Jüdisches Leben in Österreich

Eine untergehende Kultur?

"Zeitgeschichte: 1935 lebten in Österreich ca. 200.000 Juden, davon 180.000 in Wien. 1938 wurde der Einmarsch der deutschen Wehrmacht bejubelt, und viele christliche Österreicher schlossen sich der NSDAP an. Die österreichische Bereitschaft zur Mitarbeit in der Mordmaschinerie der Todeslager war sogar noch höher als die der christlichen Deutschen. Viele jüdische Österreicher konnten das Land nach dem Anschluss noch verlassen. 70.000 Menschen, die ihre Heimat nicht mehr verlassen konnten - oder dies nicht wollten, wurden ermordet."
(www.hagalil.com)

Von Judith Brandner

Zu Besuch in der Lauder Chabad Schule am Rabbi Schneersonplatz im 2. Wiener Gemeindebezirk. Die SchülerInnen sind überwiegend Kinder der zweiten Generation von Einwanderern aus dem Kaukasus, Georgien, Usbekistan und Tadschikistan. Als die Schule vor 15 Jahren gegründet wurde, war diese jüdische Schule dringend notwendig, erzählt der Direktor, Rabbiner Jakob Biderman. Doch seit einigen Jahren kommen keine neuen Kinder mehr – denn jüdische Einwanderung gibt es heute nur noch in Ausnahmefällen. Und so warnt Biderman: "Wenn wir nicht sehr rasch unsere Gemeindegröße verdoppeln, hat die jüdische Gemeinde in Österreich keine Überlebenschance!" Von seinen Schülern weiss er, dass vor allem die Jungen fortgehen. Nicht, weil sie sich hier nicht wohlfühlten, sondern aus Mangel an Möglichkeiten, ein Leben in jüdischer Tradition zu führen. Zwar gibt es eine erstaunliche Anzahl jüdischer Vereine und Institutionen gerade in Wien, doch darin begegnen sich immer wieder dieselben Mitglieder. Jeder kenne jeden, es sei für einen orthodoxen Juden kaum möglich, etwa einen Ehepartner hier zu finden. Jüdische Einrichtungen wie koschere Restaurants oder Geschäfte könnten nicht überleben, erklärt Biderman.

