Cousine Claudia in Frankfurt zu Besuch

Von Stefan Mangold

Verpasse sie den ICE von München nach Hamburg mit Halt in Frankfurt, fahre sie eventuell mit dem Wörtherseeexpress um 15 Uhr und steige in Darmstadt um. "Ja, Claudia, ist eine Alternative." Falls die Probe länger dauere, komme sie erst nach drei aus der Oper, "dann nehme ich den IC um 16.04 Uhr und wechsele in Heidelberg den Zug." Als Claudia mir die dritte Möglichkeit aufzählte, und ich fürchtete, unfreiwillig zum wandelnden Kursbuch der Freitagsverbindungen von Stuttgart nach Frankfurt zu werden, schlug ich vor, sie solle anrufen, bevor sie losfahre.

Sie weigere sich immer noch, ein Handy anzuschaffen. Allerdings stünden am Eingang zum Bahnhof mehrere öffentliche Telefone und dann noch eines vor Gleis acht. Es sei aber ratsam, eines von denen am Eingang zu nutzen. Falls das vor Gleis acht besetzt sei, könne es knapp werden. "Ja, Claudia, nimm eines am Eingang." Auf ihrer Telefonkarte stünden noch 0,86 Cent zu Buche. "Christian, meinst du das reicht?"- "Bestimmt."

Ich hatte seit einem halben Jahr nichts von Cousine Claudia gehört. Letzte Woche schrieb sie mir eine Mail, "Bin schwanger", mehr nicht. Ich gratulierte in der Antwort und schloss mit der Vermutung, "Marcus wird sich freuen." Worauf sie schrieb, ihre Schwangerschaft befände sich im vierten Monat und Freund Marcus sei dafür nicht verantwortlich. Am Abend rief ich Claudia an. Jetzt müsse sie zur Probe. Sie besuche mich am Wochenende. Dann hörte ich es blättern, und sie erzählte von Zugverbindungen.

Vor einem halben Jahr feierte meine Mutter sechzigsten Geburtstag. Die Verwandtschaft war zugegen, auch der schwäbische Teil, auch Claudia. Damals war Marcus noch mit, zum letzten Mal, was keiner wissen konnte. Die Angefreundeten und Angeheirateten haben in vielen Verwandtschaften oft nur kurze und mittlere Halbwertzeiten. Sie kommen einige Male zu Festen, und kaum erkennt man ihr Gesicht, sind sie ausgetauscht oder einfach weg.

Marcus ist zehn Jahre jünger als Claudia gewesen. Claudia ist jetzt 37 und die Sache mit Marcus dauerte fünf Jahre. "Den kann sie kommandieren," hatte Tante Margot, Claudias Mutter, zu meiner Mutter, Claudias Tante, gesagt, als Claudia den jungen Mann das erste mal zu Hause zeigte. Marcus war von stillem Naturell und schüchtern. Der Typ Mann, den Claudia bevorzugt. Meine Cousine hatte mir mal erzählt, sie könne nur mit Männern, "die gehorchen." Das stimmt. Alleine ihr Stimmorgan ist außergewöhnlich und lässt die Möglichkeit zum Widerspruch nicht offen. Als Altistin der Stuttgarter Staatsoper verfügt sie über eine Sprechstimme, die auf viele Männer einschüchternd wirkt. Sie selbst zitiert gerne einen Dirigenten, der über Claudia gesagt haben soll, "bei der Etzel bekomme ich Kastrationsängste." Während ihres Wochenendbesuchs hat sie die Geschichte wieder erzählt und dabei so laut gelacht, dass, es klingt übertrieben, ist aber darum nicht minder wahr, in meinem Hängeschrank die Weingläser vibrierten.

Auch mir hatte Cousine Claudia einmal Kastrationsängste bereitet. Auch wenn ich diese als solche im Alter von vierzehn Jahren nicht hätte benennen können. Damals war ich bei Tante Margot in den Ferien in Bretten zu Besuch, und Claudia meinte zu mir, "Ich glaube, wir sollten mal ficken." Das glaubte ich nicht. Die Cousine war damals schon einen Kopf größer und ferner noch das, was in meiner Odenwälder Heimat und anderswo als "gut beieinander" umschrieben wird. Will heißen, nicht unbedingt fett, aber der Typ Brunhilde wie aus der Nibelungensage, dem zuzutrauen ist, einen Mann, der nicht spurt, an den Nagel zu hängen, einen Buben wie damals mich schon allemal. Jedenfalls lehnte ich ihr Angebot zum Geschlechtsakt mit dem Hinweis auf unsere Verwandtschaft ab. "Dann eben nicht", Claudia war nicht böse.

