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Musikkultur und Geld
Ein unlösbares Dilemma?
"Theater und nicht zuletzt die Musik sind ein
wichtiger Teil unserer geistigen Grundversorgung. Sie in Zeiten schwacher
Wirtschaftsentwicklung infragezustellen, wäre kurzsichtig und ein
Armutszeugnis für eine reiche Gesellschaft Es liegt an der Gruppe
der Künstler, Vermittler, öffentlicher Institutionen und privater
Enthusiasten, sich gegen die drohende Erosion und Verflachung des Kultur-
und Musiklebens mit Leidenschaft zu wehren und die Vielfalt unseres
kulturellen Reichtums an die nächste Generation weiterzugeben."
Von Manfred Wegner
1. Teil
Auf das industrielle Zeitalter folgt das kulturelle Zeitalter, meinen
die Futurologen. Kulturelle Qualitäten sollen dann über die
Erfolge von Unternehmen entscheiden und kulturelle Faktoren zunehmend
die Standortqualität von Dörfern, Städten und Regionen
bestimmen. Es gibt neuerdings Ökonomen, welche die Bedingungen
für die längerfristige Entwicklung an den so genannten K-Faktoren
festmachen, das sind Kenntnisse, Kommunikation und nicht zuletzt Kunst
und Kultur.
Aber wie viel Kultur braucht unsere moderne Gesellschaft? Und welche
Kultur meinen die Futurologen, Kulturmanager und Ökonomen? Und
wie organisiert und definiert sich Kultur? Wer soll sie am Ende finanzieren?
Endgültige Antworten darauf sind kaum zu erwarten. Selbst die Frage,
wie viel Geld wir in Deutschland gegenwärtig für unsere Kultur
ausgeben, lässt sich nur annäherungsweise beantworten. Ist
es viel im Vergleich zu unseren Nachbarländern oder den USA? Wie
viel davon entfallen auf die öffentliche Hand, die privaten Haushalte,
die Sponsoren und Unternehmer?
Die Kulturstatistik kann das Gewicht und den Einfluss des Kulturbereichs
auf die Wirtschaft und Gesellschaft nicht befriedigend ausdrücken.
Gesamtzahlen sagen nichts aus über Prioritäten und Ausstrahlung
von Kulturausgaben. Kultur, mit ihrer Vernetzung und ihren ständigen
Grenzüberschreitungen, ist eine maßgebende Antriebskraft
für Kreativität, Spontaneität, Fantasie sowie Innovation
und Bildung, für die Einübung des intellektuellen Dialogs
und des Widerspruchs. Nicht zuletzt wird Kultur auch als wichtiger Standortfaktor
angesehen, der den Tourismus stimuliert und die Ansiedlung moderner
Unternehmen fördert Kommerzielle Verwendbarkeit kann aber nicht
der alleinige Maßstab für die Bedeutung und die Prioritäten
der Kultur sein. Was ist aber der Stellenwert der Kultur im öffentlichen
Diskurs und im Urteil der deutschen Öffentlichkeit? Können
wir uns die einmalige Kultur- und Musiklandschaft überhaupt noch
leisten?
Unaufhaltsame Verteuerung: die Musik als Beispiel für das Kostendilemma
Der Musikbetrieb in Deutschland ist - ökonomisch und finanziell
gesehen - zweigeteilt Auf der einen Seite findet sich das Gros der öffentlich
geförderten Orchester, Theater- und Opernhäuser, die sich
neuerdings immer häufiger - vor allem in den neuen Bundesländern
- Sorgen um ihre Überlebensfähigkeit machen müssen. Als
öffentliche Regiebetriebe sind sie jedoch einer bürokratisch
gesteuerten Kulturpolitik und seit Mitte der 90er Jahre dem harten Sparkurs
der öffentlichen Hand unterworfen. Als Ausnahme ragt Bayern hervor.
Wegen des finanziellen Notstands drohen in der Bundeshauptstadt Berlin
dagegen weitere Kürzungen. Daneben gibt es den nicht-offiziellen
Musikbereich, der wohl von der öffentlichen Hand nicht selten unterstützt
ständig ums Überleben kämpfen muss und keinerlei Garantien
für seine Beschäftigten hat die zudem in der Regel deutlich
geringer bezahlt werden als im öffentlichen Musikbereich. Zum privat
finanzierten Musikbereich gehören die Musicaltheater, die Open-Air-Konzerte
sowie Großveranstaltungen der Rock- und Popmusik, die sich in
letzter Zeit eines wachsenden Zuspruchs erfreuten.
Sämtliche Bereiche des Musiklebens sind jedoch unausweichlich einer
Kostenkrankheit unterworfen, über deren Folgen sich weder die Kulturpolitiker
noch die Kulturmanager ausreichend klar sind. Die Aufführungskünste
leiden darunter, dass ihre Arbeitsproduktivität - im Gegensatz
zum industriellen Bereich - kaum steigt Die Brandenburgischen Konzerte
beanspruchen heute die gleiche Anzahl von Musikern wie vor 280 Jahren,
und auch die Zahl der Zuhörer ist nicht beliebig vermehrbar. Das
Gleiche gilt für Kammermusik und Opernaufführungen. Was dagegen
mit den Löhnen der Gesamtwirtschaft zunimmt sind die Gagen und
Gehälter der Musiker. Die Kosten eines Orchesters und eines Opernhauses
bestehen zum überwiegenden Teil aus Löhnen und Lohnnebenkosten.
