Sechs Kurzprosatexte

von Rupprecht Mayer

In der großen Stadt

Die Schrittfrequenz und der Erfolgswille der Menschen in der großen Stadt hatten gegenüber seinem letzten Besuch noch zugenommen. Trotzdem mußte es Probleme gegeben haben. Schon eine Woche war er hier und hatte nur einen Teil der Geschäfte erledigen können, für die er sonst höchstens zwei Tage brauchte. Sein Zahnarzt war unbekannt verzogen, sein Rechtsanwalt unauffindbar. Die Lifte bedienten nicht mehr alle Stockwerke, und als er die Treppe benutzte, um zu seinem Lieblingsrestaurant zu gelangen, versperrte ihm ein freundlicher Wachmann den Weg. Mit der Zeit stieg ein Verdacht in ihm auf. Er überlegte, ob er nicht auf der Straße etwas tun sollte, was er hier sonst strikt vermied - nach oben schauen. Denn in dieser Stadt, die so stolz auf ihre hohen Häuser war, starrten die vielen Touristen unentwegt in die Höhe, wenn sie nicht gerade den Stadtplan studierten, und mit denen wollte er nicht verwechselt werden. Doch nur so konnte er die einzig mögliche Erklärung verifizieren. Daß nämlich alle Stockwerke oberhalb des zweiten verschwunden waren. Man hatte die Stadt geköpft, aber niemand gab es zu.


In der Wüste

Abends um zehn sollte ihr Bus das berühmte Hotel Oasis erreichen. Die Küche würde dann schon geschlossen sein. Doch er fühlte sich dadurch entschädigt, daß es zuvor vier Stunden durch die Wüste ging. Es war für ihn das erste Mal.

***

Nun, er hatte keine Karawanen erwartet und keine Verdurstenden. Aber hier gab es nicht einmal Sanddünen. Diese Wüste war die bislang größte Enttäuschung seiner Reise. Eine grauschwarze Ebene bis zum Horizont, flach wie ein Brett. Stellenweise lagen faustgroße Steine herum, ansonsten war alles leer.
Als der Bus auf freier Strecke anhielt, kamen ihm Bedenken. Sie legten sich wieder, nachdem er den Grund erfahren hatte. Es hieß, der Fahrer müsse austreten. Sie waren hundert Kilometer von ihrem Ziel entfernt.
Nach einer Viertelstunde stand die Bustür immer noch offen. Ihn fröstelte. Ob er aussteigen und einen der Steine mitnehmen sollte? Lieber nicht.
Der Mann brauchte eindeutig einen Tick zu lange. Er deckte Silke mit seiner Windjacke zu, vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken. Während seine Angst zurückkehrte, fiel ihm ein, daß er zwei Daueraufträge nicht gekündigt hatte.


An der offenen Tür

U. galt als scheu und wurde selten eingeladen. Erhielt er doch einmal eine Einladung, dann ging er hin, wurde aber meist nicht unter den Gästen gesehen. U. genoß es, in diesem Land vor offenen Türen zu stehen. Oft ließen die Gastgeber die Wohnungstür der Bequemlichkeit halber einen Spalt offen, wenn die Party schon begonnen hatte. U. hielt dann auf der Fußmatte inne und schloß ein paar Sekunden die Augen. Mit den Fingerspitzen drückte er ganz leicht gegen die Tür und erfreute sich an ihrer Beweglichkeit, ihrem exakten Funktionieren. Anders als in seiner Heimat quietschten hier die Türangeln nicht. Sie waren genau senkrecht übereinander montiert, es gab auch keine Erdbeben, die ihre Lage veränderten. Mehrmals zog U. dann die Tür wieder zu sich heran und wiederholte das Spiel. Es war bis ins Treppenhaus zu hören, wie laut und fröhlich sich die Gäste unterhielten. U. wußte, daß sie bei seinem Anblick verstummen würden und achtete darauf, daß sich die Tür nicht zu weit öffnete.


