säkularisierung zum Teil ihren sakralen Gehalt. Aus dieser Sicht sind die in Bushs Rede geäußerten Bedrohungsängste Ausdruck einer millennialistisch motivierten, kulturgeschichtlich tradierten und machtbedingten Paranoia, die mit dem Anbruch des Atomzeitalters nuklear verstärkt wurde.

Mit diesem Nexus zwischen Paranoia, Leistung und Utopie scheinen sich die USA mit ihrem Feind, dem islamistisch-fundamentalistischen Terrorismus, in dessen Zentrum ein allmächtiger, Absolutheit beanspruchender Gott einer anderen monotheistischen Weltreligionen steht, bis zu einem gewissen Grad zu spiegeln: Die Kriminologen Katrin Brettfeld und Peter Wetzels wollen ermittelt haben, dass die Neigung zur Gewalt parallel mit der Religiosität nur im Islam zunimmt (Kissler 2003:11). Und der palästinensichen Autorin Ghada Karmi zufolge ist die harnäckigste Theorie, die die arabische Welt derzeit beherrscht, die von der jüdisch-christlichen Verschwörung gegen den Islam (Karmi 2004:13). Vor diesem Hintergrund ist die Vermutung bedenkenswert, dass der 11. September den Grundstein für eine langfristig angelegte, feindselige Auseinandersetzung gelegt haben könnte, bei der es sich - dem angesichts des Ost-West-Konflikts entwickelten Autismus-Modell von Dieter Senghaas folgend (Opitz 1993:180-190) - um ein tautologisches System gegenseitiger Rivalität handelt, bei dem sich die Kontrahenten vor dem jeweils eigenen Publikum gegenseitig instrumentalisieren. Der Krieg gegen den Terror kann insofern als ein Phänomen autistischer Feindschaft interpretiert werden. Verkürzt formuliert, ist auf US-amerikanischer Seite das paranoid-millenarische Syndrom puritanischer Provenienz Ursache für den asymetrischen Bedrohungsautismus. Jedenfalls scheint es sicher zu sein, dass der Terrorismus die Jeremiade zumindest mit neuem Leben erfüllt, um die USA in die millenarische Zukunft zu peitschen.


Literatur:

Ashville Global Report.
"Pentagon draws fire for Franklin Graham engagement", April 20, 2003, in: http://www.agrnews.org/issues/223/nationalnews.html

Barkun, Michael. Disaster and the Millennium. Syracuse: Syracuse University Press, 1986.

Bellah, Robert N. "Civil Religion in America," Daedalus, 96, 1, Winter 1967, pp. 1-21.

Bercovitch, Sacvan. The American Jeremiad. Madison: The University of Wisconsin Press, 1978.

Boyer, Paul. When Time Shall Be No More: Prophecy Belief in Modern American Culture. Cambridge: Harvard University Press, 1992.

Canetti, Elias. Masse und Macht. Ungek. Aufl. Frankfurt/Main: Fischer, 1983.

Cohn, Norman. Das neue irdische Paradies: Revolutionärer Millenarismus und mystischer Anarchismus im mittelalterlichen Europa. Übers. Eduard Thorsch. Hamburg: Rowohlt, 1988.

Huntington, Samuel P. American Politics: The Promise of Disharmony. Cambridge: Massachusetts, 1981.

Jehl, Douglas. "U.S. Sees Evidence of Overcharging in Iraq Contract". New York Times, December 12, 2003, p.1

Junker, Detlef. Power and Mission: Was Amerika antreibt. Freiburg: Herder 2003.

Karmi, Ghada. "Eine gefährliche Obsession", Süddeutsche Zeitung, 13. Januar 2004, S.13.

Kissler, Alexander. "Der Islam, das Gegenteil", Süddeutsche Zeitung, 15. Januar 2004, S.11.

Koydl, Wolfgang. "Rede zur Wahlkampflage der Nation", Süddeutsche Zeitung, 22. Januar 2004, S.4.

Keil, Hartmut. Die Funktion des "American Dream" in der amerikanischen Gesellschaft. Inaugural-Dissertation, Universität München, 1968.

Leverett, Flynt. "Why Libya Gave Up on the Bomb". New York Times, January 23, 2004, p.23.

Leyendecker, Hans. "Das falsche Zeugnis der Ankläger", Süddeutsche Zeitung, 14. Januar 2004, S.8.

Oldag, Andreas. "Bush braucht den Aufschwung", Süddeutsche Zeitung, 12. Januar 2004, S.19.

Opitz, Götz-Dietrich. Manifest Destiny im Kaltern Krieg: Die Inaugurationsreden US-amerikanischer Präsidenten im Spiegel des rhetorischen Millennialismus. Frankfurt: Lang, 1993.

Ostendorf, Berndt. "Die Rolle der Religion in der amerkanischen Politik und Gesellschaft". Amerika - Fremder Freund. Weimar: Rhino, 2003. S.157-183.

Prätorius, Rainer. In God We Trust: Religion und Politik in den USA. München, Beck 2003.

Pew Research Center for the People & the Press. Religion and Politics: The Ambivalent Majority. Survey Reports, September 20, 2000.

Quandt, Jean B. "Religion and Social Thought: The Secularization of Postmillennialism". American Quarterly. Vol.XXV (October, 1973), No. 4., pp. 390-409.

Qenawi, Aymen and Khaled Mamdouh. "Missionaries To Follow U.S. Forces In Iraq". IslamOnline.net, March 28, 2003, http://www.islamonline.net/english/News/2003-03/28/article11.shtml

Rürup, Katharina Sopie. "Bürgerrechte ade? Die Gesetzgebung in den USA nach dem 11. September". Vorgänge, Heft 3, Sept. 2002, S.52-60.

Safire, William. "Terrorism Goes Local". New York Times, October 14, 2002, p.19.

Sanger, David E. "Bush, on Campaignlike Swing, Promotes Job-Training Initiative". New York Times, January 22, 2004, p.24.

Stevenson, Richard W. "Iraq Illicit Arms Gone Before War, Departing Inspector States". New York Times, January 24, 2004, p.1.

Tuveson, Ernest Lee. Redeemer Nation: The Idea of America's Millennial Role. Chicago, London: The University of Chicago Press, 1968.

Winkler, Willy. "Der Teufel, vielleicht", Süddeutsche Zeitung, Wochenendbeilage, 8./9. November 2003, Nr. 257, S.I.

 

Dieser Text ist die ungekürzte Originalfassung des Artikels:
Götz Opitz, Präsident von Gottes Gnaden, in: DIE GAZETTE 1/2004, 15. März 2004, S 40-45