|
|
|
Neoliberalismus Aufstand im Hinterhof Was mit dem Aufstand gegen das "Multilaterale Abkommen über Investitionen" (MAI) noch einmal abgewehrt werden konnte, versuchen die USA jetzt in ihrer Hemisphäre mit dem erneuten Versuch einer Diktatur des Neoliberalismus. Das wieder hinter geschlossenen Türen verhandelte Abkommen hätte beängstigende Folgen: In der sogenannten "Free Trade Area of the Americas" könnten Unternehmen eine Regierung, die etwa gentechnisches Getreide verbietet, vor einem internationalen Gericht verklagen; staatliche Umwelt-Maßnahmen zur Reinhaltung der Luft und des Wassers oder zur Verminderung des Treibhauseffekts wären ebenfalls verboten, da sie als Behinderung des sakrosankten Freihandels betrachtet würden; ebenfalls vorgesehen ist die völlige Privatisierung ("freie Konkurrenz") aller Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Museen, Gefängnisse und anderer bislang kommunaler bzw. staatlicher Dienstleistungen. Von Werner Hörtner
Als 1999 die Verhandlungen über die Gesamtamerikanische Freihandelszone begannen, war für Washington die Welt noch in Ordnung. Die lateinamerikanischen Regierungen schienen richtig hungrig danach zu sein, sich unter die ökonomische Oberhoheit der USA zu begeben; "Dollarisierung" hieß das Zauberwort, das die kränkelnden Nationalwirtschaften sanieren sollte. Doch dann kam zu Jahresende Seattle, das Scheitern der Konferenz der Welthandelsorganisation, das auf eindringliche Weise die Kraft des zivilgesellschaftlichen Widerstandes gegen die neoliberalen Wirtschaftspraktiken bewies. Auch im kanadischen Québec, wo im April 2001 die ALCA-Verhandlungen konkretisiert wurden, war dieser Widerstand allgegenwärtig. In dem zur Festung ausgebauten Konferenzgebäude wurde schließlich festgelegt, den alle Staaten der Hemisphäre mit Ausnahme des Parias Kuba umfassenden Freihandelsvertrag bis zum Jahr 2005 unter Dach und Fach zu bringen.
Brasilien nimmt durch die Bedeutung seiner Volkswirtschaft im gesamtamerikanischen
Kontext eine Schlüsselrolle in der Kritik an der US-amerikanischen
und großenteils auch kanadischen Position ein. Diese
Kritik wurde auch schon vom Noch-Präsidenten Fernando Henrique
Cardoso formuliert. Unter dem Schlagwort "Export oder Tod!"
wandte sich Cardoso gegen die nordamerikanischen Bemühungen, ihren
eigenen Markt weiterhin durch Handelsbarrieren zu schützen. Für
die lateinamerikanischen Länder ist die Ausfuhr in die USA, dem
weltweit größten Verbrauchermarkt, von existentieller Bedeutung. Der wichtigste Motor des Widerstands gegen die Gesamtamerikanische
Freihandelszone sind jedoch nicht Regierungen, sondern zivilgesellschaftliche
Initiativen. Dabei wird die Phalanx der Gruppen, die gegen ALCA ankämpfen,
immer breiter und organisierter. Und auch hier spielt Brasilien eine
Vorreiterrolle. In der ersten Septemberwoche führte ein Zusammenschluss
von rund 60 Organisationen darunter die Katholische Bischofskonferenz,
die Landlosenbewegung MST, die unabhängige Gewerkschaft CUT
in ganz Brasilien ein Referendum in Sachen Freihandelszone durch. Bei
dieser rechtlich unverbindlichen Abstimmung sprachen sich
über zehn Millionen Menschen, immerhin ein Zehntel der Wahlberechtigten,
gegen einen ALCA-Beitritt aus. Und das, obwohl sich die Parteispitze
der Arbeiterpartei (PT) gegen eine Beteiligung an dem Referendum ausgesprochen
hatte, um dieses nicht zu politisieren. Unter den 150.000 AktivistInnen,
die die Volksbefragung in knapp 4000 Gemeinden durchführten, waren
jedoch zahlreiche PT-Mitglieder. Das in Uruguays Hauptstadt Montevideo ansässige Forschungsinstitut ALADI der Lateinamerikanischen Vereinigung für Integration mehrt die Stimmen jener, die sich gegen die Gesamtamerikanische Freihandelsregion unter ihren derzeitigen Vorzeichen aussprechen. In einer kürzlich vorgelegten Studie werden einige Folgen eines ALCA-Vertrages für die lateinamerikanischen Nationalökonomien vorgerechnet. Demnach seien in der brasilianischen Automobilbranche 70 Prozent der Exporte gefährdet. Argentinien müsste mit Brasilien um die Weizenexporte in die USA konkurrieren. Überhaupt müssten die Länder des MERCOSUR Argentinien, Chile, Uruguay und Brasilien ihre Handelsbeziehungen neu definieren. Trotz der Krise, in die diese Freihandelszone durch die Entwicklungen in Argentinien und Uruguay geriet, ist dieses Konzept dennoch für viele eine Alternative. Einer der Väter der MERCOSUR-Idee, der brasilianische Botschafter und Ökonom Samuel Pinheiro Guimarães, denkt sogar an eine Ausweitung auf eine Südamerikanische Freihandelszone, die dann mehr Verhandlungsmacht gegenüber dem nordamerikanischen Block hätte. Die ALCA-Gegner haben sich mittlerweile kontinental organisiert. Zahlreiche
zivilgesellschaftliche Initiativen, Konsumentenschutzverbände,
soziale und Menschenrechtsorganisationen, Frauengruppen einschließlich
Kirchen und Gewerkschaften haben sich in einer Kontinentalen Sozial-Allianz
(ASC) zusammengeschlossen, die einen umfangreichen Alternativvorschlag
zu dem US-amerikanischen ALCA-Konzept ausgearbeitet hat (www.asc-hsa.org).
Einen vorläufigen Höhepunkt findet diese Bewegung in einem
mehrtägigen kontinentalen Kongress gegen ALCA Ende Oktober in Quito,
Ecuador (http://movimientos.org/noalca/). Allem Anschein nach wird es Präsident Bush nicht leicht haben, seine Vorstellung von einem "Jahrhundert Amerikas" umzusetzen - zumindest nicht in der eigenen Hemisphäre. Der Hinterhof rebelliert, und die gegenwärtige Dynamik dieses Aufstandes weist deutlich auf ein Anwachsen der Bewegung gegen die Gesamtamerikanische Freihandelszone. 27. Oktober 2002 |
|
|||||