Vor zweitausendvierhundert Jahren:

Probleme einer Großmacht

Wir sind im Jahr 415 v. Chr., im siebzehnten Jahr des Peloponnesischen Krieges. Die Athener bereiten sich auf einen Präventivschlag gegen Sizilien vor. Die Volksversammlung ist mehrheitlich für diesen Krieg, allen voran Alkibiades. Der Feldherr Nikias ist einer der wenigen, die dagegen sprechen (Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, VI, 9ff):

Nikias:
Die heute Versammlung wurde wegen unserer Rüstungen einberufen, wie stark wir nach Sizilien auslaufen sollen; mir jedoch scheint, wir sollten die Sache selbst noch einmal prüfen, ob es wirklich gut ist, die Schiffe auszusenden, und sollten nicht so rasch entschlossen in so wichtigen Dingen auf den Rat von Fremdstämmigen einen Krieg, der uns nichts angeht, beginnen. ...
[Die abtrünnigen Chalkidier in Thrakien] würden wir, sind sie unterworfen, wohl auch niederhalten, aber die Sizilier, welbst wenn wir sie besiegen, könnten wir, so weit weg und so viele, nur schwer beherrschen. Es ist aber ein Unsinn, solche anzugreifen, die man als Sieger nicht niederhalten wird ...

Alkibiades (re., von Agostino Veneziano):
Mit welchen triftigen Gründen sollten wir selber zurückscheuen oder vor unseren Verbündeten drüben uns rechtfertigen, wenn wir ihnen nicht helfen? Denen wir müssen wir beistehen, wir haben mit ihnen Eide getauscht, und wir können uns nicht damit herausreden, dass sie uns ja auch nicht helfen. Wir haben uns ja nicht dazu verbündet, dass sie uns hierzulande Hilfe mit Hilfe vergelten, sondern dass sie unseren dortigen Feinden beschwerlich sind und sie hindern, hier anzugreifen. Auch haben wir unser Reich so erworben, wir und alle, die je eine Herrschaft errichteten, dass wir ohne langes Besinnen allen beisprangen, Barbaren oder Hellenen, die uns zu Hilfe riefen. Denn wollten wir alle stille sitzen oder uns die Völker danach einteilen, wem man Beistand schuldet und wem nicht, so hätten wir wenig dazugewonnen und würden zur Rettung unseres Reichs eben dieses Reich selbst einsetzen müssen. Weil man doch den Mächtigeren nicht nur abwehrt, wenn er angreift, sondern ihm zuvorkommt, damit er nicht angreift. Deshalb können wir uns nicht aussuchen, wie weit unsere Herrschaft reichen soll, sondern nachdem wir einmal so weit sind, braucht es notwendig immer neue Anschläge gegen die einen und eine strenge Führung der anderen, weil uns sonst, wenn wir nicht die anderen beherrschen, die Situation droht, dass wir jemand anderem dienen müssen. Ihr könnt nicht wie die anderen die Friedfertigkeit hochschätzen, wenn ihr nicht eueren gesamten Lebensstil darauf umstellen wollt.
In der Einsicht also, dass wir uns hier stärken, wenn wir drüben angreifen, unternehmen wir die Fahrt, um den Peloponnesiern den Stolz zu dämpfen, wenn sie sehen, wie wir unsere jetzige Ruhe verschmähen und sogar bis Sizilien fahren, und darüber hinaus werden wir Hellas mit der drüben gewonnenen Macht wahrscheinlich ganz beherrschen oder doch immerhin Syrakus schwächen, was uns selbst und unseren Verbündeten hilft.

Die Expedition endete in einer Katastrophe. Sie war der Anfang vom Ende der Machtstellung Athens.

Das Kriegsgebet

Von Mark Twain

In einer "Zeit großer und erhebender Erregung", als "in jeder Brust das heilige Feuer des Patriotismus brannte", von jeder Kanzel der Dienst für Fahne und Vaterland gepredigt und für den Sieg der (eigenen) Truppen gebetet wurde, betrat ein alter Mann eine dieser Kirchen, schob den Priester beiseite und sagte mit tiefer Stimme, er sei von Gott beauftragt, nunmehr dieses Kriegsgebet zu sprechen:

"O Herr, unser Gott, unsere jungen Patrioten, die Idole unseres Herzens, gehen hinaus in die Schlacht - sei Du mit ihnen! Im Geiste mit ihnen gehen auch wir hinaus aus dem süßen Frieden unseres geliebten Heims, um die Feinde zu schlagen. O Herr, unser Gott, hilf uns, ihre Soldaten mit unseren Granaten in blutige Stücke zu reißen; hilf uns, ihre blühenden Felder mit den fahlen Gestalten ihrer toten Patrioten zu bedecken; hilf uns, den Donner der Kanonen mit den Schreien ihrer sich in Schmerzen windenden Verwundeten zu übertönen; hilf uns, ihre bescheidenen Häuser mit einem Feuersturm zu verwüsten; hilf uns, die Herzen ihrer unschuldigen Witwen in trostlosem Kummer zu ersticken; hilf uns, sie ohne ein Dach über dem Kopf auf die Straße zu treiben, auf dass sie ohne Freunde über ihre verbrannte Erde wandern, in Lumpen und Hunger und Durst, ein Spielball der Sonnenhitze im Sommer und im Winter der eisigen Winde, gebrochen an Geist und Seele, ausgezehrt von Mühe und Elend, wenn sie dich - aber vergeblich! - anflehen, ihnen die Zuflucht des Grabes zu schenken - um unseretwillen, die wir Dich anbeten, o Herr, lass ihre Hoffnungen zerstieben, ihre bittere Pilgerschaft nicht enden, zerstöre ihr Dasein, mach ihnen die Schritte beschwerlich, überflute ihren Weg mit ihren Tränen, den weißen Schnee rot mit dem Blut ihrer wunden Füße! Im Geist der Liebe bitten wir Dich, der Du die Quelle aller Liebe bist und die immer verlässliche Zuflucht und der gute Freund all derer, die von Wunden bedeckt deine Hilfe suchen mit einem gehorsamen Herzen voller Reue. Amen."

(Nach einer Pause:) Darum habt ihr gebetet; wenn ihr es immer noch wollt, dann sprecht es aus! Der Bote des Allmächtigen wartet."

Später war man der Ansicht, dass der Mann irre war, denn es war kein Sinn in dem, was er sagte.


Mark Twain schrieb das "Kriegsgebet" als Antwort auf den Krieg der USA gegen die Philippinen (1899-1902). Der Text wurde von seinen Verlegern als "zur Veröffentlichung ungeeignet" bezeichnet und konnte erst 1923 gedruckt werden, dreizehn Jahre nach dem Tod des Autors.

5. Oktober 2002

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