Freibrief für die Multis oder ein neuer Weg zu mehr Verantwortung?

Global Compact der UN

Die Chemie-Konzerne BAYER und BASF gehören zu den Erstunterzeichnern des "UN Global Compact" vom Juli dieses Jahres. Darin verpflichten sich 44 internationale Unternehmen, Umweltschutz, Menschenrechte und eine sozial gerechte Entwicklung zu fördern. Musterprojekte sollen das Engagement belegen.
Eine Überprüfung der Projekte findet jedoch nicht statt, unabhängige Beobachter werden nicht angehört. "Der Global Compact ist zahnlos und braucht die Kontrolle der Vereinten Nationen und eine Rechenschaftspflicht der Konzerne" (Kenny Bruno von CorpWatch).

Von Hans-Christoph Neidlein

"Lasst uns versuchen, die Macht des Marktes mit der Autorität der universalen Ideale zu verbinden". Mit dieser Vision ruft Friedensnobelpreisträger Kofi Annan vor allem internationale Unternehmen dazu auf, sich dem Globalen Pakt der Vereinten Nationen anzuschließen. Die vor zwei Jahren gestartete Initiative ist der Versuch der UN, die multinationalen Konzerne verstärkt in die soziale Pflicht zu nehmen, Erfahrungsaustausch und "Best Practice" Beispiele zu fördern sowie die Akzeptanz der Vereinten Nationen in der Wirtschaft zu stärken. Ist es ein neuer Weg für mehr Verantwortung in einer globalisierten Welt oder der Ausverkauf der UN an die Multis?

Mit der Teilnahme am Global Compact verpflichten sich Unternehmen und sonstige private Institutionen auf freiwilliger Basis zur Einhaltung von allgemein gehaltenen Grundsätzen der Menschenrechte, des Umweltschutzes sowie der Arbeitsrechte im Rahmen ihrer Unternehmenspolitik (siehe Kasten). Diese sind allesamt bereits in internationalen Konventionen wie der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, der Rio-Deklaration von 1992 oder den Erklärungen des Weltsozialgipfels von 1997 formuliert. Mitmachen können Unternehmen, deren Vorstandsvorsitzende sich schriftlich für die Unterstützung der Ziele des Paktes aussprechen und sich verpflichten, einmal jährlich ein gelungenes Beispiel für die Umsetzung eines seiner Ziele zu veröffentlichen. Zudem muss die Bereitschaft vorhanden sein, in konkreten Projekten strategische Partnerschaften mit den UN zu entwickeln sowie die Prinzipien des Paktes in die Unternehmensphilosophie zu integrieren. Aktionäre und Mitarbeiten müssen zudem über die Ziele des Global Compact informiert werden. Dafür haben sie die Möglichkeit, nach schriftlicher Erlaubnis das Logo der Vereinten Nationen im Rahmen der Zusammenarbeit zu verwenden. Bisher war eine kommerzielle Nutzung des UN-Logos strikt ausgeschlossen.

Über 400 Unternehmen und Verbände schlossen sich seit Juli 2000 dem Bündnis an. Darunter bekannte Konzerne wie ABB, Aventis, BP, BMW, Credit Suisse Group, DaimlerChrysler, Nike, Novartis, Rio Tinto, die UBS AG oder Unilever. Auch Unternehmerverbände wie die Internationale Handelskammer (ICC) sowie Gewerkschaftsverbände, Amnesty International, Human Rights Watch, IUCN, WWF und weitere Nicht-Regierungs-Organisationen wie Transparency International sowie wissenschaftliche Einrichtungen unterzeichneten den Pakt.

Die 9 Prinzipien des Globalen Paktes (Global Compact) der Vereinten Nationen

Menschenrechte

1. Die Wirtschaft sollte den Schutz der international verkündeten Menschenrechte unterstützen und achten und
2. sicherstellen, dass sie sich nicht an Menschenrechtsverletzungen beteiligt.

Arbeitsbedingungen

3. Die Wirtschaft sollte die Vereinigungs- und Tariffreiheit wahren sowie
4. für die Beseitigung aller Formen der Zwangs- oder Pflichtarbeit,
5. die tatsächliche Abschaffung der Kinderarbeit und
6. die Beseitigung der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf eintreten.

