Eine Hommage an Patti Smith
auf ihrer Europa-Tournee "Land" (1975-2002)

Die Ikone lebt

"Beautiful!" Patti Smith guckt von der Open Air Bühne der Berliner Museumsinsel auf die Alte Nationalgalerie im Abendrot. "How do you say that in German ?" Die Menge versucht, zu übersetzen. "Mhm", antwortet Patti - und die Band rockt los. (Etwas leiser übrigens als letztes Jahr hier: Angela Merkel wohnt in der Nähe und hat sich über den Lärm beschwert.)

Von Tim Schaffrick

Apokalyptische Freudenfeier

Riesige schwarze Vogelschwärme flattern auf und passen wunderbar in das Ambiente einer apokalyptischen Freudenfeier.
Das dritte Konzert in 25 Jahren, titelt der Veranstalter, und am Ende waren sich alle, die dabei waren, einig, etwas "very special" erlebt zu haben.

Am linken Bühnenrand steht etwas spröde Jackson Smith, Pattis zwanzigjähriger Sohn und spielt die Gitarre so, als ob er nicht ganz dazugehört zu dem Haufen Mitte-Fünfzig-Jähriger, trotzdem immer auf die Mama fixiert. Im Laufe des Abends taut der junge Mann auf, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht.
Mehrere Songs stammen von der vorletzten Platte "Gone Again" (1996, Foto), die im Gedächtnis an Pattis damals überraschend verstorbenen Ehemann Fred Sonic Smith erschien.
Mutter und Sohn stehen im Gedenken zusammen auf der Bühne - frei von jeder Weinerlichkeit, wie aus dem tibetanischen Totenbuch, im Schmerz mit einem Augenzwinkern.

Auch die offensichtliche Geschmacksverirrung des Schlagzeugers Jay Dee Daugherty, wie Gitarrist Lenny Kaye ein Gründungsmitglied der Band, irritiert nur im ersten Augenblick. Daugherty sieht in seinem schweinchenrosa Hemd wie ein geschniegelter Versicherungsvertreter aus, der nach Feierabend in der Hobbyband gerne noch die Schlagzeugstöcke schwingt.
Gewisse optische Mängel der Bühnenshow bleiben aber bedeutungslos, weil der Sound stimmt. Und das trotz einer ziemlich nach unten gepegelten Lautstärke.
Die Songs hören sich live besser an als auf CD, egal ob die Aufnahme nun zwei oder siebenundzwanzig Jahre alt ist.
Allem voran Pattis Stimme: tief und voluminös, sie röchelt und stöhnt, sie fleht und sie predigt, alles ist Trash und Gottesdienst zugleich.
Die Fünfundfünfzigjährige gibt der Idee eines "In-Würde-Älter-Werdens" neuen Glanz, sie und ihre Musik beweisen eine zeitlose Schönheit.
Eine kindliche Verspieltheit. Eine Maturität, die sexy ist.

Vielleicht liegt das daran, dass ihre Musik auch vor 26 Jahren schon eine Weisheit in sich trug, eine Todessehnsucht und mystische Jenseitigkeit, hervorgerufen durch übermäßigen Gebrauch von bewusstseinserweiternden Halluzinogenen.
In dieser Hinsicht scheint sie wie Obelix zu sein, der als Kind in den Zaubertrank gefallen ist und seitdem die übermenschlichen Kräfte auf Dauer besitzt.

Ganz im Jetzt

Das Line-Up führt durch das Schaffen der Künstlerin, ein Rundgang durch ihr Material von 1975 - 2002 - und zeigt eine ungebrochene Kreativität auf der Höhe ihres Schaffens. Van Morrisons Kultsong "Gloria" zum Beispiel klingt kein bisschen angestaubt. Alles vibriert, lebt ganz im Jetzt.
Genauso "Redondo Beach", der zweite Song auf Pattis Debutalbum "Horses".
Oder ihr großer Hit "Because the Night" den sie zusammen mit Bruce Springsteen schrieb. Der einzige Song, der es in die Top 20 der Charts brachte. Nichts wirkt sentimental oder nostalgisch.

