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Vergeltung

Auge um Auge, Zahn um Zahn?
World Trade Center um World Trade Center?

Von Vasile V. Poenaru

Nein: Afghanistan hat kein World Trade Center, und schon gar nicht zwei. Man könnte freilich das ganze Land zubomben oder einfach eine ordentliche Anzahl Menschen dort und/oder sonstwo umbringen. Die Lust dazu scheint viele Bombenleute zu jucken. Wenn ihr angreift, werden wir irgendwie zurückschlagen, war die Taliban-Reaktion auf die amerikanische Mobilmachung. Vermutet wird ihre Mitschuld, beweisen konnte man sie allerdings nicht.

Go get them! Knock out all terrorist countries! Die Worte konnte man nach dem Massaker in Manhattan hören. Die Stimmung spüren. Sieben Länder befinden sich auf der schwarzen Liste der Verdächtigen. Abgesehen von Sadam Hussein haben deren Häupter allesamt gleich die jüngsten Anschläge in den Staaten kriminelles Blutbad entschieden verurteilt. Ist das ein Beweis, daß der Irak dahintersteckt? Je kürzer die Zeit zum Nachdenken, desto kürzer die Gedankenzüge. Und desto länger die Kriegszüge.

Das ist ein Krieg. Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das höchstpersönlich so ausgedrückt. Sein Staatssekretär hat es wiederholt. Und die Kriegsmittelfabrikanten haben bestimmt auch nichts dagegen. Und die Versicherungen schon gar nichts, denn im Falle eines Krieges müssen sie ja nicht zahlen. Wir sollten jetzt mal den Krieg erklären, meinten ein paar Congressmen bereits einen Tag nach dem Angriff. Sie wollten nicht abwarten, bis ein Feind identifiziert würde, sie wollten Krieg erklären und anfangen zu schießen. (Die Leute sind zu wütend, wir können sie nicht allzulange warten lassen.)

Das waren die Palästinenser, kam ein promptes Urteil schon zwei Stunden nach dem ersten Luftangriff. Jetzt seht ihr mal, wie das ist. Jetzt könnt ihr endlich nachempfinden, was sie bei uns jeden Tag anstellen. Wir sind euere besten Freunde. Bald spielten aber alle den besten Freund der USA. Am nächsten Tag spendete Arafat gleich einmal Blut für die Verwundeten in New York. Er sprach von Mitgefühl. Sein Volk wisse nur allzugut, was es heißt, Opfer von Terrorangriffen zu sein. Gott bewahre die Amerikaner. Also doch nicht die Palästinenser?

Der erste Krieg des 21. Jahrhunderts hat begonnen, so George W. Bush, zur Zeit Präsident der Vereinigten Staaten. Eins legte er wiederholt unmißverständlich fest: Es geht gleichermaßen gegen Personen wie gegen Länder (oder besser gesagt Völker). Von jedem NATO-Mitglied wird erwartet, daß es mitmacht. Ein weltweiter Kampf des sogenannten Guten gegen das sogenannte Böse soll unter der angeblich kompetenten Anleitung eines Mannes entfacht werden, der sich eine historische Berufung zutraut. Afghanistans Schicksal scheint besiegelt zu sein. Bei Pakistan sind erst einmal starke Diskussionen vorgesehen.

Das klingt einfach. Es ist nicht einfach. Im 19. Jahrhundert hat das britische Imperium versucht, Afghanistan kleinzukriegen, im 20. Jahrhundert war es die Sowjetmacht. Der amerikanische Durchschnittsmensch hat seit Vietnam keine Lust zu ungewissen Bodenkämpfen. Mit der Invasion ist das folglich so eine Sache. Raketeneinsätze sind da schon eher machbar. In der Nacht des 11. September wurde übrigens auf die afghanische Hauptstadt Kabul geschossen. Lokale Machenschaften?

Viele Stunden haben Amerika und die Welt am Tag des Massakers auf eine Stellungnahme des Weißen Hauses gewartet. Heraus kam wenig. Der wichtigste Teil des verwendeten Wortschatzes ist auf das Wort Vergeltung zurückzuführen. "Make no mistake: We will hunt down and punish those people". Und nichts wie weg hier! Daß der Präsident am 11. September die Flucht ergriff, als er von der Katastrophe im World Trade Center erfuhr, ist vielleicht verständlich, weil man im ersten Augenblick der Überstürzung mit allem rechnen mußte, zumal dann noch der Angriff gegen das Pentagon-Gebäude hinzukam. Aber daß er sich anschließend den ganzen lieben Tag vorsichtshalber in der Luft aufhielt, um angeblich an der Situation zu arbeiten, klingt wenig überzeugend. Distanz zu den Ereignissen hat er sich dadurch bestimmt in seinen höheren Gefilden verschafft, aber ob das auch zu einem beseren Überblick führte? In bezug auf diesen Ausflug setzten die amerikanischen Medien erhebliche Fragezeichen. Wir hatten Grund, anzunehmen, daß nichts weniger als ein Attentat gegen das Weiße Haus und den Präsidenten intendiert sei, so der Sprecher des Weißen Hauses. Bloß daß ihm das auf der Pressekonferenz am 12. September niemand abkaufen wollte.

