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Gazette-Autoren stellen Periodika vor, die sie gerne lesen.

Die Titanic ist unsinkbar - oder: Was muss Satire?

Es gibt tatsächlich Titanic-Leser, die sofort merken, worauf das Satireblatt hinauswill. Thomas H. zum Beispiel, voller Humor: "Das nennt man wohl pietätlosen Schmierenjournalismus ... Wirklich traurig, der Name eures Blattes stimmt zumindest, die Titanic hat auch Schiffbruch erlitten. Also Schiff ahoi - der nächste Eisberg gehört euch. Tut-tut."
So gibt sich der ideale Leser zu erkennen.

Von Hans Pfitzinger

Die Zeitschrift Titanic ist so deutsch, deutscher geht's gar nicht. Titanic ist am deutschesten: Sogar gutes Deutsch pflegen sie. Das war schon immer die stärkste Waffe im Kampf gegen die Gehirnwäsche.
Als das Augustheft im letzten Jahr mit der Schlagzeile "Titanic holt WM nach Deutschland" herauskam, war das zwar im Boulevardstil getitelt, doch inhaltlich konnte von Satire gar nicht die Rede sein: Genau so war's. Ohne die Fax-Aktion von Titanic hätte Südafrika den Zuschlag bekommen. Ob das für die Menschen dort wirklich ein Segen gewesen wäre, mag einer Überlegung wert sein. Aber dass die WM (gemeint ist die Weltmeisterschaft in der Sportart Fußball) im Jahr 2006 hier zu Lande organisiert wird, daran hat Titanics Martin Sonneborn mitgedreht. In jeder Hinsicht erfolgreich: Die Zeitschrift kam in alle, alle Medien, sogar in England, Südafrika, Neuseeland, auf den Färöer-Inseln und in New York. Sonneborns Foto prangte neben dem von Franz Beckenbauer auf der Titelseite der Bild-Zeitung, am Samstag, 8. Juli 2000. Na bitte.
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), vertreten von Generalsekretär Horst R. Schmidt, kündigte eine Strafanzeige gegen den "üblen Scherz" an, mit der Standardformulierung aller, die schon gegen die Zeitschrift geklagt haben: "Die Grenze der Satire ist weit überschritten worden." Das kann man wohl sagen.
Da war sie wieder, die Grenze der Satire. Um die geht es schließlich, die gilt es auszuloten, genau wie die Grenze des guten Geschmacks. Weshalb sollte eine solche Zeitschrift sonst existieren? Sonneborn konterte denn auch ganz lässig: "Titanic erklärt gegenüber der Presse, man habe auch viel Humor, aber wo die Grenzen der Satire liegen, bestimme man 'doch lieber selbst, und nicht die Laien vom DFB'."
Der "üble Scherz" war eine Fortsetzung der Telefonaktionen, die Sonneborn seit Jahren durchzieht: Er ruft Leute an, Prominente und andere, erzählt denen irgendeinen Scheiß, der eigentlich auf den ersten Ton als solcher zu erkennen sein müsste. Aber doch nicht so ganz daneben, dass nicht doch was Wahres dran sein könnte. Das ist ein schmaler Grat, und Sonneborn tänzelt ihn in seinen besten Momenten mit verblüffender Sicherheit entlang. Das ist improvisatorischer Journalismus: Sehr komisch manchmal, etwas gewollt schon auch gelegentlich. Er hat ein Talent dafür, das weiß er, und als er Käptn auf der Titanic wurde ("verantwortlich für den Inhalt"), stopfte er das Blatt erst mal mit Berichten und Protokollen von jeder Menge (Telefon-)Aktionen voll.
Dann kamen in Zürich die Delegierten des Weltfußballverbandes zusammen, um den Austragungsort für die WM 2006 festzulegen. Sonneborn schickte an sieben der wahlberechtigten Herren, darunter Charles Dempsey aus Neuseeland, ein Angebot ins Tagungshotel. Vom Redaktionsfaxgerät der Titanic. Wenn die Delegierten für Deutschland stimmen, könnten sie mit "specialities from the black forest" rechnen, darunter "some really good sausages, ham and – hold on to your seat – a wonderful KuKuClock! And a beer mug, too!" Unterzeichner: "Martin Sonneborn, Secretary PT (WM 2006 initiative)".
Lassen wir die Geschichte an dieser Stelle von Gabi Bauer in der Fernsehsendung "Tagesthemen" zusammenfassen: "Titanic hat den Deutschen die Fußball-Weltmeisterschaft beschert! Weil das satirisch gemeinte Bestechungs-Fax des satirisch gemeinten Magazins nämlich den bedrängten neuseeländischen FIFA-Vertreter, Charles Dempsey, endgültig zur Verzweiflung brachte. Dempsey ist derjenige, der sich bei der letzten Entscheidung zwischen Südafrika und Deutschland enthalten hatte – obwohl er seine Stimme Südafrika geben sollte."
