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Rücken an Rücken Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte Das eine Buch ist das Werk einer Furie, das andere hat ein gnadenlos Wohlmeinender geschrieben. Beide hinterlassen einen unappetitlichen Nachgeschmack. Dabei waren diese Autoren einmal angesehene Reporter. Oriana Fallaci behauptet, sie habe sich ihr New Yorker "politisches
Exil" selbst dass sie [die Vietnamesen unter Ho Chi Minh] gezwungen wurden, getrennt Pipi zu machen und zu kacken, damit die nicht mit Urin vermischten Exkremente als Dünger verwendet werden konnten. Oder dass die, die keine Kommunisten waren, so brutal verfolgt wurden, dass ein alter Vietminh aus Dien Bien Phu sich eines Tages wie ein Kind an meiner Schulter ausweinte: "Madame, vous ne savez pas comme nous sommes traités ici. Madame, Sie ahnen ja gar nicht, wie wir hier behandelt werden, Madame." Ist das nicht schön? Der weinende Vietminh an der Schulter der
dreifachen Madame! Aber zurück zu Fallacis Schreibmaschine. So ungefähr lautete meine Argumentation vor zwanzig Jahren. "Welchen Sinn hat es, Leute zu respektieren, die uns nicht respektieren? Welchen Sinn hat es, ihre Kultur oder angebliche Kultur zu verteidigen, wenn sie die unsere verachten? Ich will unsere Kultur verteidigen, verdammt, und ihr sollt wissen, dass mir Dante Alighieri besser gefällt als Omar Khayyam." Heiliger Himmel! Sie kreuzigten mich. "Rassistin! Rassistin!" Es waren die Luxuszikaden bzw. die so genannten Progessiven (damals hießen sie Kommunisten) und die Katholiken, die mich kreuzigten. Irgendwann hat der Leser so viel Dummstolz und Rochus satt, die aufgeschäumte Lust an der Feindschaft, die paranoiden Rundumschläge. Niemand sei mehr auf ihrer Seite, glaubt sie (dabei will die Einzelkämpferin doch nur die Zivilisation retten), jeder bereits verdorben bis ins Mark, speziell in Italien, und alle stecken mit den Arabern unter einer Decke: Diese erbärmlichen, nutzlosen Zikaden, die mich nach diesem Buch mehr hassen werden denn je, die mich nach einem großen Teller Spaghetti oder einem saftigen Hamburger heftiger verfluchen werden denn je und die mir den Tod wünschen werden, die Ermordung durch einen der Söhne Allahs. Diese fiktiven Revolutionäre, diese falschen Christen, die das Ende der Zivilisation vorbereiten. Diese Parasiten, die sich als Ideologen verkleidet haben, als Journalisten, Schriftsteller, Theologen, Schauspieler, Kommentatoren, Clowns, Edelhuren oder zirpende Grillen, Exstiefellecker von Khomeini und Pol Pot, sagen nur, was man von ihnen erwartet. Was ihnen hilft, in den pseudointellektuellen Jetset aufgenommen zu werden oder sich weiter darin zu tummeln, wichtigste Privilegien und Vorteile für sich zu nutzen und Geld zu verdienen. Hören wir damit auf. Sagen wir knapp: Das Buch ist unflätig und verantwortungslos, schlimmer noch: Es langweilt. Wer damit vielleicht etwas anfangen kann, ist ein tapferer Therapeut, der Oriana ihre krumme Biographie endlich aufzuarbeiten hilft.
