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Die "Weltlichkeit" des Islam

Religion und Gewalt

Ist der Islam, wie jetzt eilig betont wird, eine wesentlich friedliche Religion und der blutige Anschlag auf das World Trade Center nur das zufällige Werk verirrter "Märtyrer"? Oder gibt es spezifische Beziehungen zwischen einer Religion und ihrem Verhältnis zur Macht, zum Staat, zur Gewalt? Claude Lévi-Strauss hat in einem seiner wichtigsten Werke schon 1955 einen interreligiösen Vergleich angestellt - mit einigen düsteren Ergebnissen. - Siehe aber auch die Leserbriefe dazu.

Von Philipp Reuter

Der große Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat sich während seines ganzen Forscherlebens immer für das friedliche Miteinander der Kulturen eingesetzt. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, den kleinen Essay Race et Histoire wiederzulesen, den die Vereinten Nationen 1952 in einer Kampagne gegen den Rassismus publizierten ("Die Weltzivilisation kann nichts anderes sein als eine Koalition aller Kulturen der Welt, wobei jede ihre eigene Originalität bewahrt."). Er steht mithin nicht im Verdacht, irgendeinen Krieg der Kulturen herbeizureden.

In seinem letzten großen Werk allerdings, den Tristes Tropiques von 1955, erscheint dieser lebenslange Optimismus wie von Zweifeln heimgesucht. Das Buch mündet in einen dunklen und plötzlich aktuellen Blick auf Vergangenheit und Zukunft.

Ausgangspunkt der letzten Kapitel des Buches ist ein historischer Vergleich der drei Weltreligionen Buddhismus, Christentum und Islam. Lévi-Strauss entdeckt dabei eine verblüffende Systematik: Je älter eine Religion ist, umso weniger ist sie weltlichen Angelegenheiten verhaftet. Der Buddhismus (seit 2600 Jahren) kennt überhaupt keine Staatslehre, das Christentum hat seit dem Mittelalter mühsam seine Allianz mit der Staatsgewalt gelöst, und der Islam (die jüngste Weltreligion, seit 1400 Jahren) versteht sich noch heute als die juristische Quelle aller staatlichen Tätigkeit. Eine Trennung von Kirche und Staat ist daher im Buddhismus nicht nötig, im Christentum wurde sie schmerzhaft vollzogen, und im Islam ist sie gar nicht möglich. Weshalb wir denn auch nie von buddhistischen, nur historisch von christlichen, aber immer wieder von islamischen Staaten sprechen.

Lévi-Strauss ist sich bewußt, daß jede dieser Weltreligionen bei ihrer Entstehung lokale Stammesreligionen verdrängte oder einschmolz. Dieser Vorgang verspricht regelmäßig eine Verminderung der chthonischen Angst vor der unverstandenen Welt, und im Erfolgsfall - wie hier in allen drei Fällen - erfüllt er dieses Versprechen auch. Die neue Religion setzt sich deshalb gegen vorgefundene magische und animistische Abwehrzauber durch (einige Religionswissenschaftler sprechen aus diesem Grund auch dem Islam ein gewisses Innovationspotential zu). Der Gewinn an innerer Freiheit wird bezahlt mit einem Verlust an Buntheit und spiritueller Nähe, der dann auf andere Weise ausgeglichen werden muß. Wie Buddhismus bzw. Islam diesen Prozeß bewerkstelligen, darin sieht der Autor nun charakteristische Unterschiede:

Wenn der Buddhismus, wie der Islam, versucht, der Maßlosigkeit der primitiven Kulte Herr zu werden, so dank der einigenden Befriedigung, die dem Versprechen auf die Rückkehr in den mütterlichen Schoß innewohnt; auf diesem Umweg reintegriert er die Erotik, nachdem er sie von Raserei und Angst befreit hat. Der Islam dagegen entwickelt sich in eine männliche Richtung. Indem er die Frauen einschließt, versperrt er den Zugang zum mütterlichen Schoß: aus der Welt der Frauen hat der Mann eine verschlossene Welt gemacht. Gewiß hofft auch er, auf diese Weise zur Ruhe zu kommen; aber er versichert sich ihrer durch Ausschlüsse: dem der Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben und dem der Ungläubigen aus der geistigen Gemeinschaft; während der Buddhismus diese Ruhe eher als eine Verschmelzung begreift: mit der Frau, mit der Menschheit, in einer geschlechtslosen Darstellung der Göttlichkeit.
Es läßt sich kein ausgeprägterer Gegensatz denkenals der zwischen dem Weisen und dem Propheten. Keiner von beiden ist ein Gott - dies ist ihr einzig gemeinsames Merkmal. In jeder anderen Hinsicht stehen sie einander entgegen: der eine ist keusch, der andere potent bei seinen vier Frauen; der eine androgyn, der andere bärtig; der eine pazifistisch, der andere kriegerisch; der eine ein Vorbild, der andere ein Messias.

