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Die angeschlagene Skyline

Das Leben geht weiter

Aktivität macht Sinn. Manche haben entdeckt, dass sie den Schock abarbeiten können, wenn sie Lebensmittel für die Helfer kaufen, Blut spenden und evakuierten Freunden ihre Wohnungen zur Verfügung stellen. Andere haben einen Gang zurückgeschaltet und sich darum bemüht, in den sinnlosen mörderischen Attacken einen Ansatz für das eigene Besinnen zu finden.

Von Jürgen Kalwa

Zugegeben - als der Gedanke zum ersten Mal auf dem Papier stand, klang er seltsam unbescheiden und schlicht zugleich. Denn alles, was über das Verhältnis zu New York zu sagen war, bestand aus einer kurzen Notiz. Aus vier Wörtern. "Dies ist meine Stadt".

Ich habe eine Weile lang nicht gewusst, wie sich dieser Satz in das Panorama all der kolossalen Eingebungen fügen könnte, die diese Stadt gemeinhin auslöst. In Woody Allens New York, die quirlige Metropole voller Intellektueller mit irgendwelchen Komplexen, in der ein kleiner, schüchterner Filmemacher dauernd "erstaunliche Ecken" entdeckt und ins Kino bringt. In Uwe Johnsons New York, einem "Terrain aus Schocks und Befremdungen" und lauter kleinen Oasen der Vertrauheit. In Norman Mailers New York, einem Ort der Extreme und Exzesse, der "dem Rest der westlichen Zivilisation den Weg" weist. In Tom Wolfes New York, er nannte es "das Rom, das Paris, das London des zwanzigsten Jahrhunderts". Oder in Duke Ellingtons New York, der in Harlem zu Hause war und den ratternden "A Train" im Bauch der Stadt hymnisch als Jazz-Motiv feierte.

Aber dann las ich irgendwann einige Gedichte aus der Feder von Walt Whitman, in denen er sein New York beschrieb, eine Stadt am Meer, in der "die hohen Masten von Manhattan" und die "schönen Hügel von Brooklyn" zu einer grandiosen Einheit verschmolzen. Und ich stolperte über seinen Schlachtruf. Einen kurzen Satz. Zwei Wörter. "My city!" Ich kannte das Gefühl.

Manchmal bekommt das Gefühl Risse. Wie zum Beispiel am Dienstagmorgen, als die beiden gekaperten Flugzeuge aus Boston in das World Trade Center rasten und die beiden größten Wolkenkratzer von New York in einen Schutthaufen verwandelten, in dem tausende von Mitmenschen zu Tode kamen. Auch Tage danach sind die meisten von ihnen noch nicht geborgen. Aber während die Suchtrupps fieberhaft arbeiten, geht für den Rest von uns - benommen und betroffen - das Leben weiter. Irgendwie.

Betroffen ist jeder auf eine andere Weise. Ich denke an die Abschiedstelefonate aus den oberen Stockwerken des World Trade Center, von Menschen, die selbst in der größten Panik noch furchtlos wirken. Und ich denke an Leute, wie jenen Web-Designer aus meinem Bekanntenkreis. Der hatte beim Blick aus seiner Wohnung einen Block entfernt das heranfliegende Inferno mit eigenen Augen gesehen und die Hitzewelle des Feuerballs gespürt, und war nach einer Odyssee durch die Straßen und über den Hudson in New Jersey bei einem Vetter untergekommen. Er weiß noch immer nicht, wann er wieder zurückkehren kann.

Andere knüpfen dort an, wo sie vor einer Woche aufgehört haben. Notgedrungen. Pflichtbewusst. Eingekeilt in eine surreale Realität aus Echt-Kino und Filmriss, Alpträumen und adrenalingetränktem Vorwärtsdrang. Wie die Börse an der Wall Street und die Bundesbank, die ein Viertel aller Aktien in der Welt in ihrem New Yorker Ableger in der Liberty Street im Keller beherbergt. New York, New York, die Stadt, angeblich niemals schläft, tritt nicht länger auf der Stelle.

