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"Eine unheilvolle Verwirrung des Denkens"
O Freunde, nicht diese Töne!
In Zeiten erhöhter nationaler Aufgeregtheit genügt
der Wunsch nach einem Augenblick der Nachdenklichkeit, um von den "Nurpratioten"
als Verräter gebrandmarkt zu werden. Besonders leicht geraten Schriftsteller
in diese Situation und 1914, kurz nach Kriegsausbruch, auch Hermann
Hesse. Eine der wenigen, die ihn und seinen Text damals verteidigten,
war Theodor Heuß.
Von Hermann Hesse
Die Völker liegen einander in den Haaren, und jeden Tag leiden
und sterben Ungezählte in furchtbaren Kämpfen. Mitten zwischen
den aufregenden Nachrichten vom Kriegsschauplatz fiel mir, wie das so
geht, ein längst vergessener Augenblick aus meinen Knabenjahren
ein. Da saß ich, vierzehnjährig, an einem heißen Sommertag
in Stuttgart in dem berühmten schwäbischen Landexamen, und
als Aufsatzthema wurde uns diktiert: >Welche guten und welche schlechten
Seiten der menschlichen Natur werden durch den Krieg geweckt und entwickelt?<
Meine Arbeit über dies Thema beruhte auf keinerlei Erfahrung und
fiel entsprechend traurig aus, und was ich damals, als Knabe, unter
Krieg sowohl wie unter Kriegstugenden und Kriegslasten verstand, stimmt
nicht mehr mit dem zusammen, was ich heute so nennen würde. Aber
im Anschluß an die täglichen Ereignisse und an jene kleine
Erinnerung habe ich dem Krieg in dieser Zeit viel nachgedacht, und da
jetzt doch einmal der Brauch eingerissen ist, daß Männer
der Studierstube und des Ateliers ihre Meinungen hierüber kundgeben,
scheue ich mich nicht länger, auch die meine auszusprechen. Ich
bin Deutscher, und meine Sympathien gehören Deutschland, aber was
ich sagen möchte, bezieht sich nicht auf Krieg und Politik, sondern
auf die Stellung und Aufgaben der Neutralen. Damit meine ich nicht die
politisch neutralen Völker, sondern all diejenigen, die als Forscher,
Lehrer, Künstler, Literaten am Werk des Friedens und der Menschheit
arbeiten.
Da sind uns in letzter Zeit betrübende Zeichen einer unheilvollen
Verwirrung des Denkens aufgefallen. Wir hören von Aufhebung der
deutschen Patente in Rußland, von einem Boykott deutscher Musik
in Frankreich, von einem ebensolchen Boykott gegen geistige Werke feindlicher
Völker in Deutschland. Es sollen in sehr vielen deutschen Blättern
künftig Werke von Engländern, Franzosen, Russen, Japanern
nicht mehr übersetzt, nicht mehr anerkannt, nicht mehr kritisiert
werden. Das ist kein Gerücht, sondern Tatsache und schon in die
Praxis getreten.
Also ein schönes japanisches Märchen, ein guter französischer
Roman, von einem Deutschen noch vor Kriegsbeginn treu und liebevoll
übersetzt, muß jetzt totgeschwiegen werden. Eine schöne,
gute Gabe, mit Liebe unserm Volk dargebracht, wird zurückgestoßen,
weil einige japanische Schiffe Tsingtau bekriegen. Und wenn ich heute
das Werk eines Italieners, eines Türken, eines Rumänen lobe,
so darf das nur mit dem Vorbehalt gelten, daß nicht vor Beendigung
des Abdrucks in diesen Völkern ein Diplomat oder Journalist die
politische Lage ändert!
Anderseits sehen wir Künstler und Gelehrte mit Protesten gegen
kriegführende Mächte auf den Plan treten. Also ob jetzt, wo
die Welt in Brand steht, solche Worte vom Schreibtisch irgendeinen Wert
hätten. Als ob ein Künstler oder Literat, und sei er der beste
und berühmteste, in den Dingen des Krieges irgend etwas zu sagen
hätte.
Andere nehmen am großen Geschehen teil, indem sie den Krieg ins
Studierzimmer tragen und am Schreibtisch blutige Schlachtgesänge
verfassen oder Artikel, in denen der Haß zwischen den Völkern
genährt und ingrimmig geschürt wird. Das ist vielleicht das
Schlimmste. Jeder, der im Felde steht und täglich sein Leben wagt,
habe das volle Recht zur Erbitterung und momentanem Zorn und Haß,
und jeder aktive Politiker ebenso. Aber wir anderen, wir Dichter, Künstler,
Journalisten - kann es unsere Aufgabe sein, das Schlimme zu verschlimmern,
das Häßliche und Beweinenswerte zu vermehren?