Lévi-Strauss verliert dabei durchaus nicht den zeitlichen Abstand aus dem Blick: Es ist ihm klar, daß er hier eine sehr junge mit einer sehr alten Religion vergleicht. Nur (und hier beginnt sich der pessimistische Blick zu schärfen): Er sieht in der zeitlichen Enstehungsfolge der drei Religionen zwar die Etappen einer Entwicklung - aber keiner positiven:

Die Menschen haben drei große religiöse Versuche unternommen, um sich von der Verfolgung der Toten, der Boshaftigkeit des Jenseits und den Ängsten der Magie zu befreien. In einem Abstand von etwa einem halben Jahrhundert haben sie nacheinander den Buddhismus, das Christentum und den Islam konzipiert; und es fällt auf, daß jede dieser Etappen in bezug auf die vorherige keinen Fortschritt, sondern einen Rückschritt bedeutet. Für den Buddhismus gibt es kein Jenseits; alles beschränkt sich auf eine radikale Kritik, deren sich die Menschen nie wieder fähig erweisen sollten und an deren Ende der [buddhistische] Weise zu einer Verweigerung des Sinns aller Dinge und Wesen gelangt: einer Disziplin, die das Universum und sich selbst als Religion aufhebt. Das Christentum, von neuem der Angst nachgebend, stellt die andere Welt wieder her, ihre Hoffnungen, ihre Drohungen und ihr Jüngstes Gericht. Dem Islam bleibt nichts mehr zu tun übrig, als daran anzuknüpfen: die zeitliche Welt und die geistige Welt sind vereint. Die soziale Ordnung schmückt sich mit dem Prestige der übernatürlichen Ordnung, die Politik wird zur Theologie. Letztlich hat man Geister und Gespenster, denen der Aberglaube ja kein rechtes Leben einzuhauchen vermochte, durch Herren ersetzt, die bereits allzu real waren und denen man überdies noch gestattet, ein Jenseits zu monopolisieren, das sein Gewicht dem doch schon erstarkten Gewicht des Daseins hinzufügt.

Das Christentum, sagt der Autor, hätte eine Chance gehabt, sich in der Begegnung mit dem Buddhismus zu einer Religion der Sanftheit und der tätigen Nächstenliebe zu entwickeln, wenn sich nicht der Islam - geographisch und geistig - "dazwischengeschoben" und diese heilsame Berührung verhindert hätte. Erst mit dem Islam setze sozusagen die unumkehrbare "Vermännlichung" des Christentums ein. In seiner kulturmorphologischen Verdinglichung bietet der Begriff des "männlichen" Islam gewisse Angriffslächen, aber das Folgende verdeutlicht bei aller Hergeholtheit des Vergleichs markante Charakteristika:

Und so entstehen auch jene beiden soziologisch so bemerkenswerten Gattungen: der germanophile Mohammedaner und der islamisierte Deutsche; wenn eine Polizeiwache religiös sein könnte, würde sich ihr der Islam als die ideale Religion anbieten: strenge Einhaltung des Reglements (fünfmal täglich Gebete, wobei jedes einzelne fünfzig Kniebeugen erfordert); Musterung und Körperhygiene (rituelle Waschungen); männliche Promiskuität sowohl im geistigen Leben wie bei den organischen Verrichtungen; keine Frauen.

Das abschließende Urteil des Ethnologen über den Islam las sich vor einem halben Jahrhundert als die Umschreibung eines vielleicht verständlichen und möglicherweise nur befristeten Drangs nach Abschließung von der Außenwelt. Aus heutiger Sicht ist es allerdings erstaunlich, hier die Reizwörter der gegenwärtigen Diskussion aufscheinen zu sehen: Dialog, Unduldsamkeit, die Ungläubigen. Und schreckenerregend ist es das Fazit des Autors dort, wo er vom Verhältnis des Islam zum Anderen spricht. Er verwendet in diesem Abschnitt einen Begriff, den er nur im übertragenen Sinn verstanden wissen will und setzt ihn deshalb vorsichtshalber in Anführungszeichen:

Eine große Religion, die sich weniger auf die Evidenz einer Offenbarung stützt als auf die Unfähigkeit, Bande nach außen zu knüpfen. Angesichts der allgemeinen Menschenfreundlichkeit des Buddhismus und des Wunschs der christlichen Religion nach dem Dialog nimmt die mohammedanische Unduldsamkeit eine Form an, die bei denen, die sich ihrer schuldig machen, unbewußt ist; denn auch wenn sie nicht immer brutal versuchen, andere zu ihrer Wahrheit zu bekehren, so sind sie doch - und das ist weit schlimmer - außerstande, die Existenz des Anderer als Anderen zu ertragen. Das einzige Mittel, sich vor dem Zweifel und der Erniedrigung zu schützen, besteht für sie in einem "Zunichtemachen" des Anderen, der von einem fremden Glauben und einem fremden Verhalten zeugt. Die islamische Brüderlichkeit ist die Umkehrung des ausschließenden Banns gegen die Ungläubigen, die nicht eingestanden werden kann, denn wollte man sie als solche anerkennen, so liefe das darauf hinaus, die Ungläubigen selbst als Existierende zu erkennen.

Am 11. September wurde aus der Metapher mörderische Wirklichkeit.

4. Oktober 2001

Leserbrief



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