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Der schwierige Nachbar

Iranische Befindlichkeiten

Wie verhält sich ein Land, das eben noch die USA als den "großen Satan" verteufelte, jetzt aber auf dessen Seite stehen soll im solidarischen "War against Terror"? Abwartend. Zwischen den schnell definierten Gegensätzen "Gut" und "Böse".

Von Sonja Böcklin

Am Morgen ist der 11. September 2001 noch ein Tag wie die vergangenen achtzehn hier in Teheran. Ich bin auf Einladung der Islamischen Republik Iran hier und besuche mit Dozenten und Studenten aus verschiedenen Ländern einen Kurs für persische Sprache und Literatur.

Ich bin mit gemischten Gefühlen gereist. Es war nicht leicht abzuschätzen, was mich erwarten würde. Berichte in den westlichen Medien sind zumeist einseitig geprägt.Der Iran - das sind im diesen Bildern mittelalterliche Mullahs, fanatische Gläubige, in Tschadors gehüllte und unterdrückte Frauen und überhaupt Menschen, die gegen alles Westliche sind. Literatur undifferenzierten Inhalts wie Betty Mahmoudis Nicht ohne meine Tochter unterstützen solche Vorurteile.

Was ich vorfand hat damit jedoch nicht sehr viel zu tun: Teheran ist eine gepflegte Stadt, wenn man von dem stinkenden Smog absieht, der fast täglich die wundervolle Sicht nach Norden auf das mächte Alborzgebirge trübt und die Berge hinter einem graubraunen Schleier versinken lässt. Ruhe vor dem Verkehrslärm und bessere Luft findet man dann in den unzähligen Parks mit schönen Baumbeständen. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit. Von Fremden- oder Westfeindlichkeit ist nichts zu spüren. Wer danach sucht, findet hier sogar Clausthaler Bier oder echtes Coca Cola.

Am Nachmittag des 11. Septembers sitze ich in einem der grössten Kinos Teherans (Männer und Frauen erstaunlicherweise gemischt), um mir den momentanen Kassenschlager Maryam-e moqaddas ("Die heilige Maria") anzusehen. Während in diesem islamischen Land ein Film gezeigt wird über das Leben Maria und die Geburt Jesu, wie sie im Koran beschrieben sind, finden in Amerika Tausende den Tod. Als ich spätabends, nach dem Nachtessen ins Gästehaus zurückkomme, wo alle Kursteilnehmer untergebracht sind, erhalte ich einen Anruf von meinem Vater, der aufgeregt von einem schrecklichen Attentat in New York erzählt. Zutiefst beunruhigt schalte ich den Fernseher ein und sitze mit meinen vier Zimmergenossinnen bis morgens um 3 Uhr vor den schrecklichen Bildern, fassungslos.

Am nächsten Morgen gibt es grosse Diskussion unter den Europäern, Indern, Pakistanis und Russen. Wir sind alle zutiefst betroffen. Wütend und traurig machen uns Reaktionen von Mitstudenten aus Ägypten und Libanon, die sich über das Attentat freuen. Ein Student hat durch seinen Bruder erfahren, dass auf Massoud, einen wichtigen Gegner der Taliban, ein Anschlag verübt wurde. Ein anderer aus der Kurs informiert uns, dass Osama bin Laden für das Attentat in Amerika verantwortlich gemacht wird und dass er sich in Afghanistan aufhalten soll. Wir sind schockiert und haben Angst. Wenn es Krieg geben sollte, dann gibt es wohl sicherere Standorte als unseren: 900 km Grenze verbinden den Iran mit Afghanistan.

Die Nachmittagsnachrichten bringen keine neuen Informationen. Die iranischen Angestellten des Gästehauses sitzen genauso betroffen vor den schrecklichen Bildern wie wir. Die iranische Regierung verurteilt das Attentat und sagt, dass der Islam so etwas nicht toleriere, und die iranische Nation doch selbst ein Opfer des Terrorismus gewesen.

"Khatami stressed that Iran has been a major victim of terrorism over the past years" (Iran Daily, 23.September 2001, Titelseite), ähnlich die Teheran Times vom selben Tag: "'The war against terrorism calls for global cooperation,' the Iranian president said, adding that the Iranian nation has always been interested in maintaining peace and tranquility in all parts of the world."

Unsere Angst und Unsicherheit wird dadurch jedoch nicht gemindert. Wir wissen nämlich noch immer nicht, was dieses Attentat für uns hier im Iran bedeutet. Sollten wir möglichst schnell das Land verlassen - oder ist es sicherer, im Moment nicht in ein Flugzeug zu steigen? Die Telefonlinien der deutschen und der Schweizer Botschaft in Teheran sind dauernd belegt. Im Gästehaus steht ein einziger Computer, und der ist zur Zeit so begehrt für E-Mails, dass für das Lesen von europäischen Zeitungen im Internet keine Möglichkeit bleibt. Zudem stürzt er die ganze Zeit ab. Durch Mitstudenten, welche mit ihren besorgten Angehörigen sprechen, erhalten wir mehr Informationen als durch die hiesige Presse. Und dies trotz der erstaunlichen Anzahl von fast 30 verschiedenen Tageszeitungen, die allerdings sämtliche von der gleichen Nachrichtenagentur mit zensierten Nachrichten versorgt werden.