Um das Überleben der Gemeinde zu sichern, wäre eine geregelte Zuwanderung von ein paar hundert Familien pro Jahr notwendig, meinte vor kurzem auch Oberrabbiner Chaim Eisenberg. Doch bislang sind alle Bemühungen jüdischer Institutionen, die Einwanderung zu forcieren, erfolglos geblieben. Vor ein paar Jahren habe er mit dem damaligen Bundeskanzler darüber diskutiert, sagt auch der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Ariel Muzikant, mittlerweile jedoch diese Idee auf Eis gelegt. Denn im derzeitigen politischen Klima hält Muzikant diese Idee nicht für umsetzbar. Außerdem verhindern die derzeitigen Einwanderungsgesetze ohnehin jegliche Einwanderung. Dabei will Muzikant nicht um jeden Preis Juden nach Österreich holen. Die Bedingungen müssten so sein, dass die Leute auch gut integriert werden könnten. Eine Situation wie in Deutschland, wo die Bundesregierung vor einigen Jahren entschieden habe, sie wolle eine jüdische Gemeinde haben, egal wie diese aussehe, wolle er nicht haben, meint Muzikant. Rund 65.000 Juden aus der Sowjetunion wurden in den vergangenen Jahren nach Deutschland geholt. Der Zentralrat der jüdischen Gemeinden Deutschlands verzeichnet derzeit rund 90.000 Mitglieder.
Anders als in Österreich gebe es dort jedoch die Einstellung: "In Deutschland hat man gesagt: Wir haben die Juden vertrieben und umgebracht, daher wollen wir wieder Juden nach Deutschland holen. In Österreich begnügt man sich damit, Gedenktafeln aufzustellen", so Muzikant. Es sei stets das schlimme Selbstverständnis der Zweiten Republik gewesen: die Juden sollten bleiben, wo sie sind, nur nicht nach Österreich zurückkommen. So mag es wohl symptomatisch sein, dass die schwarz-blaue Regierung auch dem "Jewish Welcome Service" in Wien die Subvention gestrichen hat.
Diese Institution geht auf die Initiative von Leon Zelman zurück. Der gebürtige Pole, der das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat, hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, aus Österreich vertriebenen Juden das Gefühl zu vermitteln, in Wien willkommen zu sein. Denn das offizielle Österreich, beklagt auch Zelman, habe die Vertriebenen nach 1945 nie willkommen geheissen, geschweige denn ihnen eine Chance auf Rückkehr gegeben. Wenn das "Jewish Welcome Service" heute jüdische Emigranten zu einem Besuch nach Wien einlädt, so ist das nur möglich, weil private Spender und die Stadt Wien Finanzhilfe geben.
Rund 6.700 Mitglieder hat die jüdische Kultusgemeinde in Wien derzeit. Interessanterweise sei die Zahl der Mitglieder in den letzten paar Jahren gestiegen - eine Entwicklung, meint Präsident Muzikant, die aufhorchen lässt. Denn in den letzten 4 Jahren liessen sich 800 Menschen neu registrieren. Darüber, dass die Zahl der in Österreich lebenden Juden drastisch zurückgeht, kann das nicht hinwegtäuschen: "Ich schätze, wir schrumpfen um 200 bis 300 Menschen pro Jahr." So sei davon auszugehen, daß die jüdische Gemeinde in 10 Jahren um 30 Prozent weniger Mitglieder haben werde, als heute. Es klafft ein Defizit zwischen Geburten, Sterbefällen und der Abwanderung.
Warum viele wieder in die Kultusgemeinde zurückkommen, weiss auch Ariel Muzikant nicht. Vielleicht fühlten sie sich heute besser vertreten, als früher, mußmasst er. Könnte es sein, dass Juden in Österreich heute das Gefühl haben, sie müssten enger zusammenrücken? " Ich hoffe nicht!" sagt Muzikant. "Es wäre schlimm, wenn das aus Angst oder dem Gefühl der Bedrohung geschieht." Rabbiner Jakob Biderman stellt fest, dass viele, die früher nichts mit jüdischem Leben zu tun haben wollten, sich heute wieder verstärkt zu ihrem Judentum bekennen. Dass das mit der politischen Lage in Österreich zusammenhängt, glaubt er jedoch nicht. Vielmehr ortet er eine generelle Suche der Menschen nach Inhalten und mehr Spiritualität.
Mit Spiritualität und der Suche nach der eigenen Identität hat wohl auch Caryn Nadine Tenggs (Foto li.) Rückkehr zu ihren jüdischen Wurzeln zu tun. Die gebürtige Amerikanerin wurde Mitglied der jüdischen Kultusgemeinde in Graz, kurz nachdem sie nach Österreich kam. Das war vor 12 Jahren. In dem kleinen Ort in der Nähe von New York, in dem Caryn aufgewachsen ist, waren fast 90 Prozent der Bewohner Juden. Heute ist sie eines von 130 Mitgliedern der kleinen jüdischen Gemeinde von Graz. Caryn hatte in New York einen Steirer kennen- und lieben gelernt und ihn geheiratet. Heute lebt sie in Weiz, einer Kleinstadt in der Steiermark mit rund 10.000 Einwohnern, und sie ist dort die einzige Jüdin. Regelmäßig besucht sie die Grazer Synagoge; ihre beiden Töchter sind katholisch getauft, gehen jedoch auch in die Hebräisch-Schule. Vor allem ihren Kindern will sie die jüdische Tradition näherbringen - und das, obwohl sie betont, dass sie keine orthodoxe Jüdin sei, sich nicht an die religiösen Vorschriften oder Gesetze halte. Freitag abends zündet sie jedoch die Sabbatkerze an. "Ich liebe diese Traditionen, die Wärme, den Geruch des Freitags mit den Vorbereitungen auf den Sabbat", sagt Caryn. Und sie sieht darin auch eine symbolhafte Handlung dafür, dass es Menschen gegeben hat, die dafür gestorben sind.
"Mir würde nie einfallen, mich plötzlich bei der Kultusgemeinde anzumelden", meint hingegen Alisa Douer, die seit fast 30 Jahren in Österreich lebt. Als nicht-religiöse Israelin hat sie kein Identitätsproblem. Die Wurzeln ihrer Familie reichen nach Spanien und Litauen, von wo aus die Familie nach Israel emigriert war. Beziehungen zu Österreich gab es nicht. Als Alisa Douer Anfang der 70-er Jahre nach Wien kam, wollte sie eigentlich nur Tante und Onkel besuchen und dann in ein englisch- oder französischsprachiges Land gehen, aber: "Wien hat mich willkommen geheißen, so bin ich geblieben", sagt sie. Sie begann mit einem kleinen Geschäft mit israelischem Kunsthandwerk. Mittlerweile ist sie längst als renommierte Fotografin und Ausstellungskuratorin etabliert. In ihren Projekten beschäftigt sie sich immer wieder mit der jüdischen Emigration aus Österreich und dem Nationalsozialismus.

