Ein Beitrag zur De-Eskalation in Zentralasien

Mongolisten in Ulan-Bator

Ein großes Land: viermal so groß wie Deutschland; ein kleines Land: halb so viele Einwohner wie Berlin; eingezwängt zwischen den Riesen Russland und China - die Mongolei. Wir in Europa nehmen es jahrelang nicht zur Kenntnis. Aber in aller Stille erprobt es zukunftsfähige Lösungen für Probleme, unter denen in anderen Teilen Asiens die Menschen leiden.

Von Kai Ehlers

Etwa vierhundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zweiundzwanzig Ländern trafen sich vom 4. bis 11. August 2002 in Ulan-Bator zu dem Thema „Die Mongolei zwischen den Welten" zu einem Kongress der Mongolisten. Asienforscher und Spezialisten für asiatische Sicherheitsfragen tauschten ihre Erkenntnisse darüber aus, welche Rolle die Mongolei im „Great Game" Asiens heute spielen kann.
Ein einheitliches Ergebnis war bei einem solchen Unternehmen nicht zu erwarten. Im Vordergrund stand der Dialog, der Chinesen, Russen, Amerikaner, Inder, Japaner und Westeuropäer, generell gesprochen, Vertreter der industriellen Zivilisation, mit einer nomadischen Gesellschaft zusammenführte. Die Kontinuität solcher Begegnungen – dies war der 8. Kongress seit dem ersten Treffen dieser Art 1967 - ist an sich schon ein Ereignis. In ihm liegt die Hoffnung, dass es im Zuge der Globalisierung nicht zur Liquidierung traditioneller, insbesondere nomadischer Kulturen kommt, sondern ein Austausch zwischen ihnen und der Industriezivilisation stattfindet, der für beide Seiten neue Impulse enthält - technische Modernisierung für die einen, neue Mobilität und Anregung aus den Quellen ursprünglicher Ökologie für die anderen.
Darüber hinaus finden sich in den Papieren, Vorträgen und Gesprächen, vor allem zwischen chinesischen, russischen und amerikanischen Teilnehmern und Teilnehmerinnen einige Aspekte, die ein interessantes Licht auf die Stabilisierung des zentralasiatischen Raumes werfen: Wie Dschingis-Khan, so die Sicht, in der sich die Mehrheit dieses Kongresses trifft, der eine Pax mogolica durch Eroberungen und anschließende Festigung seines Reiches erzielte, so könne auch die heutige Mongolei zu einer Friedens-Sicherung des zentralasiatischen Raumes beitragen, die man gut und gerne dann ebenfalls eine Pax mongolica nennen könne. So etwa der amerikanische Professor Teh-Kuang Chang, der als Sicherheitsberater in Uno-Zusammenhängen immer wieder im zentralasiatischen Raum unterwegs ist. Der historische Unterschied dabei ist allerdings: Dschingis-Khan befriedete die Welt durch Krieg, durch seine Eroberungen, durch die Unterwerfung fast der gesamten im 13. Jahrhundert bekannten Welt unter seine Herrschaft sowie durch die Organisation seines Reiches. Die Pax mongolica war der Pax romana an Sicherheit zweifellos ebenbürtig. Die historische Rolle Dschingis-Khans bestand darin, die „zivilisierten" Völker in einem Reich zusammenzufassen, das in sich mobil war und dadurch starke Anstöße zur weiteren Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geben konnte. In der heutigen Mongolei wiederholt sich dieser Vorgang in der Weise, dass dieses Land aufgrund aller seiner Voraussetzungen - als Kernland des heutigen Nomadentums, als Puffer zwischen den großen Mächten Euroasiens China und Russland, als geografische Mitte Euroasiens, als klassischer Durchgangsraum - wie von selbst zum natürlichen Zentrum einer Multipolaren Weltordnung wird: Dieses Mal aber nicht durch Krieg und Eroberung, sondern indem es zum Kernland militärischer Neutralität wird.