Gleichzeitig nahmen der technische Aufwand und die Größe
der Orchester zu und nicht zuletzt wuchsen die Spitzengagen für
Sänger, Solisten und Dirigenten massiv an. Steigende Löhne
und Gagen führen bei stagnierender Produktivität unweigerlich
zu einem Kostendilemma. Es wurde von William Baumol und William Bowen
1966 als Kostenkrankheit der Aufführungskünste bezeichnet,
der man mit vier Reaktionen begegnen kann: Entweder füllt die öffentliche
Hand die wachsende Lücke zwischen Kosten und Einnahmen durch höhere
Zuschüsse oder die Eigeneinnahmen (die Preise der Eintrittskarten
und die Sponsorenmittel u.a.) steigen oder der Output bzw. Input - die
Zahl der Aufführungen und der Musiker - vermindern sich. Letztlich
verbleibt noch die Möglichkeit, dem permanenten Kostendruck durch
Qualitätsabfall zu begegnen, indem weniger geprobt wird, die Zahl
der Neuinszenierungen abnimmt, sich billigere Aufführungen ausbreiten
oder das Repertoire schrumpft
Die Baumolsche Kostenkrankheit wurde in vielen Analysen des Theater-
und Musikbetriebs nachgewiesen. Mit Hilfe der Theaterstatistik kann
man die finanzielle Verschlechterung auch für die deutsche Theaterlandschaft
belegen. Die Einspielquoten, d.h. der Anteil der eigenen Betriebseinnahmen
an den Ausgaben, hat sich in den letzten 40 Jahren für die Öffentlichen
Theater insgesamt von fast 40 auf 15 Prozent verringert, neuerdings
allerdings wieder leicht verbessert. Das Pendant, die öffentlichen
Betriebszuschüsse, machen also gegenwärtig 84 Prozent der
gesamten laufenden Ausgaben aus. Für die gut 50 öffentlich
finanzierten Kulturorchester verminderten sich die Einspielquoten von
45 auf gut 30 Prozent, wobei die Ergebnisse je nach Theater und Orchester
stark variieren. Wohl hält die Zunahme der öffentlichen Betriebszuschüsse
an, aber nach Abzug des allgemeinen Preisanstiegs haben in den letzten
fünf Jahren die Zuschüsse sowohl für die öffentlichen
Theater als auch für die selbstständigen Kulturorchester abgenommen.
Aus einer globalen Kostenanalyse, nämlich der längerfristigen
Entwicklung der realen Stückkosten je Aufführung oder Besucher,
geht das gleiche Elend der Kostenkrise hervor. Um die Zuwächse
der Inflationsraten bereinigt, nahmen die Betriebskosten je Besucher
in den westdeutschen Theatern (zu denen die Opernhäuser gehören)
im Zeitraum von 1956 bis 1990 jährlich um mehr als sechs Prozent
zu, bei den Kulturorchestern lagen die realen Kostenzuwächse je
Konzert bei jährlich drei bis vier Prozent.
Konkret bedeutet die Baumolsche Kostenkrankheit, dass sich der Musik-
und Theaterbetrieb ständig und unausweichlich mit dem Problem von
Einsparungen herumschlagen muss, wenn sich die öffentliche Hand
nicht mehr in der Lage sieht, die Zuschüsse - wie in der jüngsten
Vergangenheit - real zu erhöhen. In letzter Zeit könnten die
statistischen Daten den Anschein erwecken, als ob der Kostendruck nachgelassen
habe. Dahinter verbergen sich jedoch viele Gründe, die einmal mit
den Rationalisierungen und Einsparungen im Theaterwesen zu tun haben.
Aber beunruhigender dürfte eine weitere Erklärung sein, nämlich
ein Aufweichen der Qualität von Theater- und Opernaufführungen.
Immer häufiger geht es aber auch um Fusionen von städtischen
Theatern, um die Schließung von Betriebsstätten und neuerdings
um den Abbau des künstlerischen Personals. Daneben lassen sich
andere Anzeichen einer Verarmung des Musiklebens beobachten: ein überalterter
Abonnentenstamm, der eine ständige Wiederkehr des gleichen Repertoires
verlangt, eine Konzentration der Hochkultur in den großen Städten,
eine immer stärkere Kommerzialisierung des Musikangebots mit dem
Vordringen des Starkults und der immer schnelleren Rotation der Intendanten
und Regisseure sowie die Expansion der Eventkultur und die Aushöhlung
des Musikunterrichts.
Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Verarmung des Musikbetriebes
ist eher resignierend trotz des zeitweiligen Aufschreis in den Feuilletons
der Zeitungen und bei den Betroffenen. Nur wenn es um sogenannte nationale
Kulturgüter geht, wie z.B. bei den Einsparungen, die der Bund vor
einiger Zeit bei der Finanzierung der Bayreuther Festspiele plante,
werden solche Absichten unter dem Druck der Öffentlichkeit wieder
rückgängig gemacht, obwohl hier höhere Eintrittspreise
ähnlich wie in Salzburg zu rechtfertigen wären. Die Salzburger
Festspiele haben einen privaten Finanzierungsanteil von rund 75 Prozent
bei extrem hohen Eintrittspreisen.
(Der 2. Teil folgt)
5. Oktober 2002
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