Wie hoch der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Österreich ist, der nicht zur Kultusgemeinde gehört, wieviele Juden insgesamt heute in Österreich leben, darüber kann es nur Schätzungen geben. Fest steht, dass der Bevölkerungsanteil von Juden in Österreich nach 1945, nach der Vertreibung und Ermordung, nie mehr als 0,1 Prozent betrug. Denn im Vergleich zu Zeiten der Habsburger - Monarchie blieb die jüdische Einwanderung nach 1945 marginal. Die letzte jüdische Zuwanderungswelle nach Österreich fand in den 80er Jahren statt. Damals kamen vor allem Juden aus der Sowjetunion. Und auch heute würden viele Menschen aus den ehemaligen Ländern der Monarchie gerne nach Österreich kommen. Erst kürzlich habe er auf einer Konferenz des Europäischen Jüdischen Kongresses in Moskau wieder gehört, erzählt Muzikant, dass es in einer Reihe von Ländern hochqualifizierte, gut ausgebildete junge Menschen gebe, die gerne in Österreich leben würden, erzählt Muzikant. Wenn man sie ließe.
Wien scheint also für viele Menschen aus dem Osten immer noch attraktiv zu sein, so wie es jahrhundertelang Tradition war. Die Habsburgermonarchie spielte für die jüdische Geschichte eine überaus bedeutende Rolle. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherbergte Österreich-Ungarn rund 19 Prozent der damals weltweit lebenden Juden. Nur in Rußland lebten damals mehr Juden als in Österreich-Ungarn.
Die Verteilung der jüdischen Bevölkerung im Gebiet der österreichisch-ungarischen Monarchie war höchst unterschiedlich. Während in Salzburg 285 Juden lebten, waren es in Wien der Hauptstadt der Donaumonarchie zur Jahrhundertwende 175.000. Die Wanderungsbewegung von Ost nach West hatte stets über Wien geführt. Juden aus Galizien, Ruthenien, Cernowitz, der Bukowina und vielen anderen Orten siedelten sich in Wien an, das bis 1918 die Attraktion in der Monarchie war. Wien gab diesen Menschen die Möglichkeit, sich zu integrieren, zu studieren, sich weiterzubilden - frei hier zu leben. Die Juden, die das Fin de Siècle in Kultur, Wirtschaft, Wissenschaften entscheidend mitgeprägt haben, seien innerhalb von nur zwei Generationen aus dem Osten gekommen, erzählt Ariel Muzikant und nennt als Beispiele Sigmund Freud oder Arthur Schnitzler. Auch 1918 ging die Entwicklung noch in diese Richtung weiter, der radikale Schlußpunkt kam in den 30er Jahren – spätestens 1938. Nach 1945 gab es viele Durchreisende, die auf dem Weg nach Israel oder die USA in Wien Halt machten. Manche von ihnen sind geblieben.

Warum ausgerechnet nach Wien, einer Stadt mit dieser Geschichte – diese Frage wird jüdischen Einwanderern hier oft von Freunden oder Verwandten gestellt. Auch ihre Freunde in Israel hätten sie gefragt, wie sie nur in diesem Naziland leben könne, erzählt Alisa Douer. Doch Antisemitismus oder Ablehnung habe sie eigentlich nur einmal zu spüren bekommen, als ein Kunde in ihrem Import-Export Geschäft eine böse antisemitische Bemerkung machte.
Sehr ambivalent seien seine Gefühle gewesen, als er vor 20 Jahren nach Wien bestellt wurde, erzählt Rabbiner Jakob Biderman, auch er ein gebürtiger Israeli. Doch seine Skepsis habe sich bald als unbegründet herausgestellt. Auch er erzählt, dass er immer sehr freundlich aufgenommen und behandelt worden sei. Was er als orthodoxer Jude in Österreich bemerke, sei nicht so sehr offener Antismitismus als vielmehr tiefsitzende Vorurteile, die sich auf eine sehr subtile Art und Weise äusserten: rasche, verstohlende Seitenblicke oder das Zögern von einem Bruchteil von Sekunden bei Begegnungen in der U-Bahn, auf der Straße oder in einem Geschäft. Die Vergangenheit belastet nach wie vor die Beziehungen, meint auch Ariel Muzikant, den Jörg Haider öffentlich antisemitisch angepöbelt hat.
Ihre Eltern seien schockiert gewesen, als sie ihnen sagte, daß sie nach Österreich auswandern würde, erzählt Caryn Tengg. Und das nicht nur, weil sie bereits 34 Jahre alt war und durch diesen Schritt eine überaus erfolgreiche Karriere als Privatköchin für diverse Stars aus dem amerikanischen Showbusiness aufgab. Nie zuvor habe sie ihr Judentum so gespürt, wie hier, in Österreich, sagt Caryn Tengg. Wenn sie heute ganz bewußt an jüdischen Traditionen und Festen festhält, die sie von Kindheit an kennt, dann tut sie das in dem Bewußtsein, dass nichts mehr so sein wird, wie es einst war. Sie erinnert sich an die riesigen Familienfeste mit 50 Leuten, die es im Haus ihrer orthodoxen Urgroßeltern gab, daran, dass dort nur jiddisch gesprochen wurde: "Für mich war jiddisch immer eine geheimnisumwitterte Sprache; ich wußte, sie erzählten Geheimnisse und tauschten Codes aus, die ich nicht verstehen konnte." Jeden Tag einmal wandere sie in Gedanken durch das Haus ihrer Urgroßeltern. Und dann spüre sie, dass mit deren Tod eine Welt zu existieren aufgehört habe. Eine Welt, die ihre Töchter hier in Österreich niemals mehr kennenlernen werden: "Ich habe nie zuvor in meinem Leben die Erfahrung gemacht, eine Minderheit von einer Person zu sein. Das kann man nicht in Worte fassen. Es ist eine unglaublich einsame, unerträgliche Erfahrung. Denn es gibt kein anderes Leben für einen Juden hier, als alleine."

27. Oktober 2002

Leserbrief

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