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Großbritannien

Wortmeldungen zur Lage

Steht, wer den gegenwärtigen Terrorismus verstehen möchte, schon auf der falschen Seite? Ist er schon Anti-Amerikanist? Beweist er "knuddelige Debilität"? Tony Blairhat auf dem Parteitag eine militante Rede an die Taliban gehalten, aber hinter und neben ihm ertönt ein Chor auch ganz anderer Stimmen.

Von Brigitte Voykowitsch

"Erklären bedeutet nicht entschuldigen", mahnte ein britischer Kommentator zwei Wochen nach den Terrorakten in den USA eine ernsthafte und von ideologischen Untergriffen möglichst freie Debatte an. Nach den Ursachen für den Aufstieg Hitlers zu fragen, komme keiner Leugnung des Holocaust gleich. Das Umfeld zu hinterfragen, in dem die IRA gegründet und groß wurde, bedeute keinesfalls, deren Terrorkampagne gutzuheißen. Ebensowenig sei, wer den größeren politischen Hintergrund der Angriffe in New York und Washington zu verstehen versuche, ein "Apologet des Bösen". Die Frage, warum denn in vielen Teilen der Welt ein derart großer Hass auf die USA gehegt werde, dürfe nicht bloß gestellt werden, ihr müsse man heute dringender als je zuvor nachgehen, forderte der Autor.

Er bezog sich damit auf eine Debatte, die in den britischen Medien unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September begonnen hatte. "Sie verstehen nicht, warum sie gehasst werden", lautete bereits am 13. September nur der Titel eines Kommentars in dem links der politischen Mitte angesiedelten Guardian. "Vielleicht ist es zu viel zu hoffen, dass mehr als eine kleine Minderheit den Konnex herstellt zwischen dem, was ihnen [den USA] angetan wurde und dem, was ihre Regierung weiten Teilen der Welt angetan hat", tat der Autor resigniert kund.

The Guardian ließ in der Folge eine Reihe von Analysten zu Wort kommen, die in einer teils gemäßigten, teils durchaus auch härteren Sprache auf die Rolle verwiesen, die Washington in den vergangenen Jahrzehnten in der Welt gespielt habe. Was sie alle verbindet, ist die Betonung der tatsache, daß die USA oft despotische und autokratische Regime gegen deren eigene Bevölkerungen unterstützt haben. In all diesen Fällen, ob in Lateinamerika, in Asien oder eben der muslimischen Welt sei es Amerika jedenfalls nicht um jene Demokratie und Freiheit gegangen, als deren Symbol sich das Land so gerne sehe und die es nun im Visier der Terroristen vermutet.

"Kindischer Anti-Amerikanismus der britischen Linken" kontert der im rechten politischen Spektrum angesiedelte Daily Telegraph. Die "Botschaft" an diese Linke müsse demnach lauten: "Werdet erwachsen". Denn deren Anti-Amerikanismus habe die ihm zumeist vorgeworfene "knuddelige Debilität" weitaus überschritten. "Das liberale Gewissen" sei schlicht "bösartig", empörte sich die Kolumnistin. "Erwachsene Politiker" und reife Briten außerhalb des Dunstkreises der "liberalen Intelligentsia" wüssten, worum es in einer Zeit wie dieser gehe, polterte ein anderer Analyst: Geschlossenheit und Einheit seien gefragt. "Schulter an Schulter" mit Washington hat es der vom Telegraph ansonsten wenig geliebte New Labour Premier Tony Blair genannt.

Aber heißt das wirklich, dass alle konform gehen müssen, dass selbst eine Debatte nicht mehr erlaubt sein soll und abweichende Meinungen zu unterdrücken sind? Stellt sich, um mit George Bush zu sprechen, tatsächlich auf die Seite der Terroristen, wer nicht uneingeschränkt die Politik der USA gutheißt? Oder geht es um die Wortwahl? Darf man also von einer Mitverantwortung der USA sprechen, ohne sofort eines "infantilen", "debilen" oder sonstwie einen geringen IQ und damit eine liberale Haltung bezeugenden Anti-Amerikanismus bezichtigt zu werden? Sollte man aber zugleich von Formulierungen wie "Recht geschieht ihnen" oder "Ein Bully mit einer blutigen Nase ist noch immer ein Bully" Abstand nehmen?