Statt sich bei Sonneborn zu bedanken, veröffentlichte die Bild-Zeitung die Nummer der Titanic-Redaktion und gab Sonneborn zur öffentlichen Beschimpfung frei. Die besten Anrufe kamen auf CD heraus, die besten Faxe wurden auf zwei Heftseiten abgedruckt: "Sie sind ein ganz großes Schwein, die Titanic!". Dazu ein Kästchen der Redaktion: "Liebe Titanic-Leser, meinen Sie das auch? Rufen Sie doch unter Nummer 040 / 34 72 20 92 Bild-Chefredakteur Udo Röbel an und sagen Sie Ihre Meinung. Oder senden Sie unter der gleichen Nummer ein Fax."
Was muss Satire? Hm. Ich weiß nicht, aber hier sind die Folgen des "üblen Scherzes": An meinem Wohnort soll jetzt ein Superduper-Megadom-Fußballstadion gebaut werden, mit einem dicken Batzen von meinen Steuergeldern für (Zitat) "die Infrastruktur", damit dort das Eröffnungsspiel für jene WM stattfinden kann. Wenn möglich mit englischen Hooligans, die in der Innenstadt vorher und nachher Kneipen zerlegen. So weit geht die Wirkung von Satire.
Volltreffer wie die WM-Aktion kann keine Zeitschrift der Welt ständig landen. Dieses Jahr waren die Dimensionen wieder auf Normalmaß zurückgeschraubt: Ein Schriftsteller hatte eine einstweilige Verfügung erreicht, nachdem die Julinummer schon drei Wochen auf dem Markt und die schlappe Auflage so gut wie verkauft war. Titanic wurde unter Androhung von 500.000 Mark "Ordnungsgeld" untersagt, das besagte Heft weiter zu verbreiten. Grund: Die nicht als Satire gekennzeichnete Anzeige für eine Lesung des umtriebigsten Popstars unter den Literaten, Benjamin von Stuckrad-Barre. Der strickt nun auch schon ein paar Jahre an der eigenen Legende, und scheut keinen Fernsehauftritt, um sich und seinen kurz geschorenen Charakterkopf ins Bild zu halten. Außerdem kriegt er bald eine eigene Fernsehshow. Weshalb eine einstweilige Verfügung gegen Titanic mehr wert ist als alle Werbung, die ein Fernsehsender für Geld kaufen kann: Der Name des Schreibenden geht ein paar Mal kostenlos durch alle Feuilletons. Unbezahlbar, das.
Was war geschehen? Die viertelseitige Anzeige, gestaltet wie ein Veranstaltungsplakat, bringt das Porträtfoto eines kurz geschorenen Charakterkopfs und dazu oben den Text: "Benjamin von Stuckrad-Barre liest." Unten klebt schräg der Schriftzug "Abgesagt" über den Angaben zum Wo und Wann. Der Kopf gehörte dem eben hingerichteten Attentäter von Oklahoma, Timothy McVeigh. Nachdem das Heft drei Wochen auf dem Markt war, erließ ein Gericht auf Antrag des Stuckrad-Anwalts ein Verbreitungsverbot jener Ausgabe. Sonneborn nahm die Steilvorlage auf, schaltete auf der "Wahrheit"-Seite der taz eine Anzeige mit dem Julititel: "Kaufen Sie dieses Heft nicht!" Wenn doch, würde das die Titanic 500.000 Mark kosten. Tolle Werbung für die Augustnummer!
In der gab es dann eine viertelseitige Anzeige: Das lächelnde Gesicht des Dalai Lama (kurz geschorener Charakterkopf), und dazu der Text: "Benjamin von Stuckrad-Barre liest." Und unten schräg der Schriftzug: "Eintritt 1,50 DM."
Sonneborn erläutert im Editorial, dass die erste derartige Anzeige schon im Mai erschienen war, mit dem Foto des Kindermörders Stefan Jahn. Es handle sich um "ein Versehen", eine "für alle Beteiligten höchst peinliche Verwechslung." Weiter: "Unnötig zu sagen, daß wir es ablehnen, die frappierend ähnliche Frisur als billige Entschuldigung ins Feld zu führen." Und: "Eins haben wir natürlich auf gar keinen Fall gewollt: den Eindruck erwecken, Stuckrad-Barre könne deswegen nicht lesen, weil er hingerichtet worden sei."
Wenn aber gerade keine WM nach Deutschland geholt wird oder niemand so schlau ist, per Strafanzeige die Werbetrommel für sich und Titanic zu rühren? Dann erscheint das Blatt trotzdem jeden Monat (die Max Goldt-Kolumne leider nicht mehr). Die "Briefe an die Leser" halten ihr phrasenkritisches Niveau seit vielen Jahren, Bernd Pfarr zeichnet zwei Seiten "Sondermann" (die sind allein den Kaufpreis des Heftes wert), Hans Mentz (alias Robert Gernhardt) schreibt von Januar bis Dezember die "Humorkritik", ohne die kein lesender Mensch auskommen sollte (das Foto zeigt übrigens Theodor W. Adorno mit aufgemaltem Spitzbart). Die Katz + Goldt-Comics werden immer besser, desgleichen Rudi Hurzlmeiers Pferdebilder, von Kamagurka und Rattelschneck und dem Duo Greser-Lenz ganz zu schweigen. Dazwischen gibt es gelegentlich wahre Volltreffer von Sprechblasen in den Fotoromanen. Und Momente, in denen das Schmunzeln bei mir in befreiendes Lachen umschlägt.
Was muss Satire? Satire muss sein.

23. Oktober 2001

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