An dieser Stelle muss ich gestehen, bei späteren onanistischen Betätigungen meinerseits, gerade zum Finale hin, an Claudias Vorschlag gelegentlich zurückgedacht zu haben. Nicht nur das. Ich malte mir Details aus, wie was hätte sein können. Dann reute mich meine Ablehnung. Hinterher ging ich mit dem einstigen Entscheid wieder d'accord.

Beim Geburtstag meiner Mutter sorgte Claudia mit dem Vorschlag, die Anwesenden sollten sich einem bestimmten Gesellschaftsspiel widmen, für Aufmerksamkeit. "Leute, lasst uns Fucking Kreppband vor dem Kopf spielen," dröhnte es durch das von unserer geschlossenen Gesellschaft belegten Restaurant. Es war schon spät. Viele waren bereits gegangen, nicht meine Mutter. Mutter ist strenge Protestantin. Einflüsse aus dem Bereich der Sexualität in Umgangssprache zu verwenden meidet Mutter bewusst. "Unter der Gürtellinie ist heilig", klärte sie uns Kinder auf.

Ich hörte im ersten Moment nichts als das aus dem Englischen stammende Wort "fucking". An sich schenke ich dem und ähnlichem die gleiche Bedeutung wie "Scheiße" oder "Mist". Ich nehme es kaum wahr. Doch durch die Anwesenheit meiner Mutter und möglicherweise auch im Einklang mit der Wirkung einer Haschischzigarette, die ich Minuten zuvor draußen vor der Türe mit meinem jüngeren Bruder Johannes inhaliert hatte, fühlte ich mich für einen Moment in die Ängste der Kindheit versetzt. Nachdem "fucking" erklang, standen mir Schweißperlen auf der Stirne. Die anderen nahmen es lockerer. Was "Fucking Kreppband vor dem Kopf" denn sei, kam aus der Runde die Frage an Claudia. Wer bei diesem Spiel am Zug ist, muss durch geschicktes Fragen eine ihm persönlich bekannte Person oder eine des öffentlichen Lebens erraten. Deren Name steht dem Ratenden auf einem Stück Kreppband auf der Stirne geschrieben. Nachdem Claudia die Regeln erklärt hatte, begann das Spiel. Im Restaurant war zwar kein Kreppband vorrätig, doch mit Tesafilm und kleinen Zetteln ging es auch. Meine Mutter brach in Begeisterung aus, nachdem es ihr bei der siebten von zehn gestatteten Fragen gelungen war, Dorfpfarrer Fröbe zu erraten, "tolles Spiel, das fucking Kreppband vor dem Kopf." Offensichtlich wusste sie das Verb to fuck nicht zu übersetzten. Aufgewachsen im Badischen, lernte sie einst nur Französisch als Fremdsprache.

Mein Vater hätte es gewusst. Jahre nach seinem Tod fand ich auf dem Dachboden einen Brief seines besten Freundes Karl, aus dem hervorging, dass Vater in den sechziger Jahren während der Landwirtschaftsmessen in Hannover immer wieder eine Hure namens Heidi aufgesucht hatte. Vater schien das mit Heidi ernst zu nehmen. Karl warnt, "wegen einer Nutte nicht die Ehe zu gefährden." Jedenfalls denke ich, einer, der zu Huren geht, weiß was "fuck" heißt, Englisch gelernt hin oder her. Ob er es Mutter übersetzt hätte, ist fraglich.

Vater starb vor zwanzig Jahren. Mit dem Mähdrescher wollte er vor einsetzendem Regen Heu einholen. Als er das Gefährt verließ, um seine Blase zu erleichtern, entzog er sich dem Schutz eines Faradeyschen Käfigs. Tödlich traf ihn der Blitz.

