Amerika und der Rest der Menschheit

Müssen wir Amerika dankbar sein?

"Es waren die Amerikaner, die ganz entscheidend zum Sieg über den Nationalsozialismus beigetragen haben, und es waren unsere amerikanischen Freunde, die uns nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang in Freiheit und Demokratie ermöglicht haben. Sie haben nicht nur die Lebensfähigkeit, sondern auch die Freiheit Westberlins garantiert und geschützt. Sie haben uns geholfen, unsere staatliche Einheit in einem friedlichen, demokratischen Europa wiederzugewinnen.
Klar muss aber sein: Dankbarkeit ist eine wichtige und auch gewichtige Kategorie. Doch sie würde zur Legitimation existenzieller Entscheidungen, vor denen wir unter Umständen stehen, nicht reichen. Bei den Entscheidungen, die wir zu treffen haben werden, lassen wir uns einzig von einem Ziel leiten: die Zukunftsfähigkeit unseres Landes inmitten einer freien Welt zu sichern; denn genau darum geht es."
Gerhard Schröder, 187. Sitzung des 14. Deutschen Bundestages am 19. September 2001

Von Florian Coulmas

Die einfache Antwort auf die Frage ist nein, denn Länder, Staaten, Nationen gehören nicht zu der Art von Akteuren, die Handlungen durchführen, deren Nutznießer diese mit Dankbarkeit quittieren sollten oder auch nur könnten. Allein, ganz so einfach ist es nicht. Andernfalls müsste die Frage als sinnlos beiseite gelegt werden. Angesichts der Tatsache, dass viele Amerikaner glauben, die Welt sei Amerika zu Dank verpflichtet, fällt das jedoch schwer.

Zunächst müssen wir weiter fragen, wofür die Welt Amerika dankbar sein sollte. Die Antwort, die man amerikanischerseits in verschiedenen Tonarten erhält, ist einfach: Amerika macht die Welt besser. Um ein wenig von der unmittelbaren Gegenwart abzurücken, können wir als eine repräsentative Stimme auf Madeleine Albright verweisen, Außenministerin unter Präsident Clinton, zu deren Standardrepertoire es gehörte, andere Regierungen über die moralische Überlegenheit ihres Landes aufzuklären. Die Haltung, die sie verkörpert, charakterisiert der amerikanische Politologe Chalmers Johnson so: "Wir Amerikaner sind fest davon überzeugt, dass unsere Rolle in der Welt tugendhaft ist, dass alles, was wir tun, ebenso zum Nutzen anderer wie zu unserem eigenen geschieht." Für Taten zum Nutzen anderer haben diese anderen allen Grund, dankbar zu sein.

Betrachten wir ein konkretes Beispiel. Der Marshall-Plan scheint ein klarer Fall einer staatlichen Handlung, für die Dankbarkeit am Platz ist. 1950/51 brachten die USA für das europäische Wiederaufbauprogramm rund 13 Milliarden Dollar auf, von denen 1,7 Milliarden in die BRD flossen. Eine Milliarde wurde zurückgezahlt. Zweifellos hat dieses Programm den Wiederaufbau enorm beschleunigt. Lasst uns also dankbar sein! Lebe ich nicht heute in einer Welt, die dank Marshall-Plan viel schöner ist, als sie ohne ihn wäre?! Vielleicht ist das so, aber dass ich dafür dankbar sein sollte, ist nicht ausgemacht.

Über den Marshall-Plan, ein Füllhorn, aus dem nur Gutes floss, würden nur maliziöse Ketzer etwas Schlechtes sagen. Schlechtes soll auch gar nicht gesagt werden. Wir können uns aber trotzdem daran erinnern, dass der Marshall-Plan aus demselben Haus kam wie die Bomben von Hiroshima und Nagasaki, aus dem Pentagon. George C. Marshall, nach dem er benannt ist, war Verteidigungsminister. Nicht, dass Verteidigungsminister nichts Gutes tun könnten, aber sie handeln aufgrund bestimmter Motive, die auch dem Marshall-Plan zugrunde lagen. Er war ein Teil der militärischen Planung des Imperiums im Zeichen der Pax Americana. Um den Marshall-Plan zu verstehen, muss man in Betracht ziehen, wer nicht in seinen Genuss kam, nämlich der im Gegensatz zu den USA ausgeblutete und verwüstete Kampfgefährte gegen die faschistischen Achsenmächte, die Sowjetunion.