Aus diesen Schulen gehen dann die jungen Leute hervor,
die sich nun dem Dschihad anschließen. fährt er unmittelbar danach fort, indem er "uns" mit diesen Koranschülern gleichstellt: Und doch ... als ich diese Menschen reden hörte, drängte sich mir die Frage auf, inwieweit nicht auch wir, klug und informiert, wie wir sind, scheinbaren Sicherheiten aufsitzen, inwieweit nicht auch wir einfach an die Lügen glauben, die wir uns selbst erzählen. "Wir" sind, so lautet die Botschaft, auch nicht besser, oder umgekehrt, "sie" sind auch nicht schlechter als wir. Einmal so in Fahrt gekommen, gewinnt er auch den Taliban positive Züge ab: In Afghanistan wurde keine einzige Kasette produziert, keine einzige Fernsehsendung ausgestrahlt (mittlerweile produziert Afghanistan nicht einmal mehr Zündhölzer!), daher war alles, was die Menschen dort sehen und hören konnten, Importware, gewöhnlich aus Indien. Dies aber galt als nicht "islamisch" und daher als Ursprung moralischer Zersetzung. Ihre Argumentation unterscheidet sich also gar nicht so sehr von der westlicher Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder all die widersinnigen Sendungen voller Sex und Gewalt sehen, die uns das Fernsehen heute so auftischt. Bemerkenswert: Offenbar merkt Terzani nicht, mit welchem vordemokratischen
Paternalismus er hier seine Weißwäscherei betreibt. Wenn
man die Afghanen als unmündige Kinder sieht und ihre islamistischen
Diktatoren als fürsorgliche Eltern, dann ist in der Tat alles eins,
und jede Diskussion über Recht und Unrecht ist zu Ende. Dies waren sicherlich keine erbaulichen Szenen, doch wir müssen sie vor dem Hintergrund sehen, vor dem sie stattgefunden haben: einer Gesellschaft, die durch Jahre des Bürgerkrieges vollkommen zerrüttet war und die nur durch die harten Gesetze der Scharia, des koranischen Rechts, wieder ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln vermochte. Die Einwohner von Kabul, mit denen ich spreche, erzählen immer wieder, dass sie nach der Machtübernahme durch die Taliban keine Diebstähle mehr befürchten mussten. Auch konnten die Frauen wieder von einem Ende des Landes zum anderen reisen, ohne Übergriffe befürchten zu müssen. Die Straßen des Landes waren wieder sicher geworden. Was muss man dagegen jetzt "an jeder Straßenecke" Kabuls
sehen? "Kalaschnikowträger und gefährliche Halsabschneider".
Aber die machen dem Autor nicht mehr "Angst" als der Typ Mensch,
den er nun mal partout nicht leiden kann: der "Abendländer
[sic], zynisch und unsensibel, egoistisch und politisch korrekt - was
immer die Politik auch fordern mag -, dieses Produkt unserer reichen
Fortschrittsgesellschaft". Und wie kam es zu diesem fürchterlichen
Menschenschlag? Terzani weiß es: "Jahre, in denen wir ungebremst
dem Materialismus frönten, haben die Ethik im Leben des Einzelnen
an den Rand gedrängt. Mittlerweils misst man nur noch mit der Werteskala
von Erfolg, Geld und persönlichem Vorteil." Nein sowas aber
auch! Schon seit geraumer Zeit führt man mit neuen Mitteln und neuen Methoden Kriege, die nie erklärt wurden - weitab von den Augen der Weltöffentlichkeit, die sich einbildet, alles zu wissen und zu verstehen, nur weil sie den Einsturz des World Trade Centers live miterlebt. Der einstige Starreporter dagegen hat den Medienschwindel durchschaut.
Uns werden nämlich bin Laden und Selbstmordattentäter als
"Feinde" (auch im Buch in distanzierenden Anführungszeichen)
verkauft. Aber die eigentlichen Terroristen, wenigstens "für
andere", sind wir selbst, unsere "Geschäftsleute"
mit ihren "Aktenköfferchen", die im Osten gefährliche
Chemiefabriken und Atomkraftwerke und Staudämme bauen. So einfach
ist das. Lauter Wisch-und-weg-Argumente. Beide, Oriana Fallaci und Tiziano Terzani, führen eine aufdringliche,
ja vergewaltigende Rede, jeder auf seine Weise. Die eine mobilisiert
ihren sprachlichen Unflat und das tobsüchtige Ausrufezeichen, der
andere seine einseitige Sanftheit und die rhetorische Frage, die bei
ihm jedesmal eine unbewiesene Behauptung ist. Beiden fehlt es dabei
an Faktentreue, Analyse und einem gesprächsfähigen Gewissen. Oriana Fallaci, Die Wut und der Stolz. Aus dem Italienischen
von Paula Cobrace. List Verlag, München 2001. 18. September 2002 |
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