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Desaparecidos
Verschwundene und Gedenktafeln zwischen Buenos Aires und Klosterneuburg
Verschwunden, geflüchtet, "verschwunden"
- die Familie Fleischmann, erst in Wien, dann in Buenos Aires, kommt
drei Generationen lang nicht zu einem ungestörten Leben.
Von Manfred Steinhuber
1. Teil
Es ist ein windiger Nachmittag im März des Jahres 2002. Mitten
in Wien, im 9. Bezirk haben sich rund zwei Dutzend Menschen versammelt.
Auf dem Gehsteig Ecke Liechtensteinstraße Fechtergasse. Vor dem
Haus Liechtensteinstraße 52 ist eine kleine Tafel angebracht.
Eine einzelne rote Nelke hebt das Würdige hervor, das die betonte
Einfachheit des Arrangements entstehen läßt.
In diesem Haus lebten
Leo und Grete Fleischmann
Sie wurden im April 1942 deportiert
Aún siguen "desaparecidos"
Su familia argentina
Der Schriftsteller Erich Hackl hat sich um die Errichtung dieser Tafel
gekümmert und die Geschichte der Familie Fleischmann auch bereits
publiziert. Die Basisdaten dafür lieferte ihm Hans Landauer, der
jahrzehntelang als Kriminalbeamter Verdächtige ausgeforscht hatte,
bevor er als unermüdlicher Pensionist dem Dokumentationsarchiv
des österreichischen Widerstands sein Können zur Verfügung
stellte und das Archiv der österreichischen Spanienkämpfer
aufbaute. Hans Landauer hat die Ergebnisse seiner Recherche in einem
Brief an die Enkelkinder von Leo und Grete Fleischmann, die in Buenos
Aires leben, zusammengefaßt:
"Leo Fleischmann, geb.am 23.4.1885 in Neusohl, Slowakei, zuständig
nach Wien, mos., Bankbeamter, war ab 1.5.1939 in der Glockengasse 18
gemeldet, von wo er am 27.4.1942 mit seiner Gattin Grete Fleischmann,
geborene Hirsch, geb. am 29.2.1888, nach Izbica, in das damalige Generalgouvernement
deportiert wurde.
Zum besseren Verständnis der damaligen Ereignisse halte ich fest,
daß die jüdischen Bewohner der Stadt nach der Annexion Österreichs
durch das Deutsche Reich aus ihren Wohnungen vertrieben und bis zum
Zeitpunkt ihrer Deportation in Sammelunterkünften untergebracht
wurden. Bei der Adresse Glockengasse 18 handelte es sich zweifellos
um eine solche Unterkunft. Es war uns leider nicht möglich herauszufinden,
wer sich der ursprünglichen Wohnung Ihrer Großeltern bemächtigt
hat, da die Bestände des Meldearchivs alphabetisch nach Namen,
nicht aber nach Straßen und Hausnummern geordnet sind.
Einer Erklärung bedarf auch die Information über das weitere
Schicksal Ihrer Großeltern: Der Transport, der am 27. April vom
Wiener Aspangbahnhof abging, endete nicht in Izbica, sondern in Wlodawa,
einem anderen Ghetto in Polen. Der Irrtum des Beamten im Meldereferat
ist verständlich - das Fahrtziel eines Transports wurde oft kurz
vor der Abfahrt geändert. Es ist bekannt, daß die Deportierten
gleich nach ihrer Ankunft in Wlodawa (evtl. nach einer Nacht, ganz selten
nach einigen Tagen) in ein Vernichtungslager - Belzec, Chelmo, Sobibór,
Majdanek oder Treblinka - gebracht wurden. Der beigelegten Liste können
Sie entnehmen, daß von den 999 Deportierten des 27. April 1942
niemand überlebt hat.
Das von Ihnen mitgeteilte Gerücht, demzufolge Ihre Großeltern
noch in den Jahren 1943-1944 irgendwo in Wien versteckt waren, entbehrt
jeder Grundlage."