Nicht China, nicht Russland, nicht Indien, Japan oder irgendein europäisches Land hat vergleichbar natürliche, historische und kulturelle, genauer: solche unausweichlich zwingenden Voraussetzungen für die politische Position einer neutralen Multipolarität wie die Mongolei. Als geografisches Zentrum Euroasiens ist die Mongolei Nachbar aller Partner, die durch unterschiedliche Interessen in Zentralasien im „Great Game" miteinander verbunden sind. Sie ist der Puffer zwischen den religiösen und kulturellen Welten des Islam, des Christentums und des Buddhismus und zugleich Fluchtburg für den tibetischen Buddhismus. Sie ist das Kernland des heutigen Nomadentums mit der höchstentwickelten nomadischen Kultur, der Fünf-Tier-Haltung. Als Land mit buddhistisch-tibetanischer Tradition ist die Mongolei zugleich eine Alternative zu den nomadischen Ländern, die sich auf dem Gebiet des Islam entwickelt haben, insbesondere zu Afghanistan, das unter dem Einfluss radikaler islamischer Strömungen die beunruhigende und gefährliche Variante der nomadischen Kultur konserviert. Die Mongolei dagegen steht für den Versuch einer Modernisierung des Nomadentums und seiner Eingliederung in den Prozess der Globalisierung, ohne es dabei zu zerstören.
Die Mongolei ist außerdem das Kernland der mongolisch-stämmigen Ethnien der Burjäten, der Uiguren, der Altaizi, der Tuwa und weiterer Völker im zentralasiatisch-sibirischen Raum des Altai, ja selbst der Tibeter. Sie ist deren kultureller und politischer Bezugspunkt, wie widersprüchlich auch immer diese Beziehungen sein mögen, insofern die Burjäten in Russland, die Altaizi in der Mongolei wie auch in Russland, die Tuwa in Russland, die Uiguren wie auch die Tibeter in China leben.
Schließlich und endlich ist die Mongolei im Gegensatz zu allen sie umgebenden Staaten - angefangen bei Russland über die Nachfolgestaaten der Sowjetunion Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Turkmenistan bis hin zu China und Indien - der einzige mono-ethnisch Staat dieser Region, das heißt der einzige Staat ohne „nationale Frage" und daher trotz wirtschaftlicher Schwierigkeiten, die aus dem Übergang von der Planwirtschaft zur privaten nomadischen und aus der Abhängigkeit von den großen Nachbarn China und Russland resultieren, von außerordentlicher, nur schwer zu erschütternder innerer Stabilität. Die Geschichte Dschingis-Khans liefert dazu das gemeinsame historische Band.
Ganz aus sich heraus aber kann die Mongolei ihren Status nicht halten. Sie ist auf Kredite von außen angewiesen. Um einseitige Kreditabhängikeiten zu vermeiden, die großen Nachbarn wie China oder Russland als Vorwand für politischen Druck dienen könnten, versuchen die mongolischen Regierungen, die Schulden der Mongolei gleichmäßig auch auf andere, auf viele Geberländer zu verteilen, an erster Stelle Japan, Europa, in Europa besonders Deutschland und die USA. Das liegt ebenso im Interesse dieser Länder, die einseitige Einflussnahmen Chinas oder Russlands verhindern wollen, wie auch der Mongolei selbst, die - versteht sich - am Besten zurechtkommt, wenn sie sich nach allen Seiten gleichmäßig verschulden kann. Da kann eigentlich nichts mehr passieren, außer dass das Land seine Schulden nicht mehr zurückzahlen kann. Folgerichtig sind UNO, UNESCO und andere internationale Organisationen, nicht aber der IWF und die Weltbank die idealen Partner. In den Kalkulation dieser internationalen Organisationen sind die nicht zurückgezahlten Schulden letztlich nicht mehr und nicht weniger als der angemessene Preis für die Stabilität, die aus der Erhaltung der Mongolei als eines neutralen Staates zwischen den Fronten des „Great Game" folgt.
Neutrale Zone, das muss jedoch hinzugefügt werden, meint aber keinen Naturschutz-Park. Die Mongolei wird ihre Aufgabe als Stabilisator im zentralasiatischen Raum und darüber hinaus als Aktivposten für die Entwicklung einer multipolaren Ordnung Euroasiens nur erfüllen können, wenn sie sich als eigenständige Gesellschaft und als eigenständiger Staat mit eigenen aktiven Beziehungen den Staaten ihrer Umgebung entwickelt. Wenn dies gelingt, bedeutet jede Verletzung der Neutralität der Mongolei nicht nur einer Verletzung der Stabilität des zentralasiatischen Raumes, sondern der des sich herausbildenden multipolaren Weltgleichgewichtes insgesamt.

18. September 2002

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