Die Wegschaukunst

Fünf konstruktive Vorschläge für das zweite Fernseh-Duell

Der große Non-Event. Und was für jämmerliche Noten-Begründungen: Stoiber fand man allein deshalb gut, weil er nicht so schlecht war wie befürchtet; und Schröder schlecht, weil er nicht so gut war wie erwartet. Das Ganze: schal, steril und inhaltsarm. Ängstliche Kandidaten in einem ebenso mutlosen deutschen Fernsehen.
Hier ein paar glänzende Verbesserungsvorschläge.

Von Gottfried Fischborn

Für ebenso wichtig wie die Darstellungskunst hielt der weise Theatermann Bertolt Brecht die Zuschaukunst. In der sollten wir uns für das zweite sogenannte Duell der Kanzlerkandidaten am 8. September noch einmal schulen. Um hin und wieder dahinter und schließlich gar das ein oder andere Politikum durch-schauen zu können. Laßt uns genauer nachsehen, sollten wir beschließen, um am Ende nicht das Nachsehen zu haben. Sollten wir? Wie es gelaufen ist, sollten wir besser die Wegschaukunst üben.

Aber weil das natürlich sehr destruktiv klingt, soll die Begründung dafür mit einigen äußerst konstruktiven Vorschlägen für den zweiten Schlagabtausch verbunden werden. Sie haben den geringfügigen Nachteil, Theorie bleiben müssen, da bereits beschlossen und verkündet wurde, dass die zweite Auflage wie die erste auszusehen habe, doch ist das schließlich nicht die Schuld des Verfassers.

In dieser Minute, 36 Stunden nach dem Medienereignis, sind wir unter einer Lawine von Auswertungen, Analysen, Kommentaren, Blitz- und Donner-Umfragen sowie Nachfolgeduellen der Satrapen schon beinahe begraben. Relative Einigkeit scheint in zwei Punkten zu bestehen. Erstens, dass es keinen Sieger gibt, weshalb eigentlich Edmund Stoiber der Sieger sei, weil man ihn nämlich als Verlierer erwartet hatte. Zweitens, dass das Medienereignis keines war, vielmehr durch mediale Selbstreferenz und Selbstbefriedigung, durch die Deutungs- und Nachbereitungswut der Medien zu einem Event erst wurde - das immer noch anhält. Vielleicht braucht das die so genannte Mediengesellschaft. Das Publikum braucht es nicht.

Wie ist es aber, könnte jemand einwenden, mit dem politischen Informationswert einer solchen Sendung, mit der erwünschten Politisierung einer teilweise politikverdrossenen Bevölkerung? Die Wirklichkeit selbst, wäre zu entgegnen, mit ihren aktuellen Bedrängnissen und der Wahlkampf insgesamt politisieren die Menschen in ungeahnter Weise. Es gibt hundert Möglichkeiten, das zu befördern: Ob Langeweile, Sterilität und starre Ritualität dazu gehören, mögen sie auch millionenfach betrachtet werden, darf man bezweifeln. Deshalb hier an die Adresse des Publikums der

Erste Vorschlag: Wollen Sie genau informiert sein, was Schröder und Stoiber zu sagen haben oder jedenfalls öffentlich sagen möchten, dann üben Sie am 8. September TV-Wegschaukunst und lesen lieber die beiden Streitgespräche der Auguren in den großen Zeitungen nach, in der "Süddeutschen Zeitung" und der "Welt" das eine, in "Bild" und "Bild am Sonntag" das andere. Zu den meisten Politikfeldern haben die beiden sich da weit differenzierter geäußert und einige, wie zum Beispiel die Bildungs- oder die Familienpolitik, kommen überhaupt nur dort vor.

Da werden auch - paradoxerweise! - die Personen, die Charaktere anschaulicher als auf dem Bildschirm des 25. August, wo die Gesichter hinter blicklosen Masken und die Körper hinter den "Beckett-Tonnen" (so nannte es nächtens der Theatermann Claus Peymann) der Stehpulte zu verschwinden schienen. Und wenn Sie in der "Süddeutschen" vom 13. 8. zusätzlich Kurt Kisters Reportage "Wolfslächeln und Nadelstiche" über das Print-Duell lesen, werden Sie gern zugeben: Unterhaltsamer ist das außerdem.