Eine gesellschaftliche Gruppe in den USA symbolisiert das Innehalten ganz besonders. Nachdem Profis aus der National Football League mit Boykott drohten, falls die angesetzten Begegnungen angepfiffen würden, sagte die Liga einen ganzen Spieltag ab. Die Entscheidung produzierte einen noch nie dagewesenen Dominoeffekt: Von Baseball bis Fußball und von Golf bis zum Motorsport - überall wurden Termine gestrichen. Resultat: Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte verzichtete der auf eine Umsatzgrößenordnung von jährlich über 50 Milliarden Dollar angeschwollene amerikanische Profisport freiwillig auf seine gewohnte Rolle als Entertainer der Massen. Die demonstrative Passivität hat dem Publikum eine ungewohnte Übung aufgenötigt: Statt sich abzulenken, widmete sich ein ganzes Land an diesem sportlosen, einem im übertragenen Sinne wirklich toten Sonntag, einer verhaltenen Innenschau.

Rituelle Pietät kann Langeweile erzeugen, besonders in Amerika, wo Sport schon lange nicht mehr die schönste Nebensache der Welt ist, sondern eine einträgliche Hauptsache. Aber für manche ist gerade sie der Beginn einer Tätigkeit. Zumal dann, wenn Menschen eine Sehnsucht danach haben, ihre emotionale Verfassung möglichst direkt und schnell in Aktivität zu verwandeln.

Welcher Effekt stärker spürbar wird, wissen nicht mal die Wahrsager. Eines kann man jedoch nicht ignorieren, weil es Auswirkungen auf das Leben im Rest der Welt haben wird: Der unverhohlene Patriotismus, den tausende von Helfer auf der riesigen Schutthalde des World Trade Center zur Schau stellen, die aggressiven militärischen Planspiele der Politiker in Washington sowie die radikale Sportabstinenz sind allesamt Signale für einen massiven Stimmungswechsel. Die Vereinigten Staaten, die sich zuletzt beim Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Jahre 1941 wirklich bedroht gefühlt hatten, mobilisieren ihre inneren Reserven. Man redet von Krieg, auch wenn dieser Krieg nicht den konventionellen Vorstellungen von Angriff und Verteidigung, Gegenschlag und Zielpunkten entspricht. Von einem Krieg, der Einschränkungen, Verzicht, Blutvergießen und weitere Horrorbilder im Fernsehen produzieren wird.

Vielleicht ist es deshalb angebracht - kurz bevor die Bomben auf Kabul herunterregnen - an einen anderen Aspekt des grauenhaften Anschlags zu denken. Zum Beispiel an das Gemeinschaftsgefühl und die Anteilnahme von Millionen von Menschen in Ländern so weit entfernt wie Neuseeland. Die Reaktionen haben gezeigt, dass diese vibrierende, zähe Metropole und ihre - nun angeschlagene - Skyline über alle Grenzen hinaus ein wichtiges Symbol für ein "Wir", für "Uns" und "Jetzt" ist.

Mich hat diese emotionale Beziehung zwischen der Stadt und der Welt ehrlich überrascht. Dabei hätte jemand wie ich, ein Zuwanderer aus Deutschland, das erwarten sollen. Schon immer hat New York Bewohnern und Besuchern mit jeder Wolkenkratzerzinne und jedem Quadratzentimeter Trottoir eine verführerische Idee geschenkt: "Nimm sie dir: Dies ist deine Stadt". Und das wird auch so bleiben. New York gehört uns allen. Kein Terrorist kann uns diese Stadt nehmen.

Um selbst ein Signal zu geben und denen zu helfen, die bei dem Anschlag Angehörige verloren haben, habe ich zusammen mit anderen deutschstämmigen New Yorkern spontan ein Spendenkonto eingerichtet. Das eingehende Geld wird in voller Höhe an die beiden Hilfsfonds New York Times 9/11 Neediest Fund (http://www.charitywave.com) und United Way September 11th Fund (http://www.uwnyc.org) überwiesen. ("Hilfe für die Terror-Opfer von New York", Volksbank Lahr, Konto 11 33 01 00, BLZ 682 900 00).

18. September 2001

Leserbrief



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