Dieses Gerücht war viele Jahrzehnte lang die offizielle Geschichte
der Familie Fleischmann in Buenos Aires. Demnach sollen die Großeltern
in einem Keller überlebt haben und kurz vor Kriegsende entdeckt
und erschossen worden sein. Doch selbst die dürftigen Fakten, aus
denen sich nun die Wahrheit zusammensetzte, waren für die Enkelkinder
schon viel mehr, als sie bisher von ihren verschwundenen Großeltern
gewußt hatten. Das Schicksal der Großeltern erinnerte sie
an die Ereignisse während der argentinischen Militärdiktatur.
Und plötzlich wurde den Enkelkindern bewußt, daß es
auch in ihrer Famile schon Verschwundene gegeben hatte. Sie begannen
die offizielle Geschichte zu überwinden und das Schweigen zu brechen,
erinnert sich Hana Fleischmann, die Enkelin.
Die Eltern, die Wien nur einmal kurz wiedersehen sollten, hatten einander
noch vor der Flucht kennengelernt: Gerti Lüftig wohnte mit ihren
Eltern Am Tabor in der Leopoldstadt, wo ihre Mutter eine Gemischtwarenhandlung
besaß. Das Geschäft in der Förstergasse 7 war im Juli
1938, als auch Hedwig Lüftig das "Verzeichnis über das
Vermögen von Juden" ausfüllen mußte, bereits verpachtet,
und zwar zu einem Zins von jährlich 313 Reichsmark. Davon konnte
eine fünfköpfige Familie nicht leben.
Gerti und ihre Eltern schafften es noch im Sommer 1938, über Belgien
nach Argentinien zu entkommen.
Auch Fritz Fleischmann und seiner Schwester Trude gelang die Flucht.
Trude kam mit einem Kindertransport nach England. Fritz schlug sich
nach Paris durch. Im August 1939 ging er in Buenos Aires von Bord. Mit
einem Visum für Chile. Doch er konnte sich irgendwie die Erlaubnis
beschaffen, sich in Argentinien niederzulassen. 1940 heirateten Fritz
und Gerti.
Und das komplizierte Verhältnis zur Herkunft war in der Familie
immer präsent.
Die Eltern fühlten sich nicht als Juden, waren aber als solche
vertrieben worden. Deshalb kam auch eine Rückkehr für sie
nie in Frage.
Doch in Buenos Aires war Wien das häufigste Gesprächsthema
bei Tisch. Zu Hause wurde deutsch gesprochen, und die Wochenenden verbrachte
die Familie oft im Club der Exilösterreicher. Dort sei gesungen
und getanzt worden, es habe Knödel und Gulasch gegeben und immer
wieder Wiener Walzer. Und regelmäßig sei dann die Stimmung
gekippt, erinnert sich Hana Fleischmann. Traurigkeit und Schmerz kehrten
immer wieder und Anlaß dafür gab es bald auch in Argentinien
selbst. Die Eltern hatten oft Angst um ihre Kinder.
Es war zwar nicht der bereits bekannte Faschismus, der das Land in den
70er Jahren beherrschte, aber der politische Instinkt der Eltern erwies
sich als richtig. Ihre drei Kinder, Leo, Miguel und Hana waren längst
von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit ergriffen. Und als das Bürgertum
sich militarisierte und die Generäle sich an die Macht putschten,
reagierte eine ganze Generation Jugendlicher militant. Auch Leo und
Hana waren im Widerstand. Wenigstens so lange wie möglich. Denn
die Jagd nach den sogenannten Subversiven und Linken, die meist mit
Folter und Mord endete, erreichte auch Hana und Leo. Nur Stunden bevor
ihre Wohnungen gestürmt wurden, tauchten sie unter und flohen ins
Exil: Nach Israel, Italien, Mexiko. Und sie adoptierten Kinder verschwundener
Genossen.
Und an diesem Punkt der Familiengeschichte wird klar, daß es
um eine Spiegelung über vier Generationen geht, um vergleichbare
Schicksale in verschiedenen Kontinenten und in verschiedenen Sprachen:
Die Großeltern verschwunden, die Eltern geflüchtet, die Kinder
geflüchtet und die Enkel schließlich Kinder von Verschwundenen.