Man kann ja als Theaterwissenschaftler den Peymann mit seinem Groll gut verstehen. Da ist immerzu vom "Polittheater" die Rede, davon, dass Schaupolitik wichtiger geworden sei als Entscheidungspolitik und schon nicht mehr von ihr abgrenzbar, da steht nun eine Riesenpremiere bevor, die Deutsche Erstaufführung eines amerikanischen Klassikers - und dann, lassen wir mal die Inhalte beiseite, so ein schlechtes Theater! Für jedes theaterwissenschaftliche Proseminar wäre die Veranstaltung dieses Augustabends ein Lehrbeispiel zum Begriff des Rituals ("...die in Regeln festgelegte Ordnung einer kultischen oder religiösen Feier", Theaterlexikon von Schwab/Weber) im Unterschied zum Theater. Die Ritualisierung verhinderte alles Spontane, gar Spielerische. Sie überhöhte die stehenden Kandidaten gegenüber den sitzenden Interviewern. Sie verhinderte den Dialog zwischen ihnen und erschwerte ihnen sogar, einander anzusehen. Sie behinderte gleichermaßen den Dialog zwischen Moderatoren und Kontrahenten, wenngleich die ersteren daran nicht ganz schuldlos waren, und so untergrub sie zugleich einen investigativen Journalismus, ein scharfes Hinterfragen und "Nachfassen".

Eine Schauveranstaltung, die eine Show nicht so recht sein durfte. Hilflose Lockerungsübungen wie die versuchten Spielchen mit den, nach ihrer Funktion, Schach-Chronometern ähnelnden Überziehungszeit-Anzeigern, verstärkten den Eindruck ritueller Starre. Selbst die Art, wie am Ende die Ehefrauen "ins Spiel gebracht" wurden, mutete an wie eine solche Übung. Es scheint aber, als hätten die Großakteure, schlecht beraten, sich selbst ein Bein gestellt; denn sie, nicht die Sender, hatten ja den formellen Ablauf festgeschrieben. Im Korsett der rituellen Einengung konnten sie dann zu guter darstellerischer Form in den Rollen des Staatsmannes bzw. des christlichen Sozialethikers und Kleine-Leute-Anwaltes schwerlich auflaufen. Sie hätten dem "Phantom, das sie darstellen wollen" merkwürdig nachgeeifert, "statt dass sie als Person sichtbar wurden", meinte Peymann. Wo die Bedingungen für gute Schauspielkunst nicht gegeben sind, hat es der schlechte Schauspieler leichter. Im Korsett wirkte Stoiber überzeugender als sein Kontrahent.

Wie nun aber kriegen wir das nächste Mal besseres Theater? Dazu unser

Zweiter Vorschlag: Wir empfehlen den Veranstaltern, im Rahmen der Wegschaukunst von einem weiteren Kandidatenduell weg-, also abzusehen und statt dessen ein Streitgespräch zwischen den Damen Doris Schröder-Köpf und Karin Stoiber am 8. 9. 2002 zur vorgesehenen Sendezeit von ARD und ZDF auszustrahlen. Es ist dies der seriöse und ernstgemeinte Vorschlag eines überzeugten Feministen, ausgehend von der Überzeugung, dass Redlichkeit, Sachlichkeit, Authentizität und möglicherweise sogar Informationswert damit nur gewinnen könnten. Besonders, wenn sicherheitshalber Frau Maischberger als Moderatorin agierte. Als Theater betrachtet, wäre es entweder besseres Theater oder gar keines, was aber auch okay wäre. Sollten die bisherigen Planungen nicht mehr rückgängig zu machen sein, wäre jedenfalls zu erwägen, das Kanzelkandidaten-Duell und das Damen-Streitgespräch parallel auf je einem der Sender zu bringen. Man könnte dann, steht zu vermuten, hinterher ebenso mühelos wie objektiv feststellen, wie viel dieser Vorschlag für sich hatte. - Nur für den nicht anzunehmenden Fall, dass der Gedanke unrealistisch sein sollte, folgt als nahezu gleich gute Alternative ein