Ein Feind muß her, uns zwar schnell! Denn wenn die Kugeln jetzt bald alle ohne Ziel losgehen, ist der so sehr beschworenen Rache wenig geholfen. Wir sind eine starke Streitmacht, hieß es schließlich mit halber Präsidialstimme, die sich gleichwohl selbstsicher und entschlossen gab. Aber das lose Bild des von Angst gepackten und mitsamt seiner starken Streitmacht von Irgendwo ins Nirgendwo gejagten Präsidenten kann so leicht nicht wieder gut gemacht werden. Spät kehrte er nach seinem strategischen Versteckspiel zum Wohle des Landes ins Weiße Haus zurück, das offensichtlich nie in echter Gefahr gewesen war. Zu spät.

Kein Grund zur Panik. Ich selber muß jetzt mal in meinen Bunker. Irgendwie hört sich das nicht gut an, und deswegen wurde es auch nicht gesagt, sondern bloß getan. Jetzt heißt es gleich wieder Patriotismus und Über den Haufen schießen. Der Bürgermeister von New York hat keine Deckung genommen. Und er war auch nicht in der Luft, sondern blieb unten auf der Erde: Dort wo er gewählt wurde.

Die Bedenken der politischen Analysten und erfahrenen Terror-Experten kann man zur Zeit nur sehr schlecht vernehmen. Auch an einer aktualisierten kritischen Studie der Rolle von Geheimdiensten und öffentlichen Schutzmaßnahmen fehlt es noch. Vieles von dem, was in den letzten Tagen gesagt wurde, ist eher auf eine kollektive psychologische Zweckmäßigkeit zurückzuführen. Die Emotionen (und damit verbundenen Manipulationsversuche verschiedener Meinungsbilder) sind im Augenblick einfach zu stark. Der letzte Impuls droht dem ersten nicht ungleich zu blieben. Die meisten Leute sind noch konfus. Da muß es jedenfalls erbaulich stimmen, wenn einer so gut weiß, wo die Grenzen zwischen Gut und Böse liegen, daß er es gleich auf den Endkampf abgesehen hat. Vielleicht wurde ja schon eine neue Bombe erfunden, die nur die Bösen in einem Land umbringt, bisher waren es nämlich vor allem Unschuldige, die in den Kriegen umkamen, die Kreuzzüge mit eingerechnet. Oder wird es wieder einmal pauschal gemacht? Gut gegen Böse, Reich gegen Arm? Viele Menschen (nicht nur) im Nahen Osten werden diesen Eindruck gewinnen, wenn sie von von der Zirkulation der Ideen ausgeschlossen bleiben.

Das war bestimmt Osama bin Laden. Er allein hat die Mittel zu einer derartig breit angelegten und perfekt organisierten Operation. Den holen wir uns mal. Gesagt, getan? Nein. Bin Laden wird nämlich schon seit Jahren als Erzfeind der USA erfolglos gejagt. Es besteht kein Grund anzunehmen, daß die vielen, mit allen Mitteln gut versorgten amerikanischen Geheimdienste auf den bloßen Befehl des Staatsoberhauptes nun plötzlich das vollbringen, was sie schon so lange mit gezielter Beständigkeit, doch ohne bemerkenswerte Fortschritte anstreben: den berühmtesten Terroristen der Welt zu schnappen.

Ich werde euch zum Sieg führen, so Bush. Er glaubt, dies sei seine weltgeschichtliche Verantwortlichkeit. Mit 40 Milliarden USD will der Kongreß den Kampf des Guten (den gutgemeinten Kampf?) bevorschießen. Bush hat vielleicht keine internationale Erfahrung und auch kein diplomatisches Geschick, aber er spricht immer sehr viel von seiner Entschiedenheit zu drastischen Maßnahmen, von denen allerdings gegenwärtig kaum gesagt werden kann, wohin sie führen werden. Die internationalen Märkte wackeln, die Zuspitzung der Konflikte wird so lange dauern wie nötig. Alle Ausländer haben Afghanistan verlassen.

Gottesdienst am 14. September: God bless America. Wieder sprach Bush von Vergeltung: diesmal vor dem Altar. Aus christlicher Perspektive sozusagen, formal betrachtet wenigstens. Die vom Präsidenten der Vereinigten Staaten in der National Cathedral in Washington formulierten Drohungen mit ausgedehnten Militäraktionen unter Berufung auf seine gleichsam messianische Rolle als weltweiter Bekämpfer des Übels zeugen davon, daß er sich des ungeduldigen Zornes vieler Amerikaner bewußt ist und den Erwartungen seines Volkes durch die Sorte von Stärke zu genügen versucht, auf die er sich am besten zu verstehen meint. "Andere haben diesen Konflikt ins Leben gerufen. Enden wird er, wenn wir wollen". 50.000 Reservisten werden zusammengetrommelt. Jenseits von Gut und Böse gibt es für sie einen Job.

Ein Leitwort der NATO: Einer für alle, alle für einen! Wie weit muß das interpretiert werden? So weit, daß man eventuell alle für einen büßen läßt? Allerdings nur alle, von denen angenommen wird, sie seien in irgendeiner Art und Weise mit irgendeinem Terroristen verbunden, etwa durch Religion und/oder Hautfarbe. Es hat sich eben so gefügt, daß man nur wenige Tage nach der weitgehend gescheiterten Rassismus-Konferenz der Vereinten Nationen undifferenziert rachelüstern gegen eine Menschengruppe hetzt, die bereits vor Beginn der Polizeiermittlungen in Zusammenhang mit den grausamen Anschlägen in New York und Washington gerückt wurde. Jetzt einen arabisch klingenden Namen haben: keine gute Idee.

18. September 2001

Leserbrief



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