Antisemitismus

Zionisten arbeiteten den NS-Judenverfolgern in die Hände?

"Die Verhältnisse der Juden in Deutschland haben durch die Vorgänge und durch die Gesetzgebung der jüngsten Zeit eine Entwicklung genommen, die eine grundsätzliche Klärung des Problems wünschenswert und notwendig macht. Wir betrachten es als Verpflichtung der Juden, bei der Entwirrung des Problems zu helfen. Darum sei es uns gestattet, unsere Anschauungen vorzutragen, die nach unserer Meinung eine den Grundsätzen des neuen deutschen Staates der nationalen Erhebung entsprechende Lösung ermöglichen und zugleich für die Juden eine Regelung ihrer Lebensverhältnisse bedeuten könnten. Diese Anschauungen sind auf einer Auffassung der historischen Entwicklung der Stellung der Juden in Deutschland begründet, die hier - einleitend - angedeutet sein mag. ...
Wir sind der Tatsache gegenüber, daß eine Judenfrage existiert und weiter existieren wird, nicht blind. Aus der anormalen Situation der Juden ergeben sich für sie schwere Nachteile, aber auch für die übrigen Völker schwer tragbare Verhältnisse. Unsere hier vorgetragenen Äußerungen beruhen auf der Überzeugung, daß die deutsche Regierung bei der Lösung des Judenproblems in ihrem Sinne volles Verständnis für eine mit den Staatsinteressen im Einklang stehende, offene und klare jüdische Haltung haben wird."
Äußerung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zur Stellung der Juden im neuen deutschen Staat, Berlin, den 21. Juni 1933

Von Friedemann Bedürftig

"Wir sind ein Volk..." Schon einmal markierte diese Formel eine Revolution, als Theodor Herzl (1860-1904; re) damit anerkannte, was Antisemiten schon immer behauptet hatten, dass nämlich die Juden in der Diaspora (Zerstreuung) trotz aller Emanzipation und Assimilation weiterhin "eine historische Gruppe von erkennbarer Zusammengehörigkeit" seien und stets bleiben würden. Aus dieser Erkenntnis entwickelte Herzl in seinem Buch "Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" (1896) den Grundgedanken des Zionismus: Eine gedeihliche Zukunft könne es für die Juden der Welt nur geben durch Wiederversammlung im "gelobten Land", also in Palästina mit dem Zentrum Jerusalem (Zion). Natürlich sah Herzl den Volkscharakter der Juden nicht rassisch, aber doch im Sinn einer ethnischen (damals hätte man gesagt "völkischen") Homogenität und kulturell-religiösen Identität, die beide durch bürgerliche Emanzipation und durch die Assimilation an die gastgebenden Völker gefährdet seien.

Herzls Sorgen teilten anfangs wenige, und auch die sich steigerende antisemitische Hetze nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs änderte daran wenig. Man war Deutscher und wollte das auch bleiben. Die Antisemiten wollten das natürlich nicht zulassen und die fanatischen Nationalsozialisten, allen voran Hitler, noch viel weniger. Einig waren sie sich darin paradoxerweise mit der zionistischen Minderheit unter den deutschen Juden, zusammengeschlossen unter den Dach der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) oder in kleineren Gruppen wie den sogenannten Staatszionisten. Das heißt nicht, dass die zionistisch gesonnenen Juden das Erstarken der Nazi-Partei etwa begrüßt hätten, auch wenn sie in deren brutaler Judenfeindschaft eine Bestätigung für die Alternativlosigkeit ihres Konzepts einer eigenen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina sahen.

Im Gegenteil: Sie erkannten weit deutlicher als die anderen die heraufziehende Gefahr, hofften aber dadurch, dass sie die Angriffsbewegung der Feinde mitmachten, Druck abzubauen und Kompromisse erzielen zu können. Nach dem Amtsantritt Hitlers suchten sie Kontakt zu NS-Behörden, allerdings erst nach einigem Zögern und schweren inneren Kämpfen. Hitler ließ ja nie einen Zweifel daran, dass in seinen Augen die Zionisten genauso minderwertig wie alle Juden waren. Und von ihrem Streben nach einem eigenen Staat sagte er bereits 1920 abfällig, dieser solle nichts anderes werden als "die letzte vollendete Hochschule ihrer internationalen Lumpereien". Gerade diese harte Frontstellung bildete die Brücke für die Zionisten zu den neuen Machthabern, die mit ihrem Judenboykott vom 1.4.1933 die von den Zionisten behauptete Unmöglichkeit einer Assimilation schlagend unter Beweis gestellt hatten. Die zionistische "Lösung der Judenfrage" müsse daher aus den gegensätzlichen Gründen in beider Interesse liegen, weshalb man auch von der judenfeindlichen Regierung Unterstützung beim Streben nach Auswanderung erwarte.

