"Befehlsnotstand"

Wer verbrecherische Befehle verweigerte, riskierte das Leben?

"Der hiesige Autoritarismus (ist) einer ohne Autorität und der hiesige Konventionalismus einer ohne Konventionen. Schon bei den Nazis war nicht das Wort des Führers Befehl , sondern sein Wille, den der kongeniale Volksgenosse erahnte. Nie hätte der Nationalsozialismus funktioniert, hätte den Deutschen jede ihrer Missetaten bei Strafandrohung befohlen werden müssen. Anders, als es das Wort vom 'Befehlsnotstand', von der 'Gleichschaltung' oder vom 'Führer' selber glauben machen will, herrschte das NS-System durch Gehorsam ohne Befehl."
Wolfgang Pohrt, Der Weg zur inneren Einheit (1991)

Von Friedemann Bedürftig

Die Berufung auf einen Befehlsnotstand gehört zum Standardrepertoire der Angeklagten in Kriegsverbrecherprozessen. Befehlsverweigerer seien ins KZ eingeliefert oder gar selbst erschossen worden, so die stereotype Behauptung – eine Schutzbehauptung, wie sich längst herausgestellt hat. Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, die alle einschlägigen Fälle untersuchte, konnte nirgendwo feststellen, dass die Weigerung, an einem Verbrechen mitzuwirken, tatsächlich zur Todestrafe oder zur Einweisung in ein KZ führte.

Was einem passierte, der "nicht mitmachte", war allenfalls, dass er eine ungünstigere dienstliche Beurteilung erfuhr oder bei Beförderungen übergangen wurde und dass sein Ansehen im Kameradenkreise wegen seiner "Drückebergerei" sank. Zwar versuchten Befehlshaber bei Mordaktionen wenigstens sämtliche Unterführer als Teilnehmer miteinzubeziehen – im Sinne einer Mittäter- und Mitwisserschaft, die den einzelnen fest an seine Organisation (und deren Verbrechen) band –, aber selbst das funktionierte nicht immer, und bei den Mannschaften noch weniger. Es wirkte sich hierbei hemmend das Fürsorgeprinzip aus, das im Verhältnis der Vorgesetzten zu ihren Untergebenen galt. Das Schicksal der Opfer blieb ihnen gleichgültig, aber auf die psychische Verfassung ihrer Leute hatten die Vorgesetzten zu achten. Von den nervlichen Belastungen, unter denen die Täter litten, ist denn auch in den erhaltenen Berichten oft die Rede, und so ließen die Befehlshaber wenigstens individuelle Abweichungen von der Gruppennorm zu, akzeptierten Krankmeldungen oder gar die offene Weigerung, Mordbefehle auszuführen. Es soll auch einen Befehl Himmlers gegeben haben, wonach niemand gezwungen werden sollte, an Erschießungen teilzunehmen.

In der Geschichte des Reserve-Polizeibataillons 101, die Christopher R. Browning erforscht hat, finden sich aufschlussreiche Belege. Das hauptsächlich aus Hamburgern bestehende Bataillon war 1942/43 an der Ausrottung der Juden in Polen beteiligt. Sein unheilvolles Wirken begann im Juli 1942 in einer Ortschaft namens Józefów, wo 1800 Juden "zusammengefasst" werden sollten, was bedeutete, dass ein Großteil von ihnen, da nicht arbeitsfähig, an Ort in Stelle erschossen werden würde. Als der Befehl unter den Offizieren bekannt wurde, erklärte ein Leutnant sogleich, ihn nicht befolgen zu können. Er sei Reservist, im Hauptberuf Geschäftsmann und als solcher viel in der Welt herumgekommen, wodurch er andere Einstellungen gewonnen habe. Im übrigen handele es sich um "polizeifremde" Tätigkeiten, und er werde nicht auf Frauen und Kinder schießen. Der Leutnant wurde ohne weiteres für andere Aufgaben eingeteilt.

Vor Beginn der Aktion versammelte der Bataillonskommandeur seine Männer um sich und erläuterte den Mordauftrag. Danach machte er ein Angebot: Wer sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, möge vortreten. Zwölf der etwa 500 Männer meldeten sich. Sie gaben ihre Gewehre ab und wurden aufgefordert, sich zur Verfügung des Kommandeurs zu halten. Weiter geschah ihnen nichts. Im Laufe des Tages wurden noch mehrere Männer aus den Erschießungskommandos entlassen, die erklärten, dass ihnen die Aufgabe "zuwider" sei. Andere schützten dringende Pflichten vor, um sich von der Aktion fernzuhalten, oder machten sich auf andere Weise unsichtbar. Wieder andere erreichten ihre Abkommandierung, nachdem sie eine Weile mitgeschossen hatten. Solche Vorfälle wiederholten sich auch bei den späteren Aktionen, ohne dass irgendjemand disziplinarische Nachteile dadurch hatte.

Allerdings, das muss hinzugefügt werden, auch ohne dass der Mordbetrieb ernsthaft gestört worden wäre. Es gab genug Leute im Bataillon, die ohne Bedenken ihre Gewehre auf wehrlose Menschen richteten. Der Einsatz der Hamburger endete mit einer Bilanz von mindestens 45 000 in die Vernichtungslager deportierten und 38 000 an Ort und Stelle erschossenen Juden. Befehlsverweigerung half also nicht gegen das einmal in Gang gesetzte Verbrechen, sie stand aber als Handlungsmöglichkeit dem einzelnen offen, wenn er nicht mitschuldig werden wollte, und es ist anzunehmen, dass weit mehr ungestraft davon hätten Gebrauch machen können, als tatsächlich geschah.

Dazu bedurfte es freilich mehr als der üblichen Zivilcourage, denn es kam eben doch vor, dass Verweigerer bestraft wurden. Sicher konnte sich da niemand sein im brutalisierten Klima. So erklärte ein Unterführer des genannten Bataillon einem Verweigerer, wenn er nicht mitmache, könne er sich gleich zu den Opfern gesellen. Tatsächlich geschah ihm nichts, aber Männern gegenüber, die ohne Regung Wehrlose abknallten, standhaft zu bleiben, war keine kleine Mutprobe. Von den Sorgen vor künftigen Schikanen oder Nachteilen für die Familie, Anklage wegen Wehrkraftzersetzung und anderem war niemand frei. So erklärte sich ein SS-Mann, der an den Erschießungen in den Fosse Ardeatine teilnehmen sollte, nach anfänglicher Weigerung doch bereit. Er war vom Kommandeur Kappler "ins Gebet genommen" worden und mit einer Mischung aus Drohung und Appellen an sein Pflichtgefühl gefügig gemacht worden. Es spielte wohl auch eine Rolle, dass Kappler ihm anbot, die "Sache" mit ihm gemeinsam zu erledigen.

Lit.: Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen. Neuausgabe, Reinbek bei Hamburg 1999 – Hans Buchheim, Befehl und Gehorsam. In: H. Buchheim, M. Broszat, J. P. Jacobsen, H. Krausnick, Anatomie des SS-Staates. Olten und Freiburg 1967

Der mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags veröffentlichte Text ist ein Auszug aus dem im März 2003 erscheinenden Buch:
Friedemann Bedürftig
Als Hitler die Atombombe baute. Lügen und Irrtümer über das Dritte Reich
geb., 256 Seiten, ISBN 3-492-04443-3, € 17,90.
Weitere Auszüge folgen.

27. Oktober 2002

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