Gewinnt Frankreich etwas, wenn alle Künstler der Welt gegen die
Gefährdung eines schönen Bauwerkes protestieren? Gewinnt Deutschland
etwas, wenn es keine englischen und französischen Bücher mehr
liest? Wird irgend etwas in der Welt besser, gesünder, richtiger,
wenn ein französischer Schriftsteller den Feind mit gemeinen Schimpfworten
bewirft und das Heer zu tierischer Wut aufzustacheln sucht?
Alle diese Äußerungen, vom frech erfundenen >Gerücht<
bis zum Hetzartikel, vom Boykott >feindlicher< Kunst bis zum Schmähwort
gegen ganze Völker, beruhen auf einem Mangel des Denkens, auf einer
geistigen Bequemlichkeit, die man jedem kämpfenden Soldaten ohne
weiteres zugute hält, die aber einem besonnenen Arbeiter oder Künstler
schlecht ansteht. Ich nehme von vorneherein alle diejenigen von meinem
Vorwurf aus, denen schon vorher die Welt bei den Grenzpfählen aufhörte.
Die Leute, denen jedes der französischen Malerei erteilte Lob ein
Greuel war und denen bei jedem Fremdwort der Zornschweiß ausbrach,
die sind es nicht, von denen hier die Rede ist, die tun weiter, was
sie vorher taten. Aber die anderen alle, die sonst mit mehr oder weniger
Bewußtsein am übernationalen Bau der menschlichen Kultur
tätig gewesen sind und jetzt plötzlich den Krieg ins Reich
des Geistes hinübertragen wollen, die begehen ein Unrecht und einen
großen Denkfehler. Sie haben so lange der Menschheit gedient und
an das Vorhandensein einer übernationalen Menschheitsidee geglaubt,
als dieser Idee kein grobes Geschehen widersprach, als es bequem und
selbstverständlich war, so zu denken und zu tun. Jetzt, wo es zur
Arbeit, zur Gefahr, zum Sein oder Nichtsein wird, an jener größten
aller Ideen festzuhalten, jetzt kneifen sie aus und singen den Ton,
den der Nachbar gerne hört.
Wohlverstanden, dies geht nicht gegen die vaterländische Gesinnung
und die Liebe zum eigenen Volkstum. Ich bin der letzte, der in dieser
Zeit sein Vaterland verleugnen möchte, und es würde mir nicht
einfallen, einen Soldaten vom Erfüllen seiner Pflicht abzuhalten.
Da man jetzt einmal am Schießen ist, soll geschossen werden -
aber nicht des Schießens und der verabscheuungswürdigen Feinde
wegen, sondern um so bald wie mögliche eine bessere, höhere
Arbeit wiederaufzunehmen! Es wird jetzt jeden Tag viel von dem vernichtet,
wofür alle Gutgesinnten unter den Künstlern, Gelehrten, Reisenden,
Übersetzern, Journalisten aller Länder sich ihr Leben lang
bemühten. Das ist nicht zu ändern. Töricht und falsch
aber ist es von jedem, der je eine einzige helle Stunde lang an die
Idee der Menschheit, an eine internationale Wissenschaft, eine nicht
national beschränkte Schönheit in der Kunst geglaubt hat,
wenn er jetzt, über das Ungeheure erschrocken, die Fahne wegwirft
und sein Bestes mit in den allgemeinen Ruin schmeißt. Ich glaube,
es sind sehr wenige, es ist vielleicht nicht einer unter unseren Dichtern
und Literaten, in dessen Gesamtwerk später einmal das Beste das
sein wird, was er heute im Zorn der Stunde gesagt und geschrieben hat.
Es ist auch unter ihnen, soweit sie überhaupt ernst zu nehmen sind,
nicht einer, dem Körners Vaterlandslieder im Herzen lieber wären
als die Gedichte jenes Goethe, der sich vom großen Befreiungskrieg
seines Volkes so merkwürdig fernhielt.
Ja eben, rufen jetzt die Nurpatrioten, dieser Goethe ist uns immer verdächtig
gewesen, er war nie ein Patriot, und er hat den deutschen Geist mit
jener milden, kühlen Internationalität verseucht, an der wir
lang gelitten haben und die unser deutsches Bewußtsein merklich
geschwächt hat.