Patti Smith ist keine Verkäuferin.
Kein Wort kommt ihr über ihre gerade erschienene Anthologie "Land (1975 - 2002)" über die Lippen, die die "Ikone der amerikanischen Gegenkultur" auf zwei CDs in einer 4 Jahrzehnte umfassenden Werkschau eindrucksvoll porträtiert. Aber sie ist Aktivistin geblieben, fest entschlossen, zu kämpfen und zu handeln. "We have to get clean and we have to get clear!"
Seit dem 11. September habe sich alles verändert. Heute sei sie unzufriedener mit der US- Regierung als je zuvor. Die Truppen sollen raus aus Afghanistan, ein Palästinenserstaat müsse endlich her, der gleichzeitig dem Staat Israel den Frieden garantiert. "Mein Taum ist, dass palästinensische und israelische Kinder in Frieden miteinander spielen, ohne den Hass ihrer Eltern. Was wir brauchen, ist eine globale Anti-Kriegsbewegung."
Danach erklingt "People have the Power" - zum Mitsingen - und trotzdem ohne Pathos und Kitsch.

Rock'n'Roll Nigger

Patti Smith ist eine Künstlerin des vergangenen und des neuen Jahrhunderts.
Eine große Frauengestalt, bei der all die Projektionen funktionieren: Sie ist Heilige und Hure, Geliebte und Mutter, Schamanin, Hohepriesterin und Hexe. Im Mittelalter wäre diese Frau ganz sicher verbrannt worden. Heute wird sie beim Künstlerempfang von Gerhard Schröder umarmt - und bleibt trotzdem ein "Rock'n'Roll Nigger"!
"Outside of Society they're waiting for me. Outside of the society, that's where I wanna be..." heißt es in dieser Prä-Punkhymne, ein Postulat, über das es sich gerade heute nachzudenken lohnt, in einer Zeit, in der sich verschiedene junge (Künstler-) Generationen immer noch darum drängeln, in diese Gesellschaft hineinzupassen, kompatibel zu sein.

Wenn Lou Reed immer wieder als der "Godfather of Punk" bezeichnet wird, ist Patti Smith mehr als sein weibliches Pendant.
Oder: Wenn die Unterrepäsentiertheit des weiblichen Geschlechts im Rock'n'Roll paritätisch abgewogen werden könnte, müssten für Patti Smith mindestens Lou Reed, David Bowie und Iggy Pop gemeinsam in die andere Waagschale.


Patti Smith ist eine Lady, eine moralische Instanz. Die Art und Weise, wie sie auf den Boden spuckt, um ihre Stimmbänder zu säubern, zeigt, was cool ist ohne cool sein zu wollen.

Bei "Dancing Barefoot" hockt sie sich mitten im Lied auf die Bühne, schnürt ihre Stiefel auf und wirft sie hinter sich.
Dann beginnt ein Sockenstriptease, der damit endet, dass sie ihre alte Tennissocke am Handgelenk durch die Luft wirbelt und in die grölende Menge wirft.
Eine Persiflage auf alle Marilyns dieser Welt.


Nach mehr als zwei Stunden magischer, energiegeladener Show steht sie beim Konzert auf der Museumsinsel mit wehender Mähne im nun dunklen sommerlichen Berliner Abendhimmel und die Menge tobt und will nicht nach Hause gehen.
Noch zwanzig Minuten nach der letzten Zugabe ist fast die Hälfte des Publikums mit stehenden Ovationen geblieben und möchte seine Heldin noch einmal sehen.
Endlich kommt sie noch einmal, bedankt sich charmant, und "wir" danken "ihr".


Patti Smith will ihrer Heimatstadt New York den Rücken kehren. „Wenn meine Tochter alt genug ist, auf eigenen Beinen zu stehen, will ich nach Europa ziehen und hier in verschiedenen Städten eine Zeit lang leben".
"Beautiful!"

2. September 2002

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