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Wenn hinten weit im Himalaya
Nepal-Tagebuch
Hat die junge Demokratie Nepal, eine bis jetzt noch
konstitutionelle Monarchie, eine Überlebenschance zwischen einer
schier etablierten Korruption und der blutigen Gewalt der Maoisten?
Von Christian Grote
Am
3. Oktober nach fünf Monaten in Europa zurück in Nepal. Das
Flugzeug hatte etwas mehr als eine halbe Stunde Verspätung, und
das Gepäck kam erst nach fast einer Stunde zum Vorschein. Meine
Frau, die in einer der UN-Organisationen lange Arbeitstage hat, war
wartend im Wagen eingeschlafen. Nach der Fahrt durch das menschen- und
fahrzeugleere Kathmandu und dem Passieren von drei oder vier Straßensperren
zur Kontrolle des Verkehrs durch schwerbewaffnete Soldaten kurz vor
Mitternacht zu Hause. Der Ältere der beiden Nachtwächter öffnete
das eiserne Tor, legte die Hände zusammen, hob sie zum Gesicht
und grüßte: "Namaste".
Gefühle bei der Rückkehr? Eigentlich nur: Muss es wirklich
wieder, noch einmal sein? Aber diese Frage hatte sich schon eingestellt,
als wir von Delhi nach Kathmandu zogen. Brauchte ich die Erfahrung eines
noch ärmeren, noch korrupteren Landes als Indien?
Aber die Schönheit Nepals? Da ich schon seit längerer Zeit
nicht mehr ausreichend gehfähig bin, hatte ich weder Bedürfnis
noch Möglichkeit, den Annapurna zu umrunden oder das Mustang-Tal
zu erkunden, also vor der traurigen Realität des Landes in die
spektakuläre Bergwelt zu entfliehen und mich an den Rhododendronfarben
und der dekorativen "Ursprünglichkeit" der Armut auf
dem Land zu erfreuen.
Was hatte sich verändert in den fünf Monaten meiner Abwesenheit?
Zwei Häuser waren nahe der Mauer, die unser Haus und Grundstück
umgibt, im Bau. Von einem hohen Baum waren alle unteren Zweige gekappt
und es gab noch die schwarze Katze und neue Katzen, andere Katzen, kleine
Katzen.
Der alte Nachtwächter hatte ein indisches Fahrrad (für dreißig
Euro) bekommen, damit er nicht mehr mehr als eineinhalb Stunden zu Fuß
abends und morgens zu gehen hatte - der Bus fuhr früh morgens noch
nicht und war ihm außerdem zu teuer, denn er verdient nur etwa
dreißig Euro im Monat.
Der Grasboden ums Haus herum war noch schwammig von den täglichen
starken Monsun-Regenfällen, die dieses Jahr länger anhielten
als sonst. Es hatte in mein Zimmer hineingeregnet, weil der Boden der
kleinen Terasse oberhalb des Zimmers undicht geworden war. Bücher,
CDs, Bilder waren ausgeräumt. Also schlief ich im Gästezimmer.
Nach zwei unruhigen Nächten traf meine Seele - je älter ich
werde desto mehr verspätet sie sich - zögernd ein. Viel Zeit
blieb nicht, auf sie zu warten, denn am ersten Abend kamen Freunde und
Kollegen meiner Frau zum Abendessen, am zweiten Abend mussten ein Empfang
und eine Essenseinladung absolviert werden. Aber das war mir sehr recht,
denn ich wollte mit "Hiesigen" darüber sprechen, was
wir am Samstag morgen, den 5. Oktober 2002, durch die englisch-sprachige
Zeitung erfahren hatten.
Der König Gyanendra (Foto oben) hatte mit sofortiger Wirkung den
Ministerpräsidenten entlassen und die für November angesetzten
Wahlen auf unbestimmte Zeit verschoben.
Die Fernsehansprache des Königs an die Nation vom Freitag Abend
war abgedruckt. Der König bezieht sich auf drei Artikel der "Verfassung
des Königreichs Nepal" (eine konstitutionelle Monarchie) von
1990. Die Zeitung liefert den Wortlaut dieser Artikel nicht, aber das
Buch "Constitutional and Political Developments in Nepal"
bringt den englischen Wortlaut der Verfassung.