Da sitzt der Kern der Frage. Goethe war nie ein schlechter Patriot,
obwohl er Anno 1813 keine Nationallieder gedichtet hat. Aber über
die Freude am Deutschtum, das er kannte und liebte wie nur einer, ging
ihm die Freude am Menschentum. Er war ein Bürger und Patriot in
der internationalen Welt des Gedankens, der inneren Freiheit, des intellektuellen
Gewissens, und er stand in den Augenblicken seines besten Denkens so
hoch, daß ihm die Geschicke der Völker nicht mehr in ihrer
Einzelgewichtigkeit, sondern nur noch als untergeordnete Bewegungen
des Ganzen erschienen.
Mag man das einen kühlen Intellektualismus schelten, der im Augenblick
ernster Gefahr zu schweigen habe - es ist dennoch der Geist, in dem
die besten deutschen Denker und Dichter gelebt haben. An ihn zu erinnern
und an die Mahnung zu Gerechtigkeit, Mäßigung, Anstand, Menschenliebe,
die er enthält, dazu ist es jetzt mehr Zeit als je. Soll es denn
dazu kommen, daß Mut dazugehört für einen Deutschen,
ein gutes englisches Buch besser zu finden als ein schlechtes deutsches?
Soll der Geist unserer Kriegführenden selber, der den feindlichen
Gefangenen schont und erhält, den Geist unserer Denker beschämen,
der den Feind auch da, wo er friedlich ist und Gutes bringt, nicht mehr
anerkennen und schätzen will? Was sollte da nach dem Kriege werden,
in jener Zeit, vor der wir alle schon ein wenig bangen, wo Reisen und
geistiger Austausch zwischen den Völkern darniederliegen werden?
Und wer soll dazu beitragen und daran arbeiten, daß es wieder
anders wird, daß man sich wieder versteht, wieder anerkennt, wieder
voneinander lernt - wer soll das tun, wenn nicht wir, die wir am Schreibtisch
sitzen und unsere Brüder im Felde stehen wissen? Ehre jedem, der
mitkämpft, mit Blut und Leben, auf dem Schlachtfeld unter den Granaten!
Uns andern, die es mit der Heimat gut meinen und an der Zukunft nicht
verzweifeln wollen, uns ist die Aufgabe geworden, ein Stück Frieden
zu erhalten, Brücken zu schlagen, Wege zu suchen, aber nicht mit
dreinzuhauen (mit der Feder!) und die Fundamente für die Zukunft
Europas noch mehr zu erschüttern.
Noch ein Wort für jene vielen, die man unter diesem Krieg verzweifelnd
leiden sieht und denen jede Kultur, jede Menschlichkeit dadurch vernichtet
scheint, daß jetzt Krieg ist. Krieg war immer, seit wir von Menschengeschicken
wissen, und es waren keine Gründe für den Glauben da, er sei
nun abgeschafft. Es war lediglich die Gewohnheit langen Friedens, die
uns das vortäuschte. Krieg wird so lange sein, als die Mehrzahl
der Menschen noch nicht in jenem Goetheschen Reich des Geistes mitleben
kann. Krieg wird noch lange sein, er wird vielleicht immer sein. Dennoch
ist die Überwindung des Krieges nach wie vor unser edelstes Ziel
und die letzte Konsequenz abendländisch-christlicher Gesittung.
Der Forscher, der das Mittel gegen eine Seuche sucht, wird seine Arbeit
nicht wegwerfen, wenn eine neuen Epidemie ihn überrascht. Noch
viel weniger wird >Friede auf Erden< und Freundschaft unter den
Menschen, die eines guten Willens sind, jemals aufhören, unser
höchstes Ideal zu sein. Menschliche Kultur entsteht durch die Veredelung
tierischer Triebe in geistige, durch Scham, durch Phantasie, durch Erkenntnis.
Daß das Leben wert sei, gelebt zu werden, ist der letzte Inhalt
und Trost jeder Kunst, obgleich alle Lobpreiser des Lebens noch haben
sterben müssen. Daß Liebe höher sei als Haß, Verständnis
höher als Zorn, Friede edler als Krieg, das muß ja eben dieser
unselige Weltkrieg uns tiefer einbrennen, als wir es je gefühlt.
Wo wäre sonst sein Nutzen?
18. September 2001
Leserbrief
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