Für die Familie war es ein Segen, dass Vater einen Monat zuvor eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte. Meine Mutter bekam eine halbe Millionen Mark, die Felder wurden verpachtet. Wir drei Kinder mussten nicht darben. Mutter auch nicht. Heute spekulieren wir darauf, dass der Boden Bauland wird. Wir drei wären dann im Falle der Erbschaft gemachte Leute. Unsere Schwester Rebecca ist auch ohne das Geld schon saniert. Ihre Praxis als Zahnärztin läuft wohltuend gut. Johannes und ich sind zwar die älteren, doch prosperiert hat von uns keiner. Johannes ist Maler und schlägt sich mit Aktzeichnenkursen und selten verkauften Bildern durch. Ich organisiere Städtereisen für ausländische Studierende an Goetheinstituten. Es läuft eher schlecht als recht. "Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles", meint Gretchen im Faust. Recht hat's. Zurück zur Cousine.

Claudia rief an. Sie telefoniere jetzt doch mit dem Apparat vor Gleis acht. Am Eingang seien alle besetzt gewesen, "nur, stell dir vor, Gleis acht war frei." Sie käme um 17.31 in Frankfurt an. Leider habe man ihr in Stuttgart nicht sagen können, auf welchem Gleis. Aber in Frankfurt hingen Pläne aus, auf denen das stünde. Oder ich solle auf die Ankunftstafel schauen. Oder bei der Information fragen. Hätte der Zug Verspätung, sollte ich die Wochenzeitung "Die Zeit" kaufen. Im Feuilleton sei sie erwähnt. Das hätte mir Claudia nicht sagen müssen. Denn steht ihr Name irgendwo in der Zeitung, schickt Claudias Mutter, Tante Margot, den Artikel meist meiner Mutter. Die macht drei Kopien und sendet die an ihre Kinder. Es werden nur Kritiken weitergeleitet, in denen Claudias Gesang löblich besprochen wird. So wie jetzt in der Partie der Fricka in Wagners Walküre, "eine Stimme wie ein stählerner Strahl kracht über das Orchester hinweg".

Claudia kam zehn Minuten verspätet, "Einmal ein pünktlicher Zug," polterte sie mir auf dem Bahnsteig schon von weitem entgegen. Als meine Cousine mich an sich drückte, hatte ich das Gefühl, sie würde mich hochheben. Jedenfalls war mir für einen Moment, als haftete ich mit keinem Fuß mehr auf dem Boden. "Mein Christkind" rief sie durch die Weiten der Frankfurter Bahnhofshalle. So nannte sie mich schon als Kind gelegentlich in Anlehnung an meinen Vornamen. Damals hasste ich das, was Claudia reizte. Heute ist mir der Kosename manchmal nicht unangenehm. Ich fühle mich dann etwas jünger. Aber mir ist es lieber, in Umgebungen so tituliert zu werden, wo Claudia keine Fremden hören können. Claudia sieht das anders. Passanten im Umkreis von fünfzig Metern schauten her, um Mitte Mai das Christkind zu betrachten. Ich meinte, auf den Mündern der Reisenden, Ankommenden und Abholenden vielfaches Schmunzeln zu beobachten.

Mit der Einrichtung meiner Wohnung zeigte sich Claudia unzufrieden. Der Schrank stünde zu dicht am Fenster. Die bordeauxrote Farbe der Vorhänge verursache dem Betrachter Depressionen. Überhaupt sei es sinnvoller, im einen statt im anderen Zimmer zu schlafen. Claudia bot an, sofort Hand anzulegen und zumindest erst den Schrank dahin zu stellen, wo jetzt der Schreibtisch stand, und den Schreibtisch ins größere Zimmer zu hieven. "Aber Claudia, ich denk, du bist schwanger?" Tatsächlich. Der Einwurf half. Claudia setzte sich auf das "widerliche Sofa". Ja, sie sei schwanger, wie geschrieben im vierten Monat. Marcus habe bald nach der Geburtstagsfeier meiner Mutter Schluss gemacht. Sie sei ihm zu dominant gewesen, "der Bub rebellierte." Claudia lachte auf. Ich fürchtete um die Feierabendruhe meiner Nachbarn. Wer aus dem gemeinsamen Domizil nun ausgezogen sei, wollte ich wissen. "Niemand."

