Der Ursprung der amerikanischen Verfassung

Der rothe Mann und sein Untergang

"Eine lange Reihe von Gedichten und Novellen hat dem englischen Leser die Gewohnheit beigebracht, den rothen Mann eher als eine malerische Gestalt auf der Prairie und dem See zu betrachten, als eine lebende Macht inmitten der amerikanischen Städte. Wir haben in unserem Geiste die Indianer dahin versetzt, wo wir Leute wohnen lassen, die für uns nur in Erzählungen und Theaterstücken existieren. ...
Stets ist [der Indianer] für uns derselbe: ein Geschöpf der Phantasie, ein Gemälde, ein Gedicht, ein Roman, kein Mann von Fleisch und Blut, der mit Geistesgaben ausgerüstet, reich an Leidenshaften, fruchtbar an Gedanken, einer, der stark im Widerstande ist und schnell sich dem Gedächtniß aller derer einprägt, die mit ihm in Berührung kommen."

Von Johannes Baumgarten

Die rothen Menschen haben der ganzen Welt das indianische Krauch rauchen gelehrt. Haben sie vom Bleichgesicht irgend eine Wohlthat empfangen, welche mit dieser Gabe des wilden an den civilisirten Menschen zu vergleichen wäre? - Es ist keine Redensart, wenn man sagt, daß im weißen Amerika der rothe Einfluß sehr weit verbreitet ist und stark gefühlt wird ebenso in Einrichtungen wie in Gedanken.
Die Conföderation der fünf Nationen war der Typus, welchen die Weißen angenommen, als sie die Conföderation der dreizehn Colonien gründeten, nicht nur so weit es die Prinzipien ihrer Union betraf, sondern auch bis in die geringsten Einzelnheiten. Die Irokesen hatten die Theorie der Staatsrechte erfunden, eine nicht zu definierende und gefährliche Theorie, welche die Macht der besonderen Handlung, vielleicht des Rücktrittes von der Union in sich begriff; das hat zu tausend Streitigkeiten und zum Bürgerkriege geführt, dessen Ende noch nicht abgesehen werden kann. Diese Irokesen haben die Theorie aufgebracht, ihre Macht und ihr Territorium auszudehnen, nicht dadurch, daß sie die Grenzen irgend einer Nation der Conföderation erweitern, sondern dadurch, daß sie wirklich neue Stämme und Nationen in die Union hineinbringen, ein neues Princip politischen Wachsthums, das die Weißen auch von ihnen geborgt haben. Unter diesen beiden Prinzipen sind die fünf Nationen zu acht angewachsen, und die dreizehn Colonien sind ihnen gefolgt, haben das Werk fortgesetzt und sind in achtundvierzig Staaten und Territorien ausgebreitet.
Als bei der Conferenz 1774 die Commissionäre von Pennsylvanien, Maryland und Virginien mit den irokesischen Sachems in Lancaster Rath pflogen, redete sie der Häuptling Casannatego so an, wie es ein griechisches Mitglied der achäischen Versammlung gethan haben würde: "Unsere weisen Vorfahren haben die Vereinigung und die Freundschaft zwischen den fünf Nationen hergestellt. Diese Vereinigung hat uns mächtig gemacht. Dies hat uns große Macht und Autorität unseren Nachbarnationen gegenüber gegeben. Dadurch, daß ihr dasselbe thut, werdet ihr frische Stärke und Macht erwerben. Deshalb rathe ich, was immer vorkommen mag, euch nie mit einander zu entzweien."
Die officiellen Berichte des indianischen Bureaus an den Congreß geben zu, daß diese Conföderation der Irokesen der wahre politische Keim der Vereinigten Staaten gewesen sei. Die Männer der fünf Nationen hatten sehr hohe Begriffe von Freiheit, sowohl von politischer als von häuslicher Seite. Man hielt Jedermann für seines Mitmenschen ebenbürtig. Der Sachem, selbst wenn er aus einem Herrscherstamm entsprossen, ward zu seinem Amte gewählt. Sie hatten keinen erblichen Rang und keinen andern Titel, als solche Namen, welche ihre Aemter bezeichneten, zum Beispiel Krieger, Rath und Seher.
Sie sagten, daß alle Männer irokesischer Race frei und einander gleich geboren seien, und daß Niemand, der so frei geboren wäre, je ein Sclave werden könne.
Sie widersetzten sich der Sclaverei in der That in jeder Art und Weise. Kein Irokese konnte einen andern besitzen. Wenn er Feinde im Kampfe gefangen nahm, so wurden sie entweder getötet, oder naturalisiert und in seinen Stamm aufgenommen.
Ja, das Gefühl der Freiheit war sogar so mächtig bei den fünf Nationen, daß sie den Grund und Boden selbst für frei erklärten, so daß kein Sclave innerhalb der Districte, auf denen die Rothen jagten, gefunden werden konnte, selbst wenn Negersclaven überall in den Straßen von Boston, Philadelphia und New-York gekauft und verkauft wurden. Mit der Zeit aber lernten einige der weniger edlen Indianerstämme - die Cherokesen, Choktaws und Chickasaws - vom weißen Mann, ihren Bruder Neger zu kaufen und zu stehlen, und ihn wie einen Maulesel oder Hund in Gefangenschaft zu halten.

Quelle:
Amerika. Eine ethnographische Rundreise durch den Kontinent und die Antillen. Charakterbilder, Sittenschilderungen, Scenen aus dem Volksleben. Nach den besten und neuesten, deutschen und ausländischen Quellen bearbeitet von Dr. Johannes Baumgarten, Stuttgart 1882, Seite 295 - 297.

18. September 2002

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