Artikel 27(3): " Seine Majestät hat die Verfassung zu erhalten
und zu schützen, indem er dabei den wichtigsten Interessen und
dem Wohlergehen des Volkes von Nepal besondere Beachtung schenkt. "
Artikel 53(4) " Seine Majestät kann das Parlament auf Empfehlung
des Miniterpräsidenten auflösen. Seine Majestät wird,
im Falle einer solchen Auflösung des Parlaments, ein Datum innerhalb
der folgenden sechs Monate für Neuwahlen zu diesem Parlament festsetzen.
"
Artikel 127 " Falls in Verbindung mit der Anwendung dieser Verfassung
irgendwelche Schwierigkeiten auftreten, kann seine Majestät die
zur Überwindung solcher Schwierigkeiten notwendigen Anordnungen
erlassen, und solche Anordnungen sollen dem Parlament vorgelegt werden.
" (Meine Übersetzung aus dem Englischen).
Die Abschrift des englischen Wortlauts nahm ich mit zu dem Empfang und
dem Abendessen. Aber nur einmal konnte ich daraus vorlesen. Ein Nepali,
bei einer UN-Organisation beschäftigt, war neugierig den Wortlaut
zu erfahren.
Wir unterhielten uns etwa eine Viertelstunde, und ich erfuhr, dass er
und seine Familie bis ins vorige Jahr die Maoisten unterstützt
hatten. Was er von dem Eingreifen des Königs hielte? Es musste
so etwas kommen, sagte er, oder ein Militärputsch oder eine Aktion
Indiens, Annexion zum Beispiel, aufgefordert dazu vom König, wie
es einst mit Sikkim geschah. Auf dem Abendessen erklärte ein Professor
aus Sri Lanka, der in Neuseeland lebt, er habe von nepalischen Freunden
schon vor ein paar Tagen erfahren, dass so etwas bevorstehe, auch wisse
man, der König habe China und Indien zuvor von seinem Schritt in
Kenntnis gesetzt.
Am Samstag soll es in Kathmandu kleinere Demonstrationen für und
gegen die Anordnungen des Königs gegeben haben. Unser Fahrer erklärt
in seinem schwer verständlichen Englisch, jetzt werde es besser,
man sei der Demokratie müde, denn Demokratie sei Korruption, die
Politiker bereicherten sich nur, für das Volk gäbe es keinerlei
Verbesserungen.
Der
König hatte am 23. Mai dieses Jahres auf Empfehlung des Ministerpräsidenten
Deuba (Foto re.) das Parlament aufgelöst und Neuwahlen für
den 13. November festgesetzt. Jetzt hatte Deuba dem König empfohlen
wegen der gegenwärtigen, schwierigen Situation im Lande diesen
Wahltermin zu verschieben." Das führte, was die Verfassung
angeht, zu Schwierigkeiten und einem Vakuum und brachte das Land in
eine komplizierte Lage", erklärte der König in seiner
Ansprache." Da der Ministerpräsident sich als unfähig
erwiesen hat, die Wahlen zum festgesetzten Zeitpunkt durchzuführen,
muss er von seinem Amt entfernt und der Ministerrat, das Kabinett, aufgelöst
werden. Entsprechend müssen auch die für den 13. November
angesetzten Wahlen verschoben werden", heißt es weiter. Entsprechend
dem Artikel 127 der Verfassung ( meint der Monarch) erlässt der
König seine Anordnungen, die dem Parlament vorzulegen sind. Aber
das Parlament gibt es gegenwärtig nicht. Ist der König also
wirklich verfassungstreu? Einige Parteien begrüßen das Vorgehen
des Königs, andere und der entlassene Ministerpräsident erklären
es für nicht verfassungsgemäß. Und die Maoisten, die
zu bekämpfen der Notstand ausgerufen wurde? Werden sie auch von
der Verfassung reden wie die "United Marxist-Leninist Party",
eher eine sozialdemokratische als eine marxistisch-leninistische Partei,
die im Parlament saß? Der Schreck bei den Ministern, stellvertretenden
Ministern, Staatssekretären, dem ganzen Tross samt Familien muss
groß gewesen sein, denn der Ministerrat ist ja ebenfalls entlassen
und die Möglichkeiten, sich zu bereichern und etwa die Dienstwagen
beliebig privat zu nutzen, scheinen dahin.
