Fast ein nationaler Notstand

Der Fußball in der Krise

Italiens Fußball ist nicht mehr bezahlbar. Seit 1996 stiegen die Umsätze um hundert, die Kosten um zweihundert Prozent. Die italienische Oberliga macht zwar einen Gesamtumsatz von 1,159 Milliarden Euro (Saison 2000/2001), aber das meiste davon - 870 Millionen Euro - geht in die astronomischen Spielergehälter (beim AC Mailand sind es 70 Prozent, beim AC Florenz sogar 97 Prozent des Umsatzes).

Von Cecilia Saltini

In Italien ist Fußball für Millionen von Menschen nicht einfach ein Sport oder nur ein Spaß, sondern eine tragende Säule ihres Lebens, ein echtes Geschenk, ohne das sie nicht mehr leben könnten.
Vor kurzem haben diese Millionen die schlimmsten Wochen ihres Lebens verbracht. Weshalb? Weil sie die Angst durchleiden mussten, die italienische Meisterschaft würde vielleicht gar nicht stattfinden können oder jedenfalls würden die Spiele nicht im Fernsehen übertragen werden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte lediglich der Zweite Weltkrieg die italienische Fußballmeisterschaft verhindern können; tatsächlich fanden in den Jahren 1943 bis 1945 keine Meisterschaften statt. Die Aussetzung des gegenwärtigen Turniers wäre also ein wirklich außerordentliches Ereignis gewesen.
Nach mehreren Jahren voll pharaonischer Gehälter, die allen möglichen Spielern und Trainern gezahlt wurden, haben die Vereinsvorsitzenden jetzt damit begonnen, ihre Bilanzen einmal genauer nachzurechnen, und dabei entdeckt, dass die Kassen leer waren. Außerdem hat die Lega Calcio, das ist die italienische Fußball-Liga, einen verbissenen Rechtsstreit mit dem Staatsfernsehen Rai angefangen: Die Liga verlangt von der Rai 90 Millionen Euro für die Erlaubnis, ein Jahr lang alle Spiele zu übertragen; die Rai aber will so viel Geld dafür nicht ausgeben.
À propos Fernsehen: Die acht kleinsten Mannschaften in der Serie A-Meisterschaft (Atalanta, Brescia, Chievo, Como, Empoli, Modena, Perugia, Piacenza) und drei in der B-Meisterschaft (Venezia, Verona und Vicenza) wollten von Kabelfernsehen 80 Millionen Euro für die TV-Sendelizenzen, aber das Kabelfernsehen bot nicht mehr als 50 Millionen Euro. Die Mannschaften drohten damit, den Beginn der Meisterschaft zu verschieben und ein neues Kabelfernsehen zu gründen, das von den elf Mannschaften in eigener Regie geführt würde.
In dieser für Millionen Fußballbegeisterte chaotischen und wirklich traurigen Lage hat nun der Inter-Mailand-Spieler Ronaldo mitgeteilt, daß er künftig nicht mehr bei Inter, sondern nur noch für Real Madrid spielen würde; und die Fiorentina, die Mannschaft von Florenz, erklärte sich für zahlungsunfähig und wurde zur Serie-A-Meisterschaft gar nicht mehr zugelassen. Das alles passierte im August und Anfang September. Millionen Sportsfreunde werden diesen Sommer nie vergessen.
Im nächsten Kapitel dieses Romans haben die Serie-A-Mannschaften die Regierung darum gebeten, für den italienischen Fußball den Ausnahmezustand auszurufen - wegen dessen Schulden. Die Linke protestierte sofort. Ihre Abgeordneten äußerten sich dahingehend, dass Berlusconi die nationale Fußball-Krise schon deshalb nicht erklären könne, weil er selbst der Vorsitzende der Mailänder Mannschaft ist (allerdings hatte die Regierung schon vorher mitgeteilt, dass sie die Idee nicht aufgreifen würde). Der Krisen-Status wäre für die Mannschaften sehr günstig gewesen, weil damit die Regierung die Möglichkeit gehabt hätte, Steuererleichterungen oder sogar Steuerfreiheiten zu gewähren oder doch wenigstens die Schulden der Mannschaft zeitlich zu strecken. Der Arbeitsminister Robert Maroni entrüstete sich folgendermaßen: "Wie kann man überhaupt auf die Idee kommen, den Krisen-Status zu verlangen? Man sollte mehr Schamgefühl beweisen. Die Regierung erklärt den Krisen-Status allenfalls im Bereich der Arbeit, wo ein Arbeiter nicht einmal in zehn Jahrenzeit das verdienen kann, was Ronaldo und irgendein anderer Spieler oder Trainer in einem einigen Monat verdient." Der Roma-Spieler Francesco Totti war da aber ganz anderer Meinung: "Ich bin kein Nabob, sondern ein einfacher Berufssportler, der durch seine Arbeit gutes und ehrliches Geld verdient. Ich gebe zu, dass mein Beruf privilegiert ist und dass ich Glück habe, weil die Natur mir das Talent gegeben hat, das, was ich am liebsten tue, nämlich Fußball, gut zu tun. Rund um den Fußball geht es um ungeheuer viel Geld. Wir liefern das Produkt und schaffen damit Reichtum, aber das Talent und also das Gehalt sind immer mit harter Arbeit und persönlichen Opfern verbunden. Wir stehlen nicht, was wir verdienen, und nicht wir, sondern die Leute, die den Schlüssel zur Kasse in der Hand haben, legen unser Gehalt fest. Außerdem haben wir als Fußball-Spieler - und das heißt: als prominente Personen - viele zusätzliche Verantwortungen. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass unsere Karriere nur wenige Jahre dauert."
Was sonst nur im Märchen passiert oder eben in Italien: Die Mannschaften haben durch geschickte "Spieler-An und -Verkäufe" ihre Kassen fast schon wieder gefüllt; die Rai und die Liga haben ein Abkommen erreicht, demzufolge die Rai der Liga 62 Millionen Euro für die Sende-Rechte zahlen wird; die Serie-A-Mannschaften haben mit dem Kabelfernsehen inzwischen ebenfalls eine Vereinbarung geschlossen und werden kein eigenes Fernsehen gründen.
Die Meisterschaft hat angefangen. Ronaldo ist nach Madrid gegangen, aber die Inter Fans vermissen ihn nicht mehr, ganz im Gegenteil, sie freuen sich, weil er sowieso schon ziemlich kaputt ist und nicht mehr so gut spielt wie früher und weil Inter aufregende neue Spieler eingekauft hat.
Da aber auch in den Märchen nicht allzu viele Wunder passieren können, wurde die Mannschaft von Florenz in die Serie C2 zurückgestuft und heißt jetzt nicht mehr Fiorentina, sondern Florentia.
So ist nach all der Aufregung immerhin fast alles wieder, wie es war.

27. Oktober 2002

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