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Django for President?
Ein echter Mann
Die Aufgabe des Staatsmanns wurde von Leopold von Ranke
unübertrefflich kompakt beschrieben als "das Ergreifen der
beherrschenden Ideen und die Verwaltung der laufenden Geschäfte".
Die Staatskunst erfordere "zugleich die tiefste Einsicht in das
Vorhandene und eine vollkommene Freiheit des Geistes, um das noch nicht
Vorhandene in das Leben zu führen". Derzeit aber scheint Politik
nur in ihrer pervertierten Schrumpfform vorhanden: im Geräusch
der auf die Schilde geschlagenen Schwerter.
Von Philipp Reuter
Nur in schrecklichen Zeiten muß man sich vorab nach allen Seiten
rückversichern, um nicht mißverstanden zu werden. Auch jetzt,
seit dem 11. September 2001.
Also: Gerade die Deutschen haben allen Grund, Solidarität mit den
Vereinigten Staaten zu beweisen, nicht bloß im Niederlegen von
Blumensträußen, sondern ganz praktisch, und zwar auch dann,
wenn diese Solidarität mit leibhaftigen Risiken verbunden ist.
Wir sind Meister im Versäumen großer Augenblicke, aber wenigstens
diesmal sollten wir sehen: Dieser bis eben noch unvorstellbare Anschlag
auf das World Trade Center ist wirklich eine historische Zäsur
für die zivilisierte Welt, und wir können jetzt nicht wieder
einmal die Augen verschließen und meinen, sie betreffe nur die
anderen.
Das ist das eine.
Etwas anderes sind die politischen Versäumnisse dieser Tage. Es
ist schon die Frage, ob wir es sprachlos hinzunehmen haben, wenn der
Bundeskanzler von einer "Kriegserklärung" spricht und
diese wahrlich beeindruckende Metapher über Nacht in den Verteidigungsfall
überführt, samt allen konkreten Bündnisverpflichtungen.
Das mag eine rhetorische Leistung sein, ihr haftet gleichwohl ein Ruch
von Unredlichkeit an.
Ausgesprochen
jammervoll ist jedoch das Auftreten des amerikanischen Präsidenten.
Auch hier, leider, eine kurze Rückversicherung: Wir haben Verständnis
dafür, daß eine zutiefst verunsicherte Bevölkerung nicht
nur Tröstliches hören will, sondern pep-talk und Ermunterung,
und wenn es sein muß, auf Kosten der Genauigkeit. Er mag auch
- nachdem er sich tagelang am Unglücksort nicht hat sehen lassen
- einem Feuerwehrmann seinen medienwirksamen Arm um die Schultern legen,
und über ein Megaphon gutgelaunte Drohungen ausstoßen, die
zumindest bei erinnerungsfähigen Deutschen entsetzliche Assoziationen
hervorrufen (George W. wörtlich: "Morgen wird euch die ganze
Welt hören!" - man fragt sich, welcher übriggeblienene
Dr. Seltsam ihm das eingegeben hat). .
Nein, das künftig und für lange Zeit Dramatische ist die Lernunfähigkeit
dieses Präsidenten. Er hatte eine einmalige Chance, dem politisch
schier Undenkbaren näherzukommen: einem Frieden im Nahen Osten.
Er hätte Scharon und Arafat, sozusagen noch unter dem Rauch der
WTC-Trümmer, zusammenrufen und ihnen sagen können: Mich interessiert
im Moment nicht, wer uns das hier angetan hat; aber ohne euch beide
und euern Dauerstreit wäre es nach menschlichem Ermessen nicht
passiert; ich möchte nicht, daß so etwas noch mal geschieht;
deshalb ist jetzt Schluß mit euerm unerklärten Kleinkrieg.
Hätten sie die übliche Korinthenkackerei wiederholt (hier
ein Stück Land, da ein paar Siedlungen, dort ein bißchen
Autonomie)? Nein. Hätten sie überhaupt widersprechen können?
Ebensowenig. Den Präsidenten hätte bei dieser Rede eine unabweisbare
Autorität bekleidet: der Schock der Verwundbarkeit und die Trauer
um die Toten. Er hätte die kühnsten Ideen auf den Weg bringen
können: das Ende der Intifada, die gemeinsame Verwaltung Jerusalems,
sogar den Rückzug der Siedler aus dem unregierbaren Fleckenteppich
der Palästinensergebiete. Es war ein unwiderbringlicher Augenblick
(jedenfalls muß man wünschen, daß er nicht noch einmal
mit diesen Vorbedingungen wiederkehrt). Und der für seinen Job
zu junge Präsident ließ ihn ungenutzt vorübergehen.
Stattdessen erleben wir ein Wettrennen um die hirnloseste Django-Formel.
Bis jetzt liegt dabei der republikanische Senator McCain vorn: "May
God have mercy on you, we won't!" Das war noch einen Zacken militanter
als das schnelle, geradezu milde "We shall hunt them down"
des Präsidenten, der dann allerdings mit dem nachempfundenen SA-Lied
("Denn heute da hört uns Deutschland / Und morgen die ganze
Welt") kräftig aufholte.
Dieser Mangel an Klugheit ist ein Verlust, der uns nochmal ein paar
tausend Tote kosten kann. Uns alle. Und für nichts. Die Ursachen
des Terrors bleiben erhalten, und sie bekommen noch neue Nahrung durch
so geistloses Bramarbasieren.
Inter arma silent musae, im Krieg schweigen die Musen. Und nicht nur
sie: Weithin schweigt auch jede Vernunft. Beten wir also für die
Toten, aber auch um die ehrwürdige Staatskunst der Besonnenheit.
Wir wissen nicht, ob unsere Kanzler und Präsidenten Thukydides'
"Peloponnesichen Krieg" gelesen haben. Falls doch, dann mögen
sie sich umgehend diese Stelle zu Herzen nehmen (3,82,4): "Tollkühnheit
hieß jetzt opfermutiges Eintreten für die Freunde, weise
Zurückhaltung hieß verkleidete Feigheit, wer Maß hielt,
galt für weibisch, wer grundsätzlich die Vernunft zu Rate
zog, für grundsätzlich faul, aber wer sinnlos dreinschlug,
war ein echter Mann."
Es muß nicht wieder so weit kommen.
18. September 2001
Leserbrief
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