Die junge Demokratie in Nepal also eine Farce? Das darf nicht sein,
wenn man bedenkt, welche Opfer von fortschrittlichen Politikern und
Journalisten seit den frühen fünfziger Jahren des vorigen
Jahrhundert gebracht wurden, um die absolute Monarchie in eine demokratische
Verfassung einzubinden.
In Nepal existieren ein versteinertes Kastenwesen, Feudalismus, Großgrundbesitz
und religiöse Traditionen, die aufzubrechen oder abzuschaffen die
Maoisten vor sechs Jahren angetreten waren.
Zu den reichsten Familien gehören die Königsfamilie und die
Familie der Ranas, die von 1846 bis 1951 als "erbliche" Ministerpräsidenten
ueber das Land herrschten, die jeweiligen Könige manipulierten,
sich natuerlich bereicherten.und noch heute große Ländereien
besitzen. Die Herrschenden verschenkten das Land. Landgeschenke des
Königs waren noch weit in das 20. Jahrhundert hinein üblich.
Der bis vor kurzem amtierende Generalstabschef ist traditionsgemäß
ein Rana. Oberster Befehlshaber der Armee (Supreme Commander) jedoch
ist der König (wie der US-Präsident ), was sich in den nächsten
Tagen und Wochen positiv oder negativ auswirken könnte.
Das Volk wurde vom König in seiner Fernseh-Ansprache zu Ruhe und
Ordnung aufgerufen. Er verspricht weiter die Einsetzung eines Ministerrats
in den nächsten Tage und fordert die Mitarbeit der Parteien auf.
Sie mögen ihm Vorschläge für die Besetzung des Ministerrats
machen, "von Personen, die einen sauberen Ruf ('a clean image')
haben und sich nicht an den nächsten allgemeinen Wahlen beteiligen
werden".
Am Montag, den 7. Oktober, hat ein Treffen aller Parteiführer stattgefunden,
in Vorbereitung der vom König geforderten Nominierungsvorschläge
zu einem neu einzusetzenden Ministerrat. Nur der entlassene Ministerpräsident
Deuba sei zu dieser Versammlung nicht geladen worden. Die Congress-Partei,
die mit großer Mehrheit seit Jahren an der Macht ist, besteht
aus zwei Fraktionen, die eine angeführt von Deuba, die andere von
Koirala, früher mehrfach Ministerpräsident. Dieser hat die
Einladung Deubas verhindert, also geht der permanente Streit innerhalb
der früheren Regierungspartei weiter. Es sind Zweifel angebracht,
ob sich in irgendeiner Partei "saubere" Kandidaten finden.
Der Kampf gegen die Maoisten, deren Zahl nicht genau bekannt ist (2.000?
5.000? 10.000?), wird von der Regierung nicht gewonnen werden können,
und auch die Maoisten werden nicht gewinnen, allerdings können
sie das Land lahmlegen und jede Entwicklung blockieren. Es bleibt nur
der Weg über Gespräche, die langwierig sein dürften.
Durch beidseitige Konzessionen könnte es irgendwann zu einer Art
Waffenstillstand kommen. Man wartet darauf, ob der König Gespräche
mit den Maoisten befürwortet, durchführt oder durchsetzt,
ob und wann Parlamentswahlen abgehalten werden, welche Rolle das Militär
spielt, ob es zu Demonstrationen, Protesten, blutigen Auseinandersetzungen
kommt.
Es wird berichtet, schon Sonntag Abend hätten in Kathmandu viele
Kerzen und Öllampen in den Fenstern gebrannt als Zeichen
des Danks an den König. Dank und Hoffnung auf Veränderungen
zum Besseren? Das Ende von Korruption und Ausbeutung? Eine effiziente
Regierung, der es wirklich um das Wohl des Volkes geht? Viele Menschen
hoffen, so scheint es, aber sie wissen wohl selbst nicht genau, worauf.
Demokratie, nach dem Westminster- oder gar dem Washington-Modell, ist
keineswegs für alle Länder jederzeit die richtige Lösung.
Oft sind Militärdiktaturen und Mischformen (wie gegenwärtig
in Pakistan) nützlicher auf dem langen Weg zu einer national-individuellen
Demokratie.