Die Berichte im Fernsehen scheinen uns relativ objektiv. Gezeigt werden beispielsweise Demonstrationen in anderen Ländern, für oder gegen eine Militäraktion der Amerikaner. Während wir Ausländer den Krieg fürchten, sind für die iranische Bevölkerung offenbar die afghanischen Flüchtlinge das Hauptproblem. Iran hat sofort die Grenze zu Afghanistan geschlossen, denn das Land beherbergt jetzt schon zwischen 2 und 2,8 Millionen Menschen, die vor den Taliban geflohen sind.

"Interior Minister Abdolvahed Mousavi Lari … emphasized that the presence of 2.5 Millions Afghan and Iraqi refugees in Iran have exerced a gread deal of pressure on the country." (Iran Daily, am 25. September)

So diskutieren die Iraner heftigst die Meldung, dass 5000 Flüchtlinge an der Grenze, in der südostlich gelegenen Provinz Sistan-Baluchistan, angekommen wären. In der Iran News vom 24. September ist zu lesen, dass der Iran auf afghanischem Gebiet acht Lager für rund 200.000 Flüchtlinge errichtet hätte.

"The Islamic Gouvernment of Afghanistan favors a possible US military strike against the Taliban, said Afghan Ambassador in Iran Mohammad Kheirkhah here on Sunday. In an interview with IRNA, Kheirkhah described Taliban as a cancerous tumor created by Pakistan. 'If action is not taken today against the Taliban and their billionaire supporter, Afghanistan will remain a source of threat for other nations. War-torn Afghans are tired of Taliban's suppression and extremism', he said." (Iran Daily, 25. September)

Die Betroffenheit der iranischen Bevölkerung zeigt sich auch darin, dass sich in Teheran spontan an einem Abend Menschen versammeln und Kerzen anzünden, um der Opfer zu gedenken. Dies erstaunt nicht, denn rund fünf Millionen Iraner leben im Ausland, die meisten in Amerika (3,5 Mio.), Kanada und Deutschland.

Trotz dieses Mitgefühls und der Betroffenheit der iranischen Bevölkerung, sind wir Ausländer anscheinend die einzige, die beunruhigt sind und einen Krieg fürchten. Das Leben geht weiter wie bisher, die Stadt versinkt wie gewöhnlich in ihrer Hektik, in Lärm und Smog, und die Kursleitung findet keinen Grund, den für den Freitag geplanten Ausflug nach Isfahan abzusagen. Bei dieser Ruhe stellt sich natürlich die Frage, ob wir Ausländer einfach überdreht sind. Andererseits haben die Menschen hier einfach andere Probleme, nämlich die des täglichen Überlebens, was bei einem Monatseinkommen von 30 bis 80 Dollar nicht erstaunlich ist. Der Alltag wird bestimmt durch die angespannte wirtschaftliche Lage. Produkte und Dienstleistungen, die für uns preisgünstig sind, sind für viele Iraner unerschwinglich.

Und dann ist da noch das grösste aussenpolitische Problem: die Isolierung des Iran.

"'Exceptional and historical opportunity for Iran. …the present circumstances offer an excellent opportunity for our nation to rebuild some of its lost international prestige and renew ties with certain countries'. A member of the National Security and International Relations Commission of the Majlis, Koulaie added, 'Iran's position in reaction to the imminent attack and military action by the United States against Afghanistan will be crucial for the future of the region.'" (Iran News, 23. September, Titelseite)

"Iran's prudent stance in the face of recent developments has made it the center of world attention. The open opposition of the Islamic Republic with any foreign military campaign which would endanger civilians under the pretext of combating terrorism has raised serious doubts over the implications of the proposed U.S. attack on the war-torn nation of Afghanistan." (Teheran Times, 23. September, Titelseite)

"Interior Minister Abdolvahed Mousavi Lari said here Monday that Iran's Islamic system is against terrorism because Iranians have themselves been victimes of terrorism. … Lari said Iran has been among the first countries to condemn the terrorist attacks in the U.S." (Kayhan International, 25. September)

Aber wenn es um die Definition von Terrorismus geht, wird die Sache kompliziert. Wirklich klare Aussagen, auf welcher Seite der Iran steht, gibt es nicht. Der gesellschaftspolitische Machtkampf zwischen konservativen und reformorientierten Kräften schlägt auch hier durch.

"Foreign Minister Kamal Kharrazi … declared that Iran does not intend to join the US in a military coalition against terrorism, stressing that the devastating phenomenon should be dealt with through an international coalition led by the United Nations. The minister also pointed to the difficulty of 'defining terrorism', noting that military operations by Palestinian groups such as Hamas and Islamic Jihad are in the form of resistance against their territory's occupier. 'These people are merely defending their own land', he said." (Iran Daily, So, 23. September, Titelseite)

"Kharrazi condemned terrorism and said, 'If Osama bin Laden is the culprit, then he should be brought to justice because nothing justifies the killing of innocent civilians.' (Iran Daily, 23. September).