Umwelt

7. Die Wirtschaft sollte umsichtig mit ökologischen Herausforderungen umgehen,
8. Initiativen zur Förderung eines verantwortlicheren Umgangs mit der Umwelt durchführen und
9. sich für die Entwicklung und Verbreitung umweltfreundlicher Technologie einsetzen.

Das Fazit der ersten Pilotphase des Paktes bis Oktober 2001 fiel allerdings eher mager aus. Nur eine kleine Minderheit der Unternehmen, nämlich 30, reichten trotz Aufforderung, einen ersten Bericht über erfolgte Umsetzungsmaßnahmen ein. Davon nahmen ganze 15 Bezug auf die Grundsätze des Global Compact. Kritische Stimmen auch innerhalb der UN wurden deshalb lauter und so beschleunigte Kofi Annan das Procedere. Er berief im Januar diesen Jahres einen Beirat, welcher die am Ergebnis orientierte Beteiligung verbessern und die Integrität des Global Compact schützen soll. Dem siebzehnköpfigen Beirat gehören zehn Vertreter der Wirtschaft, zwei der Gewerkschaften sowie fünf Personen von NGOs und der Wissenschaft an. In mehreren Arbeitsgruppen versuchen diese nun beispielsweise konkrete Vorschläge für verstärkte private Investitionen von zehn bis fünfzehn Unternehmen zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung in den ärmsten Ländern zu erarbeiten. Um die Unternehmensberichterstattung zu verbessern wurde im Frühjahr eine Kooperation mit der Global Reporting Initiative (GRI) gestartet, welche 1997 von der UNEP initiiert wurde. In einer Reihe von Workshops und Konferenzen wurde seit Anfang des Jahres der Erfahrungsaustausch der Teilnehmer intensiviert, so beispielsweise zur friedenssichernden Rolle der Wirtschaft in Konfliktzonen. Mit Hilfe der teilnehmenden Firma SAP wird derzeit die Homepage des Paktes als zentrale Informations- und Lernplattform modernisiert. Ein interaktiver Dialog war dort bisher ebenso wenig möglich wie eine aktuelle Übersicht über die Teilnehmer oder deren konkrete Initiativen im Rahmen des Bündnisses.

Mittlerweile erhöhte sich die Zahl der beteiligten Unternehmen, welche Umsetzungs- oder Projektberichte veröffentlichten auf rund 45. So beschreibt beispielsweise Aventis die Partnerschaft mit der WHO in Südafrika zur Bekämpfung der Schlafkrankheit, DaimlerChrysler oder Placer Dome berichten von ihren Bemühungen beim Kampf gegen Aids. Shell stellt das Bio-Region Projekt Weeribee im Großraum Melbourne vor, BMW das Bemühen um sauberere Energie oder Nike die verbesserte medizinische Betreuung von Arbeitern in Thailand.

Kritikern ist dies allerdings noch viel zu wenig. So weist beispielsweise Brigitte Hamm vom Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg darauf hin, dass die Unternehmensberichte bisher unkommentiert im Netz stehen, ohne dass diese durch NGOs oder Wissenschaftler hinterfragt sind. "Entscheidend für den Erfolg des Global Compact ist, dass sich eine neue Kooperationskultur herausbildet", betont Hamm. Dafür seien eine verbesserte Transparenz, Partizipation, Rechenschaftspflicht und Kontrolle der erzielten Fortschritte (Benchmarking) auch bei dieser freiwilligen Vereinbarung unerlässlich. Verbindliche Pflichten des Paktes für die Wirtschaft verlangen NGOs wie Attac oder die "Alliance for a Corporate-Free UN", sonst sei er nicht mehr als ein Freibrief für die Konzerne. Auch Umweltverbände wie Friends Of The Earth fordern anlässlich des Erdgipfels von Johannesburg die Erarbeitung einer rechtlich bindenden internationalen Konvention zur Unternehmensverantwortung.
Zehn Jahre zuvor allerdings hatte Annans Vorgänger Boutros-Ghali auf Druck der Internationalen Handelskammer sowie der USA das UN-Zentrum für transnationale Unternehmen (CTC) in New York aufgelöst. Dies sollte unter anderem die Ausarbeitung eines verbindlichen Verhaltenskodexes für transnationale Unternehmen unterstützen.

Weitere Infos unter www.unglobalcompact.org

5. Oktober 2002

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