Atombombe

Legende 1:
Deutsche Forscher haben den Bau von Kernwaffen absichtlich hintertrieben

Von Friedemann Bedürftig

Die deutschen Forscher Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckten Ende 1938 die Kernspaltung, und wenig später gelang ihrer einstigen, jetzt als Jüdin vor den Nazis geflohenen Kollegin Lise Meitner die richtige Interpretation der Ergebnisse. Gigantische Energiefreisetzungen im Guten wie im Bösen zeichneten sich ab. In Deutschland und vor allem in den USA begann ein Wettlauf um die technische Nutzung der Kernenergie, wobei militärischer wie friedlicher Einsatz nicht von einander zu trennen war. Wem eine kontrollierte Kettenreaktion gelang, dem stand der Weg zur Bombe ebenso offen wie der zu wirtschaftlichem Einsatz von Reaktoren.

In den USA wie in Deutschland förderte in erster Linie das Militär die Forschung, wobei ein Brief des deutsch-jüdischen Physikers Albert Einstein an US-Präsident Roosevelt vom 2.8.1939 den Impuls gab, während in Deutschland Physiker des Heereswaffenamts die Bedeutung der Forschungen erkannten. Unterschiedlich beantwortet wurde allerdings seit 1941/42 die Frage, ob sich eine Waffenentwicklung noch während der natürlich nur schwer abzuschätzenden Kriegsdauer realisieren und zum Sieg nutzen lassen würde. Die US-Forscher bejahten die Frage nach dem japanischen Angriff und der deutschen Kriegserklärung im Dezember 1941, da sie nun noch mit mehreren Jahren Krieg rechneten. Die deutschen Förderer sahen zwar ebenfalls noch eine mehrjährige Kriegsdauer nach dem Scheitern des Blitzkriegs vor Moskau zur gleichen Zeit, doch setzten sie nun andere Prioritäten. In der bedrängten Lage des Reiches brauchte man rasche Erfolge und da versprach die Raketenwaffe mehr als die A-Bombe.

Waren bis hierhin die deutschen und die amerikanischen Entwicklungen erstaunlich parallel verlaufen und hatten zu sehr ähnlichen Ergebnissen geführt, so trennten sich nun die Wege. Während in den USA der Schritt zu großtechnischer Umsetzung in Isotopentrennanlagen und Reaktoren gewagt wurde, blieb es in Deutschland bei recht bescheidener Laborwissenschaft, die natürlich erst in weit fernerer Zukunft praktische Anwendungen ermöglichen würde. Insofern stellte sich für die deutschen Wissenschaftler die Gewissensfrage gar nicht, ob man ein so furchtbares Massenvernichtungsmittel für Hitler entwickeln dürfe. Dieses in den Nachkriegsdebatten heftig diskutierte Problem entstand erst, als der US-Einsatz von Kernwaffen gegen Japan das unerhörte Zerstörungspotential der neuen Bomben hatte offenbar werden lassen, also eben erst in der Nachkriegszeit.

Es schaudert die Menschen halt gern, und die Wissenschaftler entdeckten ein wohlfeiles Mittel, sich den Nichtbau der deutschen Atombombe als Verdienst ans Revers zu heften. Jetzt, da es darum ging, eine Kontamination mit Nazi-Gedankengut in Abrede zu stellen und die Fahne der angeblich unpolitischen Wissenschaft hochzuhalten, griffen Männer wie Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker zu der Behauptung, man habe sich vorsätzlich zurückgehalten. Das Know how hätten sie schon gehabt, aber aus ethischen Erwägungen nicht gehandelt. Das mag anfangs eine Ausflucht gewesen sein, die aber so begierig aufgegriffen wurde, dass sie nach und nach zum festen unbezweifelten Selbstbild der deutschen Physiker wurde.

US-Forscher und Publizisten dagegen stellten die deutschen Kollegen als unfähig dar und deren moralische Argumentation als Bemäntelung von schweren Fehlern. Beide verkannten, dass die Probe aufs Exempel nie gemacht worden war: Die deutschen Wissenschaftler erhielten aus den erwähnten Gründen gar nich:
t erst die nötigen Mittel, und konnten daher die von amerikanischen Gegnern angeprangerten Fehler auch nicht begehen. Bis zum praktischen »Nein« zu einer deutschen Kernwaffenentwicklung im Frühjahr 1942 lassen sich solche Fehler auch nirgends ausmachen.

Auch die Argumente der amerikanischen Kernforscher waren durchsichtige Nachkriegsmanöver, denn nach den entsetzlichen Schlägen gegen Hiroshima und Nagasaki brandete in den USA eine heftige Kontroverse um die Verantwortung der Naturwissenschaftler auf. Da traf es sich günstig, dass man gerade eine Vernichtungsdespotie wie die Hitlers niedergerungen hatte, gegen die man zwar keine A-Waffen gebraucht hatte, gegen die man aber solche Waffen künftig als Trumpf dringend in der Hinterhand haben musste. Das war mit Blick auf die Sowjetunion argumentiert, die sich zum neuen weltpolitischen Rivalen und Schurkenstaat zu entwickeln begann. Jedenfalls entstand daraus in den USA ein scharf antikommunistischer Kurs, der in Europa nicht nur auf Zustimmung stieß. Vielleicht fiel auch aus Angst vor einer nuklearen Konfrontation die Legende von der moralischen Überlegenheit der deutschen Physiker, die sich angeblich Hitler verweigert hatten, auf so fruchtbaren Boden.

Ausschlaggebend für ihre Haltbarkeit aber war in erster Linie sicher die Schonhaltung, die sie ermöglichte. Nachdem immer deutlicher wurde, in welch grausigem Ausmaß Wissenschaftler in Menschenversuche und andere NS-Verbrechen verstrickt waren, tat es gut, wenigstens eine Disziplin sozusagen als Widerstands-Fach präsentieren zu können. Dass auch das freilich nur eine fromme Selbsttäuschung war, lässt sich heute nicht mehr bestreiten.

Der mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags veröffentlichte Text ist ein Auszug aus dem im März 2003 erscheinenden Buch:
Friedemann Bedürftig
Als Hitler die Atombombe baute. Lügen und Irrtümer über das Dritte Reich
geb., 256 Seiten, ISBN 3-492-04443-3, € 17,90.
Weitere Auszüge folgen.


2. September 2002

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