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Die Dritte Welt und das Internet
Digitale Kluft
Wieder einmal, wenn man auf die Cyber-Propheten hört,
soll eine neue Technik die Lösung aller Probleme bringen, speziell
der Dritten Welt. Wie nützlich ist das Internet für einen
- wie man jetzt zu sagen pflegt: "unplugged" - Kontinent wie
Afrika tatsächlich? (Siehe dazu auch den ausführlichen Leserbrief
von Dieter Boesl)
Von Brigitte Voykowitsch
Auf
einen regulären Internet-Zugang wird die Bürgerinitiative
Sirdep im westafrikanischen Staat Kamerun wohl noch Jahre warten müssen.
Zu gering ist die Zahl der entsprechend überlasteten Telefonleitungen,
gerade einmal fünf pro eintausend Einwohner sollen es sein. Zu
hoch sind auch die Gebühren, zumal wenn man sich in einer 450 Kilometer
von der Kapitale Yaounde entfernten Provinzhauptstadt wie Bamenda befindet.
Doch Sirdep, die, wie sie mit vollem Namen heißt, "Society
for Initiatives in Rural Development and Environmental Protection"
ist seit einiger Zeit an einen E-Mail-Server in Yaounde angeschlossen,
der im Rahmen des Netzwerkplans für Nachhaltige Entwicklung (SNDP)
vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) lanciert wurde.
Was für Fragen die Mitglieder der Sirdep angeschlossen mehreren
Dutzend lokalen Nichtregierungsorganisationen bezüglich Tierzucht,
-haltung und -vermarktung, Landwirtschaft oder Umweltschutz auch immer
haben, sie können sie per E-Mail direkt an SNDP weiterleiten. Dessen
Mitarbeiter stellen dann einen Antwortenkatalog zusammen, laden relevante
Dokumente aus dem Netz herunter und geben das gesamte Paket als Attachment
weiter.
Dieser E-Mail-Kontakt, der aus Kostengründen vorwiegend in der
Nacht erfolgt, erfordert bei Sirdep nur wenige alphabetisierte Personen,
die die Informationen dann mündlich an die Angehörigen der
lokalen Gruppen weitergeben. Des Lesens und Schreibens (noch) unkundige
Frauen in kamerunischen Dörfern sind auf diesem Weg zu erfolgreichen
kleinen bis mittleren Landwirtinnen aufgestiegen, mit einem entsprechend
verbesserten Lebensstandard. Denn wenn es ans Verkaufen geht, müssen
sie sich, wie die Mitglieder von zahlreichen ähnlichen Initiativen
in Afrika oder Asien, heute nicht mehr auf Mittelsmänner verlassen.
Per E-Mail, oder, wenn sie Glück haben, über einen direkten
Internet-Zugang, können sie sich über die aktuellen Marktpreise
informieren und befinden sich damit in einer wesentlich günstigeren
Verhandlungsposition als noch vor wenigen Jahren.
Es sind Geschichten wie die von Sirdep, die beim UNDP gerne angeführt
werden, wenn es ums Thema Internet im Dienste der Entwicklung und Armutsbekämpfung
geht. Vom Netz profitieren können, wie es heißt, auch AnalphabetInnen
in entlegeneren Regionen der Erde. In einem afrikanischen oder asiatischen
Dorf zu leben, muss also nicht mehr gleichbedeutend sein mit "Unplugged"
(Aus- oder erst gar nicht an-gesteckt sein an das globale www-Dorf),
wie der Titel der diesjährigen Ars Electronica in der österreichischen
Provinzhauptstadt Linz lautete. Neben dem technisch Machbaren, neben
Cyberkunst wie computergestütztem Action-Painting ging es auch
um die Frage, wer denn nun unmittelbar oder mittelbar ans Netz angeschlossen
ist und wer nicht, und welche Folgen der Ausschluss denn habe. Afrika
galt den Veranstaltern der Ars Electronica als Inbegriff eines nicht
vernetzten Kontinents, obwohl diese Assoziation nicht zwingend ist.
Nimmt man die vom UNDP nach der Millenniumswende erstellten Statistiken,
so zeigt sich, dass Afrika südlich der Sahara zusammen mit Südasien
an allerletzter Stelle liegt, da wie dort sind lediglich 0,4 Prozent
der Bevölkerung Internet-User. In Ostasien sind es zwar 2,3 Prozent,
bedenkt man aber die Bevölkerungsverteilung - allein Indien und
China stellen gemeinsam mehr als ein Drittel der derzeitigen Weltbevölkerung
-, so wird das Ausmaß des Ausschlusses gerade auch in Asien offenkundig.
Selbst in den Vereinigten Staaten aber zählen laut UNDP lediglich
54,3 Prozent der BürgerInnen zu den Internet-Usern, in den OECD-Ländern
mit hohem Einkommensdurchschnitt, darunter allen westeuropäischen
Staaten, sind es 28,2 Prozent, in Osteuropa und der GUS nur mehr 3,9
Prozent und in Lateinamerika wie in der Karibik 3,2 Prozent - kurz,
ein Großteil der Weltbevölkerung - und bei weitem nicht nur
Afrika - ist auch zu Beginn des dritten Millenniums weiterhin "unplugged".
Und dies trotz aller entwicklungspolitischen Initiativen, deren Bedeutung
auch Aminata Traore keineswegs in Zweifel ziehen will. Die ehemalige
Ministerin für Kultur und Tourismus in Mali und heute eine der
schärfsten Globalisierungskritikerinnen ihres Landes warnte in
Linz nachdrücklich vor einem undifferenzierten Cyberoptimismus.