Wo sind die Grenzen zu ziehen? Über die Angemessenheit der Begriffe, mit denen der US-Präsident jongliert - wie "Kreuzzug, ausräuchern, unendliche Gerechtigkeit" - wird man doch noch diskutieren dürfen? Oder doch nicht? "Ich höre, wie die Leute sich über Bushs volkstümliche Sprache mockieren, als ob es eine wichtige Aufgabe des Präsidenten wäre, den rhetorischen Geschmack der britischen Intelligenz zu beachten", wies eine Analystin Kritik an Bush zurück. Wieder ist einer der entscheidenden Begriffe gefallen: Intelligenz, der eine ebenso schlimme Haltung impliziert wie "liberal". Aber ist es nicht doch zu schlicht, mit zwei Worten alle Argumente links der Mitte hinwegzufegen?

Fragen über Fragen, die neben den großen Tageszeitungen des Landes auch die führenden TV-Sender wie BBC und Channel 4 bewegen. Noch zeichnet sich kein Dialog ab, sind die Fronten zwischen Amerika-Kritikern und -Unterstützern klar gesteckt. Wie groß das Spektrum der Meinungen zwischen den Polen ist, deuten aber die zahlreichen Leserbriefe an: Warum ist der Hass auf die USA so groß? Was hat Washington getan, und vor allem: Wie kann und soll es nun tatsächlich weitergehen? Diese Themen beschäftigen die Briten weitaus mehr, als Umfragen vermuten ließen, denen zufolge sich die große Mehrheit klar hinter den Premier stellt.

Denken Washington und London darüber nach, warum es zu dem Massaker kam? Schlagen sie eine Strategie vor, die der der Terroristen ethisch überlegen ist? Wird die Reaktion Washingtons und Londons die Gefahr künftiger Terrorakte verringern oder doch eher erhöhen? Wenn ein Professor der London School of Economics in einem Brief an den Guardian diese Aspekte aufwirft und analysiert, überrascht das so wenig, wie wenn ein anderer Leser meint, ihm jedenfalls seien all diese Briten nicht begegnet, die angeblich Schulter an Schulter in "dieser Koalition der sogenannten zivilisierten Welt" stehen wollten. Doch auch in den konservativen Blättern kommen Leser zu Wort, die eine Unterstützung der Taliban-Opposition zwar befürworten, sich aber gegen eine "Befreiung" Afghanistans "durch westliche Invasoren" aussprechen.

Es dürfe keinen Blankoscheck für die USA geben, betonte zu Wochenbeginn auch der Vorsitzende der Liberaldemokraten, Charles Kennedy. Wenn die Beziehung Londons zu Washington so eng und besonders sei, wie immer behauptet werde, dann müsse gelten: "Die ganz speziellen Beziehungen beruhen auf Vertrauen und gegenseitiger Achtung". Offene Worte statt blinder Gefolgschaft seien somit angebracht.

Manche Kommentatoren wollen angesichts der "irrelevant" gewordenen Tories in den Liberaldemokraten bereits die einzig echte Opposition zur "konservativen" New Labour sehen. Doch auch in den Reihen hinter Blair regt sich Widerstand. Clare Short war eine der ersten, die die Korrektheit von Blairs voller Unterstützung für Bush in Zweifel zog. "Fanatiker wollen Hass. Sie wollen Konflikt, Krieg, Tod. Also denke ich, sollten wir nach jener Gerechtigkeit streben, die sie unterminieren würde", erklärte die Ministerin für internationale Entwicklung. "Kabul zu bombardieren wäre so angezeigt, wie Belfast zu bombardieren, um dort Terroristen zu finden", warnte ein ehemaliger Labour-Verteidigungsminister. Ein anderer sprach die seither öfter debattierte Frage an, wessen Krieg man denn zu führen gedenke? Den der demokratischen Welt gegen den Terrorismus oder den Washingtons gegen dessen Feinde. "Alte Rechnungen begleichen", würde das dann heißen.

Auch nach dem Parteitag (und trotz seiner "militanten" Rede) hat Tony Blair weiterhin starken Widerspruch von der Basis zu gewärtigen. Denn von Einheit und Geschlossenheit kann keine Rede sein in den lokalen Parteizellen. Eine "angemessene" Antwort wird da gefordert und vor blindem Militarismus gewarnt, auf die Mechanismen des staatlichen und internationalen Rechts wird verwiesen, Prävention statt Rache verlangt.

Offen bleiben überall die exakten Definitionen, etwa von "angemessener Antwort" und zumal von "Gerechtigkeit". Nur die Kriegsbefürworter sind oder scheinen zumindest überzeugt davon, dass mit Militäraktionen die Freiheit und Demokratie, für die der Westen stehe, verteidigt werden könne und ein rückhaltloser Schulterschluss mit Washington unabdingbar sei. Alle anderen werfen Fragen auf und versuchen, wenigstens einige Teilantworten zu finden.

4. Oktober 2001

Leserbrief


 
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