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Arabische Liberalität
Die Streichholzschachtel
Daß der private Fernsehsender
Al-Dschasira (Jazeera Satellite Channel) das Interview mit Osama bin
Laden ungekürzt und unkommentiert gesendet hatte, erregte in arabischen
Medien Widerspruch: Damit werde man zum Sprachrohr der Terroristen.
Aber der wahre Grund für den Ärger ist: Andere Fernsehsender
der Region würden auch gern mit der gleichen Pressefreiheit und
Unabhängigkeit arbeiten, die Al-Dschasira in Katar genießt.
Und die dem Sender Millionen Zuschauer einbringt.
Von Fritz R. Glunk
Der
Staat auf der kleinen Halbinsel von Katar hat ebenso viele Einwohner
wie Dortmund und zwei Fernsehsender: neben dem staatlichen noch einen
privaten, der sich lokalpatriotisch "Die Halbinsel" nennt
und im Augenblick, seit er für CNN exklusiv aus Afghanistan berichtet,
eher unter der arabischen Namensform Al-Dschasira bekannt ist. "Die
Halbinsel" als Kriegssender anzusehen, wäre jedoch leichtfertig.
Al-Dschasira ist vielmehr ein Lichtblick der Pressefreiheit und eine
Hoffnung auf mehr Liberalität in der arabischen Welt. Mit gutem
Recht wurde ihm von Haus der Kulturen der Welt 1999 in Berlin der Ibn-Rushd-Preis
verliehen.
Der Nachrichten-Sender arbeitet erst seit fünf Jahren. 1996, nachdem
Scheich Hamad Khalifa al-Thami seinen Vater vom Thron gestoßen
und die Macht übernommen hatte, wurde Al-Dschasira gegründet
und mit 150 Millionen Dollar Startkapital ausgerüstet. Zwar sitzen
einige Mitglieder der königlichen Familie im Aufsichtsrat, aber
redaktionell arbeitet der Sender in beneidenswerter Unabhängigkeit.
Bei seiner Gründung wurde das Informationsministerium abgeschafft,
das heißt: Es gibt in Katar keine Zensur mehr. Mit diesem Schritt
hat der Monarch noch deutlicher als mit der Verfassung, die nächstes
Jahr in Kraft treten soll, seinen Willen zur Demokratisierung bewiesen.
"Redefreiheit", sagt er, "ist ein Menschenrecht."
Der private Sender hat die neue Freiheit genutzt: Er redet niemandem
nach dem Mund, keinem Staat, keiner Ideologie, keiner Religion. "Natürlich
macht mir Al-Dschasira Kopfzerbrechen", sagte Katars Außenminister
in einem Interview, "aber ich glaube, daß das insgesamt eine
gesunde Situation ist. Die ganze Region wird davon profitieren. Unsere
Leute sind ja nicht dumm. Sie wissen doch, was in der Welt geschieht,
und wir können ihnen die Wahrheit nicht vorenthalten. Sie brauchen
nicht nur eine Al-Dschasira, sondern zehn Al-Dschasiras."
Er weiß genau, was er damit der arabischen Welt zumutet: keine
unverdächtige Musikberieselung, sondern harte Wortsendungen; keine
Propaganda, sondern die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, keine
Einheitsmeinung, sondern Debatte, Meinungsstreit, Konfrontation. Kein
Standpunkt ohne Gegenstandpunkt. Und vor allem: keine falschen Tabus
mehr. Die Namen der Sendungen verraten die Programmphilosophie: "Mehr
als eine Meinung", "Ohne Grenzen", "Offener Dialog",
"Punkt - Kontrapunkt" und die gefürchtete "Gegenrichtung",
die jeden Dienstagabend von Dr. Faisal al-Qasim moderiert wird.
"Ganz klar: Al-Dschasira ist sehr gefährlich, soweit es die
Regierungen arabischer Länder betrifft", sagte der Moderator
in atemberaubender Offenheit, "weil Al-Dschasira Probleme und Themen,
die seit Jahrhunderten unter den Teppich gekehrt wurden, sozusagen anatomisch
zerlegt. Wir Araber haben so viel Schmutz unter dem Teppich, deshalb
deckt Al-Dschasira diesen ganzen Schmutz auf - politisch, kulturell,
sozial, religiös, einfach alles. Für westliche Zuschauer sind
solche Shows nicht Ungewöhnliches, aber für Araber sind sie
revolutionär. Denn in den letzten fünfzig Jahren haben uns
die Medien der arabischen Welt nichts als Lügen erzählt."