Vor drei Jahren baute Claudia mit ihrem Freund einen Bungalow in der Nähe von Vaihingen. Meine Cousine kalkulierte eine spätere Trennung bei der Planung mit ein. Das Haus sei damals so konzipiert worden, dass es sich im Fall der Fälle mühelos in zwei Hälften teilen ließe. Marcus habe nun eine größere Küche und das kleinere Bad und sie das größere Bad, und "gekocht habe ich sowieso nie." Trotzdem sähen sie sich doch immer noch ständig, warf ich ein. "Nein, jetzt steht die Mauer." Gemeinsam hätten sie ein Grenzwerk in Mitten des Hauses gezogen. Vor Einbau der letzten Steine gaben sie einander hinüber die Hand, "das war's dann." Damit erklärte sich aber nicht die Schwangerschaft.

Trotz aller Vorausschau habe sie dennoch über Wochen Unbehagen empfunden, "ich fühlte mich scheiße einsam." Ihr Missmut führte so weit, dass sie sich auch stimmlich nicht mehr auf der Höhe befand. Ein Konzert sagte sie ab, "das reichte". Claudia handelte und rief den Freund an, den sie damals wegen Marcus hatte sausen lassen. Der sei ihr zwar gegen Ende hin öde geworden, doch "im Bett war er immer recht brauchbar".

Dem Ehemaligen erzählte sie bündig von den Ereignissen und ihrem Bedürfnis nach Ablenkung, "Ich brauche dringend einen Fick". Der zeigte sich einverstanden mit einem Termin in zwei Wochen, an dem dessen mittlerweile Angetraute zu Besuch bei ihrer Mutter im tschechischen Ostrau weilen würde.

"Schwanger von einem verheirateten Mann, oh je, Cousine," zog ich Bilanz. Voreilig. Die Geschichte sei nicht zu Ende. "Sei still", mahnte mich Claudia zur Ruhe. Denn einen Tag nach der ehebrecherischen Verabredung erzählte sie dem zweiten Oboisten und ersten Englischhornisten der Staatsoper Stuttgart in der Kantine von dem geplanten Verkehr. Da sie den Musiker schon immer "recht schnuckelig" gefunden habe, sei ihr "spontan eine neue Idee" gekommen. "Eigentlich können auch wir beide ficken," habe sie dem Oboisten mitgeteilt. Der leistete keinen Widerstand. Nach der gemeinsamen Bühnenprobe seien sie zwecks Kauf von Kondomen in einer Apotheke gewesen.

Der Englischhornist bekochte Claudia anschließend bei sich zu Hause, quasi als Vorspiel. Nach dem letzten Bissen habe er vorgeschlagen, sich einander auf dem Sofa sitzend zu näheren. Das lehnte Claudia ab, "Sparen wir uns das Gefummel". Statt dessen ging sie in dessen Schlafzimmer und zog den Holzbläser an der Hand mit. Sie habe sich sofort ausgezogen. Als ihr Sexualpartner in spe sie überrascht anschaute, verlangte sie gleiches von ihm, "Stell dich nicht mädchenhaft an". Dann lagen die beiden unter der Decke nebeneinander. Beklommenheit stellte sich ein, sogar bei Claudia. Plötzlich habe sie den Moment als "grotesk" empfunden. Der stellvertretende Solooboist fühlte wohl ähnlich. Dem folgenden Ringen um Leidenschaft fehlte Esprit und Gelassenheit. Schließlich habe man auf Nutzung der Präservative verzichtet. In der angespannten Situation sich um technische Belange wie Öffnen der Packung und Überstreifen des Inhalts zu kümmern, hätte das schwache Licht der Lust womöglich rasch erlöschen lassen. "Der Fick war für die Füße", resümierte Claudia mir gegenüber. Zum Oboisten meinte sie im Anschluss, "gerade hast du mich geschwängert." Der zeigte sich nicht irritiert, "Das wäre kein Beinbruch". Da hatte er Recht.

Zwei Wochen später wartete Claudia auf ihre Periode. Vergeblich. Wieder betrat sie eine Apotheke, diesmal wegen eines Schwangerschaftstests. Den Oboenspieler überraschte der Befund nicht. Die beiden schliefen zum zweiten Mal miteinander. "War jetzt besser", schloss Claudia den Teil des Berichts.