Einen entsprechenden Appell richtet die ZVfD im Juni 1933 an Hitler direkt, wobei sie sich freilich dadurch bei den nicht auswanderungsbereiten Juden und bei der Nachwelt in ein schiefes Licht brachte: Sie begrüßte nämlich ausdrücklich die "nationale Wiedergeburt" Deutschlands und machte sich den feindlichen Grundgedanken von der durch Abstammung, und "Artbewusstsein" geprägten Schicksalsgemeinschaft jeden Volkes zu Eigen. Mit solchen Verbeugungen suchte man für die als unausweichlich angesehene Auswanderung möglichst erträgliche Bedingungen zu erreichen, denn die Schikanen seit Einführung des Arierparagraphen (7.4.1933) ließen Böses ahnen. Zwar konnte von "erträglich" dann kaum die Rede sein, doch kam eine Vereinbarung zustande, die nicht völlig konfiskatorisch war:

Im August 1933 schloß die Reichsregierung mit Vertretern der ZVfD ein Abkommen, das mit "Haavara", dem hebräischen Wort für "Transfer" (von Geld und Menschen), bezeichnet wird. Dieses Haavara-Abkommen erlaubte es den nach Palästina auswandernden Juden, einen kleinen Teil ihres Besitzes über deutsche Exporte nach Palästina zu retten: Blockiertes jüdisches Vermögen wurde auf ein Konto der Haavara Ltd. bei der Reichsbank überwiesen. Jüdische Importeure in Palästina bezahlten Einfuhren aus Deutschland bei der Anglo-Palestine Bank, die etwa die Hälfte des Betrags an die Reichsbank transferierte, während die Waren von der Haavara Ltd. in Reichsmark aus dem jüdischen Vermögen bezahlt wurden. Die Auswanderer erhielten dafür von der Haavara einen anteiligen Ausgleich für ihr zurückgelassenes Vermögen auf dem Umweg über die bei der Anglo-Palestine Bank hinterlegten Summen für die Waren.

So kompliziert das Verfahren war, so rettete es doch den bis 1939 nach Palästina ausgewanderten 66 000 deutschen Juden insgesamt über 100 Millionen Reichsmark, eine kleine Beihilfe zum Neuanfang, wenn auch nur für vergleichsweise wenige. Die Vorteile deutscherseits waren ungleich massiver. Nicht nur die erwünschte Auswanderung, sondern der deutsche Export insgesamt erfuhr nachhaltige Förderung, ohne dass die Devisenbestände sonderlich belastet wurden. Entsprechend bevorzugt wurden die zionistischen Organisationen gegenüber den anderen jüdischen Gruppen in Deutschland. Dass man mit dem Zustrom deutscher Juden nach Palästina der Bildung eines eigenen jüdischen Staates Vorschub leistete, löste zwar Kontroversen in der NS-Führung aus, hatte aber letztlich keine Auswirkung auf das Abkommen. Hitler hatte ein Machtwort gesprochen und der Auswanderung vor Rücksichten auf etwaige außenpolitische Probleme mit den Arabern klare Priorität eingeräumt.

Das führte zu einer Verlagerung der Zuständigkeit für die Auswanderung von den Ministerien auf SS, SD und Polizei. Himmlers Machtapparat setzte nun ganz auf Förderung der Zionisten. Zwar wurde die ZVfD nach der Reichskristallnacht (Novemberpogrom) 1938 wie schon vorher alle anderen Organisationen der Juden aufgelöst, doch ihr sogenanntes Palästina-Amt für die Auswanderung blieb bestehen, ja der SD lieferte ihm für die bei den Ausschreitungen zerstörten Unterlagen und Betriebsmittel Ersatz. Es kam auch zur Zusammenarbeit zwischen SD und Gestapo einerseits und Agenten des jüdischen Selbstschutzes in Palästina (Hagana und Mossad) bei der Organisation der illegalen jüdischen Einwanderung in Palästina, das die britische Mandatsmacht wegen der Unruhen der Araber zunehmend gegen jüdische Flüchtlinge abschottete. Die Kooperation klappte bis in den Krieg hinein.

Daraus haben manche eine zionistisch-nationalsozialistische Komplizenschaft konstruieren wollen, was die diametral entgegengesetzten Motive völlig verkennt. Für die NS-Judenverfolger waren die Zionisten zwar erwünschte Verbündete, so lange Auswanderung möglich war. Doch als Juden blieben sie genauso gefährdet wie alle anderen. Nur: Die Zionisten hatten diese Gefahr im vollem Umfang erkannt und nahmen ihrerseits die Nazi-Hilfe für ihre Anstrengungen zur Rettung so vieler Juden wie möglich an. Bis 1938 aber war dennoch nur ein Drittel der deutschen Juden zur Auswanderung zu bewegen. Das hatte manchmal altersbedingte Gründe, lag an der Unwilligkeit anderer Länder, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen und wurde auch von der planmäßigen Verarmung durch die Auflagen der deutschen Behörden sehr schwer gemacht.

Es kam aber noch hinzu, dass vielen viel zu lange nicht vorstellbar war, wozu ihre Peiniger noch fähig sein würden. Sie hielten es mit dem Chemie-Nobelpreisträger Richard Willstätter, der seine Weigerung zu gehen so ausdrückte: "Ich weiß, dass Deutschland verrückt geworden ist, aber wenn eine Mutter krank wird, ist das kein Grund für ihr Kind, sie zu verlassen." Er rettete sich dann doch noch in letzter Minute. Seine Haltung aber war sehr verbreitete und machte es den Zionisten so schwer, für ihre Position zu werben – trotz der zunehmenden Ächtung und Entrechtung der Juden in Deutschland und des heraufziehenden Krieges.

Lit.: John V.H. Dippel, Die große Illusion. Warum deutsche Juden ihre Heimat nicht verlassen wollten, München 2001 – Francis R. Nicosia, Ein nützlicher Feind. Zionismus im nationsalsozialistischen Deutschland 1933-1939, in: VfZ 3/1989

Der mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags veröffentlichte Text ist ein Auszug aus dem im März 2003 erscheinenden Buch:
Friedemann Bedürftig
Als Hitler die Atombombe baute. Lügen und Irrtümer über das Dritte Reich
geb., 256 Seiten, ISBN 3-492-04443-3, € 17,90.
Weitere Auszüge folgen.

5. Oktober 2002

Leserbrief

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