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Brief aus Havanna

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Von Henky Hentschel

Ich hatte einen Traum: Die Vereinigten Staaten führten Krieg gegen mich, weil ich ein betimmtes Wort nicht aussprechen wollte. Die Waffen des Imperiums waren - Schnaken. Ich wachte auf, zog ein Leintuch über mich, schlief wieder und ersetzte den kriegerischen Traum durch einen erotischen.

Am nächsten Morgen ging mir zweierlei durch den Kopf. Erstens war mein Traum gar nicht so dumm, denn Ähnliches hatte sich bereits ereignet. Im Mai 1961 brach auf Cuba aus heiterem Himmel eine Dengue-Epidemie aus. Die Wissenschaftler fanden heraus, daß es sich um den Typ 2 dieser Fieberkrankheit handelt. Der amerikanische Kontinent war frei von diesem Typ, ebenso die Länder, mit denen Kuba enge Beziehungen unterhielt. Die Epidemie brach gleichzeitig an weit auseinanderliegenden Orten aus, und die Art Schnaken, die sie übertrugen, gab es nur im amerikanischen Labors, die über biologische Kriegsführung forschten. Einer der Chefs der antikubanischen Organisation Omega 7 erklärte später in einem Prozeß, Gruppen wie die seine hätten das Fieber nach Kuba gebracht. 344.203 Menschen erkrankten, 116.143 mußten ins Krankenhaus, 159 starben, davon 101 Kinder. An der Beteiligung der CIA an dem Terrorakt zweifeln heute nur noch wenige. Mein Traum ruhte auf stabilen Fundamenten.

Dann ging mir etwas völlig anderes durch den Kopf. Ich war 1994, dem schlimmsten Jahr der Wirtschaftskrise, nach Kuba gekommen. Damals titelte DIE WOCHE eine meiner Reportagen: "Alle wollen weg aus Kuba - einer zog hin." Der Dollar kostete 150 kubanische Pesos zu dieser Zeit, die Läden waren leer, die Straßen ausgestorben, für Castro und seine Regierung gab niemand mehr einen Pfifferling. Im Miami hatten sie - wieder einmal - die Koffer gepackt. Die Exilkubaner verlangten von Washington verzweifelt eine dreitägige Erlaubnis zum Töten.

Meine Freunde, Feinde und Mitmenschen erklärten mich für verrückt. Ich war geneigt, ihnen recht zu geben, aber ich hatte diesen anderen Virus eingefangen, der, der seither so viele gepackt hat: das Flair Havannas und seiner Menschen, die trotz der Krise allgegenwärtige Kultur auf höchster Ebene, die unverhüllte Menschlichkeit der Kubaner trotz höchster Not, das alles floß wie ein süßes Gift durch meine Adern. Ich blieb, wie man sieht.

Und jetzt, an diesen Morgen nach dem Moskitotraum, stellte ich beinahe erschrocken fest, daß ich plötzlich im sichersten Land der Welt lebte. Wir interessieren keinen mehr. Es gab uns eigentlich gar nicht mehr. Nie wieder würden die aus Miami in Zusammenarbeit mit der CIA Bomben in unsere Hotels legen, weil die CIA seit wenigen Tagen für solche Mätzchen gar keine Zeit mehr hatte. Nie wieder würden sie wie 1976 eines unserer Flugzeuge mit 73 Menschen an Bord in die Luft jagen. Endlich hatten sie anderweitig Arbeit, und zwar so richtig. 42 Jahre Terrorismus gegen Kuba waren zu Ende gegangen.

Ich ging hinaus auf die Straße, um diesen bitteren Kaffee aus diesen winzigen Tassen zu trinken. Alles war wie immer, und doch würde alles nie wieder sein wie immer. Bald würden es die Touristen merken. Auf einen Schlag war Kuba als Reiseziel tausendmal attraktiver geworden: Zu der für einen, der so etwas nicht kennt, unglaublichen inneren Sicherheit (selbst Olaf Henkel ging hier nachts um zwei mutterseelenallein spazieren) kam jetzt die äußere, denn wir hatten uns aus der Weltpolitik verabschiedet. Daß Kuba Terroristen an seinem Busen nährte, konnte nun weiß Gott keiner behaupten. Schließlich waren wir ja selbst diejenigen, die am meisten unter dieser Ausgeburt des menschlichen Geistes gelitten hatten. 3.478 Menschenleben haben die Angriffe aus dem Norden das kubanische Volk gekostet.

Und dann kam mir noch ein Gedanke: Wir würden in nicht allzulanger Zeit nicht nur das sicherste, sondern sogar eines der freiesten Länder des Planeten sein. Schon in den letzten drei Jahren ist der Durchschnittslohn hier von 212 auf 373 Pesos gestiegen. Den Menschen geht es besser. Es würde ihnen noch besser gehen, und eine Reihe von Einschränkungen der bürgerlichen Rechte würde bald nicht mehr nötig sein.

Man muß kein Prophet sein, um zu sehen, wie es dagegen anderswo weitergehen wird. Die nationale Sicherheit zwingt - ach, es tut uns ja so leid! - zur Einschränkung der Freiheit. Schon werden Konten von Verdächtigen eingefroren, schon werden Lauschangriffe generell erlaubt, schon bröckelt die Pressefreiheit. Das Modell der liberalen Demokratie pfeift bereits aus dem letzten Loch. Die CIA darf wieder Mörder einstellen, zum Morden. Ausländer dürfen umfassend ausspioniert werden. In El Salvador trauen sich die Leute nicht mehr auf die Straße, sie haben Angst vor der Polizei. Und die Abteilung Radio der Clear Channel Communications in den USA mit ihren 1170 Stationen hat eine schwarze Liste herausgegeben, auf der die Lieder benannt werden, die aus Gründen der inneren Sicherheit gefälligst nicht mehr zu spielen sind. "Stairway to Heaven" von Led Zeppelin ist dabei, "Another One Bites the Dust" und "Killer Queen" von Queen, "What a wonderful World" von einem gewissen Louis Armstrong und - haltet die Luft an, Freunde, Feinde und Mitmenschen - "Imagine" von John Lennon, den ja die CIA wahrscheinlich auch auf dem Gewissen hat. Dem hat Kuba gerade ein Denkmal gesetzt. Im Bronze gegossen sitzt er auf einer Parkbank im Havanner Stadtteil Vedado. Das Gesicht ist dem Künstler José Villa eher nachdenklich geraten, als hätte er gewußt, was kommt.

Grüße aus der Freiheit!

4. Oktober 2001

Leserbrief



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