Der Kandidat

A. und B. interviewen C. Die zwei Männer stehen dem dritten in einem großen, nicht sehr hellen Raum gegenüber. Keine Mikrofone oder Schreibblöcke, die Arme hängen herab, alle drei tragen weiße Hemden. "Was geschieht am nächsten Sonntag?" lautet die erste Frage. "Es ist Wahl", sagt C., "das heißt, ich stelle mich zur Wahl." "Zur Wahl?" "Ja, wenn die Menschen mich mögen, dann wählen sie mich." "Und wenn nicht? Wenn sie einen anderen wählen?" C. schweigt lange. In seinen Augen stehen Tränen.


Der Moment des Wolfgang E.

Wolfgang E., 36, Industriekaufmann mit starker Brustbehaarung, hatte in einem Feinkostgeschäft zwei Käsebrötchen gekauft und ging weiter den Gehsteig entlang. Nach etwa zwanzig Metern spürte er, daß sein Moment gekommen war. Er verlangsamte seinen Gang, ließ die Tüte mit den Brötchen in einen Abfallkorb fallen und blieb nach ein paar Schritten stehen. Die rechte Hand legte er auf einen grau gestrichenen Hydranten. So stand er da, ohne die verwunderten Passanten zu beachten, und sah zu einem Bräunungsstudio auf der anderen Seite der Straße hinüber.

Während die Berichte über das, was sich danach ereignete, stark voneinander abweichen, ist dieser Moment im Leben des Wolfgang E. durch eine Aufnahme des Bergfotografen Andresch genau dokumentiert. Andresch befand sich auf der Suche nach Motiven für eine Ausstellung, die an den Erfolg seiner Matterhorn-Ausstellung anknüpfen sollte, zufällig an diesem Tag in der Stadt.

Wolfgang E. selbst sagte dazu später nur, daß er sich an diesem Tag entschieden habe, sein Engagement in der damaligen "Bürgerpartei für erneuerbare Nachhaltigkeit" (BEN) zu verstärken. Ein Jahr danach war er als Führer der Koalitionspartei Vizebürgermeister und Senator für Familienfragen, Senioren und Tiere.

Im Folgenden stimmen die Berichte über den Ablauf der Ereignisse jedoch überein: Wenige Minuten, nachdem er bei dem Hydranten stehengeblieben war, wurde Wolfgang E. von einer Menschenmenge umringt. Kinder umklammerten seine Beine, Frauen, die sich in der Mehrzahl befanden, drängten sich an ihn heran, einige mutige berührten sein Hemd oder fuhren ihm durch sein ohnehin wirres Haar, um es noch struwweliger zu machen.

Nach einer halben Stunde unterbrach sogar der Vorstand einer nahegelegenen Privatbank seine Sitzung und kam auf die Straße herunter. Mehrere der Herren applaudierten, einer von ihnen löste seine silbergraue Krawatte und überreichte sie E..

Dann wurde er, immer noch in der Menge eingeschlossen, unter "Wolf - gang - E.!"-Rufen über die Straße und in das neu eröffnete Bräunungsstudio geführt. Lange blieben die Menschen davor stehen, bevor sie sich bis auf einen harten Kern von Anhängerinnen und Anhängern zerstreuten, um wieder ihren Beschäftigungen nachzugehen.

Einige Tage später fand der heute als historisch bezeichnete Parteitag der BEN statt, auf dem sie sich in "Bürger für nachhaltige Erneuerung!" (BNE!) umbenannte und Wolfgang E. zum Vorsitzenden gewählt wurde. Seitdem informiert die Presse regelmäßig über ihn, so daß unser Bericht hier enden kann.


Ich komme aus dem Eis

Als Läpple am Montag in sein Büro kam, saß ein Liliputaner an seinem Schreibtisch. Läpple faßte sich sehr schnell. Er wußte, daß kleinwüchsige Menschen ansonsten ganz normal sind und Berufe ausüben können wie jeder andere. So ging er ein paar Schritte auf ihn zu, grüßte freundlich und bemerkte dann, man sei einander ja noch nicht vorgestellt worden. Der Liliputaner hatte den Drehstuhl hochgefahren, damit er die Tastaur des Computers einigermaßen bedienen konnte. Als er Läpple kommen sah, ließ er die Sitzfläche mit einem Ruck in die tiefste Position sinken und lief unter dem Schreibtisch durch in Richtung Tür. Läpple zwickte er, als er ihn passierte, schnell in die Wade.

Läpple nahm sich bewußt eine ganze Stunde Zeit, um diesen Vorfall zu verarbeiten. Ob es nun ein schlechter Scherz der Kollegen war, den man auch als Mobbing einstufen konnte, oder eine Halluzination (der blaue Fleck an seinem Bein sprach eher dagegen) – er mußte und er würde damit fertig werden. Er war in dieser Firma in letzter Zeit schon mit einigen Widrigkeiten fertig geworden.

Am Dienstag war es eine junge Frau, allem Anschein nach eine neue Kollegin, die auf Läpples Schreibtischstuhl saß. Sie trug ein teuer aussehendes, geschmackvolles Kostüm, wirkte allerdings zu stark geschminkt. Sie hatte die Beine übergeschlagen, bearbeitete die Tastatur aber trotzdem doppelt so schnell wie Läpple. Läpple ging um den Schreibtisch herum und wollte sie nett begrüßen. Die Frau sah nur wortlos zu ihm auf, drückte den Reset-Knopf des Computers und ging. Läpple entdeckte noch, daß mit ihrem Gesicht etwas nicht stimmte: die linke Hälfte, die sie ihm erst abgewandt hatte, war kalkweiß. Kein Lippenstift, keine Brauen, kein Rouge auf der Wange.

Am Morgen des Mittwochs war Läpple eigentlich auf alles gefaßt. Aber was dann passierte, ließ ihn doch an seiner Zukunft in der Firma zweifeln. An diesem Tag saß nämlich ein Eisbär an seinem Schreibtisch und hatte bereits den Computer gestartet. Läpple fragte sich, wie das Tier mit seiner riesigen Tatze Maus und Tastatur bediente. Arbeitete es mit Spracheingabe? Irgend jemand mußte in seiner Abwesenheit die neue Windows-Version geladen haben, von der in der Firma schon länger die Rede war. Das bedeutete wieder ein paar Tage zusätzliche Arbeit. Läpple ließ sich nichts anmerken und ging auf den Schreibtisch zu. Der Bär wandte den Blick vom Bildschirm ab und sah Läpple eine Weile in die Augen. Dann glitt er in einer geschmeidigen Bewegung vom Stuhl, trottete um den Schreibtisch herum zur Sitzgruppe und fläzte sich auf das weinrote Sofa, um das Läpple so lange gekämpft hatte. Läpple nahm nun seinen Drehstuhl wieder in Besitz. Die Haare, die das Tier dort zurückgelassen hatte, beachtete er nicht. Während er daranging, die Software zu prüfen, sah er ab und zu aus den Augenwinkeln zur Sitzgruppe hinüber. Auch der Eisbär schien wiederum ihn zu beobachten. Läpple bemerkte, daß er seine schwarzen Lippen zu einem schwer deutbaren Grinsen nach hinten zog.

Läpple vertippte sich mit seinen zitternden Fingern so oft, daß er die vielen Fenster, die sich am Bildschirm öffneten, schlossen und überlagerten kaum mehr unter Kontrolle brachte. Ein Text schien noch in Bearbeitung zu sein. Er begann mit dem Satz: Ich komme aus dem Eis.

Läpple hatte noch nie etwas gelesen, was ein Eisbär geschrieben hatte. Aber er sprach sich Mut zu. Vielleicht war auch das nur eine Frage der Gewöhnung.

2. September 2002

Leserbrief

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