Auf der Gedenktafel für die Großeltern heißt es deshalb:
Aún siguen "desaparecidos". Immer noch sind sie "Verschwundene".
Wobei "verschwunden" für "desaparecido" eine
übersetzerische Hilfskonstruktion darstellt. Denn der Begriff ist
aus der lateinamerikanischen Realität entstanden, beschreibt aber
eine Realität, die es schon vorher im nationalsozialistischen Deutschland
gegeben hatte. Hana Fleischmann nennt als Charakteristikum des gewaltsamen
Verschwindenlassens von Menschen, daß dieser Zustand nie endet.
Gäbe es ein Ende, würde auch die soziale Folter enden. "Dieses
Ende gibt es erst am Tag, an dem ich den Körper meines Großvaters
finde, oder erfahre, wo er gestorben ist, oder wer ihn umgebracht hat."
Daraus entstand der Gedanke: wenn es schon kein Grab gibt, dann soll
Gedenken wenigstens dort möglich sein, wo die Großeltern
gelebt haben. In der Liechtensteinstraße.
Erich Hackl hat sich um die Realisierung der Gedenktafel gekümmert,
hat mit der Hauseigentümerin Kontakt aufgenommen - und sich eine
Abfuhr geholt. Nein, die Fassade stünde dafür nicht zur Verfügung.
Die Argumente sind wie meistens in solchen Fällen
vorgeschoben bis absurd. Etwa, daß es auch andere Opfer gebe,
die noch kein Denkmal hätten. Erich Hackl dreht diesen Gedanken
um und träumt von einer Gedenktafel für jedes einzelne Opfer.
Warum nicht eine Tafel auch für jede zwangsgeräumte Wohnung,
für jedes arisierte Haus? Jede zweite Wiener Apotheke würde
heute noch sichtbar gezeichnet sein. Tausende Gedenkstätten würden
sich wie ein Mosaik zu einem zweiten Stadtplan zusammenfügen. Eine
faszinierende Vorstellung.
Doch vorerst erfordert nur eine einzige Tafel Erich Hackls Hartnäckigkeit.
Und er setzt eine Gedenktafel im öffentlichen Raum durch: auf dem
Gehsteig direkt vor dem Haus. Die Wiener Bürokratie ist unerwartet
flink und gar nicht schikanös. Ende März nimmt der Bezirksvorsteher
stolz an der Enthüllung teil. Und kurze Zeit später ist meine
Geschichte der Familie Fleischmann und ihrer Gedenktafel im Radio zu
hören.
Die Sendung*, eine 30 Minuten lange Dokumentation, löst Reaktionen
von Hörern aus: Eine Klosterneuburgerin meldet sich, um mich auf
einen aktuellen Gedenktafelstreit aufmerksam zu machen. Zuerst erscheint
mir die Geschichte wie eine Provinzposse, vielleicht geeignet, eines
dieser derzeit so beliebten Dramolette daraus zu machen, doch zuvor
will ich doch wissen, worum es genau geht, wer ein sichtbares Zeichen
verhindert, für wen Gedenken in Klosterneuburg nicht stattfinden
soll. Und die Neugier lohnt sich. Es entsteht fast wie von selbst eine
Sendung** über die verschwundenen Klosterneuburger Juden und wie
sehr sie vergessen worden sind.
(Der 2. Teil folgt)
Anmerkungen:
* "Verschwunden aus Wien Geschichte einer Gedenktafel".
Ö 1, Journal-Panorama, 10.4.2002, 18.25 Uhr
** "Die vergessenen Juden von
Klosterneuburg". Ö 1, Journal-Panorama, 16.7.2002, 18.25 Uhr
Manfred Steinhuber, geboren 1948 in Wels. Erlernte
Berufe: Musiker und Magister iuris. Derzeit tätig als Redakteur
der Ö 1-Sendung Journal-Panorama und als Lehrer für Radiojournalismus
am Polycollege Stöbergasse in Wien sowie für "Zeitgeschichte
im Radio" am Internationalen Journalismus Zentrum der Donauuniversität
Krems.
5. Oktober 2002
Leserbrief
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