"In unserer schwierigen Situation bieten uns nun die Industriestaaten
und unsere eigenen Politiker den Cyberspace sozusagen als neuen Lebensraum
an, den wir erforschen und bewohnen sollen. Aber wie alle anderen Wege,
die wir bereits versucht haben, sind auch die Datenautobahnen voller
Tücken und Fallen für uns überschuldete und abhängige
Staaten", betonte Traore und verwies auf die Konferenz der Vereinten
Nationen in Monterrey (Mexiko) im März 2002, "bei der es um
die Finanzierung der Entwicklungshilfe ging [;dort] haben uns die gleichen
Industriestaaten, die uns auffordern, die Gelegenheit beim Schopf zu
packen und uns der Informationsgesellschaft anzuschließen, wieder
einmal deutlich zu verstehen gegeben, dass der Zugang zu den Geldern,
die unser Kontinent mehr als dringend benötigt, auch weiterhin
der Bedingung unterliegt, dass unsere Staaten sich voll und ganz dem
Dogma des Marktes anschließen. Der enorme soziale Preis, den wir
für dieses Diktat zahlen müssen, das die Regierungen der Staaten
des Südens in Misskredit bringt und destabilisiert, wird übertüncht
mit Zauber- und Beschwörungsformeln für den Kampf gegen die
Armut."
Zahlreiche Einzelprojekte wie das eingangs erwähnte mögen
zweifellos von Nutzen für kleine Personengruppen sein, aber wie
viele Menschen werden je davon profitieren können? "Niemand",
meinte Traore, "bestreitet die Notwendigkeit und die Leistungsfähigkeit
der IKT [Informations- und Kommunikationstechnologie]. Keiner zweifelt
an ihren Vorteilen, an den wahren Wundern, die sie vollbringen und die
überall sichtbar sind. Es sind die damit verbunden Versprechungen,
die es zu überprüfen gilt unnachgiebig, scharfsichtig
und im Hinblick auf den derzeitigen Zustand unseres Kontinents und der
Beziehungen zum Norden. Wem nützt tatsächlich die Informationsgesellschaft?
Für wen stellt sie einen Gewinn dar?", wenn eine groß
lancierte Entwicklungsstrategie wie NEPAD (New Partnership for Africa's
Development) von "Endogenität und Beteiligung des Volkes"
rede, zugleich aber in erster Linie auf Auslandsinvestoren und deren
Bedürfnisse schiele.
Wie oft schon wurde bei großen internationalen Konferenzen das
Recht auf sauberes Trinkwasser für alle, Gesundheitsvorsorge für
alle, Bildung für alle beschworen, ohne dass sich dessen Umsetzung
abzeichne, erinnerten VertreterInnen des afrikanischen Kontinents bei
der Ars Electronica. Warum sollte man nun annehmen, dass das Vordringen
der IKT hier Abhilfe schaffen würde? Wieso sollte ausgerechnet
der Zugang zum Cyberspace derart viele nicht erfüllte menschliche
Grundbedürfnisse befriedigen können? "Lassen wir uns
nicht vom falschen wissenschaftlichen Positivismus ablenken, dessen
Verfechter allergisch sind gegen jede kritische Überprüfung
dessen, was bei den IKT national und international auf dem Spiel steht",
mahnte Traore.
Weitaus wichtiger als die jeweilige Zahl der Internet-User sei die Frage,
wer sich zu welchem Zweck in den Cyberspace begebe - das war klar aus
einer Reihe von Präsentationen herauszuhören. Von Bedeutung
für das Symposium waren jene neuen Kommunikationsräume, die
in den Dienst nicht nur der BürgerInnen, sondern großer Ziele
wie internationaler Solidarität, Frieden und Gerechtigkeit gestellt
werden. Die an der Universität Chicago lehrende Soziologin Saskia
Sassen betonte die enormen Möglichkeiten, die die IKT für
die Vernetzung der weltweiten Zivilgesellschaft biete. Als deren bisherigen
Höhepunkt nannte Traore Porto Alegre I und II. "Sich der Waffe
der herrschenden Gruppe zu bedienen, um sie in die Enge zu treiben,
ihr Paroli zu bieten und den Kampf um Würde und soziale Gerechtigkeit
zu gewinnen so sieht der subversive Gebrauch aus, den wir von
den IKT machen müssen", betonte die Aktivistin aus Mali.
Sinnlos sei es, undifferenziert die digitale Kluft zu beklagen, die
doch nur eine von vielen Erscheinungsformen der ökonomischen Strukturen
und ungleichen Entwicklung in dieser Welt sei. Der aus Nigeria gebürtige
Wahlösterreicher Davis O. Nejo wies außerdem darauf hin,
wie gering - bei allen Zugängen zu IKT und anderen Informationsquellen
- der Wissensstand über Afrika im Westen noch immer ist. Spielt
das Ausmaß des "plugged"- oder "unplugged"-Seins
für die vorherrschenden Weltbilder tatsächlich die entscheidende
Rolle? In Zusammenhang mit der IKT gern beschworene Schlagwörter
wie "Info-Rich" und "Info-Poor" erfordern offenkundig
eine nuanciertere Interpretation.
"Unser Credo sollte sein: Würdig leben, indem wir miteinander
und mit anderen kommunizieren können und indem wir die Energien
und Talente mobilisieren, die zwar die IKT für ihre Umsetzung brauchen,
noch mehr aber auf Anerkennung angewiesen sind", mahnte Traore.
"Die Kooperation soll durch gegenseitige Anerkennung und Respekt
geprägt sein und vor allem durch gemeinsame Verantwortlichkeit,
die Mitverantwortung aller.
5. Oktober 2002
Leserbrief
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