Dritter Vorschlag: Sandra Maischberger, die unseren medientheoretischen Feminismus wie keine zweite begründet, lädt die ehemaligen Chefredakteure Scharnagl ("Bayernkurier") und Bissinger (von der leider verstorbenen "Woche") noch einmal in ihr Studio, so wie sie es am vergangenen Montag getan hat. Wir könnten dann völlig sicher sein, dass ein kluges, argumentationsreiches, niemals kurzatmiges, von Streit und auch Polemik durchzogenes, nie jedoch unfaires und keine Sekunde langweiliges Gespräch zwischen einem erzkonservativen Strauß- und Stoiber-Freund und einem bekennenden SPD-Sympathisanten stattfände. Ein besseres Stellvertreter-Duell ist kaum vorstellbar. Selbst bei einer bloßen Wiederholung der Sendung vom 26. 8. wäre das eine ausgezeichnete Möglichkeit zum Umschalten. Einmal in Fahrt gekommen, fällt uns noch ein

Vierter Vorschlag fürs Woanders-Hinschauen ein: An Erich Böhme von n-tv ergeht die dringende Bitte, nach dem nächsten Duell, wenn es denn nicht zu verhindern geht, die Teilnehmer seiner nächtlichen Runde vom 25./26. August noch einmal zu sich zu bitten - unbedingt dieselben! Denn sie brachten eine unglaublich spannende Debatte zustande, derentwegen man doch nicht ins Bett ging. Sie gaben zum Nach- oder Andersdenken Gelegenheit, sie brachten uns zum Lachen und manchmal die Gefühle in Wallung. Neben Claus Peymann waren das noch Michel Friedmann, Gregor Gysi, Horst Ehmke, der stockkonservative Klaus Heinz Mertes sowie die FDP-Wahlkämpferin Margarita Mathiopoulos. - Ehmke-Vorschlag für das nächste Kanzlerduell: "Mal 'ne Viertelstunde miteinander reden." - Friedmann: "Helmut Kohl ist der lebendige Beweis dafür, dass Medienwirkung 16 Jahre lang keine Rolle spielen kann." Ehmke: "Er war unübersehbar." - Peymann: "Ihr seid wirklich unheimlich leicht zufriedenzustellen." - Mertes über den einst an Zäunen rüttelnden Schröder: "Diesmal wurde wenig gerüttelt." - So und besser ging es zu, und dabei wurde Gysis längere Inszenierungskritik hier noch nicht einmal zitiert.

"Gewonnen hat heute nur einer, und das war der Medienstandort Adlershof." Verzeihung, das war Petra Pau bei Sabine Christiansen. Man muß schon sagen: Auch bei ihr kam an diesem Abend kaum Langeweile auf. Peter Bönisch meinte: "Die Sendung entsprach der Lage der Nation. Viel zu viele Regeln und viel zu viele Vorschriften." Es bleibt die Hoffnung, dass Illner und Christiansen mit diesen demnächst wenigstens freier umgehen. Trotzdem wollen wir noch mit einem abschließenden

Fünften Vorschlag abermals für die Wegschaukunst werben: Bleiben Sie einfach aus guten politischen Gründen dem zweiten Elefantenduell fern. Zumindest innerlich.

Wir haben nun einmal keine amerikanischen Verhältnisse, wollen wir sie denn? Soll eines Tages einer Bundeskanzler werden wie Bush Präsident wurde gegen Al Gore? Man muß den Westerwelle, weißderhimmel, ja wirklich nicht wählen, aber wo er recht hat, hat er recht. War das "Duell" des 25. August nicht eher, wie er meinte, ein Ähnlichkeitswettbewerb? Die Kandidaten, auch das ein Stück Amerikanisierung, nicht weitgehend austauschbar? Präsentierte sich der Stoiber nicht fast als besserer Sozialdemokrat und Schröder stellenweise als Wirtschaftliberaler? Oder wurde den Millionen Arbeitslosen, den realen und den potenziellen, wirklich gesagt, was sie demnächst erwartet, als von der "Neuordnung des Arbeitsmarktes" die Rede war? Wenn die jetzt so häufig vernehmbare Aussage, wir wählten Parteien am 22. September und nicht den Bundeskanzler, in diesen Tagen einen Sinn hat, dann wohl diesen: Sucht die Differenzen, die ihr bei den einst so benannten "Volksparteien" kaum noch findet, auch einmal anderswo - weg von der Glotze und schaut euch um.

2. September 2002

Leserbrief

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