Am 11. Oktober setzte der König, der sich allerdings die Exekutive
vorbehält, einen neuen Ministerpräsidenten mit dreizehn Portfolios,
einen stellvertretenden Ministerpräsidenten, sieben Minister und
zwei stellvertretende Minister (den Ministerrat) ein. Aufsehen erregen
der Gesundheitsminister, ein bekannter Neurochirurg und Klinikleiter,
und die beiden Hilfsminister Anuradha Koirala, eine international bekannte
Aktivistin, die sich um in Bordelle Indiens verkaufte Frauen und Mädchen
und um Waisenkinder kümmert, und Gopal Dahit, der sich außerhalb
Kathmandus als Sozialarbeiter einen Namen gemacht hat. Der König
beauftragt diese Regierung, zunächst in Hinsicht der kommunistischen
Bedrohung vor allem Ruhe und Ordnung ("law and order") zu
bewahren, weiter die vertagten Wahlen abzuhalten und die Mehrparteien-Demokratie
zu festigen, die öffentliche
(official) Korruption unter Kontrolle zu bringen und freundliche Beziehungen
zu anderen Ländern zu erhalten.
Es bleibt still in der Stadt. Die Parteien protestieren weiter und erklären,
das Vorgehen des Königs sei nicht von der Verfassung gedeckt, jetzt
bezieht man sich auf Artikel 128(2) der Verfassung: " Falls aus
welchem Grund auch immer, der Ministerrat
aufgelöst ist,
soll Seine Majestät einen neuen Ministerrat einrichten, der aus
Vertretern der wichtigsten politischen Parteien besteht." Noch
gibt es keine grossen Protest-Demonstrationen. Der Kampf zwischen Polizei/Armee
und den Maoisten geht weiter. Worauf warten, was erwarten die Menschen?
Durch ein starkes Gewitter fiel für achtzehn Stunden der Strom
aus. Zwei der Katzen waren nass geworden, kauerten vor der Haustür
und leckten sich gegenseitig trocken. Im teuersten Hotel in Kathmandu
beraten Organisationen und Politiker aus der südasiatischen Region
die HIV/AIDS-Situation, die sich vor allem in Indien und Myanmar dramatisch
verschlechtert.
Ein dreitägiger Feiertag (Dashein) steht bevor. Eine nepalische
Filmschauspielerin hat sich erhängt, weil von ihr ein Nacktphoto
(manipuliert) in einer Zeitung erschienen ist. Es heißt, man habe
zunächst versucht, sie mit der Ankündigung der Veröffentlichung
zu erpressen.
Am Haus jenseits der Mauer wird heute nicht gebaut. Der Gärtner
wässert die Rosen. Es donnert wieder und ein Wind geht. Heute Abend
haben wir Gäste aus Indien und Bangladesh. Die Nächte werden
kühler, bald wird abends wieder im offenen Kamin ein Feuer brennen.
Anhang:
Der Hinduismus ist Staatsreligion in der konstitutionellen Monarchie
Nepal. Der König ist nicht nur Staatsoberhaupt, sondern wird auch
als eine Inkarnation Vishnus angesehen. 85 Prozent der vielsprachigen
und -rassischen Bevölkerung von ca. 24 Millionen leben auf dem
Land (wieviele davon haben Fernsehen und sahen die Ansprache des Königs?).
Etwa 45 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Die Lebenserwartung
liegt bei etwa 55 Jahren, die Kindersterblichkeit ist hoch, die Gesundheitsversorgung
spärlich, Ärzte und "Krankenhäuser" für
viele Landbewohner nur schwer erreichbar und nicht bezahlbar, das Wasser
in den Städten und Dörfern verseucht, die Beamten, die Polizei
und die Armee drastisch unterbezahlt (die notwendige Folge ist Korruption
), ebenso die Lehrer. Die Schulen sind, wo vorhanden, völlig unzureichend,
nur wenige Kinder absolvieren die Grundschule, wiederum ein kleiner
Teil davon besucht dann " höhere" Schulen. Unter den
zahllosen Arbeitslosen befinden sich nicht nur landflüchtige Bauernfamilien,
sondern auch Schul- und Universitätsabsolventen.
Durch die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Maoisten und der
Polizei und Armee, durch Bombenattentate, Überfälle, Flugzeug-und
Helikopterabstürze ist der Tourismus, eine der wichtigsten Einkommensquellen
des Landes, um mehr als 30 Prozent zurückgegangen.
27. Oktober 2002
Leserbrief
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