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Können wir drüber reden?

Der unmögliche Dialog

Plötzlich, mitten im einleitenden Säbelschwingen, meinen es alle gut mit dem Islam - er wird interkontinental gehätschelt. Merkt er nicht, wie er dabei, wieder einmal, vereinnahmt wird? Oder hält er die geheuchelten Nettigkeiten schon für den gesuchten "Dialog" - glücklich, nicht selbst etwas dazu tun, das heißt: sich öffnen zu müssen?

Von Anatol

Nein, wir sprechen nicht mehr von der Ideenarmut und der schlampigen Sprechweise des US-Präsidenten, an dem jede politische Ästhetik zuschanden wird. Wir sind sogar dankbar, daß er von guten Beratern umgeben ist, die allen hastigen Entschlüssen abgeneigt scheinen Wenn wir von den neuesten Peinlichkeiten sprechen, dann meinen wir die im Westen plötzlich vielerorts sprossende Liebe zum Islam.
Um sie vor der Welt zu bekennen, ließ sich George W. Bush nun nicht mehr alleine filmen, als er seinem Volk erklärte, daß er keinen Krieg gegen den Islam führen wolle, nur gegen das "Böse": Jetzt saß der jordanische König neben ihm und durfte zu den präsidialen Worten ("Millions of Muslims who call themselves proud Americans") gnädig lächelen. Gelegentlich ergänzte Seine Majestät auch etwas. Dafür kriegte er dann den Füller geschenkt, mit dem der Präsident gerade den Vertrag mit Jordanien unterschrieben hatte. Wieder lächelte der König dankbar.
Noch um einiges unangenehmer geriet die Bekundung des britischen Ministerpräsidenten, man führe Krieg nicht einmal gegen "islamische Terroristen", sondern nur gegen "terrorists, pure and simple". Zur Verdeutlichung stellte er Yousouf Bhailok neben sich auf, den Generalsekretär des Muslim Council of Great Britain. Mr. Bhailok nickte die ganze Zeit zu Blairs Worten liebenswürdig vor sich hin. Wir sind sicher, daß Mr. Blair den ausdauernd nickenden Generalsekretär niemals in seinen Club mitnehmen würde. Aber hier durfte Mr. Bhailok einmal ganz groß rauskommen. Es wird den erhebenden Augenblick sicher nie vergessen.
Die dritte Peinlichkeit war Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Er verlangte nun seinerseits, noch weitergehend, "den Dialog mit dem Islam". Der Auftritt war vor allem deshalb peinlich, weil der Kardinal schon seit längerem dazu auffordert, den Dialog mit dem Islam "zu suchen" oder auch, optimistischer, ihn "auszubauen". Er hat ein solches Nachklappern also überhaupt nicht nötig. In dieser Situation klang er deshalb so, als wollte er plötzlich ebenfalls mittanzen im Reigen der opportunistischen Islam-Liebhaber.
Dabei fällt dem Beobachter auf, daß noch nie jemand einen "Dialog mit dem Buddhismus" verlangt hat. Dieser Austausch findet einfach statt, unaufgefordert, intensiv, selbstverständlich und in allen möglichen Formen, von Zen für die Verdauung bis zum theologischen Gespräch zwischen den Religionen.
Es wäre jetzt natürlich schön, wenn islamische Würdenträger ihren Gläubigen ebenfalls die Notwendigkeit eines "Dialogs mit dem Westen" predigten. Hat jemand etwas aus der Richtung gehört?
Wir wissen (und Bush und Blair und Lehmann wissen es auch), daß der orthodoxe Islam den Westen für heillos verdorben hält. Sollen wir uns also bei ihm dafür entschuldigen, daß wir Hollywood und Popmusik und Alkohol und Nacktbader haben? Oder gleich das ganze Teufelszeug verbieten? Sollen wir die Säkularisierung, die Trennung von Kirche und Staat, die Freiheit des Individuums wieder abschaffen? Vielleicht auch das Ideal eines gesitteten Umgangs mit dem Andersdenkenden, das freundliche Miteinander in einer offenen Gesellschaft - dieses Meisterstück des American Way of Life?
Müssen wir erst Muslime werden, damit Muslime mit uns reden?
Aber im Ernst:
Wer dissidente Schriftsteller mit staatlicher Gewalt verfolgt, wer staatlich gefördert Frauen verprügelt, weil ihr Tschador verrutscht ist, wer mit einem Todesurteil droht, wenn die Ehefrau vom rechten Glauben abgefallen ist - kurz: Wer noch im 21. Jahrhundert derart lernunfähig bleibt, mit dem ist kein Dialog möglich. Ich weigere mich auch, etwa Saudi-Arabien schon deshalb toll zu finden, weil da jetzt Frauen an Computern sitzen dürfen. Das wäre herablassend. Mit solcher Verachtung bewerte ich kein arabisches Land. Ich möchte es lieber ernstnehmen können.

4. Oktober 2001

Leserbrief



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