Angedacht, doch schnell verworfen, wurde ein Abbruch. Der Vater ist noch jünger als Marcus. Benjamin, von Claudia Benny genannt, zählt 25 Lenze. Claudia hat nach Ansicht des Ultraschallbildes vor, ihren Sohn Papageno zu nennen.

Claudia machte Benjamin auf die Problematik eines zwölfjährigen Altersunterschiedes aufmerksam. Etwa darauf, dass sie sich in acht Jahren inmitten der Wechseljahre befände und in der Zeit "auf Sex bestimmt keinen Bock habe". Er hingegen sei dann 33, ein Alter, in dem Männer die Neigung entwickelten, nach jüngeren Frauen Ausschau zu halten. "Was dann?" Benny gelobte, solches auch später zu lassen.

Nächste Woche werde sie mit Marcus sprechen. Seine letzten Raten der Hypothek habe sie übernommen. "Der Mann ist pleite." Es wäre das beste, Benny übernähme dessen Hälfte des Hauses, ziehe ein und Marcus aus. "Die Mauer wird dann abgetragen." Beim Bau hatte Claudia einen möglichen Abriss bedenkend bestimmten Mörtel verwendet, "das Zeug klebt nicht besonders fest". Die Steine wolle sie dann im Garten stapeln, vor Wind und Wetter durch eine Plane geschützt, denn "irgendwann emanzipiert sich Benny bestimmt".

Beim Abschied auf dem Bahnhof eröffnete mir Claudia, wen sie zu Papagenos Patenonkel auserkoren habe, "Dich, Christian". Ich warf ein, kein origineller Schenker zu sein. Weihnachten würde ich schon seit Jahren ignorieren und darauf legten Kinder besonderen Wert. Den Einwand ließ Claudia nicht gelten, "zweimal im Jahr wird dir was einfallen". Ich änderte meine Argumentation.

Mit achtzehn trat ich zum Leidwesen meiner Mutter aus der evangelischen Kirche aus und in eine indische Sekte ein. Nach drei Jahren war ich dort nicht mehr zufrieden und kündigte die Mitgliedschaft. Seitdem bin ich nur noch in einem Verein eingeschrieben, der Johanniter Unfallhilfe. Das rührt daher, dass einmal zwei Frauen an meiner Türe klingelten, und beide gefielen mir äußerlich gut. Sie hatten wenig Mühe, mich von den wichtigen Aufgaben der Johanniter Unfallhilfe und der Notwendigkeit der Unterstützung durch mich zu überzeugen. Seit dem fließen monatlich zwanzig Mark von meinem Konto ab. Ich muss mich endlich drum kümmern, das zu beenden.

Die Damen habe ich nie mehr gesehen. Das liegt jetzt fünf Jahre zurück, macht 1200 Mark. Dafür hätte ich vierundzwanzig Mal im Bahnhofsviertel ein Bordell besuchen können. Das Gespräch mit den Unfallhelferinnen dauerte damals fünfzehn Minuten, solange wie für fünfzig Mark Puff. Dafür stehen monatlich 10,26 Euro, abgebucht im Quartal, in keinem Verhältnis. Ich muss das beenden.

In die evangelische Kirche bin ich also nicht wieder eingetreten. Das entgegnete ich Claudia, um mich für die Aufgabe zu disqualifizieren. Ich ging noch weiter. Sicher gäbe es Pfarrer, die sich liberal gebärden und Konfessionslose wie mich am Taufbecken stehen ließen. Ein solches Verhalten erachtete ich als prinzipienlos. Die Kirche stehe für keine Inhalte mehr. Claudia sah das ein. Zum Abschied hob sie mich wieder leicht an.

Gestern bekam ich einen Brief. Von Claudia. Sie habe die Sache mit der Patenschaft überdacht. Es gäbe nur eine Lösung. Anbei lagen Eintrittsformulare für die evangelische und die katholische Kirche. "Wo Du eintrittst, ist egal, die Taufe wird ökumenisch." Ich weiß nicht, was ich machen soll.

5. Oktober 2002

Leserbrief

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