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Medien-Krieg

Von Ralph Gotta

Der kleine Junge braucht keine Fragen mehr zu stellen, muß nicht mehr versuchen zu verstehen, was nicht zu verstehen ist. Der Heckenschütze, ein mutiger Krieger, hat ihm eine klare Antwort erteilt, hat ihn beim Wasserholen, eben mal so, mit einem Schuß vom Leben und seiner Familie getrennt. Und sich selbst von seinem Gewissen? Oh, nein, von dem hat er sich spätestens nach dem ersten Mord verabschiedet, seitdem ist Töten für ihn nur noch ein Kinderspiel. Peng, ein Volltreffer aus vielleicht etwas mehr als hundert Metern mitten in einen Kinderkopf - und mitten ins Schwarze seiner eigenen Seele. Aber soweit denkt er nicht, dazu fehlt ihm das Gehirn. Wie dem kleinen Jungen.

Ein Mädchen hat mehr Glück gehabt als der kleine Junge. Ist schon fünfzehn und immer noch am Leben. Aber so ganz ungeschoren kam es nicht davon. Splitter haben Magen und Lunge durchbohrt und Nervenstränge in der Wirbelsäule durchtrennt. Sie ist querschnittgelähmt. Und trotzdem hofft sie, irgendwann, wenn der Krieg vorbei ist, wieder laufen zu können. Armes, dummes Mädchen. Du hättest doch wissen müssen, daß man im Krieg nicht einfach so, völlig unbeschwert, auf der Straße spielen darf.

Ich bilde mir ein, wir drehten nur einen Kriegsfilm, einen Antikriegsfilm. Der tote Junge, starr und stumm, das Mädchen, bleich und abgemagert bis aufs Skelett. Alles nicht real, alles nur gespielt.

Ich rede mir ein, Gott habe mich unsterblich gemacht, dazu bestimmt, meine Mission zu erfüllen, den Rest der Menschheit über all die Greuel zu unterrichten. Ich danke ihm, ich verfluche ihn, ich bereue es, ich schäme mich, ich winde mich.

Ich bemühe mich um rationales Denken, sage mir, gegen die am Krieg unmittelbar Beteiligten habe ich ausgezeichnete Überlebenschancen. Sicher, dann und wann, hie und da, erwischt es auch einen von uns. Doch, versuche ich mich zu beruhigen, ein ungewisses Risiko gehört nun einmal zu meinem Beruf und der Tod ist der stets einzukalkulierende Höchstpreis für das Fahnden nach der Wahrheit, oder sollte ich besser sagen: für das Spüren nach ihren von den Kriegsparteien oftmals verwischten Spuren.

Oh, mein Gott, das klingt ja geradezu ehrenhaft für einen, der nur zu gut weiß, daß der Krieg nicht zuletzt auch ein Geschäft ist, ja ein Aktiengeschäft, in dem bestimmte Konflikte bei Anbietern und Abnehmern hoch im Kurs stehen, während andere, nicht minder blutige Auseinandersetzungen vergleichsweise geringe Notierungen erhalten.

Trotzdem steht außer Frage, daß wir Kriegsberichterstatter bei aller Zweifelhaftigkeit, die unserem Beruf anhängt, uns nicht mit allen sinnwörtlich schreienden Ungerechtigkeiten abfinden dürfen, auch wenn wir es am deprimierenden, nicht enden wollenden Ende immer wieder tun müssen. Das sind wir schon allein den direkt getroffenen Unschuldigen schuldig, für die es sehr wohl einen Unterschied macht, ob jemand über sie berichtet oder nicht. Ein Krieg sozusagen unter Ausschluß einer mehr oder weniger außenstehenden Öffentlichkeit - das wäre wohl die endgültige Kapitulation vor all dem Grauenhaften auf dieser buchstäblich ziemlich verrückten Welt.

Andererseits stellt sich mir nun zum tausendsten Male die Frage: Wie weit dürfen wir gerade bei unseren Reportagen über die Opfer gehen, ohne ihnen allzu nahe zu kommen, ohne ihr Leid allzu sehr zu entblößen? Ist es denn nicht geradezu entwürdigend, wenn wir Aufnahmen von nackten, geblähten Kindern mit Streichholzbeinen und pergamentartiger, fleckiger Haut in die Heimkinos von geblähten Wohlstandsbürgern senden? Und dringen wir nicht zu weit in die Intimsphäre von Menschen ein, wenn wir zeigen, wie sie mit schmerzverzerrtem Gesicht um ihre massakrierten Angehörigen trauern? Und haben wir mit unserer Schwemme von solchen und ähnlichen Beiträgen nicht schon viel zu viele nicht unmittelbar Betroffene so betroffen gemacht, daß ihr Gewissen unheilbar abgestumpft ist?

Verdammt, ich merke, ich stecke schon viel zu tief in all diesen Zwiespälten, hab´ schon zuviel gesehen von Dingen, die man besser nicht sehen sollte, kann nicht mehr wie mein Publikum relativ einfach ab- und umschalten, etwa auf eine freilich hirntötende Comedy-Show. Irgendwo zwischen Afghanistan und dem Kosovo muß mir die Distanz verloren gegangen sein. All die Krankheitsbilder dieser haßinfizierten Erde, denen ich mit meiner Stimme stets etwas an Schärfe zu nehmen versuchte, stehen mir immer wieder vor Augen, plötzlich und unerwartet. Die vom Leben Verlassenen wollen mich nicht verlassen, sind mir eine Last, und diese Last wiegt immer schwerer, und manchmal wäre ich froh, wenn die Hoffnung, daß sie wieder leichter wird, von mir genommen wäre.

18. September 2001

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