Dabei kann es vorkommen, daß auch al-Qasim von der Wucht der Eruptionen
überrollt wird. Vor drei Jahren hatte er den palästinensischen
Staatsminister Hassan Asfour und den - aus dem Iran zugeschalteten -
Hamas-Vertreter Abu Mustafa in seiner Sendung. Die Bezichtigungen wurden
allmählich heftiger; Mustafa warf Asfour vor, Palästina an
Israel verkauft zu haben, Asfour Mustafa, er beleidige die neue Palästinensische
Autorität. Sechsundvierzigmal vermerkt das Transkript der Sendung
hilflos: "Sie unterbrechen sich gegenseitig und sprechen gleichzeitig,
was es schwierig macht, das Interview zu verstehen". Einmal muß
der Moderator die Sendung sogar unterbrechen und in einer ungeplanten
Pause hinter den Kulissen den Dialog wieder einigermaßen auf die
Geleise stellen.
Ein weiteres Novum ist die den Zuhörern gebotene Möglichkeit,
sich während der Sendung mit telefonischen Zwischenfragen zu melden.
Zum ersten Mal hat damit das arabische Fernsehpublikum eine eigene Stimme.
Einmal meldete sich sogar Khaddafi persönlich zu Wort. Der Sender
scheut sich auch nicht, gern geglaubte Falschmeldungen zu demontieren.
Als nach dem 11. September ein Anrufer das Gerücht zu verbreiten
suchte, viertausend Juden seien an jenem Tag nicht zur Arbeit in die
Twin Towers gegangen, wurde er vom Moderator sofort korrigiert.
Kein Thema - außer der Familie des Scheichs - wird als "haraam"
(verboten) angesehen. Al-Dschasira behandelt die heutige Rolle der alten
Sharia, kritisiert auswärtige Staatsoberhäupter, läßt
politische Dissidenten auftreten (etwa den ägyptischen Friedensaktivisten
Said Dschallal) und geht die islamische Polygamie an oder auch das passive
Wahlrecht von Frauen.
Fünfunddreißig begeisterte Millionen Zuschauer hat der Sender
heute, die meisten in den unzähligen Straßencafés
arabischer Städte. Gerade wegen seiner ungeschminkten Wahrheiten
hat er bei diesen Menschen Vertrauen und Glaubwürdigkeit gewonnen.
Weniger zufrieden mit den Sendungen ist das politische Establishment
der Region. Es gibt fast kein arabisches Land mehr, das nicht schon
mal gegen eine Sendung von der Halbinsel protestiert hätte. Das
staatliche Fernsehen Ägyptens nennt das Programm aus Katar einen
"mit Sensationsgier gewürzten Salat aus Sex, Religion und
Politik". Die Unzufriedenheit nimmt manchmal handfeste Formen an:
Jordanien, Kuwait und die Palästinenser-Behörde zwangen Al-Dschasira,
ihre jeweiligen Auslandsbüros zu schließen (in Arafats Fall
mit einer Frist von zehn Minuten). In die Nachbarländer Bahrain
und Saudi-Arabien darf kein Al-Dschasira-Reporter mehr einreisen. Marokko,
Libyen und andere arabische Staaten, in peinlicher Verkennung der Verantwortlichen,
haben zeitweise ihre Botschafter aus Katar abberufen. Und in Algerien
hat man auf dem Land schon einmal alle Fernsehschirme verdunkelt, indem
man die gesamte Stromversorgung abschaltete.
In besonderem Maß pikant ist die Reaktion der USA auf Al-Dschasira.
Der amerikanische Verdruß kam schon früher einmal hoch, vor
zwei Jahren, als der Sender nicht nur ein Interview mit Saddam Hussein
brachte, sondern gleich danach auch eines mit Osama bin Laden. Als jetzt
das Videoband bin Ladens über den Sender ging, erregte sich ausgerechnet
das Land, das so stolz auf seine eigene Redefreiheit ist. Außenminister
Powell, ganz in der Manier früherer Sowjetführer, verlangte
von den staatlichen Behörden, Al Dschasira zu schließen.
Wonach man ihn sanft darauf hinwies, daß in Katar Pressefreiheit
herrscht.
Die Zukunft des Senders scheint im Augenblick nicht mehr gesichert.
Der Startzuschuß läuft, wenn es nach der ursprünglichen
Planung geht, in diesem Jahr aus. Danach sollte Al-Dschasira eigentlich
auf eigenen Beinen stehen, das heißt: sich auschließlich
aus Werbeeinnahmen finanzieren. Und da tut sich eine Falle auf. Denn
die meisten Werbeagenturen der Region sind in saudiarabischer Hand,
und bei Al-Dschasira erinnert man sich noch gut daran, wie der Nachbarstaat
einer anderen arabischen Fernsehstation in London nach einem Bericht
über Hinrichtungen in Riad die Luft abdrückte, als er von
heute auf morgen alle Werbeverträge kündigte.
Als der ägyptische Staatschef neulich Al-Dschasira besuchte, war
er überrascht von deren bescheidener Ausstattung (in Katar arbeiten
hier nur etwa 200 Personen). "So viel Lärm", sagte er
verwundert, "aus einer Streichholzschachtel?" In der arabischen
Welt und weit darüber hinaus hoffen Millionen, daß der kleine
standhafte Sender auch in Zukunft nicht schweigt.
23. Oktober 2001
Leserbrief
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