So reist unser Kurs also am Freitag nach dem Attentat nach Isfahan, als ob nichts geschehen wäre. Die Fahrt dauert acht Stunden. Am Abend gehen wir wie die Bewohner der Stadt am Flussufer spazieren. In den Cafés mit den Wasserpfeife rauchenden Männern zeigt sich der Orient von seiner romantischsten Seite. Trotzdem können die meisten von uns diese Momente nicht geniessen. Zu tief sitzt die Angst vor künftigen Entwicklungen.

Zurück im Gästehaus der Universität schalten wir sofort den Fernseher ein, und aus unerfindlichen Gründen schaffen es meine deutschen Kolleginnen, SAT1 reinzukriegen. Dies ist erstaunlich, denn seit September 1994 sind TV-Schüsseln hier verboten. Die unzensierten Satellitenprogramme sind gerade deshalb bei der Bevölkerung sehr beliebt. Der Ton ist miserabel, das Bild noch schlechter, aber es ist ein deutscher Sender, und einen Augenblick lang haben wir nicht mehr das Gefühl, von der Welt abgeschnitten zu sein. Aber was wir hören, beruhigt uns nicht, im Gegenteil. Wir beginnen zu überlegen, wie wir auf dem Landweg, über die Türkei, nach Hause reisen könnten.

Zurück in Teheran erhalten die japanischen Studenten von ihrer Botschaft die Empfehlung, sich nicht aus Teheran wegzubegeben. Ich entschliesse mich, früher als geplant zurückzufliegen und meinen Flug umzubuchen. Auf meine besorgte Frage, ob der Flugverkehr noch normal funktioniere, ernte ich von der Angestellten der IranAir einen verständnislosen Blick. Natürlich, sagt sie, kein Problem. Für die Iraner scheint ja wirklich alles normal zu sein. Und da mir noch ein paar Tage bleiben, beschliesse ich, diese Ruhe auf mich wirken zu lassen, und buche ein Flugticket nach Tabriz
.
Für die Bewohner von Tabriz scheinen die Ereignisse in Amerika genausowenig einer Diskussion wert wie für die Bewohner Teherans. Nur einmal fragt uns ein Taxifahrer: "Haben Sie von dem Attentat in Amerika gehört?" Wir bejahen. Naja, meint er, ihm scheine das Ganze ein inneramerikanisches Problem zu sein. Er sei der Meinung, Bin Laden hätte damit nichts zu tun. Er steht wohl nicht allein mit diesem Gedanken.

Am Samstagmorgen mache ich mich mit meiner Kollegin auf den Weg, um den berühmten Tabrizer Bazar zu besichtigen, der der schönste überdachte Markt des Irans sein soll. Als wir uns dem Hauptplatz nähern, hinter dem der Bazar liegt, sehen wir uns plötzlich vor riesigen Menschenmassen und wir hören, wie jemand mit kraftvolller Stimme eine Rede hält. Wir vermuten eine Demonstration und versuchen, um die Menschenmenge einen Bogen zu machen. Als wir jedoch an eine der Hauptverkehrsstrassen kommen, bleiben wir erschrocken stehen: Hunderte von Soldaten, Fahrzeugen und Geschützen versperren uns den Weg. Es ist der erste Tag der jährlichen einwöchigen Feier zum Gedenken an den iranisch-irakischen Krieg. In allen Städten Irans marschieren an diesem Tag riesige Truppenkontingente auf:

"The president was addressing thousands of armed forces and other groups gathered at the mausoleum of the Founder of the Islamic Republic, Imam Khomeini, to mark the official start of annual celebration to mark the 'Sacred Defense Week'. Khatami stressed that Iran has been a major victim of terrorism over the past years. (Iran Daily, 23. September, Titelseite).

"'The war against terrorism calls for global cooperation,' the Iranian president said, adding that the Iranian nation has always been interested in maintaining peace and tranquility in all parts of the world." (Iranian Times, 23. September)

Was wir hier erleben, ist furchterregend und völlig unverständlich für uns. Während die Welt den regionalen Krieg heraufkommen sieht, präsentiert das iranische Militär stolz seine Vernichtungswaffen. Diese Gesellschaft verklärt ihre jungen, toten Soldaten zu heiligen Märtyrern: Bunt und fotodetailliert vier Stockwerke hoch auf Teheraner Häuserwände gemalt, im Hintergrund mal Ajatollah Khomeini, mal startbereite Raketen, mal ein Sternenbanner, dessen Sterne Totenköpfe sind, die aus der Flagge herauskullern. Eine solche Gesellschaft empfindet die Bedrohung durch den Tod augenscheinlich anders als wir.

4. Oktober 2001

Leserbrief



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