Die Atombomben in diesem Zusammenhang zu erwähnen, ist deshalb nicht abwegig, weil ihr Abwurf derselben Rationalität folgte und, wenn es nach dem offiziellen Amerika geht, ganz analog in die Geschichte eingehen soll, als Wohltat. Sie hätten Menschenleben gerettet, wird immer wieder erklärt, weil bei einer Invasion noch mehr Menschen umgekommen wären; unbewiesen und unbeweisbar. Dass "die Japaner" dafür dankbar sein sollen, ist zweifellos mehr verlangt, als dass "die Deutschen" (die, die heute den Solidaritätszuschlag zahlen, oder die, die ihn empfangen?) für den Marshall-Plan dankbar sein sollen. Dennoch ist beides gleich abwegig. Denn hier geht es nicht um mildtätige Handlungen, sondern um solche, die vom nationalen Interesse diktiert sind. Das ist nicht unbedingt illegitim oder aus anderen Gründen verwerflich. Von Staaten wird selbstverständlich erwartet, dass sie im nationalen Interesse handeln. Es ist jedoch eine Besonderheit des politischen Diskurses der Vereinigten Staaten, dass Amerikas Rolle als Weltbenefaktor fraglos unterstellt wird. Ein Teil der das amerikanische Gemeinwesen definierenden politischen Ideologie ist die Überzeugung, dass die amerikanische Politik auf einer moralischen Grundlage steht, was ihre Durchsetzung mit militärischen oder anderen Mitteln rechtfertigt.

Der Korea-Krieg Anfang der 1950er Jahre, als dessen Resultat im Norden und im Süden Diktatoren herrschten - eine Wohltat. Der Vietnamkrieg, eine Wohltat. Die jahrzehntelange Unterstützung von Unterdrückern, Diktatoren und Kleptokraten wie Chiang Kai-shek in Taiwan, Ferdinand Marcos in den Philippinen, Syngman Rhee in Südkorea, Schah Reza Pahlevi im Iran und General Suharto in Indonesien - eine Wohltat. Die Aufrüstung von Iran und Irak, die dann auf einander losschlagen konnten - eine Wohltat. Auch wenn das nicht unmittelbar erkennbar ist, können das nur Wohltaten gewesen sein, weil Amerikas Politik tugendhaft ist.

Ob diese Handlungen tatsächlich dem Wohle der Menschheit dienlich waren, können letztlich erst Historiker entscheiden. Dass die Logik der sie begleitenden Rhetorik zirkulär und nicht sehr überzeugend ist, können wir erkennen, und das gibt zumindest zu Misstrauen Anlass.

In der heutigen Situation sollte man das im Auge behalten, denn wieder argumentiert die amerikanische Regierung mit Tugendhaftigkeit und dem Nutzen der Menschheit. Es gibt jedoch gute Gründe für die Annahme, dass die amerikanische Militärmacht noch nie irgendwo aus einem anderen Grund eingesetzt worden ist als dem, amerikanische Interessen zu wahren und den American way of life zu verteidigen. Der öffentliche Diskurs über philanthropische Motive, die Tugendhaftigkeit Amerikas und die Schurkenhaftigkeit anderer verschleiert das.

Dass die amerikanische Regierung amerikanische Interessen verfolgt, ist selbstverständlich und nicht per se unmoralisch. Es ist aber auch nicht, wie vielfach von amerikanischen Regierungen beansprucht, moralisch. Heute, wo der Diskurs über Werte wieder zunehmend in Mode kommt, sollte man das nicht aus den Augen verlieren.

27. Oktober 2002

Leserbrief

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