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Die Côte d'Azur
Eine Reise wie gemalt
Von Fred König
Der alte Mann mit den großen dunklen Augen lächelte. "Es
ist das Licht", sagte er, hob sein Glas und prostete dem Jüngeren
an seiner Seite zu. Die beiden hatten einen erdigen Rosé in den
Gläsern. Über die Provence hatte der große Alte gesprochen,
über die Côte d'Azur und ihre sanften Hügel im Hinterland,
über den schweren und unverwechselbaren Duft von Kräutern
und Lavendel. Aber immer wieder kehrte er zurück zu diesem Licht,
das er so "einmalig und klar" fand. Der junge Mann hörte
ihm aufmerksam zu.
Die
Begegnung der beiden Männer fand irgendwann Ende der fünfziger
Jahre statt, im exklusiven Hotelrestaurant Colombe in Saint-Paul (Foto).
Der Alte mit den lebhaften Augen war der Maler Pablo Picasso, der Jüngere
an seiner Seite der Schauspieler Yves Montand.
Jahrzehnte später treffe ich Yves Montand an der berühmten
Place von Saint-Paul. Mit einheimischen Freunden spielt er Boule, neben
der Bar du Place hat er ein kleines Haus. Reiseleiter haben ihn längst
ins Programm aufgenommen. "Links die Wehrmauer", sagen sie
während der Führung durch die mittelalterliche Stadt, "rechts
der Schauspieler Yves Montand." Der Star lächelt gequält.
"Lassen Sie uns hinübergehen ins Colombe", sagte er,
"dort können wir in Ruhe reden."
Das Colombe - eine Tradition. Mitte der dreißiger Jahre wurde
es eröffnet, war Treffpunkt, Nachrichtenbörse und Diskussionsforum
für Literaten. Heute ist es nur noch schön und romantisch,
ein ideales Plätzchen für eine junge Liebe - oder um Risse
der alten zu kitten. Wer hier diniert, erlebt eine Verbindung lukullischer
und künstlerischer Genüsse. Auf den Tischen Speis und Trank,
an den Wänden Originale der größten Künstler, die
in diesem Jahrhundert Geschichte malten. Billig ist diese Symbiose nicht
- aber was ist schon billig an der Côte d'Azur.
Jean Miró und Fernand Léger, Henri Matisse, Auguste Renoir
oder Marc Chagall - die Liste ist lang. "Hier an der Côte
haben sie gelebt und gearbeitet", erzählt Montand, "hier
ließen sie sich inspirieren von der heiteren Lebensart, dem milden
Klima, der atemberaubenden Landschaft." Mit ihren Kunstwerken setzten
sie sich Denkmäler der Unsterblichkeit: eigene Museen, kleine Kapellen,
versteckte Mosaiken.
Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es in einem Umkreis von nur rund 25
Kilometern eine solche Fülle künstlerischer Kultstätten
der großen Im- und Expressionisten, der Realisten und Abstrakten.
Wir stehen an Césars überdimensionalem Daumen, einer Skulptur
auf der Terrasse des Colombe. "Ich kam 1949 hierher", sagt
Yves Montand. "Damals war Saint-Paul noch ruhig
und verträumt, ein begehrter Aufenthaltsort für Künstler."
Der Touristen-Run auf die Romantik begann einige Jahre später.
Und doch haben die Kleinode wie Haut-de-Cagnes, Mougins oder Eze Village
nichts von ihrem Charme eingebüßt. Picasso, der viele Jahre
in dieser Gegend lebte, verglich die Côte und ihr Hinterland trotz
des Touristen-Booms einmal mit einer reifen Frau: "Sie hat Falten
bekommen, aber sie ist immer noch schön und attraktiv."
Ein Ausflug nach Menton. Das Jean-Cocteau-Museum ist in einer ehemaligen
Bastion direkt am Meer untergebracht. Bilder und kleine Skulpturen sind
zu sehen, Briefe, Mosaiken und Skizzen zu seinen berühmten Dramen.
Wie das Museum eingerichtet werden sollte, hatte er noch zu Lebzeiten
selbst bestimmt.
Das Chagall-Museum in Nizza - ein moderner, lichter Bau, von außen
wenig aufregend. Aber welch eine Pracht innen, ein unvergleichliches
Zusammenspiel leuchtender Farben. Über Chagall hatte Picasso einmal
gesagt: "Ein paar der letzten Bilder, die er in Vence gemalt hat,
haben mich davon überzeugt, daß es seit Renoir niemanden
mehr mit einem solchen Gefühl für Licht gegeben hat wie Chagall."
Das Matisse-Museum
ist ganz in der Nähe. Die gesamte künstlerische Entwicklung
des Malers ist da zu sehen. Beeindruckender allerdings erlebt man ihn
einige Kilometer weiter in Vence. Dort nämlich gestaltete er die
berühmte Chapelle-du-Rosaire, eine lichtdurchflutete Rosenkranz-Kapelle
(Foto), in der sogar gottlose Gesellen andächtig werden. Nach fast
vierjähriger Arbeit nannte Matisse die Kapelle "mein Meisterstück".
Aber auch Chagall sieht man in Vence wieder - in der Hauptkirche auf
der linken Seitenwand zum Altar hinterließ er ein traumhaftes
Mosaik.
Die Einhaltung einer bestimmten Reiseroute ist nicht nötig, denn
die Entfernungen von einem Museum zum nächsten sind so gering,
dass ich beliebig hin- und herpendeln kann. Nur Vence und Saint-Paul
machen eine Ausnahme, sie liegen am weitesten auseinander: rund dreieinhalb
Kilometer.
Saint-Paul ist mit seiner herrlich gelegenen Fondation Maeght ein weltbekanntes
Kunstforum. Hinter dem Hauptgebäude wurde im Freien das "Labyrinth"
von Joan Miró installiert - eine phantastische Ansammlung überdimensionaler
Skulpturen, Mosaiken und Wasserbecken. Eine perfekte Synthese aus Kunst
und Natur, ebenso heiter wie ergreifend. Rund zwanzig Minuten fährt
man von Saint-Paul aus bis Cagnes-sur-Mer. Dort liegt an dem Chemin
des Colettes die ehemalige Villa von Auguste Renoir. Die Wohnräume
und das Atelier können besichtigt werden.
Vieles
blieb seit dem Tod des Malers 1919 unverändert. Im Atelier fällt
Nordlicht durch ein großes Fenster. Die Staffelei, der Strohhut
mit den getrockneten Blumen, einige Pinsel neben der Palette, vor dem
Fenster der Rollstuhl, in dem Renoir die letzten Jahre seines Lebens
verbrachte. Den Garten hat er immer wieder gemalt, die tausend Jahre
alten Olivenbäume, den Blick hinüber zum mittelalterlichen
Haut-de-Cagnes. Ich habe oft in diesem Garten gesessen; einmal nach
einem herrlichen Essen, den Wein noch in den Gliedern, das archaische
Gefühl in der Seele. Tausend Jahre wie ein Tag - im Garten von
Renoir ist das erlebbar. Hier habe ich zum erstenmal begriffen, dass
die Côte d'Azur und ihr Hinterland mehr ist als nur eine gigantische
Sonnenliege.
Apropos Bouillabaisse - das "Tétou" am Boulevard des
Freres-Roustan in Golf-Juan ist berühmt dafür. Als der Öl-
und Waffenhändler Adnan Kashoggi noch im Vollbesitz seiner Finanzen
war, pflegte er mit seiner Yacht Nabila vor Juan-les-Pins und Golf-Juan
zu ankern und seine Bordgäste mit dem Schiffshelikopter zum Tétou
zu fliegen. Diese Zeiten sind vorbei, nur die stolzen Preise sind seitdem
geblieben. Ich werde dort nie das Gefühl los, dass die Besitzer
vor lauter High-class-de-luxe sogar ihre Petersilie bei Fleurop bestellen.
Allerdings gibt es in Juan-les-Pins eine Alternative: die "Auberge
de l'Esterel". Im gemütlichen Garten werden Spezialitäten
wie "warmer Wachtelsalat" oder "Jakobsmuscheln mit Haselnussöl
gegrillt" serviert. Beim Sorbet habe ich mir schon manchesmal gewünscht,
dass der gute Kashoggi, bei aller Großzügigkeit, auch weiterhin
der Cote d'Azur fern bleiben möge, damit er nicht auch hier die
Preise verdirbt.
Szenenwechsel. Im Herzen des Urlauberrummelplatzes Juan-les-Pins liegt
die Bar Pam-Pam. Die heißen, südamerikanischen Rhythmen der
Dreimann-Band dröhnen aus den überdimensionalen Lautsprechern
- ein Planter's Punch bei 150 Dezibel. 1930 malte in dieser Gegend Fernand
Léger sein berühmtes Bild "Etude pour les trois musiciens",
drei Männer mit Tuba, Bass und Akkordeon. Das Bild hängt im
Léger-Museum in Biot, knapp sechs Kilometer von Juan-les-Pins
entfernt. Ein mächtiger Bau, dessen Fassade ein 500 Quadratmeter
großes Mosaik ziert.
Einem Künstler begegnet man an der Côte d'Azur auf Schritt
und Tritt: Pablo Picasso. Im Juni 1920 kam er erstmals nach Juan-les
Pins. Ungezählte Aufenthalte folgten in Antibes und Golf-Juan,
in Monte Carlo, Grasse, Vallauris und Mougins. In Antibes stellte man
ihm 1946 das Chäteau Grimaldi als Atelier zur Verfügung -
heute ein Picasso-Museum von Weltruf. Er hat in diesem Haus gelebt,
gegessen, geschlafen, geliebt. Wände und Böden hat er in seine
Arbeit mit einbezogen, auf ihnen Kunstwerke hinterlassen, die heute
den Reiz dieses Museums ausmachen. In Vallauris fand er in der Keramik
ein neues künstlerisches Ausdrucksmittel, entwarf Teller, Krüge,
Vasen und Karaffen und brannte sie in der Werkstatt Madoura - zerbrechliche
Kunstwerke, die in Vallauris und Antibes zu bewundern sind.
Picasso ist wie all die anderen nur noch Legende. Aber ihre Kunst lebt
weiter, nirgendwo so konzentriert und eindrucksvoll wie an der Cote
d'Azur - dort, wo sie selbst so gerne gelebt haben.